Entwicklung der Persönlichkeit im Zeitverlauf und deren Relevanz für Gründungsvorhaben


Research Paper (undergraduate), 2018
20 Pages, Grade: 1.0

Excerpt

INHALTSVERZEICHNIS

ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS

TABELLENVERZEICHNIS

ABBILDUNGSVERZEICHNIS

1. EINLEITUNG

2. THEORETISCHE GRUNDLAGEN
2.1. Unternehmer, Unternehmersgründer, Manager
2.2. Persönlichkeit und Persönlichkeitseigenschaften
2.3. Persönlichkeitstheorien
2.4. Persönlichkeitsentwicklung

3. PERSÖNLICHKEITSMODELLE UND UNTERNEHMERPROFIL
3.1. Das „Big-Five“ Modell (Fünf-Faktoren-Modell)
3.2. Das „Reiss-Profil“ (Reiss Profile)
3.3. Aussagekraft der Persönlichkeitsmodelle in Bezug auf Gründerpersönlichkeit.
3.4. Persönlichkeitsentwicklung in Bezug auf Gründerforschung

4. Zusammenfassung und kritische Würdigung

Literaturverzeichnis

ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

TABELLENVERZEICHNIS

Tabelle 1. Persönlichkeitsdimensionen des NEO-PI-R.

Tabelle 2. Persönlichkeitsmerkmale und Intensität der Motivation nach Reiss

ABBILDUNGSVERZEICHNIS

Abbildung 1. Gründer und Entrepreneur. Begriffsmerkmale und Abgrenzungen nach Schulte

1. EINLEITUNG

Unternehmentum wird als die Quelle für wirschaftliches Wachstum angesehen, da es Innovationen in den Markt bringt und Arbeitsplätze schafft. In Europa fällt die Gründerquote niedriger aus als in Nordamerika, Asien und Ozeanien[1]. In Deutschland liegt die Selbst-ständigenquote im Durchschnitt bei 10,1%[2]. Verschiedene Länder stellen Förderungs-programme zur Unterstützung künftiger Unternehmer auf, es wird diskutiert, ob Unternehmentum durch die Einführung von Lehrgängen begünstigt werden kann. Viele Faktoren und Rahmenbedingungen üben Einfluss auf die Entwicklung des Unternehmentums aus, diese Arbeit fokussiert die individuellen Wesensmerkmale der Unternehmer-persönlichkeit. Im Vordergrund steht die Frage, ob eine spezifische Persönlichkeitsstruktur des Unternehmers existiert und sich durch wissenschaftlich anerkannte Modelle identifizieren lässt. Der Ausgangspunkt der Gründungsforschung ist, dass die Persönlichkeit einen wesentlichen Einfluß auf die Gründungsentscheidung besitzt und der Erfolg oder das Scheitern eines neugegründeten Unternehmens mehr oder weniger direkt auf die persönlichen Voraussetzungen des Unternehmers zurückgeführt werden kann[3]. Die vorliegende Arbeit setzt sich mit der Aufgabe auseinander, anhand von ausgewählten Konzepten die Gründerpersönlichkeitseigenschaften zu ermitteln. Dabei ist nicht ausser Acht zu lassen, daß sowohl eine Unternehmensgründung, als auch die Persönlichkeitsentwicklung dynamische Prozesse darstellen, die zudem von Umwelteinflüssen nicht ausgeschlossen sind. Die Persönlichkeitstheorie besagt, dass Persönlichkeitseigenschaften sowohl ererbte als auch erlernte Anteile aufweisen, folglich ist Persönlichkeit das Resultat aus unseren Anlagen und den Einflüssen der Umwelt[4]. Im begrenzten Rahmen dieser Arbeit wird auf die Komplexität der Struktur nicht detailliert eingegangen. Nach Einleitung in Kapitel 1 werden in Kapitel 2 die Definitionen für „Persönlichkeit“, „Unternehmer“ und die Grundlagen zur Persönlichkeitsbestimmung und Persönlichkeitsentwicklung geliefert. Im Kapitel 3 werden die Konzepte „Big-Five“ und „Reiss-Profil“ vorgestellt und auf die Aussagekraft der vorgestellten Ansätze für die Ermittlung des Persönlichkeitsprofils eines Unternehmers eingegangen. Der Abschluss der Arbeit in Kapitel 4 fasst die Ergebnisse zusammen und beleuchtet Kritikpunkte.

2. THEORETISCHE GRUNDLAGEN

2.1. Unternehmer, Unternehmersgründer, Manager

Der Begriff „Unternehmer“ lässt sich nicht eindeutig fassen. Nach BGB §14 ist ein Unternehmer eine natürliche oder juristische Person oder eine rechtsfähige Personengesellschaft, die bei Abschluss eines Rechtsgeschäfts in Ausübung ihrer gewerblichen oder selbständigen beruflichen Tätigkeit handelt.[5] Zumholz[6] betrachtet als „Unternehmensgründer“ eine Person, die aus einer abhängigen Beschäftigung durch die Gründung eines selbständig agierenden Unternehmens, welches sie eigenverantwortlich leitet, in die Selbständigkeit wechselt. Zumholz[7] nimmt eine zweiteilige Systematisierung der Definition vor, die auf funktionalen (Schaffung von Marktgleichgewicht und innovativen Leistungen) und formalen (leitender Eigentümer eines Unternehmens) Kriterien beruht. Bei der Entrepreneurship-Forschung kommt der Begriff „Entrepreneur“ ins Spiel, der nicht selten als Synonym zu „Unternehmer“ verwendet wird, dient jedoch gemäß dem amerikanischen Verständnis als Bezeichnung der Existenzgründer, nicht für Unternehmer von bereits etablierten Unternehmern. Merriam-Webster‘s Collegiate Dictionary Online[8] versteht unter dem Begriff, dass es sich um eine Person handelt, welche organisiert, verwaltet, und das Risiko eines Unternehmens übernimmt. Entrepreneurship bezeichnet einerseits das Ausnutzen unternehmerischer Gelegenheiten sowie den kreativen und gestalterischen unternehmerischen Prozess in einer Organisation, andererseits ist es eine wissenschaftliche Teildisziplin der Betriebswirtschaftslehre[9]. Schulte[10] liefert eine analytische Auffassung des Begriffs durch die Erfassung der Eigenschaften, wonach sich der Entrepreneur vom Unternehmensgründer durch die innovative Aktivität unterscheidet (s. Abb. 1).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1. Gründer und Entrepreneur. Begriffsmerkmale und Abgrenzungen nach Schulte [11] .

Der Unterschied vom „Manager“ wird von Steward[12] in unterschiedlichen Ausprägungen der Neigung zu Risikoaktivitäten gesehen. Das lässt sich durch das Aufgabenfeld eines Managers erklären, der delegierte Aufgaben verwaltet und über eine andere Sichtweise in Bezug auf Risiko verfügt.

2.2. Persönlichkeit und Persönlichkeitseigenschaften

Unter der Persönlichkeit eines Menschen wird die Gesamtheit seiner Persönlichkeitseigen-schaften verstanden: die individuellen Besonderheiten in der körperlichen Erscheinung und in Regelmäßigkeiten des Verhaltens und Erlebens[13]. Nach Pervin[14] handelt sich bei einer Persönlichkeit um jene Charakteristika oder Merkmale des Menschen, die konsistente Muster des Fühlens, Denkens und Verhaltens ausmachen. Die leistungsbezogenen Persönlich-keitsmerkmale (z.B. Intelligenz, Aufmerksamkeit) sowie körperliche Merkmale werden häufig nicht dem Persönlichkeitsbereich zugerechnet[15]. In der Persönlichkeits- und differentiellen Psychologie wird die Persönlichkeitseigenschaft für breitere und zeitlich stabile Wesenszüge verwendet (traits) und von Zuständen (states) und Verhaltenstendenzen (habits) abgegrenzt. Die Eigenschaften sind transsituativ konsistent, wenn die Eigenschaftsunterschiede innerhalb der Situationen im Vergleich zwischen Situationen ähnlich ausfallen[16]. Die Eigenschaften beschreiben eine Zusammenstellung der funktional äquivalenten Verhaltens- und Erlebens-weisen, die zeitlich stabil und konsistent hervortreten[17]. Aus verschiedenen Definitionen sind gemeinsame Aspekte festzuhalten: die Persönlichkeitseigenschaften beinhalten einerseits einen beschreibenden, andererseits einen erklärenden Charakter, sind stabil und stellen verhaltensrelevante Merkmale einer Person dar. Sie können sich von den Eigenschaften anderer Personen unterscheiden und lassen sich von anderen Merkmalen der Person differenzieren, woraus sich schließen lässt, dass sie messbar sind und zu einem Profil zusammengestellt werden können. Weiterhin wird den Persönlichkeitseigenschaften eine vorhersagende Funktion zugeschrieben. Sie werden als hypothetische Konstrukte zur Beschreibung des Verhaltens und Erlebens einer Person angesehen, die in Abhängigkeit von der Situation eine Vorhersage des Handelns erlauben[18].

2.3. Persönlichkeitstheorien

Nach Rammsayer[19] untergliedern sich die Persönlichkeitstheorien in die psychoanalytische Theorie von Freud und Ansätze nach Freud, behavioristische Ansätze, soziale Lerntheorie, kognitive Persönlichkeitstheorien, Theorien zum Selbstkonzept, humanistische Persönlich-keitstheorien, neohumanistische Ansätze, konstitutionspsychologische Ansätze und Eigenschaftstheorie. Simon[20] strukturiert die persönlichkeitstheoretischen Grundmodelle in Typenlehre, Eigenschaftstheorie, dynamische Theorie, Lerntheorie, statistische Theorien und humanistische Theorien. Verschiedene Theorien fokussieren unterschiedliche Grundmotive für das menschliche Verhalten, die als Herkunftsquelle der Persönlichkeitseigenschaften betrachtet werden können. Die Theorien der eigenschaftsbezogenen Psychologiebereiche beschäftigen sich mit dem Erforschen der Struktur und Entwicklung der Persönlichkeit, fokussiert auf grundlegende Persönlichkeitseigenschaften, die als Verhaltensmuster dienen können. Zur Ermittlung der Persönlichkeitsmerkmale wird von den Forschern die Faktorenanalyse angewandt. Die personenzentrierte Gründungsforschung bezieht sich auf intuitive (Unternehmerbilder), demografische (Alter, Geschlecht), humankapitaltheoretische (Ausbildung), und eigenschaftstheoretische/motivationstheoretische Ansätze[21]. Während der eigenschaftstheoretische Ansatz die stilistischen Wesenszüge behandelt (basierend auf 16 Primärfaktoren von Cattell oder konzentriert auf fünf zusammenfassende Kernmerkmale der „Big-Five“), beschäftigt sich der motivationstheoretische Ansatz mit dynamischen Wesenszügen (u.a. Leistungsmotiv von MCClelland).

2.4. Persönlichkeitsentwicklung

Die Persönlichkeitseigenschaften werden als über die Zeit stabile und in unterschiedlichen Situationen konsistente Einheiten betrachtet, jedoch wird die Persönlichkeit starkem Umwelt-einfluss ausgesetzt, der die Persönlichkeitsentwicklung fördert. Die Persönlichkeit verarbeitet die Wirkung der kritischen Lebensereignisse, gewinnt neue Erfahrungen und befindet sich in einem ständigen Lernprozess. Damit ist die Persönlichkeitsentwicklung als ein ständiger Kompromiss zwischen Eigendynamik der Persönlichkeit und Fremdbestimmung durch die Umwelt, die ein Produkt aus Zufall und Notwenigkeit darstellt, zu betrachten[22]. Die Ursache für die Persönlichkeitsentwicklung ist die Bildung von Handlungskompetenz für die Auseinandersetzung mit der inneren (genetische Merkmale) und äußeren Realität (Umweltdeterminanten)[23]. Nach Göbel[24] ist die Persönlichkeitsbildung in der Pubertät abgeschlossen. Andere Autoren stellen Veränderungen in einzelnen Persönlichkeitseigenschaften fest, auf die im Unterkapitel 3.4. näher eingegangen wird.

3. PERSÖNLICHKEITSMODELLE UND UNTERNEHMERPROFIL

Persönlichkeitsmodelle streben an, durch die Ermittlung der Persönlichkeitsmerkmale das Denken, Fühlen und Handeln einer Person zu beschrieben und zu erklären. Persönlichkeits-modelle basieren auf verschiedenen Forschungstraditionen (u.a. humanistischen, eigenschaftstheoretischen, lerntheoretischen) und unterscheiden sich in ermittelten Persönlichkeitsdimensionen und Ursachen für deren Ausprägung. Das „Big-Five“ Modell identifiziert die wesentlichen Persönlichkeitseigenschaften, die bezogen auf das Thema dieser Arbeit, in bestimmter Konstellation die Gründungsaktivität begünstigen können. Das „Reiss-Profil“ ermittelt die Persönlichkeitseigenschaften bezogen auf die Grundbedürfnisse. Basierend auf den tief sitzenden Wertvorstellungen werden die Menschen zur Handlung motiviert. Werthaltungen sind individuelle Besonderheiten in der Bewertung wünschenswerter Ziele oder Handlungsdispositionen[25]. Zwischen Werthaltung und Verhaltensdispositionen gibt es korrelative Zusammenhänge, die durch Motive vermittelt sind[26]. D.h. ein durch innere Werte ausgelöstes Bedürfnis ein Unternehmen zu gründen macht eine Person zu einem Unternehmer mit bestimmten Persönlichkeitsmerkmalen. Im Fokus des weiteren Arbeitsverlaufs steht die Analyse, ob unter Zuhilfenahme beider Ansätze ein Persönlichkeitstyp des Unternehmers abgeleitet werden kann.

3.1. Das „Big-Five“ Modell (Fünf-Faktoren-Modell)

Anlehnend an die von Allport und Olbert (1936) erstellten Eigenschaftslisten identifizierte Cattell in den 40er-Jahren die Beurteilungsfaktoren, aus denen Tupes und Christal (1961) fünf wiederkehrende Faktoren zur Persönlichkeitsbeschreibung ermittelten. Diese Faktoren werden von verschiedenen Persönlichkeitspsychologen als Grundlage für weitere Forschungen benutzt. Das Fünf-Faktoren-Modell von Costa und Mc Crae wurde im Fragebogen NEO-PI-R operationalisiert, das Persönlichkeitsprofil wird anhand fünf Dimensionen erfasst (s.Tabelle 1).

Diese Dimensionen gelten als voneinander unabhängig, über das Personenalter hinweg stabil und unabhängig von kulturellen Einflüssen. Das Model weist ein hohes Niveau an Reliabilität, Validität und Objektivität[27] auf.

Tabelle 1. Persönlichkeitsdimensionen des NEO-PI-R.

Eigene Zusammenstellung in Anlehnung an Howard [28]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Das „Big-Five“-Modell stellt hinsichtlich Messqualität das zurzeit gültige kulturübergreifende Referenzsystem dar und wird als universelle Transferplattform zwischen unterschiedlichen diagnostischen Instrumenten benutzt[29]. Auf Basis von „Big-Five“-Profilen können drei oder fünf Persönlichkeitstypen ermittelt werden: unterkontrolliert, überkontrolliert, resilient (sowie zuversichtlich und reserviert)[30]. Trotz der Popularität sind einige Kritikpunkte anzumerken. Beim „Big-Five“-Modell sind die Persönlichkeitseigenschaften sehr allgemein gefasst, was dazu führt, dass wichtige Persönlichkeitsmerkmale nicht mehr voneinander unterschieden werden können[31]. Wie auch bei anderen lexikalischen Analysen, besteht die Gefahr, dass die gewonnenen Persönlichkeitsfaktoren lediglich die linguistischen Kategorien widerspiegeln und keine Aussagen über die Persönlichkeitsstruktur liefern[32]. Ashton[33] hält den sechsten Faktor „Ehrlichkeit/Bescheidenheit“ als Ergänzung der Aussagekraft des Modells für notwendig. Ein Einwand bei der Anwendung der „Big-Five“-Modells kann auch die Tatsache darstellen, dass das Modell nicht aus einer vorhandenen Theorie, sondern als Ergebnis der Anwendung der Faktorenanalyse entstanden ist[34]. Die Kritiker der sogenannten „Trait-Theoretiker“ sind der Ansicht, dass nicht die Charaktereigenschaften, sondern das Verhalten eines Unternehmers für den Unternehmenserfolg relevant ist[35]. Die Verhaltensweise wird nach Reiss anhand der 16 grundlegenden Motive bestimmt.

3.2. Das „Reiss-Profil“ (Reiss Profile)

Das „Reiss-Profil“ ist ein Modell aus Motivations- und Persönlichkeitspsychologie, das die Persönlichkeitsmerkmale als Gewohnheiten betrachtet, die Menschen entwickeln, um die Grundbedürfnisse zu befriedigen[36]. Die motivationalen Prozesse stellen den Schlüssel zum Verständnis der Persönlichkeit dar. Das „Reiss-Profil“ stellt 16 Lebensmotive vor, die ein Persönlichkeitsprofil bilden. Die Handlungsmotivation wird von folgenden Faktoren bestimmt: Anerkennung, Beziehungen, Ehre, Eros, Essen, Familie, Idealismus, körperliche Aktivität, Macht, Neugier, Ordnung, Rache, Ruhe, Sparen, Status, Unabhängigkeit. Die 16 Grund-bedürfnisse weisen teilweise eine Übereinstimmung mit „Big Five“-Faktoren auf[37]: das Motiv „Anerkennung“ korreliert positiv mit N, „Beziehungen“ und „Macht“ mit E, „Ehre“ mit C, „Neugier“ mit O, „Rache“ mit A und N, „Ruhe“ mit N, „Sparen“ mit N, wobei „Ordnung“ und „Sparen“ negativ mit O korrelieren. Die Menschen verfügen über das Potenzial, wichtige Emotionen sowohl durch unmittelbare als auch durch nachempfundene Erfahrungen erleben zu können[38]. Eine Person setzt die Prioritäten für die Grundbedürfnisse auf verschiedene Weise und bildet ihr eigenes Profil aus Wertvorstellungen (RMP). Dasselbe Grundbedürfnis führt bei unterschiedlicher Ausprägung zu unterschiedlichen Persönlichkeitsmerkmalen[39] (s. Tabelle 2).

Tabelle 2. Persönlichkeitsmerkmale und Intensität der Motivation nach Reiss [40] (gekürzt auf 6 Merkmale).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Rein statistisch kann das Reiss-Profil zwei Milliarden unterschiedliche Motivstrukturen abbilden, die sich jedoch in berufsspezifische Gruppen einordnen lassen[41]. Das Erkennen der Antriebstrukturen, die eine Aussage über langanhaltende Motivation und Leistungsbereitschaft treffen, macht Prognosen über das Berufsprofil möglich. Die Anwendung ist als Ergänzung zu einem „Big-Five“-Test denkbar. Nach Reiss[42] und Havercamp et al.[43] sind die Validitäts- und Reliabilitätskoeffizienten hoch einzustufen. Krug[44] verweist auf das Fehlen der Taxonomie und den aus ihr abgeleiteten Annahmen von der theoretischen und empirischen Basis. Reiss[45] beantwortet diesen Kritikpunkt mit der Übereinstimmung mit 17 Instinkten von James. Schimmel-Schloo[46] relativiert die Bedeutung der Gene, die von Reiss als Bedingtheit der Motivatoren angesehen werden und sieht die Einflussstruktur deutlich komplexer mit vielfältigen kulturellen sowie gesellschaftlichen Einflüssen und individuellen Erfahrungen.

3.3. Aussagekraft der Persönlichkeitsmodelle in Bezug auf Gründerpersönlichkeit.

Die Aussagekraft der vorgestellten Modelle in Bezug auf Gründerpersönlichkeit und Unternehmenserfolg ist ziemlich begrenzt. Bisher ist bei dem Versuch, einen direkten Einfluss der Persönlichkeit auf den unternehmerischen Erfolg nachzuweisen, keine einheitliche Sichtweise entstanden[47]. Anhand des „Big-Five“-Modells wurde bestätigt, dass sich das Persönlich-keitsprofil eines Selbständigen von einem Angestellten in Big-5-Dimensionen unterscheidet[48]. Dabei sind die Ergebnisse von verschiedenen Autoren in Bezug auf einzelne Dimensionen nicht identisch. Howard[49] stellt den Zusammenhang von Big-Five-Profilen und typischen Berufen fest. Demzufolge hat ein Unternehmer das Profil: N – kein Eintrag, E +, O +, A -, C +; ein Manager: N -, E +, O -, A -, C +. Ein Unternehmer ist damit deutlich offener für neue Erfahrungen als ein Manager. Zhao et al.[50] weisen darauf hin, dass bei den Dimensionen O und C die Enterpreneure über höhere Werte als Manager verfügen, bei beiden Gruppen ist die Dimension E gleich und bei der Dimension N ist ein negativer Wert festzustellen. Die Studie von Enverick[51] dagegen teilt Managern einen höheren Wert in C zu. Nicht selten werden die einzelnen Werte auf eine Korrelation mit „Erfolg“ geprüft[52], dabei ergeben sich jedoch Schwierigkeiten sowohl bei der Begriffsdefinition und Messgrößen des Erfolgs wie auch bei der Korrelation von Erfolg und Höhe der Werte der erfolgsrelevanten Dimensionen. Das „Reiss-Profil“ bestätigt und ergänzt die anhand „Big-Five“ gewonnenen Forschungsergebnisse aus Sicht des Motivationsansatzes. Ausgehend von mehreren Autoren aus den in Big-Five nachgewiesenen Dimensionsausprägungen eines Unternehmers – N-, E+, O+, A-, C+ lassen sich durch die in Kapitel 3.2. erwähnten Korrelationen einige grundlegende Bedürfnisse ermitteln: „Anerkennung“ mit N-, „Neugier“ mit O+, „Rache“ mit A, „Ehre“ mit C+, „Beziehungen“ und „Macht“ mit E. Menschen mit einem schwachen Grundbedürfnis nach Anerkennung sind selbstsicher[53] und emotional stabil (Korrelation mit A- und N-). Eine hohe Ausprägung des Motivs „Unabhängigkeit“ (Persönlichkeitsthema: auf sich selbst vertrauend) bewirkt das Persönlichkeitsmerkmal „selbstständig“ und eine Motivkonstellation „niedriges Bedürfnis an Anerkennung und hohes Bedürfnis nach Macht und Unabhängigkeit“ (Persönlichkeitsthema: selbstbewusst und ehrgeizig) prägt das Merkmal „unternehmenslustig“[54]. Es ist anzumerken, dass die Abgrenzung der zum Vergleich hinzugezogenen Gruppen wie z.B. „Manager“ und „Gründer“ sowie die Auswertungsmethoden bei verschiedenen Studien unterschiedlich ausfallen, wodurch die Vergleichbarkeit der Aussagen deutlich erschwert ist. So sind nach nach Envick[55] Manager gewissenhafter und teamorientierter und die Mittelwerte der Manager in E und N sind etwas höher als bei Enterpreneuren.

Die obengenannten Ergebnisse sind jedoch nicht ausreichend, um eindeutig ein Persönlichkeitsprofil des Unternehmers zu erstellen. Nicht selten werden bei der Gründerforschung zusätzlich dynamische Determinanten hinzugezogen wie u.a. Leistungsorientierung, Risikobereitschaft, internale/externale Kontrollüberzeugung, Autonomiestreben und Selbstwirksamkeit[56], deren Ausprägungen sich bei Unternehmern und Managern deutlich unterscheiden. Nach Caliendo[57] sind Unternehmer offener für Erfahrungen, extrovertierter, emotional stabiler und risikobereiter, besitzen den Glauben, dass die Ergebnisse eigener Kontrolle unterliegen. Dabei wird angemerkt, dass nur die „mittlere Risikoeinstellung“ für den Fortbestand der Selbständigkeit relevant ist, risikoscheue oder sehr risikofreudige Selbständige scheitern[58]. Gemäß von Utsch[59] durchgeführter Kovarianzanalyse haben Unternehmer höhere Werte für Selbstverwirklichung, Selbstwirksamkeit und Leistungsmotivation. Nicht alle Untersuchungen kommen zu den gleichen Ergebnissen und sind aktuell. Würthner[60] weist darauf hin, dass der Zusammenhang der Kontrollüberzeugung bzw. der Leistungsmotivation des Unternehmers mit dem Unternehmererfolg nicht durchgehend empirisch bestätigt ist. Es besteht keine Einigkeit darüber, ob ein Unternehmer über eine ausgeprägte Führungseigenschaft verfügen soll, denn Führung ist keine freie schöpferische Tätigkeit, sondern Zwänge, Pflichten, Normen[61] und ist eher einem Manager zuzuschreiben. Rausch[62] hält Unternehmer für eine sehr heterogene Gruppe von Menschen und liefert einen Quellenüberblick über die Typologie von Unternehmern, die aufgrund ihrer verschiedenen Persönlichkeitsmerkmale unterschiedliche Strategien verfolgen und unterschiedliche Entscheidungen treffen. An dieser Stelle ist festzuhalten, dass bisher keine eindeutige spezifische Persönlichkeitsstruktur eines Unternehmers weder anhand der Modelle „Big-Five“ und „Reiss-Profil“, noch durch Hinfügen zusätzlicher Determinanten, erforscht wurde, jedoch besteht Einigkeit in dem Ansatzpunkt vieler Forschungen, dass Unternehmensgründer Differenzen zu den anderen Untersuchungsgruppen aufweisen.

[...]


[1] Vgl. Global Report 2017/2018, S.14

[2] Statistisches Jahrbuch 2017, S.353

[3] Zumholz (2000), S.25

[4] Vgl. Howard et al. (2008), S. 190

[5] Bürgerliches Gesetzbuch, §14

[6] Vgl. Zumholz (2000), S.16

[7] Vgl. Zumholz (2000), S.12

[8] https://www.merriam-webster.com/dictionary/entrepreneur, Abruf von 02.06. 2018, Übersetzung von Autor

[9] Vgl. Kollmann, https://wirtschaftslexikon.gabler.de/definition/entrepreneurship-51931, Abruf von 02.06.2018

[10] Vgl. Schulte (2006), S.355

[11] Vgl. Schulte (2006), S.355

[12] Vgl. Steward et al. (1999),S.10

[13] Neyer et al. (2018), S.2

[14] Pervin et al. (2005), S.31

[15] Vgl. Rammsayer et al. (2016), S.13

[16] Neyer et al. (2018), S.27

[17] Vgl. Rammsayer et al. (2016), S.200

[18] Vgl. Merzbacher (2007), S.22

[19] Rammsayer et al. (2016)

[20] Simon (2006), S.19

[21] Vgl. Tegtmeier (2008), S.30

[22] Vgl. Neyer et al. (2018), S.346

[23] Vgl. Simon (2006), S.17

[24] Vgl.Göbel et al. (1998), S.173

[25] Never et al. (2018), S.202

[26] Neyer et al. (2018), S.206

[27] Vgl. Howard et al. (2008), S.26; Fehr (2006), S.131 f

[28] Howard et al. (2008), S.24

[29] Vgl. Fehr (2006), S.115

[30] Vgl. Neyer et al. (2018), S.116

[31] Wetzel (2007), S.20f

[32] Vgl. Rammsayer et al. (2016), S.235

[33] Vgl. Ashton et al. (2004)

[34] Vgl. Rammsayer et al. (2016), S.236

[35] Vgl. Würthner (2012), S.98

[36] Vgl. Reiss (2016), S.15

[37] Vgl. Reiss (2016), S.49 ff

[38] Vgl. Reiss (2016), S. 54

[39] Reiss (2016), S.67

[40] Reiss (2016), S.68 f

[41] Vgl.Schimmel-Schloo (2002), S.268

[42] Vgl. Reiss (2016), S.65

[43] Vgl. Havercamp (2003), S. 123

[44] Vgl. Krug (2012), S.52

[45] Vgl. Reiss (2016), S. 54

[46] Vgl. Schimmel-Schloo (2002), S.277

[47] Vgl. Würthner (2012), S.5

[48] Vgl. Caliendo et al. (2011), S.7

[49] Vgl. Howard et al. (2008), S.140 f

[50] Vgl. Zhao et al. (2006), S.260ff

[51] Vgl. Enverick et al. (2000), S.13 f

[52] Koetz (2016), Würthner (2012)

[53] Vgl. Reiss (2016), S. 74

[54] Vgl. Reiss (2016), S.268 ff

[55] Vgl. Envick (2000), S.13

[56] Vgl. Caliendo (2011); Würthner (2012), S.99, S.246; Utsch (1998), S.215; Würthner (2012), S.246

[57] Vgl. Caliendo (2011), S. 6

[58] Vgl. Caliendo (2011), S. 7

[59] Utsch (2004), S.57

[60] Vgl. Würthner (2012), S.98

[61] Vgl. Simon (2006), S.383

[62] Vgl. Rausch (1998), S.16 f

Excerpt out of 20 pages

Details

Title
Entwicklung der Persönlichkeit im Zeitverlauf und deren Relevanz für Gründungsvorhaben
College
AKAD University of Applied Sciences Stuttgart
Grade
1.0
Author
Year
2018
Pages
20
Catalog Number
V430890
ISBN (eBook)
9783668748118
ISBN (Book)
9783668748125
File size
638 KB
Language
German
Tags
Unternehmer, Manager, Persönlichkeit, Differenzielle Psychologie, Persönlichkeitsentwicklung, Gründer
Quote paper
Larissa Petersen (Author), 2018, Entwicklung der Persönlichkeit im Zeitverlauf und deren Relevanz für Gründungsvorhaben, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/430890

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