Zentrumsdebatte um die Leere in Berlins „historischer Mitte“. Auf der Suche nach einer städtebaulichen Gestaltung für den Freiraum zwischen Alexanderplatz und Spreeufer


Masterarbeit, 2018
234 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Anstoß zur Aufarbeitung - Artikel „Berlins leere Mitte“
1.2 Bedeutung der historischen Mitte
1.3 Was bedeutet Leere im Kontext der historischen Mitte und des Freiraums?
1.4 Methodik und Aufbau der Arbeit

2. Klärung von Begrifflichkeiten
2.1 Historische Mitte
2.2 Berliner Zentrum
2.3 Alt-Berlin
2.4 Marx-Engels- und Rathausforum

3. Städtebauliche Entwicklung des historischen Zentrums
3.1 Ursprung bis Kaiserzeit (1200-1871)
3.2 Kaiserzeit und Weimarer Republik (1871-1933)
3.3 Nationalsozialismus (1933-1945)
3.4 Deutsche Demokratische Republik (1949-1990)
3.4.1 Großer Freiraum
3.4.2 Südliche Spreeinsel und Friedrichswerder
3.4.3 Zeit nach der Wiedervereinigung

4. Startschuss der Zentrumsdebatte seit dem Jahr 1990
4.1 Bedeutung von Leitbildern im Kontext der historischen Mitte
4.2 Leitbilder Kritische Rekonstruktion und Berlinische Architektur
4.3 Probleme der Leitbilder

5. Untersuchungsgebiet
5.1 Lage und Beschreibung des großen Freiraums
5.2 Einordnung der Größe des großen Freiraums
5.3 Bedeutung des großen Freiraums
5.4 Städtebauliche Einordnung des Freiraums in seine Umgebung

6. Organisationsstruktur der öffentlichen Planungsakteure
6.1 Bund
6.1.1 Verlagerung des Bundes nach Berlin
6.1.2 Bedeutungswandel des großen Freiraums und Vergleich mit National Mall
6.2 Hauptverwaltung
6.2.1 SenStadtWohn und SenUVK
6.2.2 Steuerung der Senatsverwaltungen durch Koalition
6.2.3 Planungsinstrumente der Senatsverwaltung
6.3 Bezirksverwaltung
6.3.1 Bezirksamt Mitte
6.3.2 Planungsinstrumente der Bezirksverwaltung
6.4 Zusammenarbeit zwischen Bund und Land im Zentrum Berlins
6.4.1 Spreeinselwettbewerb
6.4.2 Internationale Expertenkommission "Historische Mitte Berlin“
6.4.3 Hauptstadtfinanzierungsvertrag

7. Planwerk Innenstadt
7.1 Umgriff des Planungsgebietes
7.2 Kritik am Planwerk Innenstadt

8. Neuausrichtung der Debatte
8.1 2009 bis 2014
8.1.1 Stimmann als Initiator einer neuen Debatte
8.1.2 Visionen für den großen Freiraum
8.1.3 Engagement von Initiativen, Vereinen und Stiftungen
8.1.4 Stufenplan für städtebauliche Entwicklung 2013-2025
8.1.5 Neuauflage des Buches von Stimmann im Jahr 2014
8.1.6 Einordnung der Ereignisse
8.2 2015 bis 2017
8.2.1 Stadtdebatte Berliner Mitte „Alte Mitte - neue Liebe“
8.2.2 Bestimmung von neuen Themenfeldern
8.2.3 Umgriff des Planungsgebietes in der Debatte
8.2.4 Verkehrsplanung - Abkehr von verkehrsgerechter Mitte
8.3 Kommunalpolitische Diskussion
8.3.1 Stadtpolitik - Positionen der Parteien
8.3.2 Rot-rot-grüne Koalition (2016-2021)
8.3.3 Vergleich der Senatsbaudirektoren Stimmann und Lüscher

9. Zwischenfazit

10. Ausblick
10.1 Potential und Probleme des Humboldt Forums für die historische Mitte
10.2 Personelle Ressourcen der Senatsverwaltung
10.3 Entwicklung und finanzielle Ressourcen für den Ausbau einer Partizipationskultur

11. Entwicklung von Szenarien für die künftige Gestaltung des großen Freiraums
11.1 Szenario 1: Erhaltung und Weiterentwicklung der Freifläche
11.2 Szenario 2: Wiederaufbau des historischen Stadtgrundrisses
11.3 Szenario 3: Erlebniscenter
11.4 Szenario 4: Berliner Forum

12. Gesamtfazit

I Anhang

II Quellenverzeichnis

Motivation

Ich habe mir das Thema „Zentrumsdebatte um die Leere in Berlins „historischer Mitte“ - auf der Suche nach einer angemessenen städtebaulichen Gestaltung für den Freiraum zwischen Alexanderplatz und Spreeufer“ ausgesucht, da Berlin meine Heimatstadt ist und meinen Lebensmittelpunkt darstellt. Besonders die Vielfältigkeit und polyzentrische Struktur macht Berlin gegenüber anderen Städten einzigartig. Zudem interessiere ich mich stark für die Geschichte von Berlin und höre gerne den älteren Generationen zu, wenn sie über die Stadt von damals und die städtebaulichen Veränderungen sprechen. Diese Erzählungen machten mich neugierig und so kam mir der Gedanke, die Geschichte Berlins mit einem Raum in Berlin zu verknüpfen, der starke städtebauliche Veränderungen durchlebt hat. Als ich schließlich diesen Sommer den Alexanderplatz besuchte und anschließend über den Freiraum unter dem Fernsehturm in Richtung Spree lief, fiel mir wieder einmal die „Leere“ der Freifläche mit ihrer überdimensionierten Weite auf. Auch die unterschiedliche städtebauliche Gestaltung regte zum Nachdenken an, denn ein Zusammenhang zwischen dem großen Freiraum und seiner Umgebung konnte nicht erkannt werden. Da ich diesen Ort aufgrund seiner geringen Aufenthaltsqualität nur selten besuche, schien eine Aufwertung des Freiraums als sinnvoll. Während der weiteren Recherche stieß ich auf die Stadtdebatte von 2015, in der Bürgerleitlinien für die künftige Gestaltung des großen Freiraums erarbeitet wurden. In Verwunderung über die geringe Reichweite der Stadtdebatte bei den Berliner Bürgern und die Verortung des Freiraums in der historischen Mitte, habe ich mich der Herausforderung gestellt, die städtebauliche Geschichte der Mitte Berlins aufzuarbeiten und selbst einen Beitrag für die künftige Gestaltung des Freiraums und damit einer Aufwertung der historischen Mitte zu leisten. Insbesondere vor dem Hintergrund, dass in anderen Städten die historische Mitte mit ihrer Altstadt einen der ersten Anlaufpunkte darstellt und in Berlin verschwunden ist. Vor allem die Stadtdebatte sollte aufgrund der fehlenden Kenntnisnahme mit ihren Akteuren und Zuständigkeiten kritisch hinterfragt und die Gründe herausgearbeitet werden, die einer Aufwertung des Freiraums seit meiner Kindheit entgegenstehen.

1. Einleitung

Keine andere Stadt der Welt und vor allem kein anderes Zentrum einer Hauptstadt, hat so viele städtebauliche Veränderungen durchlebt, wie Berlin. Häufig wird die Klage laut, dass Berlin kein stadttypisches Zentrum wie andere Städte hat und ein symbolischer Fixpunkt für die Stadtidentität fehlt. Die ereignisreiche Geschichte Berlins hat im Städtebau eine klare Eingrenzung des Zentrums erheblich erschwert. Das Zentrum Berlins ist geprägt durch verschiedene, einschneidende Zeitschichten, die ihren vorläufigen Höhepunkt nach dem zweiten Weltkrieg mit der fast vollständigen Zerstörung des Bestandes fanden. In der Folge wurde das Zentrum Berlins durch den Bau der Mauer geteilt und in seiner räumlichen Funktion und Nutzung stark verändert. Seit der Wiedervereinigung sind die Bemühungen groß, dass Zentrum wieder neu zu bestimmen und städtebaulich zu gestalten (vgl. Bodenschatz 1995a). Seitdem besteht eine zentrale Aufgabe darin, die Gebiete im Zentrum Berlins wieder miteinander zu verknüpfen und zu einer räumlichen, zusammenhängenden Stadtstruktur zu transformieren. In diesem Kontext ist in dem heutigen Stadtzentrum Berlins der östliche Teil einer der bedeutsamsten Transformationsräume und stellt eine der größten Herausforderungen für die Zukunft dar. Hier befindet sich die historische Mitte von Berlin und der Ursprung der Stadt (Bürgerforum Berlin e.V. 2015). Doch während sowohl der östliche als auch der westliche Teil des Zentrums große Brachflächen und ein enormes Entwicklungspotential für die Stadterneuerung hatten, wurde überwiegend nur der westliche Bereich des Zentrums um den Potsdamer Platz, Leipziger Platz und die Friedrichstraße städtebaulich erheblich verändert und aufgewertet (vgl. Bodenschatz 1995a). Während mittlerweile nun auch große Planungen für städtebauliche Veränderungen in der historischen Mitte vorliegen, wurde ein Ort seit der Wiedervereinigung von den städtebaulichen Planungen ausgeschlossen. Es ist der große Freiraum zwischen dem Alexanderplatz und der Spree, als zentraler Bereich der historischen Mitte. Seitdem befinden sich hier mit dem Marx-Engels- Forum und dem Rathausforum zwei leere Flächen, die nur darauf warten, umgestaltet zu werden. Allerdings ist eine Strategie oder ein Konzept für den Umgang mit dieser Fläche bisher nicht zu erkennen. Es fehlte eine Debatte für diesen Ort, welche die Aufmerksamkeit und das Interesse der Öffentlichkeit anregt und die Bedeutung steigert. Das änderte sich jedoch mit einer Publikation von dem ehemaligen Senatsbaudirektor Hans Stimmann, in welcher der Schwerpunkt der bisherigen Zentrumsdebatten auf den großen Freiraum verlagert wurde. Dieser veröffentlichte 2009 das Buch „Berliner Altstadt - Von der DDR-Staatsmitte zur Stadtmitte“, in dem er die Bedeutung der ehemaligen Altstadt hervorhob und eine künftige Bebauung in Anlehnung an den historischen Stadtgrundriss für den großen Freiraum vorschlug (vgl. Stimmann 2009). Fortan gewann die Debatte sowohl in der Landespolitik, als auch in der Bevölkerung zunehmend an Bedeutung und Brisanz. Doch im Vergleich zu anderen Städten, wo auf heftige Debatten städtebauliche Entscheidungen folgen, führte die Debatte um den großen Freiraum seit nun fast zehn Jahren zu keinem Ergebnis für eine künftige Gestaltung.

Häufig werden Debatten durch den Wunsch nach dem ursprünglichen Zustand durch bestimmte Interessen von Akteuren und Initiativen angestoßen. So auch in der Debatte um den großen Freiraum in Berlin. Hier wurde die Debatte von Befürwortern des Wiederaufbaus des historischen Stadtgrundrisses initiiert, die auf die „Leere“ und den Verlust von historischen Bauten aufmerksam machen wollten. Im Laufe der Zeit haben sich Lager herausgebildet, die zwei klare Positionen hinsichtlich der Gestaltung des Freiraums vertreten und sich institutionalisierten. Während das eine Lager sich für die Erhaltung des Freiraums und eine bessere Vernetzung mit der angrenzenden Umgebung einsetzt (vgl. Flierl 2010; Adrian und Pätzold 2016), befürwortet das andere Lager eine dichte, parzellierte Bebauung in Anlehnung an den historischen Stadtgrundriss (vgl. Stimmann 2009 und 2014; Jäger 2016). Neu an dieser Debatte ist eine stärkere Bürgerbeteiligung, die jedoch mit einer weiteren Verschleppung einer Entscheidung über die Gestaltung des großen Freiraums einhergeht (vgl. Adrian und Pätzold 2016). Es entsteht der Eindruck, als würde eine Entscheidung in der Landespolitik und Verwaltung verschleppt werden, um Konflikte zwischen den beteiligten Akteuren und der Bevölkerung zu vermeiden. Während der viel zitierte Satz von Scheffler: „Berlin ist dazu verdammt, immerfort zu werden und niemals zu sein” (Scheffler 1910, S. 244), in dem letzten Jahrhundert für das Zentrum Berlins zutraf, wird der Freiraum als derzeitiger Gegenstand der Planung von diesem Satz ausgeklammert. Diese Aussage von Scheffler unterstützt das Dilemma in Berlin, in dem die Akteure stets unzufrieden mit dem gegenwärtigen Zustand sind. Es handelt sich hier um einen Kreislauf, indem sich bestimmte Handlungen in der Geschichte stets wiederholen. Demnach wird es Befürworter und Gegner einer städtebaulichen Entscheidung auch weiterhin geben. Nach einer städtebaulichen Umsetzung thematisieren Kritiker wieder neu den Verlust des vorigen Zustandes und lösen eine Debatte aus.

Bevor der Aufbau und das methodische Vorgehen in dieser Arbeit erläutert werden, wird der Artikel „Berlins leere Mitte“ als Anstoß dieser Untersuchung beschrieben und welche besondere Bedeutung der historischen Mitte für eine Stadt zukommt. In diesem Kontext wird die aktuell vorzufindende „Leere“ in der historischen Mitte von Berlin verglichen.

1.1 Anstoß zur Aufarbeitung - Artikel „Berlins leere Mitte“

Anstoß für diese Arbeit ist der Artikel „Berlins leere Mitte“ aus dem Deutschen Architektenblatt 2016 gewesen, indem es um die Gestaltung des Freiraums zwischen dem Alexanderplatz und der Spree in der historischen Mitte geht. Der Artikel wird in dieser Arbeit aufgegriffen und eine kritische Auseinandersetzung der Diskussion über die Gestaltung der historischen Mitte und des Freiraums fortgesetzt. In dem Artikel nahmen Hans Stimmann, Harald Kegler und Falk Jaeger Stellung zu dem exemplarischen Entwurf von Sergei Tchoban, der ein kleinteiliges Quartier für die ehemalige Berliner Altstadt auf dem Freiraum skizzierte.

Für Stimmann ist von besonderer Bedeutung, nicht nur das Quartier zwischen Rathaus, St. Marien und Spree planerisch, sondern auch emotional wieder zu beleben. Er befürwortet den Entwurf von Tchoban und plädiert für eine kritische Rekonstruktion von ausgelöschten Straßen und dem Platzgefüge. Statt neuen Entwürfen von Plänen, ist zuvor eine Debatte über die Rolle, Gestalt und Nutzung des großen Freiraums und über das Verhältnis mit dem neu gebauten, gegenüberliegenden Humboldt Forum

Abb. 2: Entwurf von Sergei Tchoban, 2016 zu führen. Hilfreich ist zudem ein Blick auf die urbanen und politischen Verhältnisse von Altstadt und Staat in anderen europäischen Hauptstädten, wie zum Beispiel London, Paris oder Wien (Stimmann 2016, S. 24).

Kegler widerspricht Stimmann und bezweifelt, dass durch den Entwurf von Tchoban nur mit einer dichten, kleinteiligen Struktur eine Architektur „mit einem überdurchschnittliches Maß an Qualität“ erreicht wird. Neben dem Mittelalter prägten auch andere Kulturen des Städtebaus den großen Freiraum wie der Barock, die Aufklärung, die Reformen zu Beginn des 20. Jahrhundert, die Diktaturen und der Wiederaufbau der Moderne nach dem zweiten Weltkrieg. Seiner Auffassung nach braucht es eine größere Idee, die Strahlungskraft hat und die Menschen zusammen bringt. Als Anregung und internationalen Diskurs über Städtebau für den großen Freiraum könnte die National Mall in Washington D.C. dienen, die in der Demokratie ihren räumlichen Ausdruck findet. Hier würde die Freifläche niemals dicht bebaut werden, nur weil dort eine „Leere“ vorzufinden ist. Vielmehr kann die „Leere“ nur durch die Gewinnung von Kenntnissen über die Geschichte des großen Freiraums für eine neue urbane Zukunft des 21. Jahrhunderts gefüllt werden (Kegler 2016, S. 24 f.).

Jaeger bedauert wie Stimmann das Vakuum des großen Freiraums, das durch eine fehlende architektonische-städtebauliche und bürgerliche Identität gekennzeichnet ist. Zu der Anregung von Kegler mit der National Mall wie in Washington D.C. äußert er sich kritisch, da ein absolutistischer Entwurf vom Ende des 18. Jahrhunderts nicht mit der komplexen Entwicklung der Berliner Mitte zu vergleichen ist. Stattdessen schlägt Jaeger die Übernahme der allgemein geschätzten, städtebaulichen Innenstadtstruktur vor, die in zeitgemäße architektonische Formen umzugestalten ist. Der Freiraum ist an den historischen Stadtgrundriss mit den heutigen Wegverbindungen und einen angemessen Rathausplatz anzupassen, sodass nach dem Vorbild der „Europäischen Stadt“ ein Ort höchster Dichte mit bürgerlichen Funktionen, vielseitiger Urbanität und intensivster stadtbürgerlicher Identifikation entwickelt wird (Jaeger 2016, S. 25).

Schon anhand dieser Aussagen wird deutlich, wie komplex die aktuelle Diskussion um den großen Freiraum ist und wie schwierig es ist, für die unterschiedlichen Vorstellungen der Fachleute einen gemeinsamen Konsens für eine angemessene, städtebauliche Gestaltung des Freiraums zu finden. Es lässt sich ansatzweise erahnen, welche Konflikte mit einer groß angelegten, öffentlichen Debatte zwischen den beteiligten Akteuren auf der Bundes-, Landes- und Bezirksebene, Fachleuten, Initiativen, Vereinen, Stiftungen sowie der Berliner Bevölkerung verbunden sind.

1.2 Bedeutung der historischen Mitte

Ein Blick in die Literatur aus den vergangenen Jahrzehnten genügt, um festzustellen, welche besondere Bedeutung der historischen Mitte für den Stadtraum zukommt. Darüber besteht bis heute in der Gesellschaft größtenteils Einigkeit. An dieser außergewöhnlichen Rolle der historischen Mitte hat sich über Jahrzehnte hinweg kaum etwas geändert, wie auch anhand dieser Aussage deutlich wird:

„ Aus dem Vielerlei der Stadtgebiete hebt sich der Mittelpunkt, das Herz der Stadt, in Gestalt von Ladenzentrum, von Kulturzentrum, von ö ffentlichen Geb ä uden oder der Kirche heraus. [ … ] Die Stadt ist ein Organismus, und ein solcher kann nicht ohne Herz sein, das Ausdruck des gesellschaftlichen, kulturellen und religi ö sen Lebens sein und ü ber die Jahrhunderte gewachsenen Eigent ü mlichkeiten der Bev ö lkerung aussagen wird “ (Jaspert 1957, S. 78).

Hillebrecht wies in diesem Kontext darauf hin, dass die Funktionen der historischen Mitte nicht vernachlässigt werden dürfen (Hillebrecht 1957, S. 506). Daher ist es wichtig, im Zuge von verschiedenen Strukturwandeln für die historische Mitte eine klare Funktionszuordnung auf der Landes- und Bezirksebene zu treffen, die somit eine Grundlage des öffentlichen Handels bildet. Hierfür ist die Bereitstellung von ausreichend finanziellen Mitteln notwendig (Arbeitsgemeinschaft Städte mit Historischen Stadtkernen des Landes Brandenburgs 2014). Darüber hinaus kann die historische Mitte als urbane Realität verstanden werden, die durch den Krieg zerstört und wieder modern überformt wurde. Sie stellt ein Abbild des Selbstverständnisses einer Stadt dar (Jacobs 1963, S. 198). In der Regel verändert sich dieser Ort weniger als andere Stadtgebiete, da die Stadtbevölkerung hier einen gemeinsamen Identifikationspunkt gefunden hat, der mit individuellen Erinnerungen verbunden wird (Benevolo 1993, S. 62). Während die Bedeutung und Wirkung der historischen Mitte in der Gesellschaft stimmig ist, entwerfen besonders gerne Fachleute aus den Disziplinen Architektur oder Stadtplanung für eine neue Entwicklung des Ortes Ideen, die der Besonderheit des Ortes durch eine veränderte städtebauliche Gestaltung schaden können. Demzufolge ist es von besonderer Bedeutung, bei städtebaulichen Planungen, die Fachleute mit einzubeziehen, um gemeinsam die historische Mitte zu gestalten (Arbeitsgemeinschaft Städte mit Historischen Stadtkernen des Landes Brandenburgs 2014). Entgegen der aktuellen „Leere“, die seit Jahrzehnten die historische Mitte Berlins bestimmt, ist dieser Ort in den meisten Städten im Wesentlichen ein stark gesellschaftlich, geprägter Raum, der durch seine bauliche Gestalt und die Tradition mit der Geschichte seiner Stadt eng verbunden ist (Jacobs 1963, S. 56). Dieser Ort verfügt in der Regel über ein breit aufgestelltes kulturelles Angebot mit wichtigen kulturellen Funktionen, die besonders bei Touristen sehr beliebt sind (Arbeitsgemeinschaft Städte mit historischen Stadtkernen des Landes Brandenburgs 2014). Dieser Ort ist in der Regel das Sinnbild von Identität und Heimatgefühl und hat eine besondere Symbolkraft, die das Stadtleben der Bevölkerung prägt (Bodenschatz 1995a, 166 f.). Die einmalige Gestaltung unterscheidet die historische Mitte einer Stadt von anderen Stadtgebieten, da sie aufgrund der Geschichte nicht austauschbar ist. Die historische Mitte mit ihrem öffentlichen Raum steht für Stadtöffentlichkeit und ist somit ein wichtiges Kennzeichen des Leitbildes der „Europäischen Stadt“. Dieser Raum ist für alle zugänglich und steht für eine soziale Gemeinschaft (Jacobs 1963, S. 56). Nach Goebel ist die historische Mitte der „Stadtkern“, unter dem die „Keimzelle“ der gesamten Stadt verstanden wird, die nicht nur den Ursprung der Stadt lokalisiert, sondern auch den Ort, an dem sich ihre Zukunft entscheidet. Stadtkern impliziert demnach den Anfang und das Ende der Geschichte (Goebel 2011, S. 580). Das die historische Mitte in Berlin einen symbolischen Wert hat ist gewiss, jedoch wurde dieser in den vergangenen Jahrzehnten aus unterschiedlichen Gründen unzureichend hervorgehoben. Dass es jedoch nicht zu spät ist, diesen symbolischen Wert wieder sichtbar zu machen, zeigt die Feststellung von Eco, nach der ein symbolischer Wert eines Gebietes das Potential hat, auch nach den Kriegszerstörungen als reale Existenz zu überdauern (Eco 1972, S. 295 ff.; S. 308 ff.). Die Produktion von Bildern von verschwundenen Altstädten kann demnach im kollektiven Gedächtnis verankert bleiben und zum Beispiel durch eine Debatte und neue städtebauliche Planungen wieder neu reaktiviert werden.

Vor diesem Hintergrund ist es umso wichtiger, eine ergebnisführende Debatte in Berlin zuführen, durch die eine städtebauliche Veränderung für die historische Mitte nicht nur angestoßen, sondern auch umgesetzt wird, sodass die gesamte historische Mitte wieder an Bedeutung gewinnt und zu einem Identifikationspunkt der Stadt wird.

1.3 Was bedeutet Leere im Kontext der historischen Mitte und des Freiraums?

Die zuvor genannten Merkmale, durch die in der Regel eine historische Mitte in einer europäischen Stadt gekennzeichnet ist, können in Berlin nicht identifiziert werden. Stattdessen wird hier der Raum von einer großen „Leere“ bestimmt, die einer angemessen, städtebaulichen Gestaltung nicht gerecht wird. Diese „Leere“ bezieht sich in dieser Arbeit vor allem auf das räumliche und funktional hinterlassene Vakuum. Während in anderen europäischen Hauptstädten die Plätze im Zentrum kompakt gestaltet und teilweise gut miteinander vernetzt sind, werden mit dem Zentrum Berlins große, weite Plätze suggeriert, die als ungenau definierte Freiräume bezeichnet werden können. Die räumliche Leere wird vor allem auf dem großen Freiraum zwischen dem Alexanderplatz und der Spree sichtbar (Bodenschatz 1995b, S. 565 f.). Ursache für die „Leere“ der Plätze war zum einen das vorhandene, sozialistische Verständnis von einem Stadtzentrum. Zum anderen wurde durch die Unfähigkeit im Planungssystem der DDR und die ungenaue Erfassung der Planungen die „Leere“ manifestiert. Seit der deutschen Wiedervereinigung sind die Freiräume Gegenstand von Gestaltungsdiskussionen für eine Bebauung oder Erhaltung der Freiflächen (ebd., S. 565 f.). Darüber hinaus ging im ehemaligen Berliner Zentrum der DDR nach der Wiedervereinigung ein Verlust von wichtigen Funktionen aus Politik, Verwaltung, Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft einher, da große Teile des Baubestandes leergeräumt und anschließend nicht mehr nutzbar gemacht wurden (Bodenschatz 1995b, S. 566). Zurück blieben oftmals großzügig dimensionierte Staatsräume (Stimmann 2016, S. 24). Staatliche Nutzungen des Bundes wie der Ministerrat und Staatsrat wurden aus dem historischen Stadtkern zurückgezogen (Stimmann 2016, S. 24). Die daraus entstandene funktionale Leere, wurde in der Folge für viele Jahre durch die nicht geklärten Eigentumsverhältnisse und Nutzungen für mögliche Investitionen geprägt (Bodenschatz 1995b, S. 566). Mit dem Ende der DDR-Zeit wurde das Kräfteverhältnis zwischen den beiden Zentren in Ost- und Westberlin wieder hergestellt. Das erstklassig errichtete Zentrum in der DDR mit dem Alexanderplatz wurde wieder zu einem zweitklassigen Zentrum und verlor an Bedeutung und Aufmerksamkeit, während das Westberliner Zentrum mit dem Potsdamer Platz und der Friedrichstraße für Investoren und Planer in den Mittelpunkt rückte (ebd., S. 566). Durch die funktionale und räumliche „Leere“ in der Berliner Mitte fehlt seit der Wiedervereinigung ein gemeinsamer Herkunfts- und Bezugspunkt, der die geistige und politische Grundlage in der Gesellschaft bildet und einen angemessenen Umgang mit der „Leere“ des großen Freiraums findet (Stimmann 2016, S. 24).

Angesichts dieser beschriebenen Problematik und der bisher ausgebliebenen Entscheidung um die künftige Gestaltung des großen Freiraums, soll in dieser Arbeit die Debatte um die Gestaltung des großen Freiraums untersucht und herausgearbeitet werden, warum sie seit der Initiierung 2009, trotz der zunehmenden Aufmerksamkeit und Diskussion in der Öffentlichkeit, immer noch geführt wird und eine Lösung in naher Zukunft nicht absehbar ist. Dazu wird das Agieren der beteiligten Akteure in den früheren Zentrumsdebatten und der aktuellen Debatte kritisch reflektiert und die bestehenden Probleme aufgezeigt, die eine bisherige Entscheidung über die Gestaltung der Freifläche seit der Neu-Initiierung der Debatte 2009 verhinderten. Ziel der Arbeit ist es, aufbauend auf dem Artikel „Berlins leere Mitte“, die Gestaltungsdebatte im Kontext der Planungsgeschichte des Freiraums und des Zentrums von Berlin einzuordnen und durch die Entwicklung von Szenarien Anregungen für die zukünftige Gestaltung des großen Freiraums zu schaffen, die die bisherige Diskussionslinie verlängern. Diese Untersuchung soll daher die Bedeutung des historischen Zentrums als Abbild der Gesellschaft für Berlin veranschaulichen. Sie versteht sich als eine Zusammenfassung, die derzeit in diesem Umfang noch nicht vorliegt und zugleich neue Denkansätze fördern soll. Der Schwerpunkt in dieser Arbeit liegt primär auf der historischen Mitte und der Gestaltung des großen Freiraums zwischen der Spree und dem Fernsehturm. Allerdings ist für dieses komplexe Themengebiet darüber hinaus auch eine Betrachtung weiterer Bereiche im Zentrum Berlins notwendig. Sie erleichtern das Verständnis und die Bewertung des heutigen städtebaulichen Zustands der Freifläche, der Debatte selbst und der Vorschläge der Akteure.

Vor diesem Hintergrund setzt sich diese Untersuchung mit folgenden Fragen auseinander: Welche Geschichte hat die heutige Gestaltung der historischen Mitte und des Freiraums geprägt und welche Relevanz hat diese für die aktuelle Debatte? Welche Akteure sind an der Debatte beteiligt? Welche Interessen werden auf der Bundes- und Landesebene vertreten? Welchen Einfluss hat der Bund auf die Planung? Bestehen Probleme bei der Zusammenarbeit zwischen dem Bund und Land? Welchen Einfluss hat die politische Konstellation auf die Planung? Gibt es Parallelen zwischen den Planungsdebatten aus der Vergangenheit für Bereiche im Zentrum Berlins und der aktuellen Gestaltungsdebatte des großen Freiraums? Wie könnte der große Freiraum in Zukunft gestaltet und in seine Umgebung eingebunden werden?

Nach dieser Einführung werden nun der Aufbau und die gewählte Methodik dieser Untersuchung skizziert.

1.4 Methodik und Aufbau der Arbeit

Während in Kapitel zwei wichtige Begriffe für diese Arbeit erläutert werden, thematisieren die Kapitel drei und vier die historische Entwicklung und die Suche nach einem Zentrum in Berlin. Es folgen die Kapitel fünf bis neun, in denen der zeitgenössische Diskurs dargestellt wird. Ab Kapitel zehn wird die Diskussion durch eigene planerische Weiterentwicklungen ergänzt.

Für diese Untersuchung wurde auf Primär- und Sekundärliteratur zurückgegriffen und fünf Expertengespräche durchgeführt. Diese wurden als Ergänzung zu der Literatur herangezogen, um ein tiefergehendes Verständnis für die Schwierigkeiten in der Debatte zu bekommen und wichtige Informationen über den derzeitigen Stand der Planung und die künftigen Herausforderungen zu erhalten. Als Gesprächspartner wurden beteiligte Akteure aus der aktuellen Debatte über die Gestaltung des großen Freiraums ausgewählt. Diese Gesprächspartner gehören unterschiedlichen Fachdisziplinen an und üben derzeit verschiedene Tätigkeiten aus. Um ein differenziertes Bild von dem aktuellen Diskurs zu erhalten, wurden einerseits mit Fuhrmann als Verkehrsplaner, Albers als Architekt, Obergutachter des Planwerks von 1996-1999 und Initiator der Neuausrichtung der Debatte 2009 sowie Bodenschatz als Sozialwissenschaftler und Stadtplaner, der zahlreiche Bücher zur Geschichte Berlins veröffentlichte, gezielt externe Fachleute ausgesucht, die nicht für die Senatsverwaltung arbeiten. Anderseits wurden mit Hömberg und Arndt zwei Akteure von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen befragt, die die aktuelle Debatte und den Prozess in der historischen Mitte leiten und dort für Projekte verantwortlich sind. Somit konnten nicht nur die Positionen zwischen den einzelnen Akteuren reflektiert, sondern auch die Positionen der externen Fachleute mit den Positionen der Fachleute aus der Senatsverwaltung gegenüber gestellt werden.

Beginnend mit dem zweiten Kapitel werden für ein besseres Verständnis wichtige Begriffe erläutert, die in dieser Arbeit für das Zentrum Berlins verwendet werden, um eine klare räumliche Zuordnung zu ermöglichen. Im dritten Kapitel wird die städtebauliche Entwicklung in den verschiedenen Zeitschichten im Zentrum Berlins aufgearbeitet, durch die die starken Transformationen der historischen Mitte und des großen Freiraums sichtbar werden. Daher ist dieser Abschnitt neben der Erklärung der Zeitschichten auch von besonderer Bedeutung für das spätere Verständnis der aktuellen Debatte. Darauf aufbauend wird im vierten Kapitel die Phase nach der Wiedervereinigung beschrieben, die der Beginn einer heftigen Zentrumsdebatte gewesen ist. In dieser Zeit wurden verschiedene Leitbilder und Methoden für die städtebauliche Gestaltung des Zentrums entwickelt, die auch heute noch gültig und auch in der Debatte von Relevanz sind. Im fünften Kapitel beginnt der zeitgenössische Diskurs der Arbeit, in dem die Lage und die derzeitige Gestaltung des Untersuchungsgebietes beschrieben werden sowie ein Größenvergleich der Freifläche mit den größten Stadtplätzen anderer Metropolen vorgenommen wird. Es folgt eine Erläuterung zu der Bedeutung des großen Freiraums für den Stadtraum und eine städtebauliche Einordnung der Freifläche in seine Umgebung. Das sechste Kapitel thematisiert die Organisationsstruktur der öffentlichen Planungsakteure auf der Bundes-, Landes- und Bezirksebene hinsichtlich der historischen Mitte und des großen Freiraums. Die jeweiligen Ebenen haben für dieses Gebiet unterschiedliche Interessen und einen ungleichgewichtigen Einfluss auf die Planung. Darüber hinaus wird die Zusammenarbeit zwischen dem Bund und dem Land Berlin für die Planung im Zentrum Berlins beschrieben. Im Anschluss folgt das siebte Kapitel, in dem die Entstehung und Entwicklung des Planwerks Innenstadt erläutert wird. Hier wird auf die Bedeutung des Planungsinstrumentes für das Berliner Zentrum eingegangen und die Haltung von der Politik und Fachleuten gegenüber dem Planwerk reflektiert. Anschließend wird im achten Kapitel die Neuausrichtung der Debatte erörtert, in der die wichtigsten Ereignisse von 2009 bis 2017 chronologisch skizziert werden. Hier wird der zunehmende Wandel der Debatte sichtbar, sodass neben dem großen Freiraum nun auch noch weitere Bereiche betrachtet werden. Des Weiteren werden im Kontext der Debatte auch der Einfluss und das bisherige Agieren der Politik und Verwaltungen kritisch reflektiert sowie mit der Amtszeit der Senatsbaudirektoren verglichen. Das neunte Kapitel stellt das Zwischenfazit dar, in welchem die Ereignisse bis 2017 noch einmal zusammengefasst werden. Im zehnten Kapitel wird ein Ausblick über die personellen und finanziell, bereitgestellten Ressourcen für die Debatte und die Gestaltung des großen Freiraums gegeben und mögliche Auswirkungen des fertig gestellten Humboldt Forums nach 2019 erläutert. Darauf aufbauend folgt im vorletzten Kapitel die Entwicklung von vier Szenarien mit unterschiedlichen Ausgangssituationen, die schematisch die Zukunft bis zum Jahr 2040 skizzieren und Anreize für eine Erweiterung der bisherigen Debatte geben sollen. Abschließend werden die wichtigsten Ergebnisse aus dem zeitgenössischen Diskurs und der eigenen Weiterentwicklung zusammen reflektiert.

2. Klärung von Begrifflichkeiten

In der Vergangenheit wurden in der geführten Zentrumsdebatte eine Vielzahl von unterschiedlichen Begriffen für die Bereiche in der historischen Mitte verwendet, die eine räumliche Zuordnung und Abgrenzung erschweren. Aus diesem Grund werden im Folgenden einige Wörter räumlich definiert, die in dieser Arbeit von Bedeutung sind und häufig aufgeführt werden. Zudem werden bestimmte Namensgebungen kritisch hinterfragt. Für die historischen Begriffe wird als Erklärung auf einen der ersten entstanden Pläne aus dem Jahr 1688 zurückgegriffen, durch den das räumliche Verständnis erleichtert werden soll.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Historische Mitte um 1688

2.1 Historische Mitte

In dieser Arbeit wird mit dem Begriff „historische Mitte“ das Areal bezeichnet, indem Berlin seinen Ursprung hat — das alte Berlin (A) und das alte Cölln (B). Die Spree (I) verläuft durch das Gebiet und trennt die ehemaligen mittelalterlichen Städte voneinander. Cölln lag auf der westlichen Seite und Berlin auf der östlichen Seite der Spree. Zudem zählen das westlich von Cölln angrenzende Friedrichswerder und ein Teil von Neu Cölln (D) südlich der Spree, heute Teil des Bezirks Mitte, als Stadterweiterungen nach dem Dreißigjährigen Krieg dazu (Bodenschatz 1995a, S. 6 f.; 2009, S. 249). Somit bildeten Alt-Cölln mit dem ehemaligen Schloss, dem Petriplatz und dem Cöllnischen Fischmarkt sowie Alt-Berlin mit den Stadtvierteln St. Marien, St. Nikolai, Heiligengeist, dem Molkenmarkt und dem Klosterviertel, zusammen mit der nördlichen Spreeinsel, die historische Mitte. Diese Bereiche haben sich seit dem Mittelalter in ihrem Umfang im Stadtraum kaum verändert (Von Kieseritzky 2012). Bereits auf dem Plan von 1688 wurde die historische Mitte durch den nördlichen (II) und südlichen Festungsgraben (III) räumlich klar abgegrenzt (s. Abb.3). Diese Abgrenzungen bestehen auch heute noch, nur mit dem Unterschied, dass die historische Mitte durch das Viadukt der Stadtbahn im Osten eingerahmt wird (Bodenschatz und Goebel 2010, S. 18). Jene räumliche Fassung wurde auch von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen übernommen. Zudem wird hier auch die ehemalige Akzisemauer mit den einzelnen Stadttoren dargestellt (s. Abb .4).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 4: Historische Mitte nach Senatsverwaltung f ü r Stadtentwicklung

Während sich bei der Senatsverwaltung der Begriff „historische Mitte“ etablierte, wird seit kurzer Zeit von Fachleuten der Planungsgruppe Stadtkern der Begriff „historischer Stadtkern“ benutzt. Hier werden Stadterweiterungen wie Friedrichswerder, westlich des Spreekanals ausgeklammert und nur Alt-Cölln und Alt-Berlin, als zwei im Mittelalter entstandene Bereiche betrachtet. Berlin ist dort rund ein halbes Jahrhundert älter als die angrenzenden Stadterweiterungen. Der Begriff Stadtkern präzisiert im Vergleich zu den Wörtern „Innenstadt“ oder „Stadtzentrum“ die historische und geographische Lage in der Stadt (Goebel 2011, S. 580). In dieser Arbeit wird jedoch überwiegend der Begriff "historische Mitte“ aufgeführt, da ansonsten Friedrichswerder als wichtiger Bestandteil dieser Arbeit ausgeklammert werden würde.

2.2 Berliner Zentrum

Um die komplexen Zusammenhänge der Zentrumsdebatte und die Ereignisse in der historischen Mitte besser einordnen zu können, ist eine Betrachtung der Bereiche über die historische Mitte hinaus notwendig. Dafür wird der Begriff Berliner Zentrum verwendet. Dieser impliziert den Bereich vom Parlament und Regierungsviertel über das Brandenburger Tor bis zum Alexanderplatz. Im Vergleich zur historischen Mitte zählen diese umliegenden Bereiche zu den Stadterweiterungen Berlins und sind deutlich jünger (vgl. Goebel 2011).

2.3 Alt-Berlin

Alt-Berlin (A) befindet sich als Teil der ehemaligen Altstadt auf der östlichen Seite der Spree. Der südliche Teil der Altstadt um St. Nicolai (c) wurde bereits vor dem offiziellen Gründungsdatum 1237 entwickelt und ist älter als der nördliche Teil der Altstadt um St.

Marien (d). Dieser entstand im Zuge der mittelalterlichen Stadterweiterungen Anfang des 13. Jahrhunderts. Durch die nördliche und südliche Altstadt verlief die Georgenstraße (r), die damals durch die Stadterweiterungen zur Hauptstraße von Alt-Berlin wurde. Heute hat die Straße nur noch eine geringe Bedeutung und wird

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Abb. 5: Fragmentierung Alt-Berlins

Rathausstraße genannt (Bodenschatz 2009, S. 249; s. Abb. 5). Neben dem Bedeutungsverlust der Rathausstraße ist heute kaum noch ein Zusammenhang des früheren Kernbereichs zwischen dem kleineren, nördlichen Teil, dem mittleren Teil und dem etwas größeren südlichen Teil Alt-Berlins zu erkennen. Der Teil Alt-Berlin Mitte, als heutiger Freiraum, wird durch die Karl-Liebknecht-Straße vom nördlichen Teil Alt-Berlins und durch die Rathausstraße vom südlichen Teil Alt-Berlins getrennt und bildet eine Art Schneise (Bodenschatz 2009, S. 249). Nördlich des großen Freiraums liegt ein Drittel des restlichen Stadtkerns, südlich Zweidrittel (Goebel 2011, S. 580).

2. 4 Marx-Engels- und Rathausforum

Die „Leere“ wird durch die überdimensionierte Freifläche zwischen dem Alexanderplatz im Osten und der Spree im Westen bestimmt. Sie ist durch zwei unterschiedlich große und funktional getrennte Flächen gekennzeichnet. Diese beiden Flächen sollen jedoch nicht räumlich voneinander getrennt, sondern als eine zusammenhängende Fläche betrachtet werden. Während die eine Fläche seit der DDR-Zeit „Marx-Engels-Forum“ genannt wird, fehlt für die andere Fläche ein Name. Seit 2009 wird von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen der inoffizielle Begriff „Rathausforum“ benutzt (Expertengespräch Bodenschatz). Die Senatsverwaltung weist mit dem Namensvorschlag Rathausforum darauf hin, dass die Bedeutung des Freiraums als Zentrumsbereich zu DDR- Zeiten verloren gegangen ist und dem Stadtraum seit der Wiedervereinigung eine neue Landes- und kommunalpolitische Bedeutung zugekommen ist (SenStadtWohn 1). Daher wird mit diesem Namen eine Grundhaltung vorausgesetzt, mit dem Ziel, den öffentlichen Raum städtebaulich, architektonisch und landschaftsarchitektonisch neu zu gestalten (SenStadtWohn 2). Da der Name jedoch inoffiziell nur von der Senatsverwaltung geführt wird, ist eine offizielle Namensgebung für die Freifläche erforderlich, da Namen Identität schaffen und mit Programmen und Erinnerungen verbunden werden. Ferner ist unklar, ob der Begriff Rathausforum den gesamten großen Freiraum vom Alexanderplatz bis zur Spree impliziert oder nur den Bereich vor dem Fernsehturm (Bluhm et al. 2014). Vor diesem Hintergrund wird durch die fehlende Namensgebung für eine Teilfläche, der gesamte Freiraum in der historischen Mitte, als zentrales Thema dieser Arbeit, mit dem Begriff „großer Freiraum“ bezeichnet. Die Schwierigkeiten für eine geeignete Namensfindung des großen Freiraums und auch für andere Areale in Berlin bestehen schon seit Jahrzehnten. Bereits Anfang der 90er Jahre wurden Namen wie „Central Park“, „Altstadtpark“ oder „Forum Berolini“ vorgeschlagen, die keine angemessenen Namensgebungen für den großen Freiraum zu sein scheinen. Hierbei wird besonders das Wort „Forum“ immer wieder aufgegriffenen und im Kontext mit verschiedenen Orten und Stadtplätzen banalisiert (Bodenschatz 1995a, S. 78). Dadurch kann der Begriff Forum in Berlin schon fast als eine Inflation verstanden werden. Zu erwähnen sind hier nur das Forum Köpenick, das Forum Steglitz oder das Forum Fridericianum. Auch Planungsinstrumente wie das „Stadtforum“ als Partizipationsformat werden danach benannt (Bluhm et al. 2014). Im Bereich der historischen Mitte können die unterschiedlichen Namensgebungen der Flächen im Kontext mit dem Wort „Forum“ auf die ideologische Haltung der verschiedenen Akteure zurückgeführt werden. Während von den Konservativen die gesamte Freifläche „Marienforum“ und von der Senatsverwaltung „Rathausforum“ genannt wird, ist das „Marx-Engels-Forum“ bei den Anhängern der DDR- Moderne weiterhin präsent (Goebel 2011, S. 579). Diesem Begriff kommt daher in Berlin eine besondere Bedeutung zu. Wird nun ein Blick auf die gesamte historische Mitte geworfen, so ist eine ganze Platzabfolge nach dem Wort „Forum“ benannt. Nachdem 2009 neben dem Marx-Engels-Forum die östliche Fläche Rathausforum genannt wurde, erhielt fast zeitgleich die westlich des Marx-Engels-Forum gelegene Fläche den Namen Humboldt Forum. Diese drei Flächen bilden ein breites Band im Zentrum der historischen Mitte (ebd. 2011, S. 580). Das Wort „Forum“ wird demnach mit der gesamten Platzfolge in der historischen Mitte assoziiert. Doch stellt sich hier die Frage, ob der Begriff Forum angemessen und geeignet für den großen Freiraum ist. Die Antwort ist mit nein zu beantworten. Der Begriff Forum stammt aus der antiken Römerzeit. Seither diente das Forum Romanum in Rom mit seiner zentralen Platzanlage als Orientierung für eine Vielzahl von anderen Städten. An diesem zentralen Platz konzentrierten sich die wichtigsten politischen Institutionen der Stadt. Hier befanden sich das Ratsgebäude, ein Platz für die Abhaltung von Vo l k s v e r s a m m l u n g e n , originäre Bauten, die Sitz der wichtigsten Magistrate waren und das juristische und religiöse Zentrum darstellten. Dort gab es für das Volk eine besondere, kulturelle Vielfalt

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Abb. 6: Platzabfolge - Humboldt Forum, Marx-Engels-Forum und Rathausforum

aus Veranstaltungen, Spielen und Festen. Darüber hinaus war ein Forum auch ein Ort des Handels. Es hatte die Funktion eines Marktplatzes, der durch Markthallen ergänzt wurde. Demnach war ein Forum ein multifunktionaler Raum, der die Bedürfnisse der Stadtgesellschaft an einem Ort bündelte und einen gesellschaftlichen Austausch ermöglichte, durch den Interaktionen und Kommunikation gefördert wurde (Digitales Forum Romanum o.J.). Werden nun die zentralen Zentrumsfunktionen eines Forums mit den vorhandenen Funktionen um den großen Freiraum herum verglichen, wird eine starke Diskrepanz deutlich. Während die zentrale Lage des großen Freiraums und die vielfältigen Nutzungen in der näheren Umgebung sowie die Marienkirche, als Dom- und Bischofskirche des Landes Berlins, als wichtige religiöse Funktion einem Forum gerecht werden, fehlen der Freifläche dennoch besonders wichtige politische und juristische Institutionen. Zwar residiert im Roten Rathaus die Staatskanzlei als Exekutive, allerdings befindet sich die Legislative außerhalb der historischen Mitte. Außerdem ist eine Vielzahl von Gerichten über den gesamten Stadtraum verteilt (Goebel 2011, S. 579 f.). Darüber hinaus verliert die direkte Umgebung des großen Freiraums weiter traditionelle Handelsfunktion. Im Jahr 2013 wurde die Markthalle im Berlin Carré geschlossen und durch Büroflächen ersetzt (Berliner Kurier 2012). Daher besitzt der große Freiraum bei ganzheitlicher Betrachtung zu wenig bedeutende Zentrumsfunktionen, um einem „Forum“ gerecht werden zu können. Zudem ist neben den fehlenden, wichtigen Zentrumsfunktionen auch die Dimension der Freifläche zu groß, um ein angemessenes Forum zu repräsentieren.

Wird jedoch noch einmal ein Blick zurück auf die Gestalt der Fläche des großen Freiraums in der Vergangenheit geworfen, dann wurde der große Freiraum durch unterschiedliche Zeitschichten geprägt und besaß deutlich mehr Zentrumsfunktion als heute. Die großen Veränderungen der städtebaulichen Struktur des großen Freiraums werden als Einstieg in das folgende Kapitel der historischen Entwicklung durch einen Vergleich der Pläne von 1688 und dem Schwarzplan von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen von 2010 dargestellt, indem eine starke Transformation des heutigen großen Freiraums auffällt (s. Abb. 7). Während damals der große Freiraum durch eine kleinteilige, dichte Bebauung bestimmt wurde, sind im Laufe der letzten Jahrhunderte unterschiedliche Leerräume auf der Fläche entstanden, die durch einen starken städtebaulichen Eingriff im 20. Jahrhundert ausgebaut und manifestiert wurden (vgl. Bodenschatz 1995a). Von der Bebauung auf dem großen Freiraum blieb nur die Marienkirche, als letztes historisches Erbe aus der Gründerzeit erhalten. Ihre Gestalt wurde über die Jahrhunderte verändert, sodass die Marienkirche zusammen mit dem neu angelegten Vorplatz ein Abbild der verscheiden Zeitschichten darstellt, die nun wieder erkennbar gemacht wurden (Hauptstadtportal o.J.a; s. Abb. 8).

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Abb. 7: Ü berlappung Plan von 1688 mit Abb. 8: Marienkirche mit Vorplatz Schwarzplan von 2010

3. Städtebauliche Entwicklung des historischen Zentrums

Die meisten Berliner wissen heute nicht mehr, dass ihre Stadt eine historische Mitte mit einer Altstadt hatte. Auf der heutigen großen Freifläche zwischen Fernsehturm und Spree erinnern nur noch wenige Spuren an das vormoderne Berlin. Es hat den Anschein, als hätte es eine ehemalige historische Stadtstruktur nie gegeben und Erinnerungen an die historische Mitte sind erloschen. Vor diesem Hintergrund wird anhand des folgenden Kapitels durch einen Kurzabriss der wichtigsten, prägenden Epochen der städtebaulichen Entwicklungsgeschichte des Zentrums Berlins und der historischen Mitte nachgegangen werden und die starke Transformation des heutigen großen Freiraums beschrieben. Die Planungen wurden hierbei in einem hohen Maß von den politischen Interessen in der jeweiligen Zeitschicht bestimmt. Durch die Aufarbeitung der Geschichte werden die Zusammenhänge und bedeutende Handlungsverläufe aufgezeigt, die notwendig für die später geführte Zentrumsdebatte sind.

3.1 Ursprung bis Kaiserzeit (1200-1871)

Die heutige Bundeshauptstadt hat ihren Ursprung um das Jahr 1200, als sich Kaufleute zu beiden Seiten des Mühlendamms an dem ältesten Spreeübergang Berlins ansiedelten (Bürgerforum Berlin e.V. 2015). Zu dieser Zeit entstand durch die hochmittelalterliche Ostexpansion die Doppelstadt Berlin-Cölln. Berlin lag auf der östlichen Seite der Spree und Cölln auf der westlichen Seite. Beide Städte hatten ein Rathaus und eine Kirche (Bodenschatz und Goebel 2010, S. 18). Der Stadtkern hatte eine Fläche von 100 Hektar und bildete die Altstadt von Berlin (ebd., S. 17). Im Laufe des 13. Jahrhunderts wurde Berlin größer, sodass neben der Berliner Altstadt mit einer Kirche und einem Marktplatz, im nördlichen Erweiterungsgebiet, eine weitere Kirche mit einem Marktplatz entstand. Durch die fehlende Bedeutung des Fernhandels, war Berlin während des Mittelalters keine Stadt von europäischem Ausmaß. Aus diesem Zeitabschnitt gingen keine besonderen und unverzichtbaren Bauten in der Altstadt hervor. Die Rathäuser, Kirchen und Marktplätze waren eher bescheiden angelegt. Aufgrund der geringen Bedeutung blieb Berlin dünn besiedelt. Auch die Vereinigung von Berlin-Cölln und die Ernennung zur Residenzstadt änderten an der Bedeutungslosigkeit nur wenig. Diese Bedeutungslosigkeit wurde auch durch die erst späte Erfassung von Stadtplänen mit einem ersten Stadtgrundriss im 17. Jahrhundert belegt. Dieser wurde von Johann Gregor Memhardt um das Jahr 1652 gezeichnet und stellt im Wesentlichen die gleiche Größe und Form wie im 13. Jahrhundert dar. Lediglich auf der Spreeinsel befand sich nun der Herrschaftssitz des Kurfürsten. (ebd., S. 18). Nach dem Dreißigjährigen Krieg 1648 stieg Berlin zu einer Mittelmacht in Europa auf und gewann an Bedeutung. Anfang des 18. Jahrhunderts wurde die Residenzstadt, durch die Ernennung

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Abb.9: Historische Mitte mit den mittelalterlichen Gr ü ndungsorten Alt-Berlin und Alt-C ö lln vor dem Bau der Befestigungsanlagen, Memhardt-Plan von Berlin, 1650

des brandenburgischen Kurfürsten zum preußischen König baulich aufgewertet. Ein barockes Schloss wurde gebaut, welches zum ersten Mal ein Bau mit überregionaler Strahlungskraft war. Für das Schloss sollte sich der gesamte Stadtraum mit seinen städtischen Funktionen unterordnen, um eine „Via Triumphales“ errichten zu können (Bodenschatz und Goebel 2010, S. 19). Mit der Entscheidung, die Straße Unter den Linden, auf der westlichen Seite des Schlosses auszubauen und als neue Prachtstraße anzulegen, war das Schicksal des Ostens und der Altstadt besiegelt. Diese befand sich nun hinter dem Schloss und rückte somit in den Schatten (Bodenschatz 2009, S. 250). Die neuen staatlichen Bauten wurden fortan im Westen errichtet und forcierten das städtebauliche Ungleichgewicht der Stadtentwicklung zwischen der westlichen und östlichen Seite des Schlosses (Bodenschatz und Goebel 2010, S. 19). Der Schwerpunkt Berlins verlagerte sich somit auf die westliche Seite des Schlosses. Alt-Berlin verlor nicht nur an Bedeutung, sondern auch an Aufmerksamkeit und finanziellen Mitteln. Somit wurden die Areale östlich des Schlosses zu einem zweitklassigen Zentrum abgestuft und die Gebiete westlich davon um die Via Triumphales zu einem erstklassigen Zentrum aufgewertet (Bodenschatz 2009, S. 250 f.). Mit der Frühindustrialisierung im späten 18. und im 19. Jahrhundert wuchs Berlin rasant an und stieg, als Hauptstadt Preußens, auf eine Ebene mit anderen Weltstädten auf. Die negative Haltung Berlins gegenüber ihrer Altstadt blieb jedoch erhalten, da diese, im Verhältnis zu alten Stadtkernen andere Weltstädte, weiterhin schlicht gehalten wurde. Obwohl eine Geringschätzung für die Altstadt vorhanden war, änderte sich der Umgang mit ihr um 1850 (Bodenschatz und Goebel 2010, S. 21).

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Abb. 10: Ostausrichtung des Berliner Schlosses, Jean Baptiste Broebes, um 1702/1703

3.2 Kaiserzeit und Weimarer Republik (1871-1933)

Nach der Ernennung zur Reichshauptstadt im Jahr 1871 wurden Umbauplanungen vorgenommen, die auf eine Verbesserung des Ost-West-Verkehrs abzielten. Zudem distanzierte sich Berlin von einer kleinteiligen Parzellenstruktur, da diese einer modernen Zentrumsentwicklung entgegenstand. Es setzte ein Verdrängungsprozess der unteren Bevölkerungsschicht im Zentrum Berlins ein (Bodenschatz 1995a, S. 44). Ziel war es, ein einheitliches Stadtbild im Zentrum der Stadt sowohl für das Teilzentrum im Westen als auch für das Teilzentrum im Osten zu schaffen, in dem eine Warenzirkulation und Herrschaft angemessen ausgeübt werden konnte, wenngleich andere Funktionen verloren gingen (Bodenschatz 1995a, S. 16). Im Zuge dieser städtebaulichen Entwicklung im 19. und 20. Jahrhundert wurde die historische Mitte zu einem Schauplatz von großen Erneuerungsprojekten (Bodenschatz und Goebel 2010, S. 21). Mit dieser massiven städtebaulichen Modernisierung des Stadtkerns von 1865-1914 entstand bis zum Ende der Kaiserzeit eine moderne Innenstadt (Bürgerforum Berlin e.V. 2015). Neben einem neuen Rathaus und einem Stadtgericht (Bodenschatz und Goebel 2010, S. 21) wurden zahlreiche neue Wohn- und Geschäftshäuser gebaut. Lediglich in einigen Randlagen und kleineren Gassen blieben Häuser aus der Vormoderne erhalten (Bürgerforum Berlin e.V. 2015). Wird jedoch der Stadtumbau Berlins im 19. Jahrhundert mit Städten wie Paris oder Wien verglichen, werden große Unterschiede deutlich. Während um die 1850er Jahre in beiden Städten der Staat für die Umbauten, mit dem Ziel der Verschönerung und Aufwertung der Städte verantwortlich gewesen ist, war es in Berlin ab 1880 das damalige Magistrat. Die Modernisierung in Berlin erfolgte im Gegensatz zu Paris und Wien unter der Missachtung der bestehenden Substanz in der Altstadt. Diese ging mit radikalen Straßendurchbrüchen- und Verbreitungen einher und zerstörte den historischen Stadtgrundriss (Bodenschatz und Goebel 2010, S. 22 f.). Während die Modernisierungsplanungen zunehmend stärkere städtebauliche Konturen annahmen, verliefen diverse Planungen für Straßendurchbrüche im Sand (Bodenschatz 1995a, S. 17). Einer dieser Pläne wurde jedoch in den 1880er Jahren umgesetzt (Bodenschatz & Goebel 2010, S. 22 f.). Dieser Plan sah einen Durchbruch für die neue Kaiser-Wilhelm-Straße vor, durch die der Verkehr auf der Königsstraße, der heutigen Rathausstraße, im östlichen Teilzentrum entlastet werden sollte. Mit dem Durchbruch der Kaiser-Wilhelm-Straße erfolgte zeitgleich der Bau der Anlagen für die Stadtbahn auf dem ehemaligen Königsgraben. Dadurch sollte der Massenverkehr reduziert und eine Ausdehnung der City Ost weiter in östliche Richtungen verhindert werden. Die erhoffte gleichmäßige Entwicklung der beiden Teilzentren West und Ost blieb jedoch durch den Durchbruch aus. Stattdessen blühte das östliche Teilzentrum auf und erfuhr eine Expansion nach Osten (Bodenschatz 1995a, S. 17; Bodenschatz und Goebel 2010, S. 23). Zudem wurde bis 1895 die beidseitige Bebauung um den Mühlendamm für die Mühlendammbrücke abgerissen, die später Wegbereiter für den Durchbruch der achtspurigen Grunerstraße durch die südliche Altstadt war. Diese folgenschweren Eingriffe, zusammen mit weiteren Gassen- und Straßenausweitungen in der historischen Mitte bis zum ersten Weltkrieg, veränderten die Struktur der Altstadt nachhaltig (Bodenschatz und Goebel 2010, S. 23).

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Abb. 11: Historische Mitte vor Stra ß endurchbruch Abb. 12: Historische Mitte nach Durchbruch der 1870 Kaiser-Wilhelm-Stra ß e 1888

1910 setzte in Europa und auch in Berlin eine moderne Planungs- und Ordnungsbegeisterung ein, die das bisherige städtebauliche Vorgehen hinterfragte. Ziel der Planung war es, eine einheitliche Neugestaltung des gesamten Stadtraumes zu schaffen, in der die Erfordernisse des Verkehrs und der Beseitigung historischer Substanz berücksichtigt werden sollten (Bodenschatz und Goebel 2010, S. 23). Um die Planung für die weitere Entwicklung des Zentrums voranzutreiben, wurde im gleichen Jahr ein städtebaulicher Ideenwettbewerb „Groß-Berlin“ durchgeführt und die Ergebnisse zum ersten Mal in einer Ausstellung der Öffentlichkeit präsentiert. Infolge der fehlgeschlagenen Angleichung der beiden Teilzentren und der weiteren Ausdehnung des östlichen Teilzentrums lag der Fokus des Wettbewerbes auf der „Forcierung der Tertiärisierung der Innenstadt“, da besonders die städtebauliche Qualität in der historischen Mitte weiterhin als mangelhaft angesehen wurde. Das Zentrum der Stadt sollte der staatliche und politische „Mittelpunkt des Reiches“ werden (Vereinigung Berliner Architekten und Architektenverein zu Berlin 1907, S. 8; Konter 1995, S. 252). Allerdings blieben die Entwürfe des internationalen Wettbewerbs für Groß-Berlin für die weitere Entwicklung des Zentrums erfolglos und wiesen überwiegend die gleichen Ansätze auf.

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Abb. 13: Dichte, parzellierte Bebauung im Zentrum der historischen Mitte vor dem ersten Weltkrieg 1910

Trotz dessen es bereits bis zum ersten Weltkrieg einige Modernisierungs- und Baumaßnahmen gegeben hatte, blieb die kleinteilige, parzellierte dichte Bebauung in der historischen Mitte und auf dem heutigen großen Freiraum erhalten. Bis zu dieser Zeit wurde die Fläche neben einer dichten Bebauung durch den „Neuen Markt“ als Handels- und Warenumschlagplatz geprägt. Die Marienkirche hatte durch die Bebauung eine räumliche Fassung erhalten und bildete zusammen mit dem Neuen Markt und dem Luther-Denkmal den gemeinsamen Stadtplatz. Zu erkennen ist hier schon der Durchbruch der überdimensionierten Kaiser- Willem-Straße, die zu diesem Zeitpunkt bereits Auswirkungen auf den heutigen großen Freiraum hatte und die Altstadt in zwei Bereiche fragmentierte (s. Abb. 12). Allerdings änderte sich auch schon auf der späteren Fläche des großen Freiraums die städtebauliche Gestaltung. Während 1886 der Neue Markt durchgängig einen Stadtplatz von Nord nach Süd bis zum Rathaus bildete und die Marienkirche von Häusern eingegrenzt wurde, so wurde die Gestalt in den folgenden Jahren durch die Freilegung der Marienkirche, die Bebauung vor dem Rathaus sowie der Durchbruch der Kaiser-Wilhelm-Straße verändert, die den Neuen Markt verkleinerten und die Aufenthaltsqualität reduzierten (s. Abb. 13). Aufgrund der Folgen der baulichen Zerstörungen des ersten Weltkrieges (Bodenschatz und Goebel 2010, S. 23f.), wurden in der Folge nur die Nutzungen der Gebäude verändert. Besonders Großgrundstücke in Alt-Berlin dienten zweitklassigen Nutzungen, die vor allem von der Kommune und dem Gerichtswesen selbst genutzt wurden. Alt- Berlin wurde für die Kommune mit dem Rathaus, dem Stadthaus und weiteren geplanten Verwaltungsgebäuden zum Ort der Selbstinszenierung. Die Gebäude im westlichen Teil des Zentrums beherbergten stattdessen weiterhin erstklassige, zentrale Nutzungen wie die Ministerien des Staates und hochrangige Kulturinstitutionen (Bodenschatz 2009, S.

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Abb. 14: Meydenbauer ’ sche Blick vom Roten Rathaus auf den Neuen Markt mit dichter Bebauung 1868, heute gro ß er Freiraum

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Abb. 15: Blick vom Roten Rathaus nach der Freilegung der Marienkirche um 1910 verstärkte sich (Bodenschatz 2009, S. 251 f.).

3.3 Nationalsozialismus (1933-1945)

251). Zudem hatten beide Zentren einen Schlüsselplatz. Während für das westliche Teilzentrum der Potsdamer Platz von Bedeutung gewesen ist, war es im östlichen Teilzentrum der Alexanderplatz. Ein weiterer Unterschied zwischen den Teilzentren war die Errichtung von Anlagen für wichtige Bahnhöfe am Rand des westlichen

Teilzentrums. Zudem waren die umliegenden Bereiche im Westen bürgerlich geprägt und im Osten proletarisch bis subproletarisch. Ferner war die Diskrepanz auch in dem unterschiedlichen Stadtgrundriss, der Parzellenstruktur, den Bauten und Nutzergruppen zu erkennen und die Ablehnung der historischen Mitte

In der Zeit des Nationalsozialismus (NS) führte die Ablehnung der Altstadt zu einem umfassenden Stadtumbau von Alt-Berlin. Allerdings wurde entgegen einer monumentalen Nord-Süd-Achsenplanung, eine neue Etappe des Stadtumbaus für Alt-Berlin eingeleitet, in der die bisherige historische Geringschätzung für die Altstadt deutlich zum Ausdruck kam.

Demnach wurde durch die Mitte von Alt-Berlin eine riesige Schneise geschlagen, die den nördlichen und südlichen Teil der Altstadt spaltete. Zudem sollte die Mühlendammbrücke für eine breite Autostraße weichen. Für das Nikolaiviertel war eine Museumsinsel mit historischen Bauten geplant, das abgerissen und woanders wieder aufgebaut werden sollte. Dieses Projekt sowie die geplanten Straßenerweiterungen scheiterten jedoch in der südlichen Altstadt, wenngleich mit einer zunehmenden Zerstückelung in der historischen Mitte begonnen wurde.

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Abb. 16: Nicht realisierter Verkehrsplan f ü r Umbau der s ü dlichen Altstadt, 1930

In der südlichen Altstadt wurde ein monofunktionales Büroquartier geschaffen, durch das der Baubock vor dem Stadthaus, der den historischen kleinen Molkenmarkt begrenzte, abgerissen wurde (Bodenschatz 2009 S. 252). Insgesamt sind für die Umbaumaßnahmen in der NS-Zeit über 200 jüdische Bauten in der historischen Mitte abgerissen worden. Durch das unerlaubte Aneignen der Grundstücke spiegelt die NS-Zeit auch das diktatorische Unrecht in diesen Bereichen wieder (Planungsgruppe Stadtkern Berlin 2014). Nach den Zerstörungen aus dem zweiten Weltkrieg und dem Wiederaufbau ging die historische Bebauung und das private Bodeneigentum fast vollständig verloren (Bürgerforum Berlin e.V. 2015). Insgesamt wurden ab 1840-1970 von 1500 bestehenden Bauten 1488 in der Altstadt abgerissen, sodass heute nur noch zwölf Bauten erhalten sind. Aus der Bauepoche von 1840-1945 konnten 39 Gebäude erhalten werden (Bodenschatz und Goebel 2010, S. 17). Lediglich vier Kirchen sind mit der Marienkirche auf dem großen

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Abb. 17: Enteignung j ü discher Grundst ü cke in NS-Zeit

Freiraum, der Nikolaikirche im Nikolaiviertel, der Parochialkirche und Franziskaner-Klosterkirche im Klosterviertel sowie dem Roten Rathaus bestehen geblieben (s. Abb. 17).

3.4 Deutsche Demokratische Republik (1949-1990)

Nachdem die Altstadt im zweiten Weltkrieg fast vollständig zerstört worden war, gewann sie im Zuge der Teilung von West und Ost Berlin und der Übernahme der Deutschen Demokratische Republik (DDR) wieder an Bedeutung. Die Verantwortlichen suchten für ihre politischen Institutionen einen geeigneten Standort, in dem die Institutionen in einem Bereich zusammen organisiert werden konnten, da die Staatsgebäude zuvor in West- und Ostberlin untergebracht waren. Doch die unterschiedlichen Vorstellungen des Westens und Ostens nach einem politischen Standtort führten zu einer zunehmenden Diskrepanz die auch in den folgenden Wettbewerben sichtbar wurden. Zum einen führte der Bund gemeinsam mit Westberlin einen Hauptstadtwettbewerb in den Jahren 1957 und 1958 durch (Flierl 1992, S. 257). Der Siegerentwurf von Spengelin, Eggeling und Pempelfort zeigte das neue Zentrum Berlins, das durch Ost-West-Hauptstraßenbänder eine räumliche Fassung erhalten sollte und mit einem großflächigen Abriss des Bestandes verbunden war (Bodenschatz 1995a, S. 60). Das Regierungszentrum stellte hier der Spreebogen in Westberlin dar. Als Gegenantwort auf diesen Siegerentwurf folgte der Vorschlag von Kosel, Hopp und Mertens. Hier und auch schon in einigen anderen Entwürfen wurde seit Beginn der 50er Jahre nach sowjetischem Vorbild ein zentrales Gebäude als Stadt- und Staatsmitte im Osten angestrebt (Flierl 1992, S. 257). Das zentrale Regierungshochhaus befand sich auf dem späteren Marx-Engels-Forum, als Teil des heutigen großen Freiraums. Zudem war auf dem heutigen großen Freiraum die Marienkirche mit einer baulichen Teilfassung, das Rote Rathaus mit einem Vorplatz und westlich der Stadtbahntrasse eine Blockbebauung erkennbar (s. Abb. 18; Bodenschatz 1995a, S. 59). Der Gegenentwurf von

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Abb. 18: Regierungshochhaus der DDR als zentrales Geb ä ude auf dem gro ß en Freiraum 1957, Entwurf von Kosel, Hopp und Mertens

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Abb. 19: Forum der Nation und Turm der Signale 1959, Modell Hermann Henselmann

Kosel leitete auch einen Wettbewerb für das Stadtzentrum aus der Perspektive der Ostberliner in den Jahren 1958 und 1959 ein (vgl. Kosel 1958). Wie der Westberliner sah auch der Ostberliner Wettbewerb für das Stadtzentrum eine fl ä c h e n d e c k e n d e , bestandszerstörende Modernisierung vor. Zentral war allerdings weiterhin die Gestaltung und exakte Festlegung des Standtortes für ein zentrales Regierungsgebäude (Bodenschatz 1995a, S. 60). Ein Entwurf in dem Ostberliner-Wettbewerb fiel von Hermann Henselmann besonders ins Auge, weil er statt einem Regierungshochhaus einen „Turm der Signale“ als Stadtdominate vorschlug (Flierl 1992, S. 257). Der Fernsehturm sollte hier nahe des Alexanderplatzes errichtet werden. Südlich des großen Freiraums sollte eine autogerechte Schnellstraße von der südlichen Spreeinsel bis zum Alexanderplatz geführt werden und das angrenzende Nikolaiviertel wieder aufgebaut werden (Bodenschatz 2009, S. 253). Während in den Entwürfen der 50er Jahre zunehmend die neue städtebauliche Struktur in der historischen Mitte als eine Art „Band“ erkennbar war, wurden für die Umsetzung bereits einige Maßnahmen durchgeführt (Bodenschatz 1995a, S. 59). Demnach wurde das nach dem zweiten Weltkrieg zerstörte Schloss als Barriere zwischen den westlichen und östlichen Bereichen auf der Spreeinsel entfernt, sodass eine strukturelle und räumliche Verbindung der

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Abb. 20: Ö stliche Altstadt von S ü den mit Rathaus und Nikolaikirche vor Baubeginn der Stadtumbauma ß nahmen in der DDR

zwei bisher nie zusammengewachsenen Stadtteile Friedrichstadt und der mittelalterlichen Stadt ermöglicht wurde (Deutsche Bauakademie/Stadtbauamt 1959, S. 3). Das neue Zentrumsband sollte in Ost-West- Richtung durch die Karl-Liebknecht-Straße im Norden und die Königsstraße im Süden, heutige Rathausstraße, eingegrenzt und am Alexanderplatz zusammengeführt werden sowie im Anschluss an den Bereich in der Stalinallee, als neue Prachtstraße im Osten, anknüpfen (Bodenschatz 1995a, S. 59). 1959 wurde von der Idee eines mittleren Hauptstraßenzuges über die Französische Straße und Rathausstraße Abstand genommen und die Leipziger Straße, der Mühlendamm, die Gertraudenstraße und die Grunerstraße als neuer Hauptstraßenzug realisiert. Dadurch wurde die West-Ost-Ausrichtung der beiden Hauptstraßenzüge vollendet und zugleich das Zentrumsband verkürzt und verbreitert. In der Folge wurde die Rathausstraße, als südliche Straßenbegrenzung des heutigen großen Freiraums verkehrsberuhigt. Die Straßeneingriffe hatten insgesamt schwere Auswirkungen auf die städtebauliche Struktur der historischen Mitte, da fortan eine ungleiche Verteilung der Nutzungsmöglichkeiten vorlag. Der neue, breite südliche Straßenzug hinterließ eine Verkehrsschneise, die eine historische Passage mit Halteplätzen negierte und nur noch Verkehrsgelenke wie den Spittelmarkt hatte (Bodenschatz 1995a, S. 60).

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Abb. 21: Zentrumsband in der DDR mit dem Alexanderplatz, dem gro ß en Freiraum und Marx-Engels-Platz

Durch die geschaffene neue städtebauliche Struktur entwickelte sich das neue Zentrum der DDR zu einer Abfolge von großen Plätzen und Freiräumen, in der das Zentrumsband mit leichter nördlicher Neigung in Ost-West-Richtung entstand. Dieses Band bestand von Ost nach West aus dem Alexanderplatz, dem großem Freiraum und dem Marx-Engels-Platz. Räumlich aufgeteilt wurde dieser Raum durch die S-Bahntrasse in Nord-Süd-Richtung zwischen Alexanderplatz und großem Freiraum und dem Palast der Republik zwischen Marx- Engels-Platz und großer Freiraum. Begrenzt wurde es im Westen von dem Außenministerium der DDR und dem Haus der ehemaligen Elektroindustrie im Osten (ebd., S. 61). Die Zentrumsdebatten in den fünfziger Jahren ebneten somit den Weg für die heutige Gestaltungsform des großen Freiraums (Bodenschatz 1995a, S. 61). Mit dem neu gefundenen politischen Zentrum der DDR wurden in den Jahren 1962 bis 1964 auf der Spreeinsel, in dem Bereich des Marx-Engels-Platzes, das neue Gebäude des Staatsrates gebaut. 1964 bis 1967 folgte der Bau des Auswärtigen Amtes, das durch seine Ausrichtung und Höhe bewusst die historische Mitte und die Dorotheen- und Friedrichstadt städtebaulich abwertete und die Bereiche in der historischen Mitte stärken sollte. Anderseits verkürzte es das Zentrumsband deutlich (ebd., S. 61). In den Jahren 1973 bis 1976 wurde auf dem Marx-Engels-Platz der Palast der Republik erreichtet, durch den das Zentrumsband zwischen Alexanderplatz und Marx-Engels-Platz abschließend seine Form erhielt (ebd., S. 62). Trotzdem war in der DDR- Zeit keine konkrete Städtebaupolitik erkennbar.

3.4.1 Großer Freiraum

Nachdem anfangs der Entwurf von Henselmann im Jahr 1959 mit einem „Turm der Signale“ als höchster Punkt in Ostberlin kritisch betrachtet und weitere Entwürfe diskutiert wurden, fand der Fernsehturm letztlich südwestlich des Bahnhofs Alexanderplatz seine Position und wurde zwischen 1965 und 1969 errichtet (Bodenschatz 1995a, S. 63 f.; SenstadtWohn 3). Mit seiner imposanten Höhe war der Fernsehturm deutlich höher als die Marienkirche und das Rote Rathaus. Prägende weitere Höhendominanten im weiteren Umfeld des großen Freiraums waren im Westen der rekonstruierte Berliner Dom (1975-81) und im Osten das Hotelhochhaus am Alexanderplatz (1967-70). Nach dem Bau des Fernsehturms ordnete sich der Freiraum bis zur Spandauer Straße dem Turm unter. Die Gestaltung der Teilfläche des späteren großen Freiraums wurde im Wesentlichen seit dem Jahr 1972 durch die Umbauung des Fernsehturms bestimmt. Seitdem besitzt der große Freiraum seine hexagonale Form. Die Freifläche unter dem späteren Fernsehturm wurde bis 1973 konzeptionell getrennt von der späteren Freifläche des Marx-Engels-Forum betrachtet (ebd.). Erst durch die Erweiterung des Bereichs in westliche Richtung wurde auch die Freifläche des heutigen Marx-Engels-Forums mit einbezogen. 1973 erhielt diese Freifläche eine Aufwertung durch eine Begrünung, die im Zuge der Weltfestspiele der Jugend und Studenten von Aktivisten der Freien Deutschen Jugend (FDJ) angelegt wurden. Im gleichen Jahr wurde durch den Baubeginn des Palastes der Republik auf der Spreeinsel von einem Regierungshochhaus auf dem späteren Marx-Engels- Forum Abstand genommen und somit die westliche Verlängerung zu einem großen Freiraums endgültig beschlossen. Die begrünte Parkanlage westlich der Spandauer Straße wurde zwischen den Jahren 1984 und 1985 zu dem heutigen Marx-Engels-Forum umgestaltet und in der Mitte des zuvor angedachten zentralen Regierungshochhaus eine Anlage aus Bronzeplastik und Stelen errichten, um an die Idee zu erinnern. In der Folge wurden die Nutzungen eingeschränkt und die Grünanteile reduziert. Das Marx-Engels-Forum bildet zusammen mit dem Freiraum unter dem Fernsehturm eine rechteckige Form. Seine räumliche Fassung bekam die Fläche im Osten durch die S-Bahntrasse und den rekonstruierten Bahnhof (1963-64) sowie den im Westen gebauten Palast der Republik. Auf der südlichen Seite wurde es durch einen Baukomplex an der Rathausstraße (1967-73), dem Roten Rathaus (1861-69) und der nördlichen Front des Nikolaiviertels begrenzt (ebd., S. 64). Durch die Transformationen zu der heutigen Freifläche verlor das Rote Rathaus seine besondere städtebauliche Bedeutung und fügte sich nur noch als ein Bestandteil der südlichen Seite zwischen dem östlichen Baukomplex und dem westlichen Nikolaiviertel ein. In Letzterem und in den Rathauspassagen des Baukomplexes wurden verschiedene Funktionen wie Einzelhandel, Gastronomie und Wohnungen untergebracht. Auch baulich wies die gesamte Südfront des großen Freiraums eine unterschiedliche Form und Gestaltung auf. Auf der nördlich angrenzenden Seite an die Freifläche erstreckte sich von Ost nach West eine Wohnscheibe, ein Baukomplex bis zur Spandauer Straße (1968-73) und das Gebäude des Palasthotels (1976-79). Eine ähnliche Funktionsmischung wie auf der Südseite lag auch für den nördlichen Bauklomplex und die Wohnscheibe vor, wobei in der Wohnscheibe auch eine Markthalle integriert wurde (ebd.). Die nördliche und südliche Hochhausscheibe hatten jeweils eine Länge von 150 Metern, die vor allem die Fläche unter dem Fernsehturm klar begrenzten (Bürgerforum e.V. 2015). Die Neubauten aus den sechziger Jahren waren mit 42 Metern doppelt so hoch wie die Vorgabe für die Berliner Traufhöhe. Entgegen der Funktionsmischung auf der nördlich und südlich angrenzenden Seite des großen Freiraums, hatte die Freifläche selbst, eine unzureichende Aufenthaltsqualität für die Berliner Bevölkerung und Touristen zu bieten. Daran konnten auch einerseits die einzelnen Solitäre Fernsehturm, Marienkirche, Kaskadenbrunnen und der im Jahr 1969 restaurierte Neptunbrunnen sowie andererseits das Marx-Engels-Denkmalensemble nichts ändern und den großen Freiraum angemessen strukturieren (Bodenschatz 1995a, S. 64 ).

3.4.2 Südliche Spreeinsel und Friedrichswerder

Mit den radikalen Modernisierungsplanungen in den fünfziger Jahren und der Abrisspolitik in den sechziger Jahren wird nicht nur die heutige Form des großen Freiraum in der historischen Mitte verbunden, sondern auch der Verlust von historisch bedeutsamen Bauten, wie der Bauakademie von 1961 bis 1962, der Petrikirche 1964 und des gesamten Areals der Fischerinsel sowie zwei wichtigen Halteplätzen. Die kleinteilige, parzellierte Struktur ging auf der Fischerinsel verloren und der Straßenzug zwischen Gertraudenbrücke und Mühlendamm wurde entfernt, sodass in hohem Maß die Identität Berlins verloren ging und eine ähnlich, gravierende Folge wie der Abriss des Schlosses auf dem Marx-Engels-Platz hatte. Damit wurde Alt-Cölln, als einer der beiden Gründungsorte Berlins, ausgelöscht und aus dem Stadtgedächtnis entfernt. Zudem wurde durch die neue achtspurige Gertraudenstraße die nördliche von der südlichen Bebauung fragmentiert und die Fischerinsel von seiner Umgebung isoliert. Als Zeitzeuge existierte fortan nur noch die Gertraudenbrücke und Scharrenstraße. Später wurde die Fischerinsel mit Hochhäusern bebaut, die sich baulich nicht in das Stadtbild einfügten und die Isolierung weiter verstärkten (Bodenschatz 1995a, S. 65).

3.4.3 Zeit nach der Wiedervereinigung

Nach der Wiedervereinigung änderte sich schlagartig die Vorstellung für die weitere städtebauliche Gestaltung der historischen Mitte. Besonders das Zentrumsband in der DDR sollte eine Aufwertung durch eine neue Gestaltung erhalten. Während jedoch Ideenwettbewerbe für den Schlossplatz auf der Spreeinsel und den Alexanderplatz durchgeführt wurden und für heftige Debatten sorgten, blieb der große Freiraum von den Planungen ausgeklammert und wurde nicht zum Gegenstand einer öffentlichen Debatte (Bodenschatz 1995a, S. 65) Er verlor somit seine Funktion und an Bedeutung. Von den Diskussionen ausgenommen, blieben auch die Bereiche im Norden und Süden des großen Freiraum, die seit dem in ihrer Bebauung und Funktion stabil geblieben sind (ebd., S. 76 ff.). In der Folge wurde das westliche Teilzentrum städtebaulich stark aufgewertet und die historische Mitte und der große Freiraum abermals vernachlässigt (ebd. S. 160). Ein angemessener Umgang mit dem großen Freiraum blieb auch deshalb aus, da es den Verantwortlichen an Kenntnissen der Planungs-, Bau- und Besitzgeschichte, besonders aus der DDR-Zeit zu fehlen schien (Bürgerforum Berlin e.V. 2015).

Wird die ereignisreiche Geschichte betrachtet, sind heute noch die Zäsuren, die durch die Mitte geschlagen worden sind, an verschiedenen Stellen in der historischen Mitte, als Folge von unterschiedlichen Planungen und städtebaulichen Umsetzungen in der jeweiligen Zeitschicht sichtbar. Während die Kaiser-Wilhelm-Straße zur Kaiserzeit gebaut und in der nationalsozialistischen Zeit zur West-Ost-Achse wurde, erfuhr sie in der DDR-Zeit kleinere Veränderungen und wird seitdem als Karl-Liebknecht-Straße bezeichnet. Auch die Veränderungen des Molkenmarktes oder der Mühlendammbrücke sind ein sichtbarer Teil der Überlappung von Zeitschichten. Diese waren ein wesentlicher Inhalt in der NS-Planung, wurden jedoch erst in der DDR-Zeit durch einen Abriss oder Bau realisiert. Zudem sollte in der NS-Zeit das Nikolaiviertel abgerissen und durch ein Museumsviertel ersetzt werden. In der DDR wurde diese Planung wieder aufgegriffen und das Nikolaiviertel als eine Art Freilichtmuseum rekonstruiert. Weitere sichtbare Überlappungen der Zeitschichten aus der Kaiserzeit und Weimarer Republik sind in der historischen Mitte, ausgenommen des Straßendurchbruchs der Kaiser-Wilhelm-Straße, nicht vorhanden, da zu dieser Zeit umfangreiche, strategische Pläne und Ressourcen fehlten (vgl. Expertengespräch Bodenschatz). Die historische Mitte ist somit ein Zeugnis von sichtbaren und unsichtbaren Spuren, die in der langen Stadtgeschichte durch die verschiedenen Epochen stark transformiert wurde und auf die jahrhundertealte geringe Wertschätzung von Alt-Berlin zurückzuführen ist, in der sich die Herrschenden für ihre Altstadt schämten (Bodenschatz 2009, S. 250; s. Abb. 22).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 22: St ä dtebauliche Ver ä nderung der historischen Mitte 1940, 1953, 1989

4. Startschuss der Zentrumsdebatte seit dem Jahr 1990

In diesem Kapitel werden die Entstehung und der Verlauf der Debatte um die künftige Gestaltung des großen Freiraums und der historischen Mitte beschrieben. Dazu wird zu Beginn die Bedeutung von Leitbildern für die historische Mitte erläutert und welche Leitbilder bis zur Wiedervereinigung verfolgt wurden. Anschließend werden nach der Wiedervereinigung die entstandenen Leitbilder der „Kritische Rekonstruktion“ und „Berlinischer Architektur“ skizziert und die Probleme aufgezeigt, die mit diesen Leitbildern für die Gestaltung der Berliner Mitte verbunden sind.

4.1 Bedeutung von Leitbildern im Kontext der historischen Mitte

Die historische Mitte in einer Stadt wurde durch unterschiedliche Phasen städtebaulich stark verändert und wird sich auch in Zukunft in einem Wandel befinden. Hinsichtlich der Gestaltung der historischen Mitte und des großen Freiraums existieren verschiedene Vorstellungen von unterschiedlichen Akteuren. Diese sind auf der Suche nach Planungsalternativen, die ein neues Spannungsfeld erzeugen können und die Identitätsfrage in den Mittelpunkt stellen. Um diese Vorstellungen einzuordnen, eignet sich die Erstellung eines Leitbildes, nach dem Zeitumstände und Rahmenbedingungen erfasst werden und an denen sich die künftige Planung und Umsetzung von städtebaulichen Maßnahmen orientieren kann (vgl. Harlander und Fehl 1986). Darüber hinaus sind Leitbilder meistens an Akteure oder eine starke Persönlichkeit gebunden, die ihre Wünsche verbreiten und damit bestimmten Vorstellungen für die Zukunft eine größere Bedeutung verschaffen möchten (Göb 1982, S. 263). Im Bereich des Städtebaus werden vorrangig die Zukunftsvorstellungen in ein Leitbild transportiert. Dies kann negative Auswirkungen auf das jeweilige Gebiet haben, da besonders Fachleute aus den Disziplinen Architektur und Stadtplanung eine schöpferische Position vertreten, durch die teilweise mit einer Erneuerung des Gebietes gleichzeitig auch eine Zerstörung des Bestandes verbunden ist. In der Entstehungsphase wird ein Leitbild erstmal unter den Fachleuten diskutiert. Sollte eine Zustimmung erfolgen, wird das Leitbild in die Öffentlichkeit getragen. In der Folge kann dieses Leitbild zu einem anerkannten Ziel formuliert werden und eine Handlungsempfehlung für die künftige Gestaltung erfolgen (Waber 1995, S. 437 ff.). Wie mit Leitbildern für die Gestaltung der historischen Mitte Berlins in der Vergangenheit umgegangen wurde, wird im Folgenden aufgezeigt.

4.2 Leitbilder Kritische Rekonstruktion und Berlinische Architektur

Das bestimmende Leitbild in den unterschiedlichen Zeitepochen seit dem 18. Jahrhundert war in verschiedenen Abständen je nach Herrscher und Ideologie die Angleichung der historischen Mitte im Osten an die Dorotheen- und Friedrichstadt im Westen, in der das Schloss die

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 23 (1): Angleichung zwischen westlichem- und ö stlichen Grenze zwischen den beiden

Teilzentrum Bereichen bildete (Bodenschatz 1995a, S. 44). Seit dem Mauerbau im Jahr 1961 entwickelten sich West- und Ostberlin zu getrennten Städten, die jeweils andere städtebauliche Leitbilder entwickelten. Während Westberlin eine polyzentrische Raumstruktur verfolgte, orientierte sich Ostberlin an einer monozentrischen Raumstruktur, sodass der zentrale Mittelpunkt Ostberlins und des Staates sich von der Spreeinsel bis zum Alexanderplatz erstreckte (Schwedler 2001, S. 25; Bluhm et al. 2014). Nach der Wiedervereinigung Berlins kam es nicht nur zu einem funktionalen Vakuum in der historischen Mitte, sondern auch zu einem planerischen Vakuum, da eine gemeinsame Planungsgrundlage fehlte (Bodenschatz 1995, S. 147). Die Unsicherheit war groß, wie mit dem Zentrum umgegangen werden sollte.

[...]

Ende der Leseprobe aus 234 Seiten

Details

Titel
Zentrumsdebatte um die Leere in Berlins „historischer Mitte“. Auf der Suche nach einer städtebaulichen Gestaltung für den Freiraum zwischen Alexanderplatz und Spreeufer
Hochschule
Universität Kassel
Note
2,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
234
Katalognummer
V430923
ISBN (eBook)
9783668752085
Dateigröße
7515 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
zentrumsdebatte, leere, berlins, mitte, suche, gestaltung, freiraum, alexanderplatz, spreeufer
Arbeit zitieren
Sören Heinze (Autor), 2018, Zentrumsdebatte um die Leere in Berlins „historischer Mitte“. Auf der Suche nach einer städtebaulichen Gestaltung für den Freiraum zwischen Alexanderplatz und Spreeufer, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/430923

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