Putin und die "russische Idee"


Bachelorarbeit, 2007
92 Seiten, Note: 1,6
Anonym

Leseprobe

Gliederung

Einleitung

I Die „russische Idee“
1.1. Definitionsproblematik
1.2. Vladimir Sergeevič Solov´ev
1.2.1. Leben und Schaffen
1.2.2. „Sittlichkeit und Politik – Die historischen Verpflichtungen Russlands“
1.2.3. „Über die Nationalität und die nationalen Angelegenheiten Russlands“
1.2.4. „Die Liebe zum Volk und das russische Ideal der Nation“
1.2.5. „Die slavische Frage“
1.2.6. „Was wird von einer russischen Partei gefordert?“
1.2.7. „Die russische Idee“
1.3. Nikolaj Aleksandrovič Berdjaev
1.3.1. Leben und Schaffen
1.3.2. Die „russische Idee“ bei Berdjaev
1.3.3. Grundlagen der Philosophie Berdjaevs
1.3.4. Die „russische Idee“ im 19. Jahrhundert
1.3.5. Humanismus und die „russische Idee“
1.3.6. Religionsphilosophie und Solov´ev
1.3.7. Kommunismus und die „russische Idee“

II Renaissance der „russischen Idee“ in der Umbruchsphase
2.1. Politische Ausgangslage
2.2. Die Identitätskrise
2.2.1. Ursache der Krise
2.2.2. Versuche, das ideologische Vakuum auszufüllen
2.3. Die neue Diskussion um die „russische Idee“
2.3.1. Grundlagen
2.3.2. Diskussion in der Zeitschrift „Iskusstvo kino“
2.3.3. Diskussion an „Runden Tischen“
2.3.4. El´cin und der Aufruf in der „Rossijskaja gazeta“
2.4. Exkurs 1: Die neue Staatssymbolik unter El´cin
2.4.1. Gründe für eine neue Staatssymbolik
2.4.2. Das Staatswappen
2.4.3. Die Staatsflagge
2.4.4. Die Hymne

III Präsident Putin und die „russische Idee“
3.1. Vladimir V. Putin
3.2. Exkurs 2: Veränderung der Staatssymbolik
3.2.1. Allgemeines
3.2.2. Änderungen der Staatssymbolik
3.2.3. Die Einführung der neuen Staatssymbolik
3.3. Außenpolitik
3.3.1. Allgemeines
3.3.2. Russland in der Welt
3.3.3. Russland und Europa
3.4. Aufbau einer Zivilgesellschaft
3.4.1. Anforderungen an die Zivilgesellschaft
3.4.2. Rückwärtsgewandtheit
3.5. Wie der Zusammenbruch des Sowjetsystems empfunden wurde
3.6. Die multiethnische russische Gesellschaft
3.7. Fazit

Nachwort

Literatur- und Quellenverzeichnis

Internetquellen

Zeitschriften

Einleitung

Meine Bachelorthesis behandelt das Thema „Putin und die „russische Idee““. Im Zentrum der Arbeit soll die Politik Vladimir Putins stehen und inwiefern diese mit Inhalten des philosophischen Konzepts mit dem Namen „russische Idee“ versehen ist.

Dazu muss zunächst geklärt werden, welche Fragestellungen die „russische Idee“ beinhaltet und wie diese Probleme gelöst werden können. Daher werde ich mich im ersten Abschnitt meiner Arbeit mit der philosophischen Theorie zur Thematik befassen. Dabei ist besonders zu beachten, dass eine genaue Definition des Konzepts immer nur bei dem jeweiligen Philosophen, den man untersucht, möglich ist. Die Gründe dafür liegen vor allem im Umfang des Themas, in der bereits langen Geschichte einzelner Inhalte und der Vielzahl der Autoren, die sich mit der „russischen Idee“ auseinandergesetzt haben.

Mit der Kenntnis dieses Hintergrundes habe ich mich dafür entschieden, in meiner Thesis vor allem auf zwei Autoren einzugehen, die sich in besonderem Maße mit dem Schicksal Russlands in der Weltgeschichte beschäftigt haben. Der Erste ist der in das 19. Jahrhundert einzuordnende Religionsphilosoph Vladimir Solov´ev, der sich 1888 in Paris mit seinem Vortrag „L´idee russe“ in die Diskussion um die „russische Idee“ einbrachte. Mit Nikolaj Berdjaev werde ich auf den anderen großen Denker eingehen, der mit seinem 1946 erschienenen Buch „Russkaja ideja. Osnovnye problemy russkoj mysli XIX veka i načala XX veka“ eine der wohl umfassendsten Arbeiten zum Diskurs über die „russische Idee“ beisteuerte.

Die Werke beider Philosophen waren in der Sowjetunion verboten und durften nicht gedruckt werden. Zur Zeit der Perestrojka erfuhren beide Philosophen aber eine Renaissance und flossen maßgeblich in die neuen Diskussionen um die „russische Idee“ im Transformationsprozess von Sowjetstaat zur Russischen Föderation ein. Daher sind sie von großem Interesse, nicht nur in ihrer eigenen geistesgeschichtlichen Epoche.

Im zweiten Teil meiner Arbeit werde ich mich der Rezeption der „russischen Idee“ in der Umbruchsphase der Sowjetunion, sowie im neuen Russland widmen. Dabei werde ich den Fokus besonders auf die Wechselwirkungen zwischen den existentiellen Befindlichkeiten in der Bevölkerung nach dem Zusammenbruch des sowjetischen Systems und der Renaissance der „russischen Idee“ richten. Weiterhin wird eine Rolle spielen, wer sich in dieser Phase auf welche Weise mit diesem Konzept auseinandergesetzt hat.

Seit Ende der 80er Jahre ist die Diskussion um die „russische Idee“ in der russischen Gesellschaft wieder in vollem Gange. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion suchte man nach dem neuen Platz und einer Aufgabe für Russland in der Welt. Die russische Gesellschaft versuchte sich neu zu definieren. Dazu griff man auf alte Traditionen und Werte zurück und knüpfte an die Zeit vor der Revolution von 1917 an.

Doch wie ist die Situation unter dem aktuellen Präsidenten Vladimir Putin? Welches Verhältnis zu diesen Fragen kann man aus seiner Politik ableiten? Wurden die von Jutta Scherrer beispielsweise als „ideologisches Vakuum“[1] bezeichneten Identitätsprobleme überwunden? Welche Prioritäten setzt Vladimir Putin für die Rolle Russlands in der Weltpolitik? Auf all diese Fragen werde ich im dritten Teil meiner Arbeit eingehen.

Der amtierende Präsident ist in den Augen der Russen die starke Hand, die das Land braucht um sich aus der Krisensituation zu befreien. Tatsächlich gab es unter Putin zahlreiche positive Veränderungen. Dennoch bleibt zu untersuchen, an welchen Prinzipien er sich bei der Gestaltung seiner Politik orientiert.

Vor allem die Reden Putins sollen mir dazu dienen, zu analysieren, inwieweit Putin auf Konzeptionen der „russischen Idee“ eingeht. Das wird auf der Basis untersucht, die der erste Teil meiner Arbeit liefert, welcher sich mit den Grundideen der „russischen Idee“ bei Solov´ev und Berdjaev auseinandersetzt. Hier wird analysiert, wie Putin diese Konzepte nutzt beziehungsweise umsetzt.

I Die „russische Idee“

1.1. Definitionsproblematik

Eine konkrete Definition der „russischen Idee“ zu geben, gestaltet sich als sehr schwierig – zu vielfältig sind die Ausprägungen und zu lang ist die Geschichte dieser geschichtsphilosophischen Idee. Ein Teil ihrer zentralen Konstrukte haben eine Vorgeschichte, die sich teilweise bis in das 15. Jahrhundert zurückverfolgen lässt.

Die erstmalige Zusammenfassung bestimmter Gedanken unter dem Begriff „russische Idee“ lässt sich nicht genau bestimmen. Fakt ist jedoch, dass sich im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts immer mehr Schriftsteller und Philosophen mit diesem Begriff auseinandersetzten. Dies zeigt vor allem die Vielzahl der Publikationen, die in dieser Zeit erschienen. 1848 spricht Fedor Tjučev von einem „russischen Gedanken“, außerdem schreibt Fedor Dostoevskij 1861 sowie 1876/77 in seinem „Dnevnik pisatelja za 1877 god“ über die „russische Idee“ und Vladimir Solov´ev hält 1888 in Paris den bereits erwähnten Vortrag „L´idee russe“. Danach folgen immer mehr Schriften zur Thematik, wie beispielsweise 1907/08 V. Ivanovs Essay „O russkoj idee“, V. V. Rozanovs 1914 erschienenes Fragment „Vosle „russkoj idei““ oder L.P. Karsavins Werk von 1922 „Vostok, Sapad i russkaja ideja“.[2]

In seinem Werk hat sich besonders der Philosoph Nikolaj Berdjaev mit der „russischen Idee“ auseinandergesetzt. Er veröffentlicht nach dem ersten Weltkrieg seinen Aufsatz „Russkaja religioznaja ideja“, sowie 1946 sein Buch „Russkaja ideja. Osnovnye problemy russkoj mysli XIX veka i načala XX veka“.[3]

In seinen Werken äußert sich Berdjaev auch zur Problematik einer präzisen Definition der „russischen Idee“. Wilhelm Goerdt zitiert Berdjaev in seinem Buch „Russische Philosophie“ folgendermaßen:

„Die Verschiedenheit dessen, was unter „russ. Idee“ jeweils gefaßt wird, kommt sehr eindrücklich zutage, wenn Berdjajew von all den „russischen Denkern“ und „großen russ. Schriftstellern“ spricht, und allen, „die an der russischen Idee teilhaben“ […]“[4]

Tatsächlich lässt sich die Reihe der oben genannten Werke zum Thema bis in die heutige Zeit fortsetzen und so kommt es, dass es zwar viele Beiträge zur „russischen Idee“ gibt, es jedoch niemals ein vollständiges Werk über die „russische Idee“ in ihrer Gesamtheit geben kann. Weiterhin ist der Prozess der Ideenfindung für Russland noch lange nicht abgeschlossen, somit kann es in der Diskussion um die „russische Idee“ keine Endgültigkeit geben, sondern immer nur Versuche, das darzustellen, was in der jeweiligen Perspektive von Relevanz ist. Aufgrund dieser Tatsache werde ich im folgenden Teil meiner Arbeit besonders auf die Ansichten Solov´evs eingehen, der laut Berdjaev der „bedeutendste[r] Vertreter der russischen religiösen Philosophie des 19. Jahrhunderts“[5] ist. Auch Berdjaev selbst wird im Mittelpunkt der Betrachtungen stehen, da er sich in seinem Schaffen intensiv mit der „russischen Idee“ in der Geschichte als auch in seiner Zeit auseinandersetzte. Sowohl Solov´ev als auch Berdjaev gehören zu den meistgelesensten Philosophen während der Epoche der Perestrojka. Auch in der Folgezeit waren ihre Beiträge ein fester Bestandteil in der neu entfachten Diskussion um die „russische Idee“, deren Wiedergeburt die Neuauflage ihrer Bücher zum Thema maßgeblich mit beeinflusste.

Goerdt kommt nach der Vorstellung der Meinungen einiger russischer Philosophen wie eben Berdjaev oder V. Ivanov zu folgendem Versuch einer Definition:

„Doch bei aller möglichen, durch die Komplexität der russischen Wirklichkeit nahegelegten Verschiedenheit, ja Gegensätzlichkeit, der inhaltlichen Ausgestaltung von „russischer Idee“ kann formell gesagt werden, daß es in der Intention einer jeden Bestimmung eben derselben um die Frage der Selbsterkenntnis und der ihr entsprechenden Aufgabe Rußlands in der Welt geht.“[6]

Die „russische Idee“ versucht also, Antworten auf die Fragen nach dem Standort Russlands sowie seiner Mission in der Welt zu beantworten. Dabei unterscheiden sich jedoch die Positionen, weil jeder der sich mit Russland beschäftigt, anders über den Platz des Landes in der Welt urteilt. Gewisse Konstanten bleiben dennoch bestehen, die allerdings unterschiedlich mit Leben gefüllt werden. So ist zum Beispiel oft vom „russischen Sonderweg“ die Rede. Wie dieser jedoch aussieht, ist in der Philosophie eines jeden Autors unterschiedlich definiert.

Ein weiteres Beispiel stellt das Thema „Russland und Europa“ dar. Auch hier gibt es verschiedene Ansatzpunkte. Die Einen sehen in Russlands Aufgabe eine Art Mittlerrolle zwischen dem Westen und dem Osten, die Anderen bevorzugen die Hinwendung Russlands zum Osten, da der Westen schädlich für die Entwicklung des Landes sei. So unterscheiden sich die Ausprägungen der „russischen Idee“ in vielfältiger Art und Weise. Es bleiben aber gewisse Grundprobleme erhalten, die immer neu interpretiert werden.

Goerdt definiert weiterhin:

„“Russische Idee“ ist somit ein Titel für jeglichen Versuch, eine „platonisierende“, gleichsam a priori allgemeine, intuitive Erkenntnis des „Wesens“ oder eine a posteriori verallgemeinernde, empirische Beschreibung des „Charakters“ des russischen Volkes auf der Grundlage seiner Geschichte zu geben sowie daraus eine philosophische Bestimmung seiner geschichtlichen Aufgabe abzuleiten.“[7]

Die „russische Idee“ untersucht demzufolge entweder Russlands Zukunft, indem sie versucht die Rolle Russlands für die Weltgemeinschaft zu bestimmen oder aber widmet sich in ihrer historischen Perspektive dem russischen Charakter, der zur derzeitigen Situation Russlands geführt hat.

Dabei haben beide Ausrichtungen mit gewissen Schwierigkeiten zu kämpfen. Für die Analyse des Charakters einer Nation fehlen natürlich empirische Beweismittel oder Daten. Für die Bestimmung der russischen Zukunft kann es keine endgültige wahre Lösung geben, da immer nur darüber spekuliert werden kann, wie Russlands Zukunft aussehen könnte. In beiden Fällen kann man zwar nah an die Wahrheit herankommen, sie wird jedoch nie vollständig aufgedeckt werden können.[8]

Im „Lexikon der russischen Kultur“ findet man unter dem Begriff „russische Idee“ folgende Erläuterung: „Ein Element im russ. Denken, das die nationale Selbsterkenntnis entfalten, Russl.s Platz und Rolle in der allgemeinen Geschichte bestimmen und die Besonderheiten des nationalen Charakters beschreiben soll.“[9] Es werden vor allem Dostoevskij, Solov´ev und Berdjaev als historische Vertreter der „russischen Idee“ genannt, denen eine Überzeugung „von einer Schicksalsbestimmung Russl.s, von seinem Messianismus“[10] gemeinsam sei.

Nach dem „Lexikon der russischen Kultur“ prägte Dostoevskij den Begriff „russische Idee“ 1861, als er in seiner Zeitschrift „Vremja“ über das Verhältnis der russischen zur europäischen Kultur schrieb. Während sich Dostoevskij eher dem russischen Menschen und seiner Bestimmung für die Menschheit zuwendet, beschäftigt sich Solov´ev vielmehr mit dem eigentlichen Inhalt der russischen Idee, nämlich mit dem Schicksal Russlands und dessen Bedeutung für die Weltgeschichte. Berdjaev ist insofern wichtig für die russische Idee, als er in seinen Vorstellungen bei Dostoevskij und Solov´ev anknüpfe.[11]

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die genaue Bestimmung der Beiträge, die wirklich zur „russischen Idee“ gehören, aufgrund einer fehlenden präzisen Definition schwer fällt. Die Schwierigkeit der Definition beruht unter anderem auch darauf, dass die zahlreichen Beiträge unterschiedliche Intentionen haben und aus den verschiedensten philosophischen und nichtphilosophischen Richtungen kommen. Schließlich handelt es sich ja auch um ein Thema, das eine ganze Nation betrifft und beschäftigt, dementsprechend möchte jeder an der Ausgestaltung einer „russischen Idee“ teilhaben.

Gewisse Eckpunkte kann man jedoch festhalten: Es geht immer darum, die Antworten auf die Fragen zu finden, welchen Platz Russland in der Weltgeschichte hatte, wo es im Moment steht und welche Aufgaben für das Land vorgesehen werden.

1.2. Vladimir Sergeevič Solov´ev

1.2.1. Leben und Schaffen

Als Sohn des russischen Historikers Sergej M. Solov´ev und Poliksenia Vladimirovna, zu deren Familie auch der Denker G. S. Skovoroda gehört, wurde Vladimir Sergeevič am 16. Januar 1853 geboren. Trotz des in seiner Familie stark vertretenen orthodoxen Glaubens wird Solov´ev liberal erzogen. Sehr früh beginnt er philosophische Werke, vor allem der Slavophilen und der deutschen Idealisten, zu lesen, wobei ihn Hegel und Schelling am meisten beeinflussen. Zunächst studiert Solov´ev an der naturwissenschaftlichen Fakultät der Moskauer Lomonosov-Universität. Im zweiten Studienjahr erfolgt dann aber der Wechsel an die historisch-philosophische Fakultät, wo er sich nun ausschließlich dem Studium der Philosophie widmet. Unter dem Einfluss der Materialisten bricht Solov´ev während der ersten Zeit an der Universität mit der orthodoxen Kirche, was ihm den Zorn seines rechtgläubigen Vaters einbringt.[12]

21-jährig verteidigt er im Jahre 1874 seine Magisterarbeit, die trotz der Tatsache, dass sie mehrere hundert Seiten umfasst, fast ohne Fachliteratur auskommt. Mit dieser Arbeit stellt er bereits ein fast selbstständiges philosophisches Konzept vor. Das zeugt von Solov´evs geistigen Fähigkeiten auf dem Gebiet der Philosophie.[13]

Seit Juni 1876 lehrte Solov´ev an der Moskauer Universität, die er jedoch wegen Intrigen unter den Professoren im März 1877 verlässt und nach St. Petersburg geht, wo er einen Posten beim Wissenschaftlichen Komitee im Ministerium für Volksbildung erhält. Darüber hinaus lehrt er an der dortigen Universität, wo er 1880 promoviert.[14]

Die zahlreichen verschiedenen philosophischen Strömungen, mit denen Solov´ev im Laufe seiner Jugend und Studienzeit bekannt wird, fließen später auch in seine Philosophie ein. So finden sich, wenn nicht orthodoxe, so zumindest christliche Vorstellungen in seinem Werk ebenso wieder, wie die bereits erwähnten deutschen Idealisten Hegel und Schelling, und auch das Interesse an der Geschichte Russlands.[15]

Sergei A. Levitzky fasst die Bedeutung Solov´evs für die russische Philosophie in seinem Buch „Russisches Denken – Gestalten und Strömungen“ folgendermaßen zusammen:

„Vladimir Solov´ev (1853-1900) ist von ereignishafter historischer Bedeutung für die russische Philosophie ebenso wie für das gesamte russische Selbstverständnis. Als Denker von ungewöhnlicher spekulativer Kraft und Begründer einer selbständigen Tradition der russischen Philosophie wollte er sich niemals damit zufriedengeben, nur ein neues philosophisches System zu errichten. Solov´evs schöpferischer Geist suchte nicht nur mystische Betrachtungen und abstrakte Spekulationen, sondern vor allem die tätige Verwirklichung der ursprünglichen christlichen Weltanschauung im Leben. Die Bedeutung seines Lebenswerkes liegt in jenem religiösen Messianismus, der sein ganzes Tun und Denken durchzieht.“[16]

Mit seiner Philosophie steht Solov´ev tatsächlich am Rande des Diskurses zwischen Slavophilen und Westlern. Er gehört keiner der beiden Denkrichtungen an, obschon seine Wurzeln im Slavophilentum liegen. Obwohl er Letzteres kritisiert, wendet er sich dennoch auch nicht den Westlern zu. Seine Philosophie ist eine eigenständige Sicht der Dinge mit den zentralen Begriffen „Gottmenschentum“, „Messianismus“ und „ökumenische Weltkirche“. Für Solov´ev sind das nicht nur abstrakte Begriffe auf dem Papier. Er versucht, ihnen Leben einzuhauchen und seine Vision von der „All-Menschlichkeit“ zu verwirklichen.

Er ist davon überzeugt, dass seine Philosophie der Schlüssel zur Überwindung der damaligen Krise der Menschheit ist und mit ihr der Aufbau einer besseren Welt für alle Menschen möglich ist. Grundlage für all das ist immer das ökumenische Christentum, welches er predigt.

Das Ziel seines Denkens sieht Solov´ev in der Rechtfertigung des Glaubens seiner Väter. Er will ihn auf eine „neue Stufe vernünftiger Erkenntnis heben“ und zeigen, „wie dieser Glaube, wenn man ihn von den Fesseln örtlicher Besonderheiten und nationaler Eigenliebe befreit, mit der ewigen und universalen Wahrheit zusammenfällt […]“, so schreibt er im Vorwort zu „Istorija i budušnost´ teokratii“.[17]

Levitzky macht den Versuch Solov´evs Schaffen in drei Perioden einzuteilen. Er erkennt eine erste, sogenannte „theosophische“ Phase, in der Solov´ev die Grundprinzipien seines philosophischen Credos formuliere. Während dieser Zeit entfalte er die slavophile Idee von der vornehmlich religiösen Berufung Russlands. Auf diesen Abschnittt schließe sich eine zweite, auch „theokratische“ Periode genannt, an, in der er die Einigung der Kirchen und die Unterordnung der Orthodoxie unter den römischen Primat propagiere und mit dem Slavophilentum breche. In dieser Periode entwickle Solov´ev den Plan einer „universalen Theokratie“ auf der Basis freiwilliger Unterordnung des Staates unter die Kirche. Die dritte Periode, die sich über seine letzten Lebensjahre erstrecke, kennzeichne eine schwere Krisis und tiefe Zweifel an Theokratie und Utopie. Er verliere den Glauben an die planmäßige Verwirklichung des Guten in der Geschichte, ihn quäle die Vorahnung vom Kommen des Antichrists und von künftigen Weltkatastrophen. Denkmal dieser Geisteshaltung des Philosophen seien die berühmten „Tri razgovory““ mit der „Kratkaja povest´ ob antichriste“.[18] Obwohl diese Phasen nicht immer scharf voneinander zu trennen sind, stellen sie doch eine grobe Gliederung seines Schaffens dar und bauen aufeinander auf.

Seine Philosophie setzt sich hauptsächlich damit auseinander, wie man sich auf die Ankunft des Reiches Gottes auf Erden am besten vorbereiten kann und welche Voraussetzungen dafür von der ganzen Menschheit geschaffen werden müssen. Grundprobleme sind für ihn vor allem die Spaltung der Kirchen und deren Unwille, sich wieder zu einer einzigen Ökumene zusammenzuschließen. Weiterhin ist der stetig wachsende Nationalismus ebenso ein Hemmnis, wie auch die Spaltung der Kirchen selbst und ihr Unwille einen neuen Zusammenschluss zu diskutieren.

1.2.2. „Sittlichkeit und Politik – Die historischen Verpflichtungen Russlands“

Unter dem Titel „Die nationale Frage in Russland“ wurden die Aufsätze Solov´evs, welche zwischen 1883 und 1891 erschienen sind, als Sammelband veröffentlicht. Sie alle behandeln dem Titel des Buches gemäß die Problematik um Russlands Platz und Aufgabe in der Welt. Solov´ev widmet sich, immer im Kontext des Christentums, unter anderem Themen wie Geschichte, Politik und Nationalbewusstsein. Im ersten Teil des Buches sind hauptsächlich Artikel Solov´evs zusammengestellt, in denen er seine Philosophie vorstellt. Die Ausnahme bildet der Aufsatz „Russland und Europa“, in dem sich der Autor mit Danilevskijs Kulturtypenlehre auseinandersetzt. Im zweiten Teil sind Aufsätze gesammelt, die eine Diskussion um die philosophischen Ansichten der Zeit wiedergeben.

Im Vorwort seines Buches beschreibt Solov´ev, worum es sich bei der „russischen nationalen Frage“ handelt:

„Aber je dauerhafter Russland besteht, desto dringlicher erscheint die Frage: Wofür und in wessen Namen existiert es? Es geht nicht um ein materielles Faktum, sondern um ein ideelles Ziel. Die nationale Frage in Rußland ist keine Existenzfrage, sondern die Frage nach einer würdigen Existenz.“[19]

Dass diese Frage zu Russlands Rolle in der Welt gestellt wird, beweist schon, dass Russland als Nation existiert. Allerdings verfügt Russland über kein konkretes Ziel seiner Existenz. Findet sich ein geistiges Ziel für Russland, dann kann es auch ein angemessenes Leben führen. In seiner Philosophie versucht Solov´ev, Russland dieses philosophische Ziel zu geben.

In seinem Artikel „Sittlichkeit und Politik – Die historischen Verpflichtungen Russlands“ von 1883 behandelt Solov´ev vor allem die Rolle der Politik bei der Verwirklichung seiner Vorstellung von einer geeinten Menschheit. Er definiert die Rolle der Politik in seinem philosophischen Konzept im Rahmen des Christentums folgendermaßen:

„Wie die christliche Sittlichkeit auf die Verwirklichung des Reiches Gottes im einzelnen Menschen abzielt, so soll die christliche Politik die Ankunft des Reiches Gottes für die gesamte Menschheit vorbereiten, also für ein Ganzes, das aus großen Teilen – den Völkern, Stämmen, Staaten – besteht.“[20]

Das Reich Gottes vereint also die gesamte Menschheit, ohne irgendwelche nationalen oder geistlichen Grenzen zu ziehen. Um dieses Ziel zu erreichen, sollte der Staat eine Politik nach christlichen Regeln verfolgen.

Dieses Ziel konnte bisher jedoch noch nicht erreicht werden, da es in der Welt immer noch unüberbrückbare Differenzen zwischen den verschiedenen Völkern, Nationen und Glaubensrichtungen gibt. Doch anstatt den Versuch zu unternehmen diese Spannungen zu überwinden, wachsen der Nationalismus ebenso wie der Patriotismus immer stärker.[21] Für Solov´ev ist das ein unerträglicher Zustand:

„Das Volk hat ein Interesse, das Volk hat auch ein Gewissen. Und wenn dieses Gewissen in der Politik nur schwach zum Ausdruck kommt und wenn es die Äußerungen des nationalen Egoismus kaum zügelt, dann ist das eine abnorme, krankhafte Erscheinung, und jeder muß zugeben, daß das vom Übel ist.“[22]

Solov´ev zufolge bedeutet Patriotismus zu seiner Zeit, sich ausschließlich um das Wohlergehen des eigenen Volkes zu kümmern. Der Patriotismus stelle folglich die Bedeutung des russischen Volkes an die oberste Stelle. Dabei werde außer Acht gelassen, dass es auch eine Einheit der Menschheit gebe, die der Welt durch den Tod Christus, welcher vom jüdischen Patriotismus verschuldet wurde, gegeben worden sei. Somit befreie das Christentum die Welt vom Nationalismus, erhalte aber die Nation selbst.[23] Solov´ev schreibt: „Durch die Aufhebung des Nationalismus rettet das Christentum die Völker, denn übernational ist nicht unnational.“[24] Die Aufhebung des Nationalismus sei deshalb wichtig, weil eine Nation dadurch seine wahre Lebensaufgabe offenbart bekommen würde. Diese Aufgabe sei eine historische Verpflichtung, die ein Volk ökumenisch mit dem anderen verbinde. Diese Gedanken seien aber derzeit noch nicht realisierbar, weil immer noch oder mehr denn je Feindschaft zwischen den Völkern herrsche. Dennoch ist Solov´ev der Meinung, dass dieser Zustand nicht mehr lange andauern wird, da der Mensch als logisch denkendes Wesen früher oder später erkennen müsse, dass diese Politik schädlich sei.[25]

Ihre wahre Aufgabe erhält eine Nation also nur, wenn sie sich den Gesetzen des Christentums unterwirft. Würden diesem Prinzip alle Völker der Erde folgen, dann würde Solov´evs Ziel, die Ankunft von Gottes Reich auf Erden, in dem alle Völker in Frieden zusammen leben können, für die Menschheit erreicht werden. Beim Aufbau diese Reiches nimmt jedes Volk mit seiner wahren Bestimmung teil.

Um den schädlichen Nationalismus zu beseitigen, helfe nach Solov´ev das „christliche Prinzip der Pflicht oder des sittlichen Dienens“[26]. Mithilfe dieses Leitsatzes sei die Einzelperson in der Lage ihre Individualität für das Volk aufzugeben. Daraus resultiere, dass es auch für das Volk möglich sei, seine Eigenständigkeit auf der Grundlage dieses Prinzips aufzugeben. Lohn dieser Selbstaufopferung sei eine weltumfassende Erlösung, die ja laut Solov´ev unbedingt anzustreben sei.[27] Selbstaufopferung heißt hier jedoch nicht Selbstaufgabe:

„Es wird auch nicht gefordert, daß das Volk seine materiellen Interessen vernachlässigt und überhaupt nicht an seine besondere Bestimmung denkt; es wird nur gefordert, daß es dafür nicht seine Seele einsetzt, daß es sich dieses nicht zum Endziel nimmt, daß es diesen nicht dient.“[28]

Materielle Interessen sind also durchaus erlaubt, solange sie bei der Erreichung des gesetzten, höheren Ziels nicht im Wege stehen. Seine Seele soll man für das Endziel einsetzen, welches bei Solov´ev ökumenisches Christentum heißt. Doch mit dem Erkennen der großen Aufgabe eines jeden Volkes ist dessen Schicksal noch lange nicht besiegelt. Solov´ev schreibt hierzu:

„Dem Volk seine Verpflichtung zeigen heißt noch nicht sein zukünftiges Schicksal vorauszusagen. Die Nation [...] kann ihre Verpflichtung erfüllen oder auch nicht erfüllen; doch in diesem letzteren Fall bleibt die Verpflichtung trotzdem bestehen [...].“[29]

In dieser Hinsicht gibt es keinen Kompromiss. Das Schicksal einer Nation steht fest. Wie sie damit umgeht ist ihre Sache, wobei ein Nichterfüllen der Verpflichtung unweigerlich das Erreichen des Endziels der Menschheit behindert und verzögert. Über die Rolle eines jeden Volkes im Umgang mit seiner Pflicht schreibt er weiter:

„Es liegt nicht in unserer Macht, die anderen zur Erfüllung ihrer Verpflichtung zu zwingen, aber wir können und müssen die unsere erfüllen, und wenn wir sie erfüllen, dienen wir gerade dadurch auch dem allgemeinen ökumenischen Werk; denn diesem allgemeinen Werk hat jedes Volk entsprechend seinem besonderen Charakter und seiner Stellung in der Geschichte auf seine besondere Art zu dienen. Man kann sagen, daß dieser Dienst dem Volk von seiner Geschichte auferlegt wird in Gestalt der großen Lebensfragen, die es nicht umgehen kann. Aber es kann in Versuchung geraten, diese Fragen nicht nach dem Gewissen, sondern aus eigennützigen und ehrgeizigen Überlegungen heraus zu entscheiden. Darin besteht die größte Gefahr; vor ihr zu warnen ist die Pflicht des wahren Patriotismus.“[30]

Jede Nation sollte folglich nach bestem Gewissen seine Mission erfüllen. Die Ausführung all dieser Lebensaufgaben diene dem einen Ziel und führe unabhängig von dem, was andere Nationen tun, früher oder später zum Erreichen dieses Zieles.

Russlands vorrangige Aufgabe ist demnach nicht, andere Völker der Erde zu missionieren, sondern die eigenen Kräfte auf die eigene Verpflichtung zu konzentrieren. Um auf die Erfüllung dieser Verpflichtung hinzuarbeiten, wurden Russland drei große Aufgaben gestellt, deren Art der Erfüllung darüber entscheidet, ob es dem Ziel der Ankunft von Gottes Reich auf Erden näher kommt.

„Diese Fragen sind: die polnische (oder katholische), die östliche oder slavische Frage und die jüdische. Diese drei eng miteinander verbundenen Fragen sind nur verschiedene Formen des großen Streites zwischen Ost und West, der das ganze Leben der Menschheit durchdringt. Auf diese drei Fragen läßt sich unsere ganze Politik zurückführen [...]. Mit demselben großen Streit zwischen Osten und dem Westen aber ist auch unsere andere schwere innere Krankheit verknüpft – die Kirchenspaltung [cerkovnyj raskol].“[31]

Weiterhin sei auch die Feindschaft Polens und Russlands eine Form des Streits des Ostens mit dem Westen.[32] In diesem Streit erhält Russland von Solov´ev eine Mittlerrolle, die er folgendermaßen begründet:

„Als in Moskau das dritte Rom in Gefahr war, seine Mission falsch zu verstehen, und dadurch, daß es sich dem europäischen Westen feindlich entgegenstellte, ausschließlich als östliches Reich zu erscheinen, legte die Vorsehung die schwere und harte Hand PETERS DES GROSSEN darauf. Er zerbrach erbarmungslos die harte Schale des ausschließlichen Nationalismus, die den Kern der russischen Eigenart umschloß, und schleuderte diesen Kern kühn auf den Boden der universalen europäischen Geschichte. Das dritte Rom verschob sich von Moskau nach dem Westen, zum internationalen Seeweg hin. Daß die Reform PETERS DES GROSSEN erfolgreich verlaufen und ein neues Rußland schaffen konnte, das allein zeigt schon, daß Rußland nicht berufen ist, nur Osten zu sein, daß es im großen Streit zwischen dem Osten und dem Westen nicht auf einer Seite stehen, eine der streitenden Parteien darstellen darf – daß es in dieser Sache die Verpflichtung hat, zu vermitteln und zu versöhnen, daß es im höchsten Sinn der Schiedsrichter in diesem Streit sein soll.“[33]

Gerade als Russland versuchte, sich in seiner Abgeschlossenheit einzurichten, wurde dies durch Peter den Großen aufgebrochen und es entstand ein rationaler Staat nach westlichem Vorbild mit östlichen Traditionen. So hat Russland die einmalige Position den Osten und den Westen zu kennen. Es trägt somit sowohl Ideen des Westens als auch des Ostens in sich, wobei eine einzigartige Position entsteht, die der Allmenschlichkeit Solov´evs dienlich ist. Das ist jedoch nur der erste Schritt. Solov´ev schreibt weiter über die Versöhnung mit dem Westen und wie diese aussehen soll:

„[...] die im Petersburger Rußland erfolgte Versöhnung oder Vereinigung mit dem Westen [ist] rein äußerlich und formal; hierin kann man nur die Vorbereitung der Wege und der äußeren Methoden zur wirklichen Versöhnung sehen. Aber diese Versöhnung steht Rußland unausweichlich bevor: Ohne sie kann es dem Werk Gottes auf Erden nicht dienen. Die Aufgabe Russlands ist eine christliche Aufgabe, und die russische Politik muß eine christliche Politik sein.

Die wirkliche innere Versöhnung mit dem Westen besteht nicht in sklavischer Unterwerfung unter die westliche Form, sondern in freiem Einverständnis mit jenem geistigen Prinzip, auf das sich das Leben der westlichen Welt gründet.“[34]

In diesem Aufsatz verlangt Solov´ev von Russland, von dem Konzept der christlichen Politik Gebrauch zu machen und sich vom schädlichen Nationalismus und Patriotismus zu trennen. Dadurch werde Russland seine wahre Aufgabe in der Welt offenbart. Diese Aufgabe muss nach Aussagen des Autors verfolgt werden, um das Ziel des ökumenischen Christentums auf der Erde zu erreichen. Diese Aufgabe soll aber von jedem Volk ganz für sich gelöst werden. Andere Völker sollen sich, wenn sie ihre Aufgabe erkannt haben, ihrer widmen. Auch wenn sie für diese Erkenntnis länger benötigen als beispielsweise Russland, darf man trotzdem nicht in ihre Angelegenheiten eingreifen. Weiterhin kann jede Nation selbst entscheiden, ob und auf welche Art und Weise sie ihre Mission erfüllt. Dadurch kann dann das Ziel schneller oder aber auch langsamer erreicht werden.

Aufgrund der Geschichte Russlands schreibt Solov’ev Russland ein Mittlerrolle im Streit zwischen Osten und Westen zu, die es zunächst zu erfüllen hat, um damit einen Beitrag zur wirklichen Versöhnung zu leisten. Dieser Weg Russlands in der Geschichte wurde hauptsächlich durch die Reformen Peters des Großen vorherbestimmt.

1.2.3. „Über die Nationalität und die nationalen Angelegenheiten Russlands“

Dieser Aufsatz von 1884 behandelt ebenfalls den Nationalismus und die Rolle des ökumenischen Christentums für die Welt. Des Weiteren schreibt der Autor von einer „christlichen Idee“ und konkretisiert die Aufgabe Russlands für die Weltgeschichte.

Er wendet sich nochmals gegen den übertriebenen Nationalismus und beschreibt ihn als ein heidnisches Phänomen, welches in der Lage sei, jedes Volk von der Gemeinschaft der Menschen abzusondern, weil man Nationalismus nicht mit anderen Nationen teilen könne.[35]

„[...] wenn, mit einem Wort, das Nationalgefühl nur in Gestalt des nationalen Egoismus erscheint-, so bedeutet das ohne Zweifel den Abfall vom ökumenischen Christentum und die Rückkehr zum heidnischen und alttestamentarischen Partikularismus. Und wenn diesem nationalen Egoismus beschieden ist, unter den Menschen zur Herrschaft zu gelangen – dann hat die Weltgeschichte keinen Sinn und das Christentum erschien umsonst auf der Erde.“[36]

Solov´ev setzt an die Stelle des höchsten zu erreichenden Zieles für eine Nation nicht den Nationalismus, sondern das ökumenische Christentum. Für jede Nation gilt es, dieses Ziel zu erreichen, um damit die Welt in ihrem Streben nach Einheit zu verbinden.

„Die Nationalität ist wahrhaftig nicht die höchste Idee, der wir dienen sollen, sondern sie ist eine lebendige natürliche und historische Kraft, die selbst der höchsten Idee dienen und durch diesen Dienst ihrer Existenz einen Sinn geben und sie rechtfertigen soll.“[37]

Die Nationalität dient folglich dem Christentum, so wie jeder einzelne Mensch dem Christentum dient. Dieses christliche Dienen ist sinngebend und rechtfertigend für die Existenz des Christentums und bildet außerdem eine Grundlage der christlichen Religion.

Ökumenisches Christentum bedeutet bei Solov´ev zunächst die Aussöhnung zwischen der Orthodoxie und dem Christentum. Was andere Strömungen des Christentums, wie beispielsweise die Evangelisten, angeht, äußert sich Solov´ev nicht. Auch über die Rolle der anderen großen Weltreligionen wie Buddhismus, Islam oder Judentum sagt er nichts. Sein Konzept ist daher für die heutige Zeit unzweckmäßig, weil es derzeit größere Probleme zwischen den Weltreligionen – vor allem zwischen den islamischen Staaten und der westlichen Welt – gibt, die bei einer Versöhnung und Einigung der Menschheit Priorität hätten. Weiterhin hat die Religion in weiten Teilen der Welt nicht mehr die Rolle oder den Einfluss, den sie noch im 19. Jahrhundert genoss. Im 21. Jahrhundert gibt es andere die Welt einende Faktoren, wie zum Beispiel die Globalisierungstendenzen in der Wirtschaft oder die Bemühungen der Dipolomatie, an die man im 19. Jahrhundert noch nicht denken konnte.

Die Existenz der nationalen Kraft allein reicht nicht aus, um eine Entwicklung zu erwirken. Solov’ev schreibt, dass eine Nation sich äußeren Einflüssen gegenüber öffnen müsse, um schöpferisch tätig werden zu können.[38] Das bedeutet, dass ein Volk sich nicht hinter seinem Nationalismus verstecken und sich gegen Einflüsse anderer Kulturen abschotten soll, sondern dass es positive Elemente anderer Kulturen durchaus für sich adaptieren kann und anderen Nationen offen gegenüber stehen sollte. Solov´ev nennt dieses Handeln „ökumenische, übernationale Idee“[39], welche vom Christentum auf der Erde realisiert werden muss. Von Solov´ev wird sie folgendermaßen erklärt:

„Nur indem es ganze Völker in sich vereint, vermag das Christentum seine volle soziale und universale Bedeutung zu erlangen.

Die christliche Idee ist das vollkommene Gottmenschentum, das heißt die innere und äußere Verbindung, die geistige und materielle Vereinigung alles Endlich-Menschlichen und Natürlichen mit dem Unendlichen und Unbedingten , mit der Fülle der Gottheit durch CHRISTUS in der Kirche: durch Christus, in dem diese Fülle der Gottheit leiblich wohnt; in der Kirche, „die sein Leib ist, die Fülle dessen, der alles in allen erfüllt“ (Ap. PAULUS an die Ephes. 1,23)“[40]

Das Christentum einigt die Menschheit und ist somit das Mittel, um Solov´evs Ideal einer Allmenschlichkeit zu erreichen. Es ist die einende Kraft, die zum Ziel führen kann Gottes Reich auf Erden zu errichten, wenn diese Tatsachen von allen Gläubigen anerkannt und verfolgt werden. Das Problem seiner Zeit, welches die Verwirklichung der Ideale verhindert, beschreibt Solov´ev so: „Heutzutage ist die wirkliche und dringende Not unseres Volkes der Mangel an höherer geistlicher Einwirkung und Leitung, die mangelnde Wirksamkeit des christlichen Prinzips im Leben.“[41] Wenn er schon so über seine Zeit spricht, so ist der Wahrheitsgehalt dieser Aussage heute umso höher.

Nach weiteren Ausführungen über nationale Selbstverleugnung und die Rolle des Nationalismus in der Welt, kommt Solov´ev zur Rolle Russlands in seinem Ideenkonzept. Er schreibt, dass Russlands Ziel nicht in staatlicher Macht oder literarischem Schaffen liege, „sondern in dem mehr unmittelbaren und allumfassenden Dienst am christlichen Werk, für das das Staatswesen wie auch die weltliche Bildung nur Mittel sind“.[42] Staat und Kultur helfen folglich bei der Erfüllung der nationalen Idee und müssen entsprechend geformt sein, um dieser Idee dienen zu können.

„Wir glauben, daß Rußland in der Welt eine religiöse Aufgabe hat. Darin besteht sein wahres Amt, auf das es sich sowohl durch die Entwicklung seines Staatswesens als auch durch die Entwicklung seines Bewusstseins vorbereitete; und wenn für diese vorbereitenden weltlichen Werke eine große sittliche Tat [podvig] nationaler Selbstverleugnung notwendig war, dann ist sie um so notwendiger für unser endgültiges geistliches Werk.“[43]

Mit dieser „Tat nationaler Selbstverleugnung“ meint Solov´ev unter anderem die Reformen Peters des Großen, wobei es noch andere solcher Taten in Russlands Geschichte gebe Die Reformen Peters des Großen brachten westliche Einflüsse nach Russland. Peter wollte so die starren russischen Traditionen aufweichen, um einen modernen Staat zu schaffen. Dies ist insofern eine Tat nationaler Selbstverleugnung, als Peter I. den russischen Nationalismus, der nur die althergebrachten Traditionen zuließ und beibehalten wollte, aufbricht, indem er westliche Einflüsse zulässt um seinen Staat zu modernisieren. Trotz dieser Reformen bleibt Peter I. ein autokratischer Herrscher. Demzufolge kann es sich nicht um eine Tat vollständiger nationaler Selbstverleugnung handeln. Ausländische Einflüsse seien notwendig, damit sich Staat und Kultur so weiterentwickeln können, dass sie ihrer Aufgabe am besten dienen können. Nicht der Nationalismus und die Abschottung dienen der Erfüllung der nationalen Aufgabe, sondern der richtige Umgang mit äußeren Einflüssen. „Der falsche Patriotismus fürchtet fremde Kräfte; der wahre Patriotismus macht von ihnen Gebrauch, eignet sie sich an und wird befruchtet.“[44]

Solov´ev hält die russische Nation für religiös besonders befähigt. Sie verbinde in sich zwei Tendenzen im Umgang mit der Religion. Zum einen trage sie die kontemplative Religiosität der östlichen Völker in sich, zum anderen das Streben zur tätigen Religion, welches eher den westlichen Völkern zu Eigen sei.[45]

Die derzeitige Isolierung Russlands basiere auf der Abgeschlossenheit der orthodoxen Kirche in sich. Um seine Aufgabe jedoch erfüllen zu können, müsse Russland aus dieser Isolierung heraustreten und sich wieder fremden Einflüssen öffnen.[46]

Solov´ev ist also der Überzeugung, dass Russland eine religiöse Aufgabe besitzt. Diese Aufgabe kann es nur erfüllen, wenn es aus seiner derzeitigen Isolierung ausbricht und sich wieder Einflüssen von außen öffnet. Dies hat Russlands Entwicklung, wie die Geschichte bereits mehrfach gezeigt hat, schon oft in die richtige Richtung gelenkt, sodass es immer besser auf die Erfüllung seiner Aufgabe vorbereitet wurde.

1.2.4. „Die Liebe zum Volk und das russische Ideal der Nation“

Bei diesem Artikel aus dem Jahre 1884 handelt es sich um einen offenen Brief an I. S. Aksakov. Der Brief ist Teil eines Diskurses um Solov´evs Einstellungen zu Russland. Solov´evs Liebe zum Vaterland wird dabei von Aksakov in einer Diskussion seines Artikels in der Zeitschrift „Izvestija Slavjanskogo Obščestva“ in Frage gestellt. In „Die Liebe zum Volk und das russische Ideal der Nation“ äußert sich Solov´ev nun zu den Vorwürfen Aksakovs.

Dieser Artikel ist insofern von Relevanz, als in ihm noch einmal einige grundlegende Ideen Solov´evs zur Aufgabe Russlands in der Weltgeschichte getroffen werden. Besonders deutlich wird dies gegen Ende des Briefes. Solov´ev stellt fest, dass ein Volk sein Ideal einer Nation dann entspreche, wenn es seine nationale Eigenart lobe. Er führt einige Beispiele westeuropäischer Staaten an und stellt dann folgende Frage, auf die er unmittelbar eine Antwort gibt:

„Was aber sagt in ähnlichen Fällen das russische Volk, womit lobt es Rußland? Nennt es Rußland schön oder alt, spricht es vom russischen Ruhm oder von der russischen Rechtschaffenheit und Treue? Sie wissen, es sagt nichts dergleichen, und wenn es seine besten Gefühle für das Vaterland zum Ausdruck bringen will, spricht es nur vom „ heiligen Rußland“. Das ist sein Ideal: weder ein liberales noch ein politisches, noch ein ästhetisches, nicht einmal ein formal-ethisches, sondern ein sittlich-religiöses Ideal.“[47]

Weiter schreibt Solov´ev, dass diese „Heiligkeit“ dem ganzen Osten insbesondere Indien eigen sei, dessen Ideal einer Nation die Heiligkeit auch verkörpere. Er stellt die Ähnlichkeit Russlands mit Indien in seinem nationalen Charakter fest, aber auch den starken Unterschied von Indien in Russlands „praktische[m] und historische[m] Sinn“.[48]

Mit dem Satz „ Das heilige Rußland fordert ein heiliges Werk. “ bezieht sich Solov´ev abermals auf Russland. Er schreibt:

„Folglich ist die neue Botschaft Russlands vor allem eine Botschaft der religiösen Versöhnung des Ostens mit dem Westen. Ob diese Botschaft original, ob sie eigenständig ist – das ist eine müßige Frage: Wenn das russische Volk eigenständige Kräfte hat, dann kann es diese Botschaft auf seine eigene Art verkünden; aber es muß sie verkünden, wenn es sich dem Willen Gottes unterwerfen, wenn es nicht in heuchlerischer Weise vom „heiligen Rußland“ sprechen will. Denn diese Botschaft der Vereinigung ist die heilige und göttliche Botschaft, nur sie allein kann uns den wahren Ruhm verleihen – den Ruhm der Kinder [syny] Gottes [...].“[49]

An dieser Stelle wird wieder auf die Mittlerrolle verwiesen, die Russland zwischen dem Osten und dem Westen besonders auf religiösem Gebiet erfüllen muss. Ferner greift Solov´ev seinen Gedanken wieder auf, dass ein Volk seine von Gott gegebene Aufgabe auf die eine oder andere Weise erfüllen muss. Die Aufgabe Russlands besteht weiterhin in der Vereinigung, sei damit nun die Vereinigung der Kirchen oder die der gesamten Menschheit gemeint.

Zum Schluss bezieht sich Solov´ev noch einmal auf die Bedingungen, die erfüllt werden müssen, um diese heilige Aufgabe Russlands zu erfüllen.

„Und damit das eintritt, ist Selbstverleugnung, nicht im groben physischen Sinn, kein Selbstmord, sondern Selbstverleugnung im rein sittlichen Sinn notwendig, das heißt, es müssen jene besten Eigenschaften der russischen Nation, auf die auch Sie hinweisen, für das Werk eingesetzt werden: wahre Religiosität, Bruderliebe, Weite des Gedanken, Toleranz, Freiheit von jeglicher Ausschließlichkeit und vor allem – geistliche Demut.“[50]

Neben der bereits erwähnten Selbstverleugnung spielen auch andere Eigenschaften, die als typisch russisch gelten, eine Rolle bei der Erfüllung der Russland vorherbestimmten Aufgabe. Aufgrund dieser Merkmale des russischen Charakters und anderer Voraussetzungen ist Russland prädestiniert für seine religiöse Aufgabe.

Diese Abschnitte des Briefes Solov´evs an Aksakov stellen eine kurze Zusammenfassung der Hauptgedanken des Philosophen dar.

1.2.5. „Die slavische Frage“

In diesem Artikel von 1884 geht Solov´ev nicht speziell auf die Aufgabe Russlands für die Weltgeschichte ein, sondern bezieht sich auf den ganzen slavischen Osten. Dabei gibt er zunächst eine Antwort auf die Frage, welche Grundideen des Ostens dem Westen fremd seien.

„Wenn der europäischen Welt Verfall und Untergang bevorstehen, wo gibt es dann eine Garantie dafür, daß wir nicht mit ihr zugrunde gehen? Wenn wir angesichts des Zusammenbruchs der romanisch-germanischen Welt an die Rettung und die große Zukunft der slavischen Welt glauben, so müssen wir zur Rechtfertigung dieses Glaubens jene heilbringenden und lebensspendenden Quellen [načala] aufzeigen, die dem Westen fehlen und die wir besitzen.“[51]

In Beantwortung seiner Frage beruft sich Solov´ev auf die Slavophilen, die die Besonderheit des Ostens an Eigenarten wie Orthodoxie, Bruderliebe und Solidarität der Gemeinde festmachten. Im Gegensatz zu den Slavophilen sagt Solov´ev jedoch, dass nicht das katholische Europa dem Untergang geweiht sei, sondern dass antichristliche.[52]

Auch der Zerfall des Westens hänge laut Solov´ev mit der Spaltung der Kirchen zusammen. Diese Spaltung hemme das Wirken der beiden Prinzipien. Der Osten leide ebenso unter dieser Krankheit wie auch der Westen. Diese Krankheit sei die Desorganisation der sozialen Kräfte. Solov´ev zieht die Schlussfolgerung: „Und wenn das Schisma der Kirchen der Grund unseres gemeinsamen Leidens ist, dann wird ihre Vereinigung die Grundlage der allgemeinen Genesung sein.“[53]

[...]


[1] Scherrer, Jutta. Die Erfindung von Russlands Größe. bei http://zeus.zeit.de/text/2000/37/200037_russland.xml

[2] Goerdt: 1995, S. 504-505

[3] ebenda, S. 506

[4] ebenda, S. 509

[5] Berdjaev: 1983, S. 128

[6] Goerdt: 1995, S. 509

[7] ebenda, S. 509

[8] ebenda, S. 509

[9] Frank (Hg.): 2002, S. 190

[10] ebenda, S. 190

[11] ebenda, S. 190

[12] A.F. Losef bei http://www.vehi.net/soloviev/index.html

[13] ebenda

[14] ebenda

[15] ebenda

[16] Levitzky: 1984, S. 212

[17] ebenda, S. 213

[18] ebenda, S. 213-214

[19] Solov´ev: 1972, S. 9

[20] ebemda, S. 13

[21] ebenda, S. 13-14

[22] ebenda, S. 18

[23] ebenda, S. 19-20

[24] ebenda, S. 21

[25] ebenda. S. 21

[26] ebenda, S. 22

[27] ebenda, S. 22

[28] ebenda, S. 23

[29] ebenda, S. 24

[30] ebenda, S. 25

[31] ebenda, S. 25-26

[32] ebenda, S. 29

[33] ebenda, S. 29

[34] ebenda S. 30

[35] ebenda, S. 34

[36] ebenda, S. 35

[37] ebenda, S. 36

[38] ebenda, S. 37

[39] ebenda, S. 38

[40] ebenda, S. 38-39

[41] ebenda, S. 48

[42] ebenda, S. 47

[43] ebenda, S. 47

[44] ebenda, S. 49

[45] ebenda, S. 49-50

[46] ebenda, S. 50

[47] ebenda, S. 73-74

[48] ebenda, S. 74

[49] ebenda, S. 74-75

[50] ebenda, S. 75

[51] ebenda, S. 80

[52] ebenda, S. 80-81

[53] ebenda, S. 87

Ende der Leseprobe aus 92 Seiten

Details

Titel
Putin und die "russische Idee"
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (Philosophische Fakultät II)
Note
1,6
Jahr
2007
Seiten
92
Katalognummer
V433155
ISBN (eBook)
9783668753884
ISBN (Buch)
9783668753891
Dateigröße
990 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Russland, Putin, russische Geschichte, Philosophie, russische Idee, Selbstbild
Arbeit zitieren
Anonym, 2007, Putin und die "russische Idee", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/433155

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