Intersektionalität zwischen Kreuzungen und Kategorien. Eine doppelseitige Medaille?


Essay, 2015

6 Seiten


Leseprobe

Christine Riegel befasst sich in ihrer Arbeit „Zwischen Kämpfen und Leiden - Handlungsfähigkeit im Spannungsfeld ungleicher Geschlechter-, Generationen- und Ethnizitätsverhältnisse” mit der Biografie einer jungen, in Deutschland lebenden Türkin, namens Tülin, sie skizziert anhand dieser „was es für eine heranwachsende Frau bedeuten kann, unter restriktiven familiären Verhältnissen in der Migration ihren Weg ins Erwachsenenleben und die gesellschaftliche Integration zu meistern, mit welchen Schwierigkeiten sie dabei zu kämpfen hat und welche Handlungsstrategien dabei relevant sein können” (Riegel 2007, S.248).

Im vierten Kapitel „Soziale Isolation und fehlende Zugehörigkeit” dieses Aufsatzes setzt Riegel sich unter anderem mit dem Faktor auseinander, dass die junge Tülin einen türkischen Migrationshintergrund aufweist, aber in Deutschland lebt und interpretiert diesen Faktor im Bezug auf ihre Fragestellung.

Im Folgenden möchte ich mich mit der Frage auseinandersetzen, ob die Autorin diesen Faktor womöglich aufgrund der Prägnanz von Tülins restlicher Lebenssituation nicht genügend Beachtung geschenkt bzw. in ihrer Interpretation abgewertet hat und mich damit befassen, welchen Einfluss solch ein Faktor auf das Leben eines Menschen haben kann.

Dieses Thema ist für mich von Relevanz, da immer mehr Menschen einen Migrationshintergrund aufweisen, ich aber nur selten erlebe, dass diesem Faktor ein genügendes Maß an Aufmerksamkeit vor allem in positiver Interpretation geschenkt wird.

Im Verlauf des hier behandelten Textes erfährt der Leser vieles über die Lebenssituation der jungen Türkin. Hauptsächlich wird Tülins familiäres Leben, die dort entstehenden Konflikte und deren Auswirkung auf andere Lebensbereiche thematisiert.

Das Kapitel „Soziale Isolation und fehlende Zugehörigkeit” leitet Riegel mit der Aussage: „Tülin fehlt in Deutschland eine soziale Gemeinschaft, zu der sie sich zugehörig fühlt.” (dies. S.262) ein. Diese Annahme resultiert aus dem Fakt, dass Tülin aufgrund der Auswirkungen der Konflikte mit ihrem Vater kaum ein soziales Umfeld aufbauen konnte (vgl. dies. S.253). Weiterführend interpretiert die Autorin, dass dieses Problem durch ein anderes, resultierend aus ihrem Migrationshintergrund, noch verstärkt werde. „Ihre soziale Isolation spitzt sich durch ihre Lebenssituation in der Migration zu und korrespondiert mit einer Erfahrung, weder in Deutschland noch in der Türkei als zugehörig anerkannt zu werden.” (dies. S.262). Bis hier hin klingt die Analyse logisch nachvollziehbar und annehmbar. Um die Glaubwürdigkeit ihrer Annahmen zu stärken führt Riegel folgendes Zitat Tülin’s an: „Wenn ich so nach Deutschland komm, da sagen die, also die älteren Deutschen oder so, die sagen halt „die Ausländer sind da”. Und wenn wir dann Türkei gehen, dann sagen die „die Deutschen sind da.” Also ich fühl mich echt nirgendwo (.) zuhause.” (ebd.), und stützt somit weiterhin ihre Position. Hier wird gezeigt, dass Tülin sich, sofern man ihre Familie nicht mit einbezieht, tatsachlich nirgends zugehörig zu fühlen scheint. Ich möchte auch keineswegs abstreiten, dass Riegels Analyse mich bis hier hin überzeugt. Der interpretative Teil, der nun folgt, macht mich stutzig. „Diese Situation der Aussonderung und der mangelnden sozialen Zugehörigkeit, steht ihrem unbedingten Bedürfnis nach Liebe und Geborgenheit gegenüber. Ihre Erfahrung, nirgends beheimatet zu sein, bezieht sich darauf, dass sie nirgendwo emotionale Geborgenheit, Wertschätzung und Anerkennung erfahren konnte” (dies. S.262f.), ist eine Aussage Riegels, der ich unbedingt zustimme. Aber mir gibt zu bedenken, dass es sich hier um zwei Faktoren handelt, welche Tülins Situation erschweren. Der erste Faktor ist, wie zuvor bereits angeführt, Tülins fehlendes bzw. mangelndes soziales Umfeld. Der zweite Faktor bezieht sich darauf, dass sie sich weder in Deutschland noch in der Türkei beheimatet fühlt, da sie in beiden Ländern Zurückweisung bedingt durch ihren Migrationshintergrund erfährt. Doch Riegels weiterführende Analyse erweckt in mir den Eindruck, als wäre nur der Konflikt um Tülins soziales Umfeld von Relevanz und die Empfindungen über ihre Landeszugehörigkeit würden nur aufgrund dieses Konfliktes existieren. Riegel erläutert: „Ihre Erfahrung, nirgends beheimatet zu sein, bezieht sich darauf, dass sie nirgendwo emotionale Geborgenheit, Wertschätzung und Anerkennung erfahren konnte” (ebd.), eine Staatsangehörigkeit „kann ihr die soziale Wertschätzung und die emotionale Geborgenheit nicht garantieren, dagegen steht die Entität der Herkunftsfamilie, deren Zugehörigkeit ihr nicht streitig gemacht werden kann. Mit dem primären Wunsch nach Liebe und Anerkennung wird für sie letztendlich auch die Wahl des Lebensortes sowie die Möglichkeit der gesellschaftlichen Partizipation zweitrangig. Deshalb hält sie an der einzigen Person fest, die ihr das bieten kann: die Mutter. Zugehörigkeit erlebt sie - trotz aller Belastung und negativen Erfahrungen - nur in der sozialen Zwangsgemeinschaft der Familie” (dies. S.263). Die Richtigkeit dieser Annahmen steht an sich außer Frage, aber handelt es sich bei dem zweiten Faktor tatsächlich um etwas zweitrangiges? Ich möchte damit nicht sagen, dass die Zugehörigkeit zu einem Land eine ebenso gewichtige Bedeutung hat, wie die sozialen Beziehungen, die man unabhängig von diesem Faktor besitzt. Dies ist keineswegs der Fall. Ich möchte sagen, dass es sich hier zwar um einen negativ beeinflussenden Faktor handelt, der auch erstmals zweitrangig bleibt aber gleichzeitig positives Potential haben könnte. Es ist nicht abzustreiten, dass die junge Türkin das Gefühl von Zugehörigkeit nur in ihrer Familie erlebt, aber handelt es sich hierbei um ein nicht änderbares Problem? Wohl kaum.

An dieser Stelle möchte ich auf einen Artikel namens „Heimat ist ein sehnsuchtsvolles Ding” eingehen. In der Einleitung formulieren die Autoren: „Kann etwas schlimm sein an der Frage, woher man kommt? […] »Bist du lieber in der Türkei oder hier?« – »Bist du mehr vietnamesisch oder deutsch?« – »Ist an dir noch überhaupt etwas polnisch?« Wir antworten vorsichtig. Es soll nicht so klingen, als würden wir ein Land dem anderen vorziehen. Wir wollen nicht undankbar wirken. Manchmal sagen wir deshalb: Ich bin beides. Oder: Ich bin keines. Das Eigentliche hängt unbeantwortet in der Luft: die Frage nach der Heimat. Denn Heimat ist für uns ein schmerzhaftes und sehnsuchtsvolles Ding. Heimat ist die Leere, die entstand, als unsere Eltern Polen, Vietnam und die Türkei verließen und nach Deutschland gingen. Ihre Entscheidung zerriss unsere Familiengeschichte. Wir sind in einem anderen Land aufgewachsen als unsere Eltern, in einer anderen Sprache. Deutsche Traditionen konnten wir von ihnen nicht lernen. Das Bewusstsein, zu diesem Land zu gehören, noch weniger. Wir kennen es nur vom Hörensagen: das Heimatgefühl, das unsere deutschen Freunde spüren, weil sie ihren Platz in diesem Land geerbt haben. Diese Sicherheit.” (Bota et al. 2012, [online] URL: http://www.zeit.de/2012/36/Deutsche-Migranten-Heimat-Identitaet/komplettansicht [Stand:19.05.15]). Tülins Aussagen nach würde sie diesem Zitat wohl sehr wahrscheinlich zustimmen. Des Weiteren definieren sie Heimat wie folgt: „Heimat ist der Ursprung von Körper und Seele, der Mittelpunkt einer Welt. Die Kultur eines Landes prägt das Wesen der Menschen, die dort aufwachsen.” (ebd.) und fragen: „Aber was bedeutet das für die, die in zwei Ländern aufgewachsen sind: Haben die überhaupt eine Heimat? Oder haben sie zwei? Wieso fällt uns kein Plural zu diesem Wort ein?” (ebd.). Sie beschreiben, dass Menschen mit Migrationshintergrund keinen Ursprungsort hätten, wo sie sich auch beheimatet fühlen und auf Gleichgesinnte treffen (vgl. ebd.). „Das ist kein Ort, sondern ein Zustand. Unser Lebensgefühl ist die Entfremdung.“ (ebd.). All diese Aussagen hören sich negativ und dramatisch an. Wie zuvor bereits geschildert, ist dieser Faktor ebenso für Tülins Lebenssituation erstmals ein negativer Einfluss. Zuvor hatte ich in Frage gestellt, ob es sich hier tatsächlich lediglich um ein Problem handele, oder ob es nicht auch ein gewisses Potenzial mit sich bringen könne. Das Zitat: „Unser Charakter wurde nicht von einem Ort geprägt, sondern davon, dass es ebendiesen einen Ort nicht gab. Irgendwann begriffen wir: Wir haben kein Manko, wir haben mehr. Wir sind nicht, wir werden. Das ist auch befreiend.” (ebd.) zeigt, dass auch andere Menschen diese Ansicht vertreten. Die Autoren des hier behandelten Artikels führen diesen Gedanken noch um einiges weiter: „Und wir finden es inzwischen gut, dass wir verschiedene Kulturen verkörpern: Manchmal sind wir diszipliniert wie Deutsche, manchmal stolz wie Türken, melancholisch wie Polen oder loyal wie Vietnamesen. Wir sind vieles auf einmal. Vielleicht ist die Vorstellung von Heimat keine so gute Idee mehr. Sie passt nicht in eine Gesellschaft, in der viele Menschen zerrissene Lebensläufe haben. […] Deutschland ist grenzüberschreitender und rastloser geworden. Ein neues Bewusstsein entsteht, ein neues Deutschlandgefühl. Eine neue Art von Heimat.” (ebd.). Dieser Ansicht kann ich nur zustimmen. Worauf ich hinaus will, ist das Riegel in der Analyse von Tülins Biografie ihre Herkunft nur als Störfaktor eingrenzt und ausschließt, dass dieser auch positiv wirken könnte. Sie beschreibt: „Zugehörigkeit erlebt sie - trotz aller Belastung und negativen Erfahrungen - nur in der sozialen Zwangsgemeinschaft der Familie” (Riegel 2007, S.263). Und ich frage nochmals, muss das so sein? Nein, natürlich nicht. Riegel lässt Tülins Lebensgeschichte in ihrer Analyse klingen, als hätte die junge Türkin weitaus weniger Chancen auf eine Verbesserung ihrer Lebensqualität, als sie eigentlich hat. Letztlich liegt es in Tülins Macht zu entscheiden, ob sie nur ihre Familie als ein enges soziales Umfeld betrachtet, oder ob sie ihr Potential versucht auszuschöpfen. Natürlich wäre der zweite der schwerere Weg, den sie aber auch schon begonnen hat zu bestreiten indem sie unter anderem eine Ausbildung beginnt und ihr Geld auf einem eigenen Konto anlegt (vgl. dies. S.256ff.).

[...]

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Details

Titel
Intersektionalität zwischen Kreuzungen und Kategorien. Eine doppelseitige Medaille?
Hochschule
Universität Bielefeld
Autor
Jahr
2015
Seiten
6
Katalognummer
V434445
ISBN (eBook)
9783668757523
ISBN (Buch)
9783668757530
Dateigröße
434 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
intersektionalität, kreuzungen, kategorien, erziehungswissenschaft, pädagogik, frauenpädagogik, soziale konflikte, gesellschaftliche konflikte, milieu, soziale ungleichheiten
Arbeit zitieren
Kim Ann Woodley (Autor:in), 2015, Intersektionalität zwischen Kreuzungen und Kategorien. Eine doppelseitige Medaille?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/434445

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