Eine heilige Schrift und das eigene Erlebnis göttlicher Größe stellen gegensätzliche Letztbegründungen von Religion dar. Am Werk von Eugen Biser lässt sich dies zeigen. Er stellt die Frage, wie es möglich ist, das Wort Gottes zu erfassen und zu bereden. Die Sphäre des Göttlichen leitet er dabei aus der schriftlichen Überlieferung ab.
An einem Verweis auf die Dichtung Novalis‘ zeigt sich aber, dass das Erfassen des Göttlichen wiederum in subjektiven Grenzerfahrungen verwurzelt ist. Es steht infrage, ob sich Transzendenzbezüge allein aus textgebundener Reflexion erschließen. Dies zieht die Frage nach sich, ob eine weitere Grundlegung religiöser Sprache in persönlichen Schwellenerlebnissen Auswirkungen auf die Vermittlung religiöser Botschaften hat.
Im Folgenden werde ich herausarbeiten, wie sich religiöse Texte und subjektive Transzendenzerfahrungen gegenseitig bedingen. Dies geschieht anhand der religionsphilosophischen Konzepte von Eugen Biser und Novalis. Ich werde mich in erster Linie an Bisers 1970 veröffentlichter Habilitationsschrift Theologische Sprachtheorie und Hermeneutik orientieren, sowie an dem 1971 publizierten Aufsatz Theologische Sprachbarrieren. Eine Problemskizze, der eine Übersicht über die zentralen Themenfelder der Habilitationsschrift gibt. Novalis Hymnen an die Nacht sowie seine Rede Die Christenheit oder Europa entnehme ich beide dem Band Nr. 21 der Insel-Bücherei, herausgegeben von Richard Benz. Zum Abschluss der Thematik wage ich einen Ausblick auf die Frage, wie es möglich ist, unter Rückbezug auf die Lebenswelt des Einzelnen wirksam über das Göttliche zu reden.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Eugen Biser und die Grenzen der religiösen Sprache
1. Das Problem der Sprachbarrieren
2. Das Sprachbild als Veranschaulichung von Gottes Wort
III. Novalis und die Frühromantik
1. Die Grenzerfahrung
2. Die Kritik am Buchstaben
3. Die Schau des Universums
4. Das Sprachproblem in der sozialen Praxis
IV. Fazit: Wie kann Göttliches sprachlich dargestellt werden?
1. Der lebensweltliche Rückbezug
2. Die Kunst als Sphäre des Sakralen
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Spannungsfeld zwischen schriftlich fixierter Offenbarung und subjektiver Transzendenzerfahrung, indem sie die religionsphilosophischen Ansätze von Eugen Biser und Novalis gegenüberstellt. Ziel ist es zu klären, wie trotz sprachlicher Barrieren wirksam über das Göttliche gesprochen werden kann.
- Die Problematik der religiösen Sprache bei Eugen Biser
- Kritik am "toten Buchstaben" im Kontext der Frühromantik
- Die Rolle der Grenzerfahrung als Fundament religiöser Rede
- Der lebensweltliche Rückbezug und die Funktion von Sprachbildern
- Ästhetik und Kunst als Sphäre des Sakralen
Auszug aus dem Buch
Die Kritik am Buchstaben
Die Rede, die erst 1826 von Tieck und F. Schlegel unter dem Namen Die Christenheit oder Europa herausgegeben wird, ist ein geschichtsphilosophisches Werk. Novalis kritisiert in ihr die Aufklärung dafür, „die menschliche Seele und die Wissenschaften von der Poesie zu säubern“ und fordert eine Rückwendung zur Religion. Sie soll unter Wiederherstellung der ehemaligen Christenheit die friedliche Vereinigung Europas schaffen. Es werden erneut die Gegensätze der Hymnen angewandt: das Licht wird wegen „seines mathematischen Gehorsams und seiner Frechheit“ mit der Aufklärung identifiziert. Der Glaube wird verknüpft mit der „heilige[n] Nacht im Dämmer der Dome“.
In ihr zeigt sich, dass das biblische Wort, auf die Biser so viel Vertrauen setzt, von Novalis skeptisch betrachtet wird. Den Grund für den Verfall des Glaubens sieht er gerade in der Reduzierung der Religion auf ihre schriftliche Basis, ausgelöst vom Protestantismus: „Mit der Reformation wars um die die Christenheit getan.“ Dies wird begründet mit der lutherischen Fixierung der religiösen Botschaft auf den Stoff der Bibel: „Dem religiösen Sinn war dies […] höchst verderblich, da nichts seine Irritabilität so vernichtet, wie der Buchstabe.“ Hier kommt Novalis‘ Grundüberzeugung zum Vorschein, dass der Glaube sich nicht aufgrund der religiösen Texte bewahren kann, sondern sich vielmehr gegen sie verteidigen muss.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Die Einleitung führt in die Gegensätzlichkeit von heiliger Schrift und subjektivem Erlebnis ein und formuliert die Forschungsfrage zur Vermittelbarkeit des Göttlichen.
II. Eugen Biser und die Grenzen der religiösen Sprache: Dieses Kapitel analysiert Bisers Ansatz, religiöse Sprache durch Bildhaftigkeit und Metaphorik trotz vorhandener Sprachbarrieren kommunizierbar zu machen.
III. Novalis und die Frühromantik: Hier wird Novalis' kritische Sicht auf das starre, schriftliche Wort im Kontrast zu seinen subjektiven Grenzerfahrungen und dem Ideal der Schau des Universums untersucht.
IV. Fazit: Wie kann Göttliches sprachlich dargestellt werden?: Das Fazit erörtert Möglichkeiten der Vermittlung durch lebensweltlichen Rückbezug und schlägt die Kunst als eine Sphäre vor, in der das Göttliche auf angemessene Weise zur Sprache kommen kann.
Schlüsselwörter
Eugen Biser, Novalis, Religiöse Sprache, Transzendenz, Sprachbarrieren, Theologische Hermeneutik, Frühromantik, Gottes Wort, Grenzerfahrung, Sakralsprache, Subjektivität, Christentum, Hymnen an die Nacht, Sprachbild, Lebenswelt.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der philosophischen Herausforderung, wie das Unaussprechliche des Göttlichen in menschliche Sprache gefasst werden kann.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Zentrum stehen die Konzepte zur religiösen Sprachtheorie von Eugen Biser sowie die frühromantische Religionsauffassung von Novalis.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist die Klärung, ob religiöse Botschaften allein durch schriftliche Reflexion vermittelt werden können oder ob sie zwingend auf subjektive Transzendenzerfahrungen angewiesen sind.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Der Autor wählt eine hermeneutische Vorgehensweise, bei der zentrale Schriften von Biser und Novalis analysiert und in einen komparativen Dialog gestellt werden.
Was ist der Kerninhalt des Hauptteils?
Der Hauptteil beleuchtet die Spannungen zwischen institutioneller religiöser Sprache und dem romantischen Verständnis von Religion als Schau des Universums und emotionaler Erfahrung.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am stärksten?
Begriffe wie Transzendenz, Sprachbarrieren, das "Grenzgebirge der Welt" und die "Sprengmetapher" prägen die theoretische Diskussion.
Inwieweit kritisiert Novalis das schriftliche Wort?
Novalis sieht in der Fixierung des Glaubens auf den "toten Buchstaben" der Bibel eine Gefahr für die lebendige religiöse Erfahrung und den religiösen Sinn.
Warum schlägt der Autor die Kunst als Lösung vor?
Die Kunst ermöglicht laut dem Autor einen "sakralen Raum", in dem das Göttliche in einem Modus besprochen werden kann, der über die profane Alltagssprache hinausreicht, ohne in eine definitorische Enge zu geraten.
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- Maximilian Priebe (Author), 2018, Der tote Buchstabe. Ein Feind der Religion?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/434860