Die zweite Hälfte des 12. Jahrhunderts ist in der deutschsprachigen Literatur vor allem durch das aufkommende Rittertum geprägt. Auch Hartmann von Aue greift in seinen Werken diese Thematik auf und bietet durch sie die Möglichkeit zur Verstrickung des Helden in Schuld. „Dem Gedanken, mit Schuld beladen zu sein, kommt […] eine besondere Bedeutung zu“ , da laut Jacques Le Goff die Ewigkeit für den mittelalterlichen Menschen ganz nah sei und Hölle oder Paradies schon morgen eintreten könnten. Die Elemente der Schuld und Läuterung werden unter anderem im „Gregorius“ und im „Iwein“ verwendet und dienen als Grundlage dieser Arbeit.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Das Hereinbrechen der Schuld
2.1 Gregorius – vürgedanc und zwîvel als Gefahr des ewigen Verderbens
2.2 Iwein – mangelnde mâze als Ursache des Schuldhereinbrechens
3. Die Gewalt der Schuld – Schuldgefühle und Emotionen
3.1 Gregorius – Sünde als zwîvaltiger tôt
3.2 Iwein – Selbsthass und Wahnsinn
4. Der Weg der Läuterung
4.1 Gregorius – die kolossale Buße als Weg zu Gott
4.2 Iwein – Aventiurefahrt als Rückkehr zu Laudine
5. Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Darstellung von Schuld und den darauffolgenden Läuterungsprozess in Hartmanns von Aues Werken „Gregorius“ und „Iwein“. Im Fokus steht dabei die Analyse der zugrunde liegenden Schuldquellen, der emotionalen Verarbeitung nach dem Schuldeinbruch sowie der methodischen Ansätze zur Wiedererlangung des ritterlichen und religiösen Ideals.
- Analyse von Schlüsselbegriffen wie mâze, zwîvel und vürgedanc
- Untersuchung von Schuldgefühlen und Emotionen anhand psychologischer Modelle
- Gegenüberstellung von monastischer Buße und ritterlicher Aventiure
- Die Rolle der Läuterung zur sozialen und religiösen Reintegration
Auszug aus dem Buch
3.2 Iwein – Selbsthass und Wahnsinn
Nachdem Iwein sîn gelübde versaz (V.3056) und ihm klar wird, dass er die Jahresfrist Laudines versäumt hat, überkommen ihn seneden gedanc (V.3083). Er empfindet daraufhin Betrübnis und riuwe (V.3089). Er scheint ohnmächtig zu sein, regungslos vor Schmerz und Trauer. In der darauffolgenden Rede Lunetes wird er als triuwelôsen man (V.3183) angesprochen. Iweins Reaktion macht sein Empfinden deutlich, da er die Ansprache unter herzeleide erträgt (V.3197) und vor lauter Schmerz gar nicht in der Lage ist zu reagieren. Er empfindet Trauer und Enttäuschung, da Lunete im an sîne triuwe sprach (V.3208) und seine Ehre „niederschlägt“ (V.3204).
Im Gegensatz zu Gregorius wird Iwein sich selbst seiner Schuld bewusst: er verlôs sîn selbes hulde: wan ern mohte die schulde ûf niemen andern gesâgen: in het sîn selbes swert erslagen. (V.2331-3224). Daher reagiert er mit Selbsthass. ern hazte weder man noch wîp, niuwan sîn selbes lîp (V.3225-3226). Dieser Selbsthass und Schmerz führen dazu, daz im in daz hirne schôz ein zorn unde ein tobesuht (V.3232-3233). Iwein verliert durch seinen Kummer und seine Wut völlig seine Selbstbeherrschung und flüchtet in die Wildnis (V.3237-3238).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die ritterliche Thematik Hartmanns von Aue ein und umreißt die wissenschaftliche Vorgehensweise bei der Untersuchung von Schuld und Läuterung in den Werken Gregorius und Iwein.
2. Das Hereinbrechen der Schuld: Das Kapitel erläutert die verschiedenen Ursprünge der Schuld der beiden Protagonisten, wobei insbesondere der Einfluss von Schlüsselbegriffen wie mâze, zwîvel und vürgedanc herausgestellt wird.
3. Die Gewalt der Schuld – Schuldgefühle und Emotionen: Hier werden die emotionalen Konsequenzen der Schuld mittels eines Emotionsmodells analysiert, um die subjektive Verarbeitung und das Leiden der Protagonisten aufzuzeigen.
4. Der Weg der Läuterung: Das Kapitel beschreibt die Strategien der Protagonisten zur Sühne, wobei die Arbeit zwischen der monastischen Buße des Gregorius und der ritterlichen Aventiurefahrt des Iwein differenziert.
5. Schluss: Der Schlussteil fasst die zentralen Erkenntnisse der Untersuchung zusammen und reflektiert über die Notwendigkeit einer präzisen Definition des Schuldbegriffs für künftige literaturwissenschaftliche Arbeiten.
Schlüsselwörter
Schuld, Läuterung, Hartmann von Aue, Gregorius, Iwein, mâze, buoze, Aventiure, riuwe, Mittelalter, ritterliches Ideal, Todsünde, Emotionen, Literaturanalyse, Mittelalterliche Literatur
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der literaturwissenschaftlichen Analyse von Schuld und Läuterung in den Werken „Gregorius“ und „Iwein“ von Hartmann von Aue.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Mittelpunkt?
Zentrale Themen sind das plötzliche Eintreten von Schuld, der Einfluss höfischer Tugenden sowie die psychologische und religiöse Bewältigung von moralischem Versagen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Schuldquellen und die individuellen Läuterungswege der beiden Protagonisten zu identifizieren und zu vergleichen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zur Anwendung?
Die Arbeit kombiniert eine literaturwissenschaftliche Quellenanalyse mit der Anwendung des Emotionsmodells nach Maria Helena Oestreicher.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des Schuldereignisses, die Analyse der emotionalen Auswirkungen sowie die detaillierte Beschreibung der Läuterungsprozesse (Buße und Aventiure).
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am stärksten?
Die wichtigsten Schlüsselbegriffe sind mâze (Maß), riuwe (Reue), buoze (Buße), zwîvel (Zweifel) sowie die Konzepte der ritterlichen Aventiure und der monastischen Läuterung.
Warum spielt der Begriff der „mâze“ für beide Helden eine so unterschiedliche Rolle?
Während die Nichtbeachtung der „mâze“ für Iwein direkt zu seinem gesellschaftlichen Scheitern führt, dient sie für Gregorius als ritterliches Ideal und Verhaltensmaßstab, der ihn auch in schwierigen Zeiten trägt.
Welche Rolle spielt die „Aventiure“ bei der Läuterung des Iwein?
Die Aventiure fungiert bei Iwein als soziale Funktion, die ihn zur Rückkehr in seine Rolle als Landesherr und zur Integration in die Gemeinschaft führt, nachdem er die „mâze“ wiedererlangt hat.
- Citation du texte
- Laura Marie Ehlert (Auteur), 2011, Die Schuld bei Hartmanns "Gregorius" und "Iwein". Schlüsselbegriffe und Emotionen vom Hereinbrechen der Schuld bis zum Weg der Läuterung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/435286