Es ist gerade für Studierende in den Anfangssemestern eines jeden Studienganges schwierig, einzelne Fachartikel aus den jeweiligen Fachdisziplinen in einen größeren theoretischen Zusammenhang einzuordnen. Ganz besonders gilt dies für das Fach Pädagogik, das ein sehr breites Spektrum an Themengebieten und Teildisziplinen aufweist und das in sich nicht sehr kohärent ist. Die Pädagogik steht am Schnittpunkt der Disziplinen Psychologie, Philosophie und Sozialwissenschaft und versucht die verschiedenen theoretischen und methodischen Ansätze und Begriffsinstrumentarien dieser verschiedenen Disziplinen, je nach Fragestellung individuell zu kombinieren und zu integrieren.
Im Seminar „Pädagogische Grundlagen und Prozesse“ haben wir uns mit vier stark psychologisch orientierten Texten beschäftigt. Alle diese Texte haben außerdem einen engen Bezug zum Thema Kommunikation. Die psychologischen Ansätze, die den einzelnen Aufsätzen bzw. Buchkapiteln zugrunde liegen, sind jedoch sehr unterschiedlich. Während der Text von Watzlawick, Beavin und Jackson stark behavioristisch geprägt ist und sich entsprechend diesem Grundparadigma fast ausschließlich mit dem sichtbaren Verhalten von Kommunikationsteilnehmern befasst, ist die Perspektive bei Schulz von Thun sehr auf das Innenleben der an kommunikativen Handlungen beteiligten Personen konzentriert.
Die beiden neueren Texte, Auernheimer (2003) und Reich (2005), offenbaren einen konstruktivistischen Charakter und betrachten das psychische Gewordensein des Individuums, i.e. seine Entwicklungsgeschichte bzw. Ontogenese, als eine maßgebliche Größe, die die zwischenmenschliche Kommunikation entscheidend beeinflusst. Der Konstruktivismus, ein epistemologisch neu ausgerichteter Ansatz wissenschaftlichen Fragens und Forschens, eröffnet eine neue Sichtweise auf psychische Prozesse, die eine erfolgreiche Integration vieler psychischer und soziokultureller Probleme und Fragestellungen zulässt.
Er betrachtet den Menschen als ein sich stets in der Entwicklung befindliches psychisches Wesen, dessen psychische Strukturen einer permanenten Reorganisation unterliegen. Mit Hilfe des konstruktivistischen Denkansatzes lassen sich daher potentiell sowohl der Einfluss von Kultur und Gesellschaft auf das Individuum, wie auch gesellschaftlicher und kultureller Wandel als Folge der psychischen Entwicklung des Individuums erklären.
Inhaltsverzeichnis
1. Begriffliche Grundlagen
1.1 Der Begriff des Konstruktivismus
1.2 Konstruktivismus – ein historischer Rückblick
1.2.1 Giambattista Vico
1.2.2 Piaget als Begründer des modernen Konstruktivismus
1.2.3 Radikaler Konstruktivismus
1.2.4 Reichs Interaktionistischer Konstruktivismus
1.3 Der Begriff der Kultur
2. Die Psyche als ein offenes, kontext-abhängiges System Von Denk-, Fühl- und Verhaltensprogrammen
2.1 Der Ausgangspunkt der psychischen Ontogenese und die psychische Entwicklungsdynamik
2.2 Was heißt „Kontext“ aus konstruktivistischer Sicht?
3. Kommunikation und Sprache als Bindeglied zwischen Individuum und Gesellschaft bzw. Psyche und Kultur
3.1 Die Rolle der Emotionen im psychischen Entwicklungsprozess
3.2 Sprache, Kommunikation und Sozialisation (Enkulturation)
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Arbeit verfolgt das Ziel, das konstruktivistische Paradigma in der Entwicklungspsychologie darzustellen und den engen Zusammenhang zwischen psychischer Entwicklung und zwischenmenschlicher Kommunikation zu erläutern. Dabei wird analysiert, wie Individuen durch kulturell eingebettete Lernprozesse ihre kognitiven Strukturen aktiv aufbauen, anstatt diese lediglich passiv zu übernehmen.
- Theoretische Grundlagen des Konstruktivismus (erkenntnistheoretisch vs. psychologisch)
- Bedeutung von Kultur als Matrix mentaler Programme und symbolisches Erbe
- Rolle der Sprache und Kommunikation bei der individuellen Enkulturation
- Zusammenhang von Emotionen, Denken und Verhalten in der Entwicklung
Auszug aus dem Buch
1.2.1 Giambattista Vico
Ernst von Glasersfeld – einer der Begründer und eifrigsten Verfechter des Konstruktivismus – lässt den Konstruktivismus als ein Paradigma (i.e. als eine theoretische Grundposition) innerhalb der wissenschaftlich-akademischen Welt mit dem italienischen Rechtsgelehrten und Philosophen Giambattista Vico (1668-1744) beginnen. Es ist interessant, dass einige Kulturpsychologen Vico ebenfalls als einen der Urahnen ihrer eigenen Disziplin, d.h. der Kulturpsychologie, ansehen. Dies scheint bereits ein Hinweis darauf zu sein, dass beide Ansätze möglicherweise schon von der Sache her eng zusammen gehören.
Vico kann als einer der letzten einer Zunft von Universalgelehrten angesehen werden, die das gesamte Wissen der Menschheit in einen einheitlichen Rahmen zu stellen versuchten, deren Dreh- und Angelpunkt der Geist ( mens) bzw. Gott ist. Innen und Aussen, Denken und Bewegung wurden von ihnen, in platonischer Tradition, als Sein und Aktivität des Geistes aufgefasst. Die Tätigkeit des Geistes war Erschaffen und Erkennen gleichermaßen. Erkennen und Erschaffen, bewegen sich somit immer in einer gewissen Parallelität zueinander – sie bedingen und benötigen einander und sind unabhängig voneinander nicht anzutreffen. So erklärt sich Vicos Überzeugung, dass das Erkannte und das Erschaffene konvertibel sein müssen, bzw. dass man nur das wirklich erkennen kann, was man selber gemacht (erschaffen) hat. Beide Aspekte sind dem Wesen des Geistes inhärent und von diesem nicht zu trennen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Begriffliche Grundlagen: Dieses Kapitel erläutert die verschiedenen Strömungen des Konstruktivismus und definiert den zentralen Begriff der Kultur als symbolisches Erbe.
2. Die Psyche als ein offenes, kontext-abhängiges System Von Denk-, Fühl- und Verhaltensprogrammen: Hier wird die ontogenetische Entwicklung der Psyche als aktiver Konstruktionsprozess beschrieben und die Bedeutung des Kontextes aus konstruktivistischer Perspektive analysiert.
3. Kommunikation und Sprache als Bindeglied zwischen Individuum und Gesellschaft bzw. Psyche und Kultur: Dieses Kapitel behandelt die Rolle von Emotionen, Sprache und Kommunikation als essenzielle Werkzeuge für die Sozialisation und Enkulturation des Individuums.
Schlüsselwörter
Konstruktivismus, Psychologie, Ontogenese, Kultur, Kommunikation, Sprache, Kognitive Schemata, Sozialisation, Enkulturation, Individuum, Interaktion, Entwicklung, Emotionen, Lernen, Identität
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Entwicklung des Individuums aus einer konstruktivistischen Perspektive, wobei besonderes Augenmerk auf die Rolle von Kultur und Kommunikation gelegt wird.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentrale Themen sind die theoretischen Grundlagen des Konstruktivismus, der Begriff der Kultur als mentales Programm sowie die Prozesse der Sozialisation durch Sprache und Interaktion.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie das Individuum seine kognitiven Fähigkeiten durch aktive Teilhabe an gesellschaftlichen und kulturellen Prozessen entwickelt, anstatt passiv determiniert zu sein.
Welche wissenschaftlichen Ansätze werden verwendet?
Es werden konstruktivistische Theorien herangezogen, insbesondere der interaktionistische Konstruktivismus nach Kersten Reich sowie Ansätze der Kulturpsychologie.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der konstruktivistischen Basis, die psychologische Dynamik der Entwicklung und die vermittelnde Funktion von Sprache und Kommunikation zwischen Individuum und Kultur.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Konstruktivismus, Enkulturation, Ontogenese, Kommunikation, Kognitive Schemata und Sozialisation.
Was versteht der Autor unter dem "interaktionistischen Konstruktivismus"?
Dies ist ein Ansatz, der das Individuum sowohl als aktiven Gestalter seiner kognitiven Strukturen als auch als Teilnehmer an sozialen und kulturellen Prozessen betrachtet.
Warum spielt die Sprache laut der Arbeit eine so zentrale Rolle?
Sprache wird als das entscheidende Werkzeug angesehen, das es dem Kind ermöglicht, in die ideellen Welten seiner Kultur einzutreten und an deren Normen und Werten teilzuhaben.
Welche Rolle spielen Emotionen in diesem Kontext?
Emotionen bilden eine Brücke zwischen Wahrnehmung, Denken und Verhalten und steuern die Sozialisation, indem sie die Aneignung kultureller Muster maßgeblich beeinflussen.
Wie unterscheidet sich die Sichtweise des Autors vom Nativismus?
Während der Nativismus psychische Strukturen als genetisch vorbestimmt ansieht, betont der Autor den konstruktivistischen Standpunkt, dass diese Strukturen erst durch lebenslange Interaktions- und Lernprozesse aufgebaut werden.
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- Peter Sutor (Author), 2013, Zur Rolle der Kultur in der Humanentwicklung aus konstruktivistischer Sicht, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/435313