Kenneth Neal Waltz und das iranische Atomprogramm im Nahen Osten


Hausarbeit, 2017
15 Seiten, Note: 2,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Theoretischer und konzeptioneller Rahmen
2.1 Systemstruktur nach Waltz
2.2 Sicherheitsstreben und Machtbalance

3 Waltz und das iranische Atomprogramm

4 Der Iran und der Nahe Osten
4.1 Teherans Situation

5 Kritik

6 Schluss

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Mittlerweile sind über zehn Jahre vergangen seit die Internationale Atomenergie Organisation IAEA erfuhr, dass der Iran unter Missachtung der Offenlegungspflichten im Jahre 1974 eine Urananreicherungsanlage baute welche zur Herstellung von Plutonium fähig ist. Wie auch gegenüber der internationalen Gemeinschaft insgesamt vertritt der Iran auch gegenüber der IAEA stets die Position, dass sein Atomprogramm lediglich zivilen Zwecken diene. 2013 wurde der Iran durch die IAEA verdächtigt in Parchin bei Teheran mehrere Versuche mit Zündern für Atombomben durchgeführt zu haben. Zudem wurden mit der Zeit zahlreiche In-stallationen von Zentrifugen sowie neuen Anreicherungsanlagen durchgeführt, welche für wiederkehrende Differenzen zwischen Teheran und dem Westen sorgten (vgl. Meier-Walser/Münch-Heubner 2013: 15ff.). Die Vorstellung, dass der Iran irgendwann in den Besitz einer selbst hergestellten transportablen Atombombe kommen könnte, beängstigt nicht nur die Israelis, die USA und viele Europäer, sondern auch viele Nahostexperten (vgl. Meier-Walser/Münch-Heubner 2013; Cordesman/Seitz 2009; Nirumand 2006). In Tausenden von Artikeln in Zeitungen, Zeitschriften, Magazinen sowie in vielen anderen Medien wurde das iranische Atomprogramm mittlerweile präsentiert, analysiert und beurteilt. Irans Atompläne und die Versuche der Weltgemeinschaft diese sowohl auf militärische, ökonomische oder diplomatische Weise zu stoppen gelten mittlerweile als einer der größten weltweiten Krisen im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts. Es gilt als ein Konflikt mit dem Potenzial, das internationale geopolitische Machtgleichgewicht – vor allem im Nahen und Mittleren Osten - neu zu ordnen (vgl. Patrikarakos 2013: 12 ff.). Dies gilt vor allem deshalb, weil Irans angeb-lich friedliches Atomprogramm auch militärische Komponenten aufweist. So ist sich die IAEA sicher, dass der Iran bereits seit über 20 Jahren im Geheimen ein Nuklearforschungs-programm vorangetrieben hat, welche eine enge personelle und materielle Verbindung zur iranischen Armee aufweist. Darüber hinaus wurden Dokumente zur Herstellung wichtiger Teile von Kernwaffen vom Khan-Netzwerk bezogen. Zudem wurden Experimente erfolgreich durchgeführt in denen Explosionen von Sprengladungen auf die Mikrosekunde genau syn-chronisiert wurden, was von zentraler Bedeutung für die Entwicklung von Kernwaffen ist (vgl. Petritz 2012: 322 f.). Derartige Entwicklungen Irans wurden bereits von vielen Theoreti-kern der internationalen Politik bewertet und mögliche Zukunftsszenarien für den Iran skiz-ziert. Besondere Aufmerksamkeit erhielt hierbei vor allem Kenneth Waltz neorealistische Betrachtungsweise des Ganzen, da sich seine Theorie ausschließlich auf „high politics“, also klassische Sicherheitspolitik bezieht (vgl. Spindler/Schieder 2010: 37 f.), welche in der irani-schen Atomkrise nach der Meinung vieler Nahostexperten eine große, wenn nicht sogar die größte Rolle spielt (vgl. Meier-Walser/Münch-Heubner 2013: Seite 38 ff. + 70 ff.; Nirumand 2006: 333 f. + 336 ff.; Petritz 2012: 177 f.). Angesichts dieser im Nahen Osten politisch tur-bulenten Situation gilt es deshalb folgende implizierte Forschungsfrage zu beantworten, um mögliche Folgen im Nahen Osten durch die Verbreitung nuklearer Waffen transparenter skiz-zieren zu können:

Inwiefern ist Kenneth Waltz neorealistische Perspektive bezüglich Irans potenziellem Atom-waffenarsenal als legitim zu betrachten?

Waltz neorealistische Perspektive wird zur Untersuchung Irans Atomprogramm unteranderem deshalb herangezogen, da der Neorealismus zu erklären versucht, wieso in bestimmten Phasen der Geschichte mehr Kriege auftreten und in anderen trotz hoher Spannungen Frieden herrscht. Zudem entstand die Theorie unter anderem in Anlehnung an den Ost-West-Konflikt in der nukleare Aufrüstung eine große Rolle spielte (vgl. Spindler/Schieder 2010: 67 ff.; Waltz/Art 1988). Außerdem nahm Waltz in der Vergangenheit mehrmals Stellung bezüglich nuklearer Verbreitung und Irans Atomprogramm (vgl. Waltz/Art 1988; Waltz 2012; Solingen 2007: 165 ff.). Somit besteht ein direkter Bezug seitens des größten und bedeutendsten Theo-retikers des Neorealismus mit dem Irans Atomprogramm beleuchtet und weiter analysiert werden kann. Ziel der Beantwortung der Forschungsfrage ist es außerdem, ähnlich auftretende Phänomene in der Zukunft transparenter nachzuvollziehen. Zur sinnvollen Beantwortung der Fragestellung gilt es daher einer gezielten Vorgehensweise. Aufbauend auf die Einleitung wird im zweiten Kapitel zunächst Waltz neorealistische Grundsätze widergegeben um eine Basis zu schaffen, auf der Waltz Ansichten bezüglich Irans Atomprogramm im dritten Kapitel transparenter nachvollzogen werden können. Anschließend wird Teherans Atompolitik unter die Lupe genommen, um im vierten Kapitel Aspekte und Ansichten ausfindig zu machen die Waltz Perspektive befürworten und im fünften Aspekte ermitteln die seine Perspektive eher ablehnen. Im Schlussteil werden letztlich die Kernelemente zur Beantwortung der For-schungsfrage zusammengefasst aufgegriffen, um zu einer abrundenden Antwort zu gelangen.

2 Theoretischer und konzeptioneller Rahmen

Im folgenden Kapitel werden nun Kenneth Waltz Grundsätze des Neorealismus aufgegriffen, um anschließend Waltz Perspektive bezüglich Irans Atomprogramms transparenter nachvoll-ziehen zu können. An dieser Stelle ist wichtig zu erwähnen, dass nicht die gesamte Spannwei-te seiner neorealistischen Grundsätze aufgefasst wird, da nur die Standpunkte berücksichtigt werden, die zum Verständnis seiner Perspektive bezüglich Irans Atomwaffenprogramm von Relevanz sein könnten. Alles andere würde den Rahmen der Arbeit sprengen.

2.1 Systemstruktur nach Waltz

Kenneth Waltz beschäftigte sich intensiv mit der Frage, warum unterschiedliche Staaten trotz unterschiedlicher politischer Systeme sich im Außenverhalten ähneln und besonders mächtige Staaten immer damit rechnen müssen in ihrer Vormachtstellung herausgefordert zu werden. Außerdem versuchte Waltz zu erklären wieso in bestimmten Phasen mehr Kriege und in ande-ren trotz hoher Spannung Frieden besteht (vgl. Siedschlag 1997: 86; Spinder/Schieder 2010: 68). Waltz verlagerte durch seine neorealistische Perspektive den Fokus der Analyse auf die Ebene des internationalen Systems. Da er von der Struktur des internationalen Systems auf das Verhalten der Staaten schließt, wird seine Betrachtungsweise auch als struktureller Rea-lismus bezeichnet (vgl. Spinder/Schieder 2010: 66; Siedschlag 1997: 84 f.). Internationale Beziehungen bestehen nach Waltz aus zwei Elementen, nämlich den Einheiten („units“) und der Struktur („structure“). Staaten gelten als uniforme, einheitliche und rationale Akteure, deren Innenleben für Internationale Beziehungen keine große Rolle spielt (vgl. Masala 2005: 40 ff.; Spinder/Schieder 2010: 71). Das Bild des Neorealismus ist durch die absolute Domi-nanz von Sicherheitsinteressen, dem Selbsterhaltungstrieb der Staaten und die Verweigerung von Kooperation gekennzeichnet. Da es keine Instanz jenseits der Staaten (z.B. eine Weltre-gierung) gibt, die für alle Staaten gültige Regeln und Normen setzt und diese notfalls gewalt-sam durchsetzen kann, müssen die Staaten in ständiger Unsicherheit über die Intentionen der Nachbarn leben (vgl. Spinder/Schieder 2010: 65 f.). Die Struktur gilt nach Waltz als unab-hängig von den Akteuren. Der eigenständige Einfluss der Struktur auf die Akteure führt die Staaten zu einem ähnlichen Verhalten da sie sich in mehreren Charakteristika gleichen. Die Struktur des internationalen Systems ist entweder hierarchisch oder anarchisch gegliedert, da es jedoch keine obere Instanz gibt, herrscht aktuell Anarchie.

„States coexist in a condition of anarchy. Self-help is the principle of action in an anarchic order, and the most important way in which states must help themselves is by providing for their own security.“ (Waltz/Art 1988: 685)

Da die Staaten nach dem Überleben streben und mangelndes Vertrauen bezüglich anderer Staaten herrscht sind Kooperationen nur von kurzer Dauer. Die Staaten möchten folglich über ihr Schicksal möglichst selbst entscheiden, weshalb die Struktur von Neorealisten auch als „Selbsthilfesystem“ bezeichnet wird (vgl. Masala 2005: 45 ff.; Spinder/Schieder 2010: 74 ff.)

2.2 Sicherheitsmaximierung und Machtbalance

Da sich die Staaten wie bereits beschrieben unsicher über das Verhalten und die Absichten der anderen sind, führt diese strukturelle Unsicherheit nach Waltz zu einem automatischen Streben nach Machtbalance zwischen den Staaten, da sie sich stets um maximale Sicherheit bemühen, bis ihre Machtdifferenz zu den anderen Staaten ausgeglichen ist. Da Kooperationen möglichst vermieden werden und zum Beispiel durch militärische Aufrüstung nach mehr Si-cherheit gestrebt wird, fühlen sich benachbarte Staaten verunsichert und unternehmen wiede-rum Gegenanstrengungen zur Gewährleistung der Machtbalance (vgl. Masala 2005: 54 ff.) Um diese Machtbalance zu erreichen gibt es 2 Möglichkeiten: Aufrüstung oder Allianzbil-dung. Die Herausbildung der Machtbalance gilt nicht nur für Großmächte sondern kann auch unter kleineren Staaten stattfinden. Hierbei ist es wichtig stets zu beachten, dass es nicht die Motive der Staaten, sondern die eben erwähnte Systemstruktur für solch einen Prozess sorgt (vgl. Masala 2005: 56 ff.). Staaten vergleichen daher ihre Machtmittel mit anderen Staaten und versuchen Macht durch Aufrüstung oder Bündnisbildung auszugleichen (vgl. Spin-der/Schieder 2010: 74 f.). Macht gilt also nach Waltz nur als Mittel um mehr Sicherheit zu erlangen. Da eine Verhinderung einer übermäßigen Machtakkumulation der anderen durch das eigene Sicherheitsstreben erreicht werden soll, sieht Waltz die Staaten als eher defensive Akteure. Machtbalance gilt folglich also als Notwendig um kriegerischen Auseinandersetzun-gen möglichst aus dem Weg zu gehen (vgl. Masala 2005: 61 f.). Kenneth Waltz Perspektive bezüglich Irans Atompolitik baut auf den oben erwähnten Grundsätzen auf und soll im nächs-ten Kapitel näher analysiert und erläutert werden.

[...]

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Kenneth Neal Waltz und das iranische Atomprogramm im Nahen Osten
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen  (Sozialwissenschaften)
Note
2,7
Autor
Jahr
2017
Seiten
15
Katalognummer
V436468
ISBN (eBook)
9783668771581
ISBN (Buch)
9783668771598
Dateigröße
544 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kenneth Neal Waltz, Kenneth Waltz, Kenneth N. Waltz, Waltz, Realismus, Atomprogramm, Atombombe Iran, Iran
Arbeit zitieren
Haci Yunus Erdal (Autor), 2017, Kenneth Neal Waltz und das iranische Atomprogramm im Nahen Osten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/436468

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