Prüfung der Anwendbarkeit der Scott'schen Zomia-Theorie auf die Kirgis*innen im afghanischen Wakhan-Korridor


Essay, 2017

11 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Essay : Prüfung der Anwendbarkeit der Scott’schen Zomia-Theorie auf die Kirgis*innen im afghanischen Wakhan-Korridor

Abgabedatum: 30.11.2017

Dieser Essay soll die Theorien des amerikanischen Anthropologen James C. Scott über die Geschichte und staatliche Organisierung der Hochlandbevölkerungen Südostasiens mit dem afghanischen Wakhan- Korridor gegenüberstellen. Scott hat mit seinem Buch „The Art of Not Being Governed“ gängige Theorien über die Geschichtsschreibung und strukturelle Organisation der Hochlandbevölkerungen Südostasiens in Frage gestellt. Er verortet die Bewohner*innen des südostasiatischen Hochlandes innerhalb von Bruchzonen (shatter zones), welche außerhalb des Machtbereichs von benachbarten, staatlich organisierten Imperien liegen.

Scott spricht sich aus für eine Abkehr vom normativen Eigennarrativ der Zivilisation über ihre Peripherie. Das dichotome Bild von „Zivilisationen“ und „Barbaren“ sei durch selbsternannte Zivilisationen als eigenlegitimierendes Narrativ etabliert worden. Bevölkerungsgruppen außerhalb von „Zivilisationen“ seien laut Scott nicht als Antipoden der zivilisatorischen, sondern stattdessen als Antipoden der staatlichen Ordnung zu betrachten. Gängige Geschichtsforscher*innen in der Region würden bei den genannten Ländern einen unangemessen großen Fokus auf Imperien und andere staatsähnliche Konstrukte werfen. Dabei werde die als „Barbarei“ stigmatisierte außerimperiale Bevölkerung nicht genügend berücksichtigt.

Diese Arbeit soll auf die Genese des Wakhan-Korridors, diese eigens als Pufferzone eingerichteten isolierten Gebirgsstreifens Afghanistans eingehen. Die Diaspora der dort lebenden Kirgis*innen zeigt einige Parallelen zu James C. Scotts Theorie auf, was die Anwendung seiner Thesen auf diese Gruppe in der Region interessant erscheinen lässt.

Scott etabliert in seinem Werk den Begriff Zomia, der die gesamte Grenzregion Südchinas mit Nordostindien, Myanmar, Thailand, Laos und Vietnam beschreibt. Zomia sei weniger eine politische Einheit, als vielmehr ein Begriff zur Zusammenfassung von Bevölkerungsgruppen mit einer ähnlichen Lebensweise (Scott 2009: 19). Scott bezeichnet Zomia als eine der letzten Bruchzonen (shatter zones) weltweit, was er anhand seiner Analyse von Zomia ausführt.

Die Genese dieser interimperialen Räume als sichere Zufluchtsorte vor expandierenden Staaten oder Kriegen, entstand primär durch ihre geografische Isolation. Bruchzonen seien zudem gekennzeichnet von einer enormen ethnischen und sprachlichen Vielfalt (Scott 2009: 8).

Die Bewohner*innen von Zomia hätten persistenten Widerstand gegen „nation-building“-Prozesse geleistet, ihre Kooperation innerhalb der nationalen Landwirtschaft verweigert und benachbarte nationalstaatliche Konstrukte auf Abstand gehalten (Scott 2009: 19). Ihren Rückzug in die erwähnten Bruchzonen hätten Zomiabewohner*innen selber getroffen (Scott 2009: 8).

Durch Migrationsbewegungen in immer höher gelegene Berglagen hätten sie sich der Staatsmacht entzogen, während die Bevölkerungsgruppen in den Tälern aufgrund der besseren Erschließbarkeit ihrer Siedlungslage unter dem Machtbereich von Staaten standen.

Durch spezielle Adaptionsmechanismen hätte sich die staatenlose Bevölkerung an die Höhenlagen angepasst.

Die Beziehungen zwischen der nichtstaatlich organisierten Bergbevölkerung und den jeweils benachbarten Staaten, hätten einen symbiotisch reziproken Charakter. Zudem seien die kulturellen Schnittmengen zwischen den einzelnen – räumlich weit auseinanderliegenden – Bevölkerungsgruppen in den Bergregionen Zomias größer als die zwischen ebenjenen und der benachbarten Talbevölkerung (Scott 2009: 19). Dieser Kontrastreichtum müsse in der Geschichtsschreibung Südostasiens stärker hervorgehoben werden, da ihr Narrativ bislang zu stark auf Staaten zentriert sei (Scott 2009: 35).

Scott erwähnt ebenfalls die normative Perspektive des Staates auf die genannten ex-staatlich organisierten Gruppen (hill people): Der moderne Staat brauche als Eigenlegitimation ein Narrativ über sein Antipodium: Die Nicht-Staatlichkeit, welche im zivilisatorischen Eigennarrativ als Barbarei konzipiert wird. Im Grundverständnis des Staates tief implementiert sei die dogmenartige Annahme, dass Menschen ohne Staat geholfen werden müsse. Dies sei systemübergreifend in kolonialen, unabhängigen, kommunistischen, neoliberalen, populistischen und autoritären Staatsgebilden geschehen (Scott 2009: 4). Zudem seien administrative, ökonomische und auch kulturelle Standardisierungen tief vernetzt mit der Grundarchitektur des modernen Staates (Scott 2009: 4). Scott unterteilt die Genese der Dichotomie aus Staatlichkeit und Nicht-Staatlichkeit in vier globale Ären, welche in einer globalen staatenlosen Ära beginnt (1. Ära), über eine Ära der kleinen Staaten und ihrer staatenlosen Peripherie (2. Ära), welche in der dritten Ära nicht mehr staatenlos organisiert ist (Scott 2009: 324). Die Peripherie und „der Staat“ seien vor allem durch ihre Formen der Landwirtschaft differenzierbar: Während in der Peripherie überwiegend Nomad*innen lebten würde die Landwirtschaft „der Staaten“ auf sesshafter Landwirtschaft basieren, welche zudem aggressiv-expansionsorientiert sei (Scott 2009: 9). Scott verortet die kontemporäre Welt in der vierten Ära, in welcher der gesamte Globus ein administrierter Raum ist und die Peripherie ein Relikt mit Folklore-Charakter geworden sei.

Der Status quo sei auch auf ein sogenanntes „enclosure movement“ postkolonialer Staaten zurückzuführen: Der Begriff beschreibt die nationalstaatlichen Bemühungen, die historische „non-state“-Bevölkerung des Staates – trotz geographischer Isolation – in die lokale Wirtschaftsleistung einzubinden und sie für die Produktion nationaler Güter zu gewinnen (Scott 2009: 4).

Die tatsächliche Rolle der „non-state“-Bevölkerung als Involvierte im Welthandel und das Dasein von „non-state“-Menschen als Besitzer*innen von zahlreichen global relevanten Wertprodukten würde in diesem Narrativ übergangen (Scott 2009: 4). Äußerlich legitimiert würden diese Maßnahmen unter Anderem unter dem Deckmantel der Entwicklung und des wirtschaftlichen Fortschritts (Scott 2009: 4). Obgleich Nomad*innen ein größeres Territorium für ihre Form der Landwirtschaft benötigten, seien Staaten durch die sesshafte Landwirtschaft deutlich flächenexpansionsorientierter. Dadurch liege die Peripherie von Staaten mit sesshafter Landwirtschaft stets im Interessensfokus ihrer Politik (Scott 2009: 9).

Betroffene der Expansion des imperialen „Zivilisationsstaates“ (welcher laut Scott durch sesshafte Landwirtschaft gekennzeichnet ist) hätten die Wahl, sich entweder dem Expansionsdruck zu beugen oder aber in die nicht-administrierte Peripherie umzusiedeln.

Die historischen Ursachen für die Migrationsgeschichte der Bergbevölkerung ebneten den Weg zur grundsätzlichen Ablehnung politischer Subordination (Scott 2009: 23).

Scott selbst bezieht seine Standpunkte und Forschungsarbeit auf Zomia, merkt aber in seinem Text an mehreren Stellen an, dass Zomia nicht einmalig sei und es noch weitere Gebiete und Bevölkerungsgruppen mit einem Antipoden-Verhältnis zur Zivilisation gäbe (Scott 2009: 25).

Dies schafft den Übergang zu meiner Arbeit, in der ich Parallelen zur Diaspora der Kirgis*innen im afghanischen Wakhan-Korridor ziehen möchte.

Zur kontextuellen Einführung in das Gebiet, welches ich hauptsächlich behandeln werde, möchte ich zunächst auf die geographischen Gegebenheiten aufmerksam machen. Das Pamirgebirge liegt in Zentralasien und verteilt sich nahezu gänzlich auf die Territorien der gegenwärtigen Staaten Tadschikistan, China und Afghanistan. Die größte Besonderheit des Korridors ist seine Isolation. Es gibt eine Straße, die in die westlichen Gebiete des Korridors aus Afghanistan hineinführt. Die Grenzen nach Pakistan und China sind gesichert und geschlossen. Seit dem Zerfall der Sowjetunion gibt es einen tadschikisch-afghanischen Grenzübergang im äußersten Westen des Korridors. Der Wakhan-Korridor ist einer der am meisten abgelegenen Regionen Afghanistans und wurde errichtet zur Trennung der historischen regionalen Großmächte Russland von nördlicher Seite (in zaristischer und sowjetischer Form) und Großbritannien von der südlichen Seite (als Kolonialmacht auf den Gebieten des heutigen Pakistans und Indiens).

Die geopolitischen Handlungen der oben genannten Großmächte zur Etablierung der eigenen Prädominanz in Zentralasien werden als „Great Game“ bezeichnet. 1895 einigten sich die beiden Hauptkontrahenten in der Region (das russische Reich und das britische Imperium) selbst auf ihre Einflussgrenzen und der Installierung eines 350 Kilometer langen afghanischen Pufferterritoriums zwischen ihren ansonsten direkt aufeinandertreffenden Grenzen: der Wakhan-Korridor. Die Motive für die Entscheidung, Afghanistan diesen neutralen Pufferstreifen zuzuordnen, erscheinen bei einer näheren Betrachtung der Geschichte des Landes und seiner regionalen Rolle plausibel: Der Entwicklungsforscher Conrad J. Schetter spricht von der Etablierung des Begriffs „Afghanistan“ im 19. Jahrhundert als geographische Bezeichnung für sämtliche herrschaftslosen Gebiete zwischen den britischen Kolonialgebieten und dem persischen Reich (Schetter 2010: 55). Der Wakhan-Korridor ist heute von zwei Gruppen besiedelt, die vor allem sprachlich verschiedene Ursprünge aufweisen: Die Höhenlagen zwischen 2150 und 3500 m ü. NN werden von Wakhis besiedelt, während die (teilweise deutlich) über 3500 m ü. NN liegenden Gebiete von Kirgis*innen bewohnt sind (Kreutzmann 2003: 218).

Die nach der russischen Revolution einsetzenden Zwangsmaßnahmen zur Sesshaftigkeit der Kirgis*innen durch die Bolschewiki führten zur Flucht einiger Kirgis*innen in immer marginalere Gebiete des Pamirs, welche aus einer nomadischen Hirtenperspektive nicht zur ganzjährigen Besiedlung geeignet waren (Callahan 2007: 1).

Während des „Jahres des großen Umschwungs“, wie die Bolschewiki das Jahr 1929 selbst nannten, wurden landesweit Kollektivierungsmaßnahmen für die nationale landwirtschaftliche Produktion – unter Androhung und Anwendung von Zwangsmaßnahmen – durchgesetzt. Zeitgleich sollten russische Wissenschaftler*innen Forschungsergebnisse liefern, die eine zwanghaft vollstreckte Sesshaftigkeit der mit den Kirgisen eng verwandten Kasachen legitimierten. Außerdem gab es starke Bemühungen der Sowjets das etablierte Eigen- und Außennarrativ vom „kasachischen Nomadenvolk“ als historischen Mythos zu falsifizieren und zu widerlegen (Bustanov 2014: 45-46).

Zudem versuchten die Sowjets unter Stalin, alle Nomad*innen in die nationale sesshafte, durch Kolchosen organisierte Landwirtschaft zu integrieren. Dies erfolgte staatlich initiiert durch Enteignungen (Kindler 2014: 136) und Liquidierungen (Kindler 2014: 137).

Aufgrund der schwierigen Namensunterschiede und willkürlichen Bezeichnungen durch die Sowjets am Anfang des 20. Jahrhunderts sind die Implementierungsmaßnahmen der Kasach*innen und Kirgis*innen in den sowjetischen Staat nicht einzeln voneinander unterscheidbar. Die Quellenlage erschwert es nachträglich zu rekonstruieren, welche Maßnahmen jeweils Kirgis*innen und welche Kasach*innen betroffen haben. Da beide Gruppen nomadisch leb(t)en und in benachbarten Räumen siedelten, scheint diese fehlende Unterscheidung nicht sehr beeinträchtigend zu sein, da beide Gruppen gleichermaßen von den Zwangsmaßnahmen der Bolschewiki und Stalin betroffen waren.

Die Zentralasienforscherin Swante E. Cornell erklärt, dass die Kasach*innen zunächst Kirgis*innen genannt wurden. Die heutigen Kirgis*innen wurden als Kara-Kirgis*innen bezeichnet und hatten eine eigene ASSR[1] innerhalb der UdSSR (Cornell 1999: 188).

[...]


[1] ASSR, Abkürzung für: Autonome sozialistische Sowjetrepublik

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Details

Titel
Prüfung der Anwendbarkeit der Scott'schen Zomia-Theorie auf die Kirgis*innen im afghanischen Wakhan-Korridor
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
11
Katalognummer
V436509
ISBN (eBook)
9783668769441
ISBN (Buch)
9783668769458
Dateigröße
504 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
prüfung, anwendbarkeit, scott, zomia-theorie, kirgis*innen, wakhan-korridor
Arbeit zitieren
Rostam Onsori (Autor), 2017, Prüfung der Anwendbarkeit der Scott'schen Zomia-Theorie auf die Kirgis*innen im afghanischen Wakhan-Korridor, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/436509

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