Schwarzweißmalerei in "Doña Perfecta"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2015

20 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Stadt-Land-Schwarzweißmalerei: Madrid versus Orbajosa/Villahorrenda

2. Religiöse Schwazweißmalerei: Katholizismus versus Atheismus

3. Moralische Schwarzweißmalerei: Gerechtigkeit versus Anarchie

4. Emotionale Schwarzweißmalerei: Ratio versus Emotio

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Stadt-Land-Schwarzweißmalerei: Madrid versus Orbajosa/Villahorrenda

Bereits im ersen Kapitel wird der Leser durch die Überschrift ,,¡Villahorrenda!...¡Cinco minutos!”[1] ideologisch darauf vorbereitet, was er von der Beschaffenheit des dargestellen Raums Villahorenda zu erwarten hat.

Der Titel weist implizit darauf hin, dass sich ein längerer Aufenthalt in diesem rückständigen Provinzkaff nicht lohnt und dass sich die ironische Desillusionierung eines ländlichen und idyllischen Naturraums im Laufe der Romanhandlung auch anhand weiterer Kapitelübeschriften -2.Kapitel: ,Eine Reise durch das Herzeland Spaniens”; 12. Kapitel: ,,Hier war Troja”, etc.- systematisch fortsetzen wird.

Die Infrastruktur Villahorrendas, ein ,,telling name”, der mit ,,grauenerregende Kleinstadt” oder ,,grässliches Nest” übersetzt werden kann, lässt mehr als zu wünschen übrig.

Abgesehen von Pepe Rey bleiben alle anderen Reisenden schlafend oder gähnend in ihren Abteilen sitzen ,, [...] porque el frío penetrante de la madrugada no convidaba a pasear por el desamparado andén.”[2]

Der ungeschützte Bahnsteig und die eisige Kälte laden nicht zum längeren Aufenthalt ein.

Villahorrenda verfügt laut Aussage eines Laternenwächters über keinerlei Gaststätte oder Schlafgelegenheit und wirkt daher unwirtlich und karg.

¿Hay fonda o dormitorio en la estación de Villahorrenda? - preguntó el viajero [Pepe Rey] al del farol.

-Aquí no hay nada – respondió éste secamente [...].[3]

Die Rückständigkeit der Kleinstadt bleibt aber nicht auf der Ebene der Infrastruktur stehen. Vielmehr gibt es zahlreiche implizite Hinweise darauf, dass Villahorrenda nicht etwa wie Madrid über ein solides Wirtschafts- ,Finanz- oder Dienstleistungssystem verfügt, sondern immer noch mit Naturalien bzw. Hühnern, die auf Packwagen verfrachtet werden, handelt, und den Schritt zur tiefgreifenden Industrialisierung (noch) nicht genommen hat.

-En Villahorrenda estamos- repuso el conductor, cuya voz se confundía con el cacarear de las gallinas que en aquel momento eran subidas al furgón.[4]

Die Trost- und Funktionslosigkeit des Raumes wird bewusst auf weitere Nebenschauplätze mit euphemisitschen Namen (Villarica, Valdeflores, Valleameno, etc.) übertragen und gipfelt dann später in der kritisch-rationalen Aussage Pepe Reys, ,,[...]Orbajosa parece un gran muladar.”.[5]

Die ,,telling names” der o.g. Ortsnamen suggerieren dem fremden, von außen kommenden Rationalisten Pepe Rey Reichtum, intakte Häuser, eine florierende Landwirtschaft, sowie eine ländlich-friedliche Idylle, wo in Wirklichkeit doch erbärmliche Lehmkaten und ungenutzt brachliegende Ebenen zu sehen sind und Villarica insgesamt seine Armut nur so herausschreit.

Tal villorrio de adobes que miserablemente se extiende sobre un llano estéril y que de diversos modos pregona su pobreza, tiene la insolencia de nombrarse Villarica[6]

Pepe Rey nimmt bei der kühlen Analyse des Raums kein Blatt vor den Mund und schert sich auch nicht um die ideologischen oder emotionalen Befindlichkeiten der Einwohner Orbajosas.

Er sieht kein liebliches Tal, sondern ein erbärmliches Nest vor sich, er vermisst auf dem Lilienhügel schmerzlich die namensgebenden Lilien und nennt es den Hügel der Trostlosigkeit.[7]

Die kaltherzige, pragmatisch-nüchterne und aufgeklärt-moderne Figur des Pepe Rey als typischer Stadtmensch wird von Galdos geschickt in das konservativ-rückständige, ideologisch verblendete, aber stolze ländliche Milieu gesetzt, wodurch der schwarzweißmalerische Dualismus der ,,Dos Españas” auch in den Figuren symbolisiert und erneut offensichtlich wird.

Die ideologische Opposition zwischen Anspruch und Wirklichkeit, zwischen aufklärerisch-nüchterner Betrachtung durch Pepe Rey einerseits und der bewussten, ideologischen Verklärung durch die euphemisitschen Ortsbenennungen von Seiten der Einwohner Orbajosas andererseits, erreicht einen weiteren, nicht miteinander in Einklang zu bringenden Höhepunkt.

Zudem wird durch diese systematisch akkumulierende und kulminierende Desillusionierung des konservativ-ländlichen Raumes der strukturelle und ideologische Kontrast zur Hauptstadt Madrid als Sinnbild des Liberalismus und der Moderne verstärkt und die spätere zunehmende Dichotomie der beiden politisch-ideologischen Lager im Vorfeld zementiert.

Wie es um den Ort Orbajosa als Schauplatz der Haupthandlung tatsächlich beschaffen ist, erfährt der Leser aus der Perspektive des Erzählers, die jedoch so nüchtern und pragmatisch beschrieben wird, als handele es sich um eine normative Aussage Pepe Reys zur Rückständigkeit desselben.

In Orbajosa stehen auf einem Hügel etliche zusammengedrängte alte Häuser mit windschiefen Mauern und braune, staubige Lehmkaten. Hoch oben auf dem Gipfel ragt die Ruine eines verfallenen Schlosses hervor, als Sinnbild längst vergangener Größe. Bescheidene Häuser recken sich empor wie blutleere, verhungerte Gesichter, die Vorbeigehende um Almosen anbetteln.

Diese Personifikation der Stadt Orbajosa zeigt ihren tatsächlichen sozialen und wirtschaftlichen Zustand und wird von Galdos bewusst installiert, sodass die darauffolgende, idelogisch verklärte und teilweise fanatische Glorifizierung Orbajosas von Seiten der Einwohner noch grotesker und das dualistische Denken in zwei Lagern unausweichlich erscheint.[8]

2. Religiöse Schwazweißmalerei: Katholizismus versus Atheismus

Der räumliche und figurenbezogene Dualismus zwischen Stadt und Land, bzw. zwischen den beiden zentralen Figuren Pepe Rey, als Stellvertreter des Liberalismus und der Moderne, bzw. Dona Perfecta als Repräsentantin des Konservativismus und der Tradition öffnet bei Galdos immer neue dualistische Oppositionen und bietet weiteren Raum für spaltende ideologische Lagerkämpfe, die von den handelnden Figuren ausgetragen werden.

Der Beichtvater des Dorfes mit dem ironischen Namen ,,Don Innocencio” ist hierbei zugleich Stellvertreter der Religion und moralischer Wächter über die Sittsamkeit und Frömmigkeit der Einwohner Orbajosas.

Pepe Rey ist der rational-aufgeklärte, pragmatische Akademiker (Architekt) aus Madrid, der aufgrund seines Glaubens an Wissenschaft, Empirie und Fortschritt für die biblischen, antiquierten Weisheiten seines Gegenspielers nicht empfänglich ist.

Die hier beschriebene ideologische Opposition und die Unvereinbarkeit der beiden Positionen wird auch stilistisch geschickt von Galdos realisiert, denn er lässt Don Innocencio zuerst ein Plädoyer für die Religion halten und unmittelbar darauf hält Pepe Rey sozusagen sein Gegen-Plädoyer für die Wissenschaft, eine Art dialektische Konstruktion im Sinne einer mittelalterlichen Disputatio, wo Argument und Gegenargument unmittelbar aufeinanderfolgen, wie man sie z.B. häufig bei großen Kirchengelehrten, z.B. bei Thomas von Aquin, vorgefunden hat.[9]

Für Don Innocencio ist Wissenschaft gleichbedeutend mit dem Tod des Gefühls.

Sie tötet den Geist und den Glauben in der Seele, sie will alles rational erklären und auf feste Regeln, messbare Konstanten und Variablen zurückführen und entzaubert damit die erhabene göttliche Natur. Er stellt das Gefühl des Herzens also klar über den bloßen Verstand.[10]

El corazón es una esponja , el cerebro una gusanera [dijo el Penitenciario].[11]

Für den Beichtvater bedeutet der kühle und empirische Rationalismus, repräsentiert durch Pepe Rey, den Tod der geistigen Welt, des Gefühls und der menschlichen Seele.

Die Dichotomie in die beiden ideologischen Lager und deren Unvereinbarkeit gipfelt sodann in Pepes unbarmherzigen Gegen-Plädoyer.

Seiner Meinung nach hat die Wissenschaft den Aberglauben und die Sophistik systematisch widerlegt und liebgewonne, antiquierte Vorstellungen wurden durch empirische Beweise abgelöst. Heidnische Götter und falsche Idole sind gefallen.

Der Mensch hat das dunkle und mystische Feld der Religion verlassen und sieht schon seit dem 18.Jahrhundert mit dem aufgeklärten Blick der Erkenntnis das Wesen der Dinge.[12]

Das aufklärerische Denken Pepe Reys (frz.,,Les lumières”) kommt auch durch die Lichtmetaphorik zum Ausdruck, als er in seinem Plädoyer über das Menschengeschlecht schlechthin spricht.

[...] el género humano despierta y sus ojos ven la luz.[13]

Der Geist der Aufklärung hat über den blinden Aberglauben und die kritiklose Übernahme antiquierter Vorstellungen gesiegt.[14]

Ausgehend von dieser ideologischen Hauptopposition lässt Galdos dann jeweils verschiedene Figuren zu Wort kommen, deren normative, teilweise fanatische Aussagen den Grabenkampf zementieren und letztlich zur Eskalation zwischen Doña Perfecta und Pepe Rey führen wird, als sie ihm die Hand ihrer Tochter endgültig verweigert und Rosario in ihrem Zimmer einsperrt, wie ein höriges, entrechtetes Kind.

Was als leichte Verstimmung zwischen Doña Perfecta und Pepe Rey in Kapitel 6, aufgrund von Pepes Gegenplädoyer an Don Innocencio, beginnt, steigert sich sukzessiv bis zum 9.Kapitel, v.a. aufgrund seines unschicklichen Betragens in der Kirche von Orbajosa, und gipfelt dann in Kapitel 25 in Doña Perfectas demagogischen und fanatischen Hasstiraden gegen ihren Neffen, die sie María Remedios offenbart und die jeder Logik und Vernunft trotzen.

Mi sobrino, no es mi sobrino, mujer: es la blasfemia, el sacrilegio, el atéismo, la demagogia [...].[15]

Die Dichotomie, die sich also von Kapitel zu Kapitel dynamisch steigert, ist nun vollkommen, irreversibel und wird in den Tod des Protagonisten münden.

[...]


[1] Cit. Galdós, Benito Pérez: Dona Perfecta. Pantianos Classics. 2002. p. 5

[2] Cit. Ebd. p.6

[3] Cit. Ebd.

[4] Cit. Ebd.

[5] Cit. Ebd., p.23

[6] Cit. Ebd. p.10

[7] Vgl.Ebd. p.11

[8] Vgl.Ebd. p.25

[9] Vgl.Davies, Brian: The Thought of Thomas Aquinas, S. 104 ff.

[10] Vgl.Galdós, Benito Pérez: Doña Perfecta. Pantianos Classics. 2002. p. 57

[11] Cit. Ebd. p. 50

[12] Vgl.Ebd. p. 51

[13] Cit. Ebd.

[14] Vgl.Wolfzettel, Friedrich: Der spanische Roman von der Aufklärung bis zur frühen Moderne, S. 144 ff.

[15] Cit.Galdós, Benito Pérez: Doña Perfecta. Pantianos Classics. 2002. p.126

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Schwarzweißmalerei in "Doña Perfecta"
Hochschule
Universität zu Köln
Note
1,7
Autor
Jahr
2015
Seiten
20
Katalognummer
V436764
ISBN (eBook)
9783668771345
ISBN (Buch)
9783668771352
Dateigröße
519 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Benito Pérez Galdós, Dona Perfecta, schwarzweißmalerei, Dichotomie, Zeitgeschichte
Arbeit zitieren
Christoph Ervens (Autor), 2015, Schwarzweißmalerei in "Doña Perfecta", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/436764

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