Praktiken der Grenzziehung. Soziale Grenzen, die unser jeder Leben bestimmen


Essay, 2017
5 Pages, Grade: 1,7

Excerpt

Prüfungsaufsatz zum Thema 2

Praktiken der Grenzziehung und die damit verbundenen Demarkierungen von Territorien und Regionen werden häufig in die politische Geografie eingeordnet, jedoch haben sie eine ebenso große Bedeutung für die Sozialgeografie, da mit Grenzen Gesellschaften grundsätzlich strukturiert werden. Mit dem Begriff der Grenzziehung wird ein ganz wichtiges Thema der Sozialgeografie angesprochen, nämlich das Verhältnis zwischen Gesellschaft, Kultur und Raum, sowie die Struktur des alltäglichen Lebens mit der „Grenze“ als allgemeingültige, materielle oder immaterielle Differenzierung zwischen verschiedenen Personengruppen und deren Rolle im Alltag.

Welchen Einfluss nehmen räumliche Grenzen auf das alltägliche Leben und welche Rolle spielt das „hier und dort“ für die Gesellschaft? Um sich diesen Fragen zu nähern soll hier zunächst geklärt werden, was Grenzen überhaupt sind und welche Arten von Grenzen es gibt. Außerdem sollen die Auswirkungen auf den gesellschaftlichen Alltag deutlich gemacht werden und damit einhergehend der Prozess der Grenzziehung und dessen verschiedene Praktiken diskutiert werden.

Allgemein hat eine Grenze die Aufgabe die Welt zu ordnen. Somit heißt Grenzen ziehen immer Entscheidungen treffen, um das „hier und dort“ voneinander abzugrenzen. Es gibt dauerhafte und temporäre Grenzen, die entweder natürliche oder imaginär vorgestellte Grenzen sein können.

Natürliche Grenzen sind von der Natur anscheinend vorgegebene Grenzen, die biogeografische Räume voneinander abgrenzen und durch Friedrich Ratzel auf die Humangeografie übertragen wurden (z.B. Flüsse, Gebirge, Tiefebenen etc.). Laut Ratzel sind diese Grenzen jedoch nicht nur eine äußere, sondern auch eine innere Abgrenzung. Dadurch käme es zu einer „inneren Homogenität der Landschaften“. Man kann sagen, dass dies eine geodeterministische Sichtweise ist, also die Landschaft Gesellschaften voneinander abgrenzt und Menschengruppen determiniert. Somit beschreibt der Geodeterminismus keine Praktik des Grenzziehens, sondern die Grenzen sollen anscheinend schon vorgegeben sein. Zu wissen was natürliche Grenzen sind, ist trotzdem unabdingbar, da sie ein Anzeichen für existierende Grenzen, welche gezogen worden, sein könnten.

Eine erste echte Praktik der Grenzziehung ist das Kulturerdteilprinzip nach Newig. Dieser hat anhand verschiedener Merkmale unterschiedlicher Volksgruppen, mit Bezug auf die physisch- geografischen Gegebenheiten, versucht die Welt kulturell zu strukturieren. Das Problem bei dieser Praktik ist allerdings, dass diese Grenzen als klare Trennlinien gedacht sind und eine Vermischung von Kulturen nicht berücksichtigt wird. Aus diesem Grund wurde diese Theorie vor einigen Jahren verworfen, da die heutzutage multikulturellen Gesellschaften keine Berücksichtigung fanden und die Lehre von „Newigs Kulturerdteilen“ rassistische Ansichten begünstigt.

Eine andere Ansicht vertreten Simmel und Febvre, die sich weg von den physisch-geografischen hin zu den sozialgeografisch-kulturellen Gegebenheiten wandten. Sie leiteten damit eine Wende in der Sozialgeografie ein, da sie davon ausgingen, dass Grenzen nicht allein im Raum vorhanden sind, sondern Grenzen vom Menschen gemacht werden. Die Grenze an sich wird von ihnen als „Gefühl, erregte Leidenschaft und Hass“ beschrieben und sie sind der Überzeugung, dass eine allein geomorphologische Trennlinie noch lange keine Grenze ist. Dies stellt nochmal genauer dar, weshalb sie sich deutlich vom Geodeterminismus abgrenzen. Somit scheinen die sozialen Funktionen von Grenzen zum einen die „Fixierung von Differenz“, das heißt, dass Grenzen Entscheidungen demarkieren und diese dauerhaft oder temporär naturalisieren und zum anderen die „Naturalisierung des Kontingenten“, dies bedeutet eine innerliche Zusammengehörigkeit durch eine hergestellte Einheit, zu sein.

Von den natürlichen Grenzen über den Perspektivenwechsel kommen wir nun zu dem Prozess des „Borderings“, also dem des Grenzziehens und dessen verschiedenen Praktiken.

Bordering sagt aus, dass Grenzen menschengemacht, also nicht von der Natur vorgegeben, sind und es materielle bzw. sichtbare und imaginäre Grenzen gibt. Praktiken des Grenzziehens sind z.B. Mauern, Zäune, etc. oder Vermerke in Akten, die Gebiete abgrenzen oder Abstrakte Grenzen, die keine materielle Grundlage haben, sondern nur imaginär in den Köpfen der Menschen existieren. Somit werden Grenzen zum Ausdruck der räumlichen Ordnung von Welt, deren Zugehörigkeit häufig durch Karten suggeriert wird.

Beim Bordering unterscheidet man zwischen Makro- und Mikroebene. Die Makroebene beruht auf der Demarkierung räumlicher Grenzen auf Staats- und Länderebene, die für einige Personen permeabel und für andere Personen undurchlässig ist. Dadurch entsteht ein homogenes „Wir“ nach innen und eine starke Differenzierung nach außen, die versucht ein Gebiet und somit eine Nation bzw. einen Nationalstaat zu definieren. Dies scheint auf der einen Seite sehr positiv zu sein, da der Zusammenhalt innerhalb eines Staates gestärkt wird und sich Traditionen entwickeln können. Jedoch kann es durch diese Form der Regionalisierung auch zu einer starken Fremdenfeindlichkeit kommen und Verhältnisse zu anderen Staaten, sowie die überregionale Zusammenarbeit könnte stark gefährdet sein. Wenn man die Grenzziehung mit dieser Gefahr im Hinterkopf kritisch betrachtet, könnte man den Text „Grenzen sind Übergänge oder sollten es sein“ von Klaus Harpprecht heranziehen. Der Titel des Textes ist schon sehr vielsagend. Harpprecht zieht als Beispiel die Situation zwischen DDR und BRD heran und möchte nicht, dass jemand Grenzen als unüberwindbare Trennlinien betrachtet, sondern als Übergänge. Er betont, dass es keine festen natürlichen Grenzen gibt, sondern man mit Macht auch scheinbar feste Grenzen verschieben bzw. überwindbar machen kann. Ein Beispiel hierfür ist die Europäische Union, welche immer mehr Mitgliedsstaaten vorzuweisen hat und es somit zu deutlichen Grenzüberschreitungen der Nationalstaaten zugunsten einer immer größer werdenden europäischen Ordnung der Gesellschaft kommt.

[...]

Excerpt out of 5 pages

Details

Title
Praktiken der Grenzziehung. Soziale Grenzen, die unser jeder Leben bestimmen
College
http://www.uni-jena.de/  (Geographie)
Course
Sozialgeographie 1
Grade
1,7
Author
Year
2017
Pages
5
Catalog Number
V437041
ISBN (eBook)
9783668777903
Language
German
Tags
Grenze, Grenzziehung, Naturraum, anthropogene Grenzen, natürliche Grenzen
Quote paper
Felix Busch (Author), 2017, Praktiken der Grenzziehung. Soziale Grenzen, die unser jeder Leben bestimmen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/437041

Comments

  • No comments yet.
Read the ebook
Title: Praktiken der Grenzziehung. Soziale Grenzen, die unser jeder Leben bestimmen


Upload papers

Your term paper / thesis:

- Publication as eBook and book
- High royalties for the sales
- Completely free - with ISBN
- It only takes five minutes
- Every paper finds readers

Publish now - it's free