Finanzanalysten spielen eine wichtige Rolle als Informationsintermediär auf dem Kapitalmarkt, indem sie Informationen systematisieren, verarbeiten und anderen Kapitalmarktakteuren zur Verfügung stellen. Am Ende ihres Informationsverarbeitungsprozesses stehen sogenannte Research Reports, die unter anderem Ertragsprognosen und Aktienempfehlungen enthalten und die an ihre Kunden, wie beispielsweise institutionelle Investoren, verteilt werden. Eine kritische und unverzerrte Informationsverarbeitung dient potentiellen Investoren als wichtige Grundlage für ihre Anlageentscheidungen.
Die Arbeit der Finanzanalysten unterliegt jedoch inhärenten Interessenkonflikten. Einerseits sollen sie im Dienste ihrer Kunden Unternehmen beurteilen und Empfehlungen abgeben. Andererseits müssen sie aber auch ein enges Verhältnis zum Management des beobachteten Unternehmens pflegen, um so an exklusive Informationen zu gelangen. Zudem dürfen sie in ihren Schätzungen und Empfehlungen auch den Interessen des eigenen Arbeitgebers nicht zuwiderlaufen. Diese Interessenkonflikte können zu Verzerrungen führen, die bereits in zahlreichen empirischen Studien nachgewiesen wurden.
Resultierend aus den Problemen in Bezug auf die Prognoseverzerrungen der Finanzanalysten gründete der ehemalige Hedgefonds-Manager Leigh Drogen im Jahr 2011 die crowd-basierte Plattform Estimize.com, die es ihren Usern ermöglicht, Ertragsprognosen für Unternehmen abzugeben.
In dieser Arbeit soll auf Basis dieser Behauptungen geprüft werden, ob Estimize gegenüber den Finanzanalysten eine echte Alternative als Informationsintermediär für Investoren darstellen kann.
Dazu wird zunächst im zweiten Kapitel aus theoretischer Perspektive hergeleitet, warum Informationsintermediäre auf dem Kapitalmarkt auftreten, um auf dieser Basis deren ökonomische Funktionen abzuleiten. Im dritten Kapitel werden die Finanzanalysten als Informationsintermediäre am Kapitalmarkt näher betrachtet. Dabei steht insbesondere deren Funktionserfüllung als Informationsintermediäre auf dem Kapitalmarkt im Vordergrund. Im vierten Kapitel wird abschließend untersucht, ob die crowd-basierte Plattform Estimize eine echte Alternative für Finanzanalysten darstellen kann und ob Rückkopplungseffekte zu beobachten sind.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Entstehung von Informationsintermediären aus theoretischer Perspektive
2.1 Traditionelle neoklassische Theorie
2.2 Neue Institutionenökonomik
2.3 Prinzipal-Agenten-Theorie
2.3.1 Problembeschreibung
2.3.2 Agency-Kostensenkung durch Finanzanalysten als Informationsintermediäre
2.3.3 Agency-Kosten durch Informationsintermediäre
3. Finanzanalysten als Informationsintermediäre
3.1 Definition und Abgrenzung
3.2 Beschreibung der Tätigkeit von Finanzanalysten
3.2.1 Informationsbeschaffung
3.2.2 Informationsverarbeitung
3.2.3 Informationsdistribution
3.3 Anforderungen an Analystenschätzungen
3.4 Einflussgruppen von Finanzanalysten und deren Auswirkungen
3.4.1 Interessenkonflikte mit dem analysierten Unternehmen
3.4.2 Interessenkonflikte mit dem Arbeitgeber
3.4.3 Interessenkonflikte mit den (potentiellen) Investoren
3.5 Analystenspezifische Einflussfaktoren auf Prognosen und Empfehlungen
4. Die Crowd als Informationsintermediär
4.1 Definition und Abgrenzung
4.2 Kurzvorstellung von Estimize
4.3 Estimize.com - Funktionserfüllung als Informationsintermediär im Vergleich zu Finanzanalysten
4.4 Rückkopplungseffekte auf Finanzanalysten durch Estimize.com
5. Fazit
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Masterarbeit untersucht, inwieweit Finanzanalysten ihre Funktion als Informationsintermediäre am Kapitalmarkt effektiv erfüllen und ob crowd-basierte Plattformen, speziell Estimize.com, eine echte Alternative für Investoren darstellen können.
- Theoretische Herleitung der Notwendigkeit von Informationsintermediären
- Analyse des Arbeitsprozesses und der Interessenkonflikte von Finanzanalysten
- Evaluierung der Prognosegenauigkeit und Qualität von Estimize-Daten
- Vergleich der Leistungsfähigkeit von Finanzanalysten und der Crowd
- Untersuchung von Rückkopplungseffekten der Crowd-Plattformen auf das Analystenverhalten
Auszug aus dem Buch
3.4.1 Interessenkonflikte mit dem analysierten Unternehmen
Ein möglicher Interessenkonflikt kann sich durch die Beziehung zwischen dem Finanzanalysten und dem Management des beobachteten Unternehmens ergeben. Im Rahmen der Erstellung der Research Reports sind Finanzanalysten auf unternehmensnahe Daten angewiesen.
Diese erhalten sie beispielsweise durch Analystenkonferenzen oder Interviews mit dem Management. Zwar stehen auch Informationen aus der externen Berichterstattung zur Verfügung, da diese aber öffentlich erhältlich sind, benötigen die Finanzanalysten Zusatzinformationen, damit sie die Ertragslage der Unternehmen besser einschätzen können. Das Management dieser Unternehmen könnte nun versuchen, den Finanzanalysten so zu beeinflussen, dass dieser ein positives Bild von ihrem Unternehmen abgibt. Das Ziel könnte sein, die Aktienkurse zu inflationieren, um beispielsweise feindliche Übernahmen abzuwehren oder die Managementvergütung zu verbessern. Finanzanalysten stehen somit vor einem Dilemma. Sie haben aufgrund ihrer engen Beziehung zum Management möglicherweise Zugang zu exklusiven Informationen und sollten in der Lage sein, genauere Prognosen zu erstellen. Wenn sie jedoch genauere Prognosen liefern, die den Interessen des Unternehmens zuwiderlaufen, kann sich das nachteilig auf die Beziehung zwischen dem Unternehmen und den Finanzanalysten auswirken.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit thematisiert die Rolle von Finanzanalysten als Informationsintermediäre und hinterfragt deren Effektivität aufgrund inhärenter Interessenkonflikte, während sie die Plattform Estimize als potenzielle Alternative beleuchtet.
2. Entstehung von Informationsintermediären aus theoretischer Perspektive: Dieses Kapitel begründet aus neoklassischer Sicht und der Neuen Institutionenökonomik die Existenz von Intermediären als notwendige Akteure zur Reduzierung von Transaktionskosten und Agency-Problemen.
3. Finanzanalysten als Informationsintermediäre: Hier werden Tätigkeit, Arbeitsprozess und Anforderungsprofil von Finanzanalysten detailliert untersucht, wobei ein besonderer Fokus auf den vielfältigen Interessenkonflikten mit Unternehmen, Arbeitgebern und Investoren liegt.
4. Die Crowd als Informationsintermediär: Das Kapitel analysiert Crowdsourcing im Finanzbereich, stellt die Plattform Estimize vor und evaluiert kritisch, ob und unter welchen Bedingungen die "Weisheit der Vielen" eine qualitativ hochwertige Alternative zu professionellen Analysten darstellt.
5. Fazit: Die abschließende Betrachtung kommt zu dem Ergebnis, dass Estimize kein direkter Ersatz für Finanzanalysten ist, jedoch als komplementäre Informationsquelle einen Mehrwert bietet und disziplinierende Rückkopplungseffekte auf Analysten ausübt.
Schlüsselwörter
Finanzanalysten, Informationsintermediär, Kapitalmarkt, Agency-Probleme, Estimize, Crowdsourcing, Prognosegenauigkeit, Interessenkonflikte, Behavioral Finance, Informationseffizienz, Analystenschätzungen, Rendite, Behavioral Finance, Herdenverhalten, Wisdom of Crowds
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Qualität und Zuverlässigkeit von Finanzanalysten als Informationsvermittler und prüft, ob moderne Crowdsourcing-Plattformen wie Estimize diese Funktion effizienter übernehmen können.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Schwerpunkte liegen auf der Theorie der Finanzintermediation, den Anreizstrukturen und Interessenkonflikten bei Investmentbanken sowie der empirischen Untersuchung von "Wisdom of Crowds"-Effekten bei Finanzprognosen.
Welches primäre Ziel verfolgt die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, herauszufinden, ob crowd-basierte Prognosen weniger verzerrt sind als herkömmliche Analystenschätzungen und ob sie eine echte Alternative für Investoren darstellen.
Welche wissenschaftliche Methode wird primär verwendet?
Die Arbeit nutzt eine fundierte Literaturanalyse ökonomischer Theorien, kombiniert mit einer Auswertung aktueller empirischer Studien zur Prognosequalität und zum Verhalten von Marktteilnehmern.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Begründung von Intermediären, eine detaillierte Beschreibung der Analystentätigkeit unter Berücksichtigung von Interessenskonflikten sowie eine umfassende Evaluierung der Plattform Estimize.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Finanzanalysten, Informationsasymmetrien, Agency-Kosten, Crowdsourcing, Prognosegenauigkeit und die Weisheit der Vielen.
Inwiefern beeinflussen Interessenkonflikte die Prognosen von Analysten?
Die Arbeit zeigt auf, dass Analysten oft dazu neigen, optimistischere Prognosen abzugeben, um den Zugang zu exklusiven Informationen des Managements zu sichern oder die Geschäftsbeziehungen ihres Arbeitgebers zu den Unternehmen nicht zu gefährden.
Wie modifiziert Estimize das Verhalten von Finanzanalysten?
Durch die Bereitstellung eines öffentlichen Benchmarks wirkt Estimize disziplinierend: Finanzanalysten neigen dazu, ihre Prognosen weniger zu verzerren und schneller zu veröffentlichen, sobald ihr abgedecktes Unternehmen auch auf der Crowd-Plattform gelistet ist.
- Citation du texte
- B.Ed. Franziska Dürrschmidt (Auteur), 2018, Erfüllen Finanzanalysten ihre Funktion als Informationsintermediär und stellen crowd-basierte Plattformen eine Alternative für Investoren dar?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/438169