Die Bandbreite an einschlägiger Literatur zum Plusquamperfekt ist, verglichen mit den anderen Vergangenheitstempora, sehr überschaubar. Diese „stiefmütterliche Behandlung“ (BREUER/ DOROW 1996: 1) ist unter anderem auf die scheinbare Problemlosigkeit des Plusquamperfekts zurückzuführen (dazu auch HAUSER-SUIDA/ HOPPE-BEUGEL 1972: 160). Dass dieses Urteil vorschnell ist, wird noch zu zeigen sein.
Besonders hervorzuheben im Zusammenhang mit der Darstellung des Plusquamperfekts sind neben den Arbeiten von HAUSER-SUIDA/ HOPPE-BEUGEL (1972), VATER (1994) und KROEGER (1977) vor allem die Untersuchungen von EROMS (1983 und 1984) und BREUER/ DOROW (1996). Die vorliegende Arbeit soll sich mit den unterschiedlichen Gebrauchsweisen beschäftigen, in denen das Plusquamperfekt auftaucht und diese anhand von Beispielen aus der neueren deutschen Literatur zu belegen versuchen. Diese ausdrückliche Beschränkung auf Belege aus der geschriebenen Sprache soll zum einen der von HENNIG (2000: 4) geäußerten Kritik an den meisten Tempus-Abhandlungen und deren stillschweigender Gleichsetzung von gesprochener und geschriebener Sprache Rechnung tragen; zum anderen setzt „die künstlerische Verwendung von Sprache ein in der Sprache angelegtes Potential“ (RAUH 1985: 63) frei, das im alltäglichen (also zumeist mündlichen) Sprachgebrauch nicht zum Tragen kommt. D. h. die verschiedenen Erscheinungsformen des Plusquamperfekts, das den anderen Tempora gegenüber ohnehin vergleichsweise selten auftritt (BREUER/ DOROW 1996: 1), sind am ehesten in literarischen Texten zu fassen1.
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
1. Das Plusquamperfekt – ein unproblematisches Tempus?
2. Bedeutung und Gebrauch des Plusquamperfekts
2.1. Semantik
2.2. Pragmatik
2.2.1. Plusquamperfekt und Perfekt
2.2.2. Relativer Gebrauch des Plusquamperfekts
2.2.2.1. Das ‚futurische’ Plusquamperfekt
2.2.2.2. Streckformen
2.2.3. Absoluter Gebrauch des Plusquamperfekts
3. Das Plusquamperfekt als Spiegel der Tempusproblematik
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die vielfältigen Gebrauchsweisen des Plusquamperfekts in der neueren deutschen Literatur. Das primäre Ziel ist es, die Diskrepanz zwischen der semantischen Grundbedeutung und der pragmatischen Verwendung des Tempus zu analysieren und dabei anhand literarischer Belege aufzuzeigen, dass das Plusquamperfekt keineswegs ein unproblematisches oder randständiges Tempus darstellt.
- Semantische und pragmatische Grundlagen des Plusquamperfekts
- Abgrenzung und Interaktion mit dem Perfekt
- Erscheinungsformen wie das ‚futurische’ Plusquamperfekt und Streckformen
- Funktionen des relativen und absoluten Gebrauchs im erzählerischen Kontext
Auszug aus dem Buch
2.2.3. Absoluter Gebrauch des Plusquamperfekts
Zunächst sollte der Begriff des ‚absoluten’ Gebrauchs geklärt werden.
Ist das Plusquamperfekts den anderen Tempora „zahlenmäßig überlegen“, erscheint es also gewissermaßen autonom, so spricht EROMS (1983: 66) von einem absoluten Gebrauch, was für VATER (1994: 73) aber nicht der Fall ist, da ja auch in dieser Verwendungsweise die primäre Vergangenheitsebene durchaus noch vorhanden sei. Dies bestreitet EROMS (1983: 68) gar nicht, im Gegenteil stellt er fest, dass das Plusquamperfekt immer, unabhängig von seiner Verwendungsweise, „vermittelt“ auftritt. Es zeigt sich also, dass sich hier rein terminologisch bedingte Differenzen ergeben (siehe dazu Anm. 4).
Die terminologische Beliebigkeit zeigt sich auch bei BREUER/ DOROW (1996: 48), die die negativ-adversative Funktion eines Plusqumperfekts als absolut bezeichnen. Angesichts dessen, dass das Plusqumperfekt immer relativ auftritt, soll hier ‚absolut’ als das anteilig überwiegende Auftreten des Plusquamperfekts definiert werden, wie es etwa in der Erzählung „Die Trompete“ von Hermann Kant, in der lange Passagen im Plusquamperfekt stehen, der Fall ist. Es wird dort auf breitem Raum der Reifungsprozess des Protagonisten referiert, die primäre Erzählebene ist aber durchgehend im Präteritum gehalten, auch wenn die Vorgeschichte der eigentlichen Handlung (also die Folie) ein größeres Erzählgewicht trägt.
Zusammenfassung der Kapitel
Vorwort: Dieses Kapitel erläutert die bisherige Vernachlässigung des Plusquamperfekts in der Forschung und begründet die methodische Entscheidung, zur Analyse literarische Texte heranzuziehen.
1. Das Plusquamperfekt – ein unproblematisches Tempus?: Es wird diskutiert, ob das Plusquamperfekt ein monosemes Tempus ist, und es wird die Notwendigkeit aufgezeigt, bei der Untersuchung zwischen Bedeutung und Gebrauch zu differenzieren.
2. Bedeutung und Gebrauch des Plusquamperfekts: Dieses Hauptkapitel analysiert die semantische Grundbedeutung und vertieft die pragmatischen Aspekte sowie spezifische Anwendungsformen im Satzgefüge.
3. Das Plusquamperfekt als Spiegel der Tempusproblematik: Das Fazit stellt fest, dass das Plusquamperfekt komplexere Strukturen aufweist als zunächst angenommen und die grundlegenden Schwierigkeiten der Tempus-Linguistik widerspiegelt.
Schlüsselwörter
Plusquamperfekt, deutsche Grammatik, Tempus, Semantik, Pragmatik, Vorzeitigkeit, Perfekt, Streckform, Doppelperfekt, absolute Zeitform, relative Zeitform, erzählende Prosa, Sprachwissenschaft, Zeit-Linguistik, Tempusproblematik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der linguistischen Untersuchung des Plusquamperfekts in der deutschen Sprache, insbesondere unter Berücksichtigung der geschriebenen Literatur.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Zentrum stehen die semantische Grundbedeutung, die pragmatischen Funktionen sowie die unterschiedlichen Erscheinungsformen des Plusquamperfekts in verschiedenen Erzählkontexten.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, das Plusquamperfekt als ein bedeutungsreiches und problembehaftetes Tempus zu charakterisieren, das in der Forschung oft zu Unrecht als "unproblematisch" bezeichnet wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine Analyse einschlägiger linguistischer Fachliteratur sowie auf eine belegbasierte Auswertung von Beispielen aus der neueren deutschen Literatur.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine semantische Analyse sowie eine detaillierte pragmatische Untersuchung, in der unter anderem die Beziehung zum Perfekt, das futurische Plusquamperfekt und verschiedene Streckformen behandelt werden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Wichtige Begriffe sind Tempus, Vorzeitigkeit, Semantik, Pragmatik, Streckform, relativer Gebrauch sowie die Unterscheidung zwischen Bedeutung und Gebrauch.
Was unterscheidet das Plusquamperfekt laut Autor vom Perfekt?
Der Autor betont, dass das Plusquamperfekt im Gegensatz zum Perfekt einen rein präteritalen Bezug aufweist, während das Perfekt einen präsentischen Anteil besitzt.
Was besagt die Theorie des ‚absoluten‘ Gebrauchs des Plusquamperfekts?
Die Arbeit definiert den „absoluten“ Gebrauch – in Abgrenzung zu kontroversen Meinungen – als das anteilig überwiegende Auftreten des Plusquamperfekts innerhalb eines Textabschnitts.
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- Andreas Lehmann (Author), 2005, Die Gebrauchsweisen des Plusquamperfekts, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/43949