Hinführung zu einem aktiven Lebensstil bei adipösen Erwachsenen


Seminararbeit, 2018
27 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Bedingungsanalyse
2.1 Krankheitsbild Adipositas
2.2 Defizite und Verhaltenscharakteristika

3. Ziele der Sporttherapie

4. Hinführung zu einem aktiven Lebensstil
4.1 Verhaltenstherapie und Lebensstilinterventionen
4.2 Grobkonzept Bewegungsprogramm

5. Stundenverlaufsplan

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abb.1: Gewichtsklassifikation bei Erwachsenen anhand des BMI (nach WHO, 2000)

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Wichtige Elemente der kognitiven Verhaltenstherapie bei Adipositas (Mod. nach Teufel et al., 2011)

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

Weltweite wirtschaftliche, soziale, kulturelle und räumliche Veränderungen des Lebensstils sowie der beruflichen Situation zeigen einen ansteigenden Trend zur vermehrten Kalorienaufnahme bei gleichzeitig vermindertem Kalorienverbrauch. Aufgrund der geringen körperlichen Arbeit, Inaktivität in der Freizeit bzw. im Alltag, des generellen Bewegungsmangels und vieler anderer Einflüsse hat die Häufigkeit der Krankheit Adipositas ein weltweites, epidemiologisches Ausmaß angenommen (vgl. Gellner & Domschke, 2008).

Epidemiologische Studien geben an, dass eine auffallende hohe Prävalenz bei Übergewicht und Adipositas sowohl bei den Erwachsenen als auch bereits bei Kindern und Jugendlichen vorliegt. Auch in Deutschland ist Adipositas ein häufiges Krankheitsbild. Dabei sind 1 bis 2% der Bevölkerung von Adipositas Grad III betroffen (Bergmann et al., 1999). Die hohe Prävalenz stellt nicht nur eine Herausforderung für das Gesundheitssystem dar. Durch die mit der Adipositas bedingten Folgeerkrankungen entwickeln sich enorme Kosten für die Behandlung, Arbeitsunfälle und vorzeitige Erwerbsunfähigkeit (vgl. DAG, 2006). Besonders für die Rehabilitation ergeben sich daraus Veränderungsnotwendigkeiten für die Konzepte und Strategien (vgl. Waddell & Burton, 2004).

Rehabilitation ist definiert als Prozess, bei dem Menschen mit einem Gesundheitsproblem unterstützt werden, um die möglichst optimale Funktionsfähigkeit wiederzuerlangen und langfristig aufrechtzuerhalten (vgl. Stucki, Cieza & Melvin, 2007). Körperliche Aktivitäten besitzen für die derzeit in der Rehabilitation mehrheitlich chronischen Gesundheitsstörungen ein hohes rehabilitatives Potenzial (vgl. Swedish National Institute of Public Health, 2010). Studien zeigen die vorbeugende Wirkung von körperli­cher Aktivität auf die Gesundheit. Regel­mäßige körperliche Aktivität führt zu einer Erhöhung des psychischen und physischen Wohlbefin­dens, zu einer Reduktion des Risikos für das Auftre­ten verschiedener physischer und psychi­scher Erkrankungen und zu nied­rigeren Sterblichkeitsraten (vgl. Jordan et al., 2012; Herpertz, 2003).

Die körperlich inaktiven Lebensstile sind in klinischen Populationen weit verbreitet trotz der entsprechenden Vielfältigkeit an Gesundheitseffekten von körperlicher Aktivität (vgl. Arne et al., 2009; Courneya, Katzmarzyk & Bacon, 2008; Hermann et al., 2014). Aus diesem Grunde stellt körperliche Aktivität im Rahmen der Bewegungstherapie ein zentraler Bestandteil der medizinischen Rehabilitation dar (vgl. Brüggemann & Sewöster, 2010; Deutsche Renten-versicherung Bund, 2011). Um eine optimale, gesundheitsförderliche und langfristige Wirk-samkeit von körperlicher Aktivität zu erreichen, ist eine regelmäßige Durchführung und die Etablierung der Gewohnheiten in den eigenen Lebensstil notwendig nach dem Abschließen einer Rehabilitationsmaßnahme (vgl. Nieuwenhuijsen, Zemper, Miner & Epstein, 2006).

Ausgehend von der vorangegangenen Betrachtung beschäftigt sich diese Arbeit mit der Frage, wie adipöse Erwachsene zu einem körperlich aktiven Lebensstil hingeführt werden können.

2. Bedingungsanalyse

Die folgenden Abschnitte definieren das Krankheitsbild Adipositas und zeigen, welche Risikofaktoren und Auswirkungen diese Krankheit auf die psychische, soziale und physische Gesundheit hat.

2.1 Krankheitsbild Adipositas

Adipositas ist charakterisiert durch einen relativen, übermäßigen Fettanteil, welcher mit einer erhöhten Morbidität und Mortalität einhergeht. Laut der WHO wird Adipositas als chronische Krankheit bezeichnet, jedoch in der Medizin über die weltweit bekannten Diagnoseschlüssel wie DSM-IV und ICD-10, aber nicht als eindeutige Krankheit definiert (vgl. Kossmann, Aidelsburger, & Wasem, 2006).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.1: Gewichtsklassifikation bei Erwachsenen anhand des BMI (nach WHO, 2000)

Andere Leitlinien beschreiben Adipositas als Risikofaktor für schwerwiegende Erkrankungen und die damit verbundene, ansteigende Prävalenz in der Gesellschaft (vgl. Kossmann et al., 2006; Hebebrand et al., 2004). Der Körpermassenindex, auch Body Mass Index (BMI) genannt und stellt ein indirektes anthropometrisches Maß der Körperfettmasse dar. Weitere Methoden um den Körperfettanteil zu erfassen mit der Calipometrie (Hautfaltendickenmessung) oder der bioelektrischen Impedanzanalyse (BIA). Die Abbildung 1 zeigt eine Gewichtsklassifikation bei Erwachsenen anhand des BMI und dass gemäß der WHO die Adipositas als BMI ≥ 30 kg/m² definiert ist.

2.2 Defizite und Verhaltenscharakteristika

Lebensqualität ist ein weitumfassender Begriff, der psychische, soziale und physische Gesundheit einschließt. Aktuelle Studien beschreiben die negativen Auswirkungen auf die Lebensqualität durch Adipositas deutlich (vgl. Kolotkin, Meter & Williams, 2001; Kushner & Foster, 2000; Kaukua, 2004). Es wurde herausgefunden, dass Adipositas große Auswirkungen bezüglich der psychosozialen Aspekte der gesundheitsbezogenen Lebensqualität als auch auf die physische Funktionsfähigkeit hat (vgl. Fontaine & Bartlett, 2003; Field, Barnoya & Colditz, 2004). Die zunehmende Körperfettmasse führt zu einer Reduzierung der körperlichen Funktionsfähigkeit während alltägliche motorische Handlungen wie Treppen steigen, Gehen, Bücken, zunehmend schwerer oder gar unmöglich werden (vgl. Wirth, 2003). Weitere Faktoren wie Geschlecht, Alter, Lebensführung und sozioökonomischer Status beeinflussen das Verhältnis von Lebensqualität und Adipositas. Vor allem für Betroffene mit steigendem Grad der Adipositas führt es zu weitreichenden Verschlechterungen in allen Bereichen der Lebensqualität und einem erhöhten Niveau an Depression (vgl. Kolotkin, Crosby & Williams, 2002; Wadden & Phelan, 2002; Herpertz & Senf, 2003).

In Bezug auf die psychosozialen Problemen unter den morbiden Adipösen, die im beruflichen sowie im privaten Bereich sozial diskriminiert und ausgegrenzt werden, treten häufig in Kombination mit einer depressiven Symptomen oder auch Anzeichen einer Angststörung auf (vgl. Kaukua, 2004). Die Ursache liegt einerseits in dem Erscheinungsbild andererseits in den gesellschaftlichen Vorurteilen gegenüber Menschen mit Übergewicht, welche bereits im Kindesalter beginnen(vgl. Pudel, 1998). Folglich isolieren sich die Betroffenen aus alltäglichen Aktivitäten bzw. aus dem gesamten sozialen Leben, das zum einen die Inaktivität sowie die sitzende Tätigkeit weiterhin fördert, zum anderen mit entsprechender Fehlernährung kompensiert wird (vgl. Atkinson, 1999; DAG, 2006). Seelische Probleme und Störungen können sowohl eine hypokalorische als auch eine hyperkalorische Ernährungsweise begünstigen und zu einer Veränderung des Bewegungsverhaltens führen. Neben der Sättigung erfüllt die Nahrungsaufnahme noch andere wichtige Funktionen, die auch unter den Begriff der Affektregulation zusammengefasst werden. Es kommt nicht selten vor, dass eine Verbindung zwischen negativen emotionalen Zuständen und der Nahrungsaufnahme besteht. Zum Beispiel Trost durch Süßigkeiten oder fettreichen Lebensmitteln. Im Bezug auf die Adipositas sind vorwiegend gewohnheitsmäßige Handlungen im Zusammenhang mit der Nahrungsaufnahme von Bedeutung, die letztendlich zum Zweck der Spannungsabfuhr und zumindest temporären Hinauszögerung dysphorischer Gefühle das Essverhalten sowie Verhältnis zwischen Energieaufnahme und -verbrauch verändert (vgl. Herpertz, 2008).

Dementsprechend entwickeln die adipösen Menschen eine negative Einstellung zum Körper, welche sich auf der sozialen Ebene manifestiert. Charakteristisch ist das Verstecken ihrer Körper in weiter Kleidung, ändern ihrer Motorik oder Körperhaltung, sie vermeiden es ihre Körper anzuschauen und wenn sie über ihre Erscheinung nachdenken, sind sie emotional besonders belastbar infolge vermeiden sie die Teilnahme an gesellschaftlichen Aktivitäten. Ein vergleichbarer großer Prozentsatz der Frauen berichtet von Gefühlen der sozialen Unsicherheit wie Verlegenheits-, Scham-, und Peinlichkeitsgefühlen in alltäglichen Gegebenheiten, z.B. bei der Arbeit oder auf Festen, aufgrund ihres Körpergewichts (vgl. Sarwer, Wadden & Foster, 1998).

Die Mehrheit adipöser Personen leiden unter einer Körperbildstörung, aber wird nicht durchgängig bei allen adipösen Menschen betrachtet. Vor allem sind Personen betroffen, die bereits als Kind adipös waren. Nach Angaben der Autoren zeigen sie eine emotionale Störung, da sie negativen Beurteilungen ausgesetzt sind durch ihr engeres Familienumfeld wie Eltern, Geschwister und gleichaltrigen Freunden (vgl. Stunkard & Mendelson, 1967). Eine Körperbildunzufriedenheit ist weit häufiger bei Menschen mit Adipositas als bei einer Binge Eating Störung anzutreffen, insbesondere junge Erwachsene und Frauen sind gefährdet (vgl. Wadden et al., 2004). Weitere Studien fanden einen Zusammenhang zwischen einem negativen Körperbild und einem niedrigen Selbstwertgefühl mit einer einhergehenden erhöhten depressiven Symptomatik (vgl. Sarwer & Thompson, 2004). Bereits im Kindes- und Jugendalter auftretende Depression stellt ein Risikofaktor für die Entwicklung einer Adipositas im Erwachsenenalter dar (vgl. Herpertz et al., 2008).

Die Konsequenzen der Adipositas beschränken sich nicht nur auf somatische, medizinische, psychosoziale Komplikationen. Bei den Betroffenen liegen allgemeine Beschwerden wie verstärktes Schwitzen, Belastungsdyspnoe und Gelenkbeschwerden vor. Folglich besteht ein erhöhtes Komplikations-,Verletzungs- und Sturzrisiko (vgl. DAG, 2006).

Es muss beachtet werden, dass die Wirkungen der Adipositas auf die Gesundheit meistens nicht einzeln betrachtet werden können, da Komorbiditäten und Risikofaktoren wie zum Beispiel körperliche Inaktivität und Rauchen sich gegenseitig beeinflussen. Weitere Faktoren, die zu Adipositas und Übergewicht führen können, sind genetische Ursachen, ungesunder Lebensstil mit entsprechendem Bewegungsmangel sowie Fehlernährung, Überangebot von Nahrung, Schlafmangel, Stress, Essstörungen, dazu zählt Binge-Eating-Disorder und auch endokrine Erkrankungen wie das Cushing-Syndrom (vgl. DAG, 2006).

3. Ziele der Sporttherapie

Im Rahmen der Sporttherapie ist das Hauptziel für eine erfolgreiche Adipositastherapie eine Veränderung des Lebensstils. Im Vordergrund steht nicht vorrangig der Kalorienverbrauch, sondern mögliche motorische Defizite abzubauen und auf langfristiger Sicht die Freizeit- und Alltagsaktivitäten zu intensivieren (vgl. Ernst, 2007). Die Säulen der Therapie bestehen aus einer Kombination von Bewegungs-, Verhaltens- und Ernährungstherapie (vgl. DAG, 2006).

Bereits zu Beginn der Sport- und Bewegungstherapie ist die Motivation von großer Bedeutung, denn die Beteiligten leiden oft an Antriebsarmut und sind gegebenenfalls früher noch nicht allzu sportlich aktiv gewesen. Deshalb ist ein wichtiger Bestandteil der Therapie realistische Zielstellungen zu setzen und durch körperliche Aktivitäten Erfolgserlebnisse zu vermitteln, um langfristig hohe Motivation zu gewährleisten. Dabei ist das Erreichen von Zwischenzielen und Erfolgserlebnissen sehr entscheidend (vgl. Halle, 2008).

Aufgrund des hohen Körperfettanteils bei adipösen Menschen sind weitere Ziele der Sporttherapie die Reduktion des Körperfettanteils sowie der Aufbau von Muskulatur, um den Grundumsatz zu erhöhen und gleichzeitig einer mit Reduktionsdiäten einhergehenden Verringerung des Grundumsatzes zu verhindern (vgl. Ehlert, 2003). Hinzukommt eine Verbesserung der allgemeinen Ausdauerleistungsfähigkeit, Koordination, Beweglichkeit, Kraft, Mobilisation und Stabilisation(vgl. Bergmann Späti & Whybra-Döttelbeck, 2002).

Im Bereich der Adipositasbehandlung werden verhaltenstherapeutische Strategien angewandt. Dabei liegt der Schwerpunkt auf kalorienreduzierter Nahrungsaufnahme und einer Steigerung des Energieverbauchs sowie eine Erhöhung des Arbeitsumsatzes durch körperliche Aktivität. Dies führt zu einer negativen Energiebilanz mit anschließender Gewichtsreduktion. Darüber hinaus weist eine Bewegungstherapie positive Effekte im Hinblick auf einer Reihe von assoziierten Erkrankungen der Adipositas auf (vgl. DAG, 2006). Außerdem führt es zu einer Verbesserung der Selbst- und Körperwahrnehmung und zu einer Steigerung des Wohlbefindens und Selbstbewusstsein (vgl. Fairburn & Brownell, 2002; Lehrke & Laessle, 2003). Vor allem Gruppensportarten in der Rehabilitation fördern die Kommunikation und Interaktion, da sich die Betroffenen unter Gleichgesinnten wohler fühlen und gegebenenfalls zum Abbau von Bewegungsängsten führt (vgl. Bergmann Späti & Whybra-Döttelbeck, 2002).

Im Bezug auf die Alltagsaktivität, welche einen hohen Stellenwert in der Therapie einnimmt und vergleichsweise einen ähnlich hohen gesundheitlichen Nutzen wie eine strukturiertes Bewegungsprogramm aufweist, soll besonders bei den Betroffenen erhöht und als selbstverständlicher Bestandteil des Alltags werden (vgl. Dunn et al., 1998). Dabei soll die eigene Leistungsfähigkeit und Belastbarkeit eingeschätzt bzw. wahrgenommen werden sowie eigene Verhaltensweisen erkannt und gegebenenfalls verändert werden (vgl. Bergmann Späti & Whybra-Döttelbeck, 2002).

Nach Studien zufolge bewirkt eine Gewichtsreduktion eine Verbesserung der Lebensqualität, erzielt durch Interventionen wie Lebensstiländerungen, Diäten, Medikamente und chirurgischen Behandlungsansätzen. Auf längere Sicht halten die Verbesserungen der Mobilität, physikalischen Funktionsfähigkeit, Vitalität und abhängig vom Gewichtsverlustumfanges länger an (vgl. Seidell & Tijhuis, 2002; Fontaine & Bartlett, 2003; Kaukua, 2004). Dabei muss berücksichtigt werden, dass im Mittelpunkt des Ganzen kein dauerhafter Verzicht oder Kontrolle besteht (vgl. Halle, 2008). Nach einer Gewichtsreduktion ist es von großer Bedeutung das Gewicht zu stabilisieren bzw. eine erneute Gewichtszunahme zu minimieren, um eine langfristige Ernährungsumstellung zu erreichen, dafür wird eine hohe Compliance von Seiten der Betroffenen vorausgesetzt und eine Stabilisierung durch körperliche Aktivität erweist sich am effektivsten(vgl. Lauterbach et al., 1998; DAG, 2006).

Neben den bereits genannten Maßnahmen zur Gewichtsreduktion können auch weitere Faktoren wie die Teilnahme an Interventionsprogrammen zur Steigerung der körperlichen Aktivität, Leistungsfähigkeit, zu einem Abbau von Begleit- und Folgeerkrankungen sowie zu einer Verbesserung der gesundheitsbezogenen Lebensqualität führen (vgl. Fontaine & Bartlett, 2003). Zusätzlich wird die Kommunikations- und Interaktionsfähigkeit gefördert, Freude, Spaß sowie ein positives Körpergefühl innerhalb der Gruppen erlebt und das Selbstbewusstsein gestärkt(vgl. Bergmann Späti & Whybra-Döttelbeck, 2002).

4. Hinführung zu einem aktiven Lebensstil

Im folgenden Kapitel soll gezeigt werden, dass die Änderung des Lebensstils mit hoher körperlicher Aktivität und gesundem Ernährungsverhalten für den Therapieerfolg entscheidend sind. Des Weiteren soll ein Grobkonzept von Bewegungsprogrammen vorgestellt werden, um die körperliche Leistungsfähigkeit und gegebenenfalls kardiovaskuläre Vorerkrankungen zu erfassen.

4.1 Verhaltenstherapie und Lebensstilinterventionen

Der erste Schritt zur Lebensstilintervention ist eine Veränderung der Ernährungsgewohn-heiten in Verbindung mit einem Bewegungsprogramm (vgl. Schindler et al., 2011). Da es sich bei Adipositas um eine chronische Krankheit handelt, muss von einer lang andauernden, unter Umständen lebenslangen Therapie ausgegangen werden. Um dieses Ziel zu erreichen, sind Therapievoraussetzungen notwendig. Die Umsetzung im Alltag ist entscheidend für den Therapieerfolg (vgl. Slawik & Beuschlein, 2011).

Bei vielen Präventionsprogrammen von Erwachsenen, die sich eher auf einen gesunden Lebensstil und die Bekämpfung von kardiovaskulären Risikofaktoren fokussieren, wurde festgestellt, dass die alleinige Gewichtsabnahme nur eine geringe oder auch gar keine Wirkung zeigte. Aus diesem Grunde ist ein gesunder Lebensstil mit regelmäßiger körperlicher Aktivität unerlässlich (vgl. Gellner und Domschke, 2008). Die Förderung von Gesundheitsverhalten, insbesondere die Förderung eines körperlich aktiven Lebensstils nimmt auch in internationalen konzeptionellen Arbeiten zur Bewegungstherapie eine herausragende Rolle ein (vgl. American Physical Therapy Association, 2012; Dean, 2009a, 2009b; Dean et al., 2011). Denn die Bewegungstherapie beeinflusst nicht nur die physischen, psychischen und sozialen Ressourcen sondern auch das Gesundheitsverhalten. Diese sind miteinander verbunden, teils direkt und teils vermittelt über die „Bewältigungskompetenz“, welche die Gesundheit fördert (vgl. Pfeifer et al., 2010).

Die Gesundheitswirkungen eines körperlich aktiven Lebensstils für Menschen mit Adipositas umfassen eine Abschwächung der Symptome, Verbesserung des psychosozialen Wohl-befindens sowie Pathogenese, Steigerung der Leistungsfähigkeit als auch der gesundheits-bezogenen Lebensqualität (vgl. Pedersen & Saltin, 2006; Praet & Van Loon, 2009; Swedish National Institute of Public Health, 2010). Die World Health Organization (WHO) empfiehlt als gesundheitsförderliche Mindestdosis körperlicher Aktivität bei Erwachsenen 150 Minuten moderate intensive Ausdaueraktivität pro Woche oder mindestens 75 Minuten mit höherer Belastungsintensität (vgl. World Health Organization, 2010a; Jordan et al., 2012). Zusätzlich sollen Kräftigungsübungen für alle großen Muskelgruppen zweimal pro Woche durchgeführt werden. Als ergänzende Hinweise im Bereich der Bewegungsempfehlungen, soll die Zeit reduziert werden, welche im Sitzen verbracht wird (vgl. Brown et al., 2012). Ein Vergleich der aktuellen Bewegungsempfehlungen mit dem tatsächlichen Bewegungsverhalten veranschaulicht, dass in Deutschland bewegungsarme Lebensstile weit verbreitet sind (vgl. Lampert, Mensink & Müters, 2012; Rütten et al., 2007).

Die bisher vorherrschenden funktionsorientierenden Ansätze der Bewegungstherapie zielen nur bedingt auf eine langfristige Veränderung des Bewegungsverhaltens ab. Im Gegensatz dazu werden verhaltensbezogene Aspekte eher selten in die bewegungstherapeutischen Interventionen mit einbezogen (vgl. Geidl et al., 2012).

Der Begriff der Bewegungstherapie ist definiert als ärztlich indizierte und verordnete Bewegung, welche vom Fachtherapeuten bzw. Fachtherapeutin geplant und entsprechend dosiert wird sowieso in Zusammenarbeit mit den jeweiligen Ärzten. Die Durchführung erfolgt alleine oder in einer Gruppe (vgl. AG Bewegungstherapie, 2009). Aufgrund der Vielfalt der Gesundheitswirkungen von körperlicher Aktivität stellt die Bewegungstherapie einen bedeutsamen Bestandteil der medizinischen Rehabilitation dar. Dabei bilden die bewegungs-therapeutischen Maßnahmen eine umfangsstarke Intervention mit einer wöchentlichen Interventionsdauer von durchschnittlich sieben Stunden (vgl. Deutsche Rentenversicherung Bund, 2014). Ein zentrales Ziel der modernen Bewegungstherapie in der Rehabilitation ist die Hinführung zu und Bindung an einen körperlich aktiven Lebensstil (vgl. AG Bewegungstherapie, 2009; Pfeifer et al., 2010). Im Allgemeinen sind die Ziele mehrperspektivisch und liegen sowohl im psychosozialen als auch in funktionell somatischen und pädagogischen Bereichen. Neben den Verbesserungen von Körperfunktionen bzw. -strukturen, strebt eine zeitgemäße Bewegungstherapie an z.B. eine Verbesserung der Selbstwirksamkeit, Körperzufriedenheit und Motivation, eine Steigerung der Gesundheitsverantwortung oder die Beeinflussung der Art und Weise der Krankheitsverarbeitung (vgl. Pfeifer et al., 2010).

Tabelle 1: Wichtige Elemente der kognitiven Verhaltenstherapie bei Adipositas (Mod. nach Teufel et al., 2011)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Auf Grundlage einer systematischen Reflektion psychologischer Theorien des Gesundheitsverhaltens werden effektive Inhalte sowie Methoden speziell für eine verhaltensbezogene Bewegungstherapie (VBT) abgeleitet, die sich auf eine Erhöhung der Chance auf als auch die Bindung an körperliche, sportliche Aktivitäten bezieht (siehe Tabelle 1). Der methodische Aufbau besteht zunächst aus einer theoriegeleiteten Bestimmung von individuellen Verhaltensdeterminanten körperlich, sportlichen Tätigkeiten. Daraufhin werden Interventionstechniken definiert und deren Wirksamkeit bewertet. Aufgrund ihres Effektes der Steigerung der körperlichen Aktivität wird die Wirksamkeit der Techniken beurteilt. Im Rahmen der Verhaltenstherapie sind Selbstbeobachtungsstrategien von zentraler Bedeutung, da die Betroffenen lernen z.B. die regelmäßige Kontrolle des eigenen Körpergewichts, der Essensmenge und -struktur sowie durch Bewegung (vgl. Geidl et al., 2012; DAG, 2006). Durch das Führen von Bewegungstagebüchern können Besonderheiten herausgearbeitet werden in Kombination mit anderen Techniken wie beispielsweise Belohnungen, Feedback, Handlungs- und Bewältigungs-planung. Mit den entsprechenden Evidenzen basierend auf Kontrollgruppenstudien und internationalen Übersichtsarbeiten werden schließlich Empfehlungen für die Erstellung einer VBT gegeben (ebenda).

In der Praxis der Bewegungstherapie kommen unterschiedliche Interventionsansätze zum Einsatz, die sich an der Klassifikation therapeutischer Leistungen (KTL) anlehnen (vgl. Deutsche Rentenversicherung Bund, 2007). Die sport- und bewegungstherapeutischen Interventionen beinhalten Kraft- Ausdauer- und Koordinationstraining sowie spielerische Therapieformen z.B. Tischtennis. Etwa 90% der Bewegungstherapie wird in Gruppen durchgeführt (vgl. Brüggemann & Sewöster, 2010).

4.2 Grobkonzept Bewegungsprogramm

Vor jedem Bewegungsprogramm sollte eine Belastungsuntersuchung durchgeführt werden, um die körperliche Leistungsfähigkeit zu erfassen und gegebenenfalls kardiovaskuläre Vorerkrankungen auszuschließen. Zu Beginn des allgemeinen Sportprogrammes wird mit leichten Aktivitäten auf niedrigster Belastungsstufe begonnen. Die niedrige Intensität ist gerade bei stark adipösen Patienten besonders am Anfang der Gewichtsreduktion leichter praktischer umzusetzen. Es muss beachtet werden, dass die Intensität der Belastung nur schrittweise erhöht wird angesichts der vorzeitigen Muskelermüdung, Überlastungsempfindung sowie Überängstlichkeit der Personen mit Adipositas. Je nach Trainingsfortschritt, Motivation und verbesserter, körperlicher Leistungsfähigkeit kann die Belastung gesteigert werden (vgl. Schlicht, 2007; Hauner & Berg, 2000). Vor allem die Auswahl von Aktivitäten, bei denen große Muskelgruppen beansprucht werden, erhöhen den Energieverbrauch. Darum werden adipöse Menschen angehalten, insbesondere ihre Alltagsaktivitäten zu erhöhen, um diesen Effekt zu erzielen, wie z.B. immer die Treppen zu nutzen, anstatt von Aufzügen oder Rolltreppen, bei Busfahrten immer eine Haltestelle früher aus-steigen oder auch das Auto in größerer Entfernung zum Arbeitsplatz parken (vgl. Hauner & Berg, 2000).

Um die Langzeitcompliance zu erhöhen bzw. aufrechtzuerhalten, wird empfohlen Sportarten mit entsprechenden Spaßfaktor, sozialer Unterstützung, Gruppensport oder gegebenenfalls mit einem Trainingspartner zu wählen. Aufgrund möglicher Barrieren wie Zeitmangel, Unbequemlichkeit oder mangelndes Interesse ist es von Vorteil Sportvereine oder Fitnesscenter in der Umgebung zu suchen (vgl. Hauner & Berg, 2000).

Viele Sportarten sind geeignet, wobei Begleiterkrankungen und Gelenkbelastungen berücksichtigt werden müssen. Ausdauerorientierte Belastungen wie beispielsweise Gehen, Walking, Fahrrad fahren sind zu favorisieren, immer umsetzbar und einfach in das Alltags- und Berufsleben zu integrieren. Einzelne Trainingsparameter wie Intensität, Umfang, Häufigkeit sind einfach zu steuern (vgl. Hauner & Berg, 2000). Bei der Adipositastherapie wird vorrangig der Fettstoffwechsel für die Energiebereitstellung herangezogen. Um eine Verbesserung der Gesundheit und als präventive Maßnahme zu erzielen, ist eine Dauer von mindestens 10 Minuten notwendig, aber eine längere Betätigung bewirkt bessere Gesundheitseffekte. Die Intensität der einzelnen Methoden des Ausdauertrainings liegt über der Minimalintensität, aber ein Übergang in das intensiv- aerobe Ausdauertraining soll vermieden werden. Als Basisprogramm stellt die Dauermethode die am häufigsten angewandte Ausdauertrainingsmethode mit einer Intensität von 55- 75% der maximalen Herzfrequenz dar (vgl. Haber, 2005).

Der Trainingsaufbau innerhalb eines Krafttrainings sieht vor in den ersten zwei Wochen ein vorbereitendes Training durchzuführen, um die entsprechenden Übungsausführungen zu erlernen und richtig durchzuführen sowie eine Verbesserung der intermuskulären Koordination. Nach den ersten drei Wochen zielt das Training auf einen Muskelaufbau ab. Dabei wird der Muskelquerschnitt vergrößert, der Sarkopenie entgegengewirkt und die intramuskuläre Koordination verbessert. Die Auswahl der entsprechenden Übungen wird individuell angepasst, je nachdem welche Zielsetzung verfolgt werden soll, z.B. Gewichtsreduktion oder Steigerung allgemeinen Ausdauerfähigkeit (vgl. Wonisch et al., 2012). Vor jeder Kraftbelastung soll eine Erwärmung der entsprechenden Muskelgruppen in Form von Cardiogeräten wie Crosstrainer oder Fahrradergometer erfolgen. Auch Aerobic Varianten mit Pezzibällen, Therabändern oder der Einsatz von anderen Kleingeräten sowie Abwandlungen verschiedener Sportspiele wie Basketball- oder Fußballstationen sind anwendbar. Das Krafttraining an Geräten ist als anfängliche Belastung vorteilhaft, um zunächst ein Gefühl zu entwickeln für die Bewegung bzw. die Technik zu erlernen. Zum Ausklang einer Trainingsstunde wird mit oder ohne Kleingeräte auf die physische und psychische Erholung abgezielt. Im Anschluss erfolgt meist Feedbackrunde mit Interaktion von Kursleiter und den Teilnehmern (vgl. Bergmann Späti & Whybra-Döttelbeck, 2002).

[...]

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Hinführung zu einem aktiven Lebensstil bei adipösen Erwachsenen
Hochschule
Technische Universität Chemnitz  (Angewandte Bewegungswissenschaften)
Veranstaltung
Spezielle Pädagogische Aspekte
Note
1,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
27
Katalognummer
V442086
ISBN (eBook)
9783668804180
ISBN (Buch)
9783668804197
Sprache
Deutsch
Schlagworte
aktiver Lebensstil, adipöse Erwachsene, Adipositas, Praxis, Theorie, Sporttherapie, Bewegungsprogramm, Verhaltenstherapie, Stundenverlaufsplan, Bewegung, Programm, Therapie, Prävention, Rehabilitation, BMI, WHO
Arbeit zitieren
M.Sc. David R. (Autor), 2018, Hinführung zu einem aktiven Lebensstil bei adipösen Erwachsenen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/442086

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