Die vorliegende These möchte sich mit einem megalomanischen Projekt der Superlative befassen: Atlantropa. Dabei geht es um die Vereinigung von nicht mehr, aber auch nicht weniger, als zwei Kontinenten zu einem Superkontinent. So jedenfalls erdachte das der Münchener Architekt und selbsterkorene Weltenbaumeister Herman Sörgel, der zeitlebens eine gehörige Portion Idealismus mitbrachte. Nach einem Blick auf Vita, Werdegang und zeitgeschichtlichen Hintergrund, der Kontextualisierung des Visionärs im geistigen Raum, soll das gigantisch angelegte Werk – gerade ebenso wie es zwischen Afrika und Europa dem Anspruch nach Einheit gestiftet hätte – zwischen Technokratie als realer Möglichkeit und Utopie qua bloß frommem Wunschtraum angesiedelt werden, ohne dabei zu übersehen, dass genau das tatsächlich der geistigen Topographie entsprechen könnte.
Inhaltsverzeichnis
1. Abstract
2. Das Konstruieren Herman Sörgels
2.1. Diameter
2.1.1. Freuds‘ Schatten
2.1.2. Der Architekt
2.1.3. Schwabinger Bohème
2.2. Radius
2.2.1. Der Untergang des Abendlandes
2.2.2. Edison in Panamerika
3. Das Megaprojekt „Atlantropa“
3.1. Elemente
3.1.1. Aus Lehmgestalt, Homunculus
3.1.2. Schattenschnitt - Randgestalt - Götterfunke
3.1.3. Am Katarakt: Flussgestalt
3.1.4. Die prometheische Eroberung der Hitzegestalt
3.1.5. Das Werden… Grüngestalt
3.2. Entropie
3.2.1. Exzess
3.2.2. Taumel
3.2.3. Zerfall
3.2.4. Katastrophe
3.3. Regeneration
4. Utopia : Technica
4.1. Idol
4.1.1. (Non) plus ultra
4.1.2. Kategoremata
4.1.3. Trilogie (20.000 Meilen in die Zukunft)
4.1.4. Neue Hoffnung
4.1.5. State of the art
4.2. Das Faustische
4.2.1. Kopula: Ist, Moment, Augenblick
4.2.2. Originalfaust
4.2.3. Fronttyp
4.2.4. Kritik der ursprünglichen Elemente
4.3. Gegenspannung
4.3.1. Grandioses Scheitern?
4.3.2. Weiße Elefanten
4.3.3. Ein Platz an der Sonne
4.3.4. Der postkoloniale Status Quo
4.3.5. „Schattenglobalisierung“
4.4. Das Durchfahren der Säulen in der Literatur…
4.4.1. Die Virtuosität des Amadeus
4.4.2. Auftritt des Milliardärs
4.4.3. Von deutsch-titanischen Superwaffen
4.4.4. Postagentismus, Superheld, Supermacht
5. Der Anbeginn der Zukunft
5.1. Futurologie
5.2. Die ewigen Grenzen des Wachstums?
5.3. Szenario
5.3.1. Frühe Technokratie
5.3.2. Erneuter NS-Dunstkreis
5.3.3. Des Meisters Schüler in „Auerbachs Keller“
5.3.4. Konservative Frankfurter Schule
5.4. Szenarienbildung & Risikoforschung
6. Das Anthropozän
6.1. Sondierung
6.2. Energetik der Provinz
6.3. Der Geist der Vergangenheit & der Zukunft
7. Ereignishorizont
7.1. Migrationsströme
7.2. Der Wille zur Macht
8. Das Tao der Maschine
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das megalomanische Projekt „Atlantropa“ des Architekten Herman Sörgel, welches die Vereinigung von Afrika und Europa zu einem Superkontinent vorsah. Die Forschungsfrage zielt darauf ab, Atlantropa im Spannungsfeld zwischen technokratischer Realisierbarkeit und utopischem Wunschdenken zu verorten und dabei die tiefgreifenden ideologischen, politischen und historischen Unterströmungen der Zeit – von den „Goldenen Zwanzigern“ bis hin zur Nachkriegszeit – zu analysieren.
- Historische Kontextualisierung Herman Sörgels und seines visionären Bauprojekts.
- Analyse der technologischen Utopiegeschichte und der Rolle des Fortschrittsoptimismus.
- Untersuchung der geopolitischen Visionen und deren Verknüpfung mit kolonialistischen Narrativen.
- Reflektion über die Rolle des Architekten als gestaltender „Demiurg“ und die „Macht der Maschine“.
- Vergleich mit zeitgenössischen und späteren dystopischen sowie technokratischen Entwürfen.
Auszug aus dem Buch
Freuds‘ Schatten
Am 2. April 1885 erblickt Herman Sörgel in Regensburg das Licht der Welt. Sein Monokel sollte allerdings erst später zu seinem Markenzeichen werden. Es war die supreme Zeit Bismarcks, aber auch des Kaiserreichs. Also bildete auch das Empire - gerade auch als Kunst- & Kulturstil - zeitlebens eine Leidenschaft.
Doch zunächst zu seinem Vater, Hans Ritter von Sörgel, der in den persönlichen Adel des Königreichs Bayern erhoben worden war. Der Titel war allerdings nicht erblich, ein Phänomen, das Herman wiederum insofern zu schaffen machte, als es ihm umso schwerer fiel, den verkörperten und erlernten Anspruch von blauem Geblüt aufrechtzuerhalten – weiter als bis in die Schwabinger Bohème schaffte er es im Grunde nicht. Das soll nicht unbedingt heißen, dass er ein Parvenu war – nur machte man es ihm nicht leicht, das gelebte savoir-vivre des Elternhauses fortzuführen. Sörgel senior hatte ja eben noch das Walchenseekraftwerk als oberster Bauleiter Bayerns zusammen mit Oskar von Miller quasi über Nacht aus dem Boden gestampft. Und ohne ihm jetzt mangelnde Emanzipation vorzuwerfen, waren die Weichen sozusagen schon gestellt, beziehungsweise die Kanäle zur Wasserfortleitung schon gegraben, im Zuge einer industriellen Revolution, die sich für die Sörgels vornehmlich in den bereits vorgeweichten Fußstapfen einer hydroelektrischen Hausse bemerkbar machte. Im Gegenteil, weniger wie Kafka, der ihm aus Gründen des Zeitgeists vielleicht etwas ähnlich sieht, beinahe vom selben Typ ist, und am Konflikt mit dem Vater tödlich gescheitert, übertrumpft Sörgel ihn eher – ganz freudianisch, möchte man schmunzeln – wenn auch „nur“ in der Phantasie.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Abstract: Zusammenfassung des Projekts Atlantropa als Vereinigung zweier Kontinente durch Herman Sörgel.
2. Das Konstruieren Herman Sörgels: Biografische Darstellung von Herman Sörgel und Kontextualisierung seines architektonischen Schaffens.
3. Das Megaprojekt „Atlantropa“: Detaillierte Analyse der technischen Elemente, der Entropie und der potenziellen Regeneration des Projekts.
4. Utopia : Technica: Auseinandersetzung mit der technologischen Utopie, dem faustischen Drang und der Kritik an den ursprünglichen Elementen.
5. Der Anbeginn der Zukunft: Untersuchung von Futurologie, Szenarienbildung und der Rolle der Risikoforschung im Bauwesen.
6. Das Anthropozän: Analyse des Einflusses der Menschheit auf die Umwelt und das Konzept der „Energetik der Provinz“.
7. Ereignishorizont: Betrachtung von Migrationsströmen und dem „Willen zur Macht“ in technokratischen Systemen.
8. Das Tao der Maschine: Abschlussbetrachtung über den Geist, der die Maschine beflügelt.
Schlüsselwörter
Atlantropa, Herman Sörgel, Technokratie, Utopie, Architektur-Ästhetik, Geopolitik, Anthropozän, Industrialisierung, Monumentalbaukunst, Bauhaus, Mittelmeer, Zukunft, Pfadabhängigkeit, Raumgestaltung, Technikoptimismus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit?
Die Arbeit analysiert das gigantische, aber nie realisierte Bauprojekt „Atlantropa“ des Münchener Architekten Herman Sörgel, welches das Mittelmeer teilweise trockenlegen wollte, um Afrika und Europa zu verbinden.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Arbeit deckt ein breites Spektrum ab, darunter Architekturtheorie, Geopolitik, Utopiegeschichte, ökologische Folgenabschätzung und die Rolle des Ingenieurs in totalitären oder technokratischen Systemen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, Sörgels Megaprojekt aus heutiger Sicht zu kontextualisieren und zu prüfen, inwieweit die damalige „Visionär-Technokratie“ in ihrem utopischen Anspruch auch dystopische Züge trug.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine interdisziplinäre historische Analyse angewandt, die primäre Quellen (Sörgels Schriften) mit literarischen und wissenschaftlichen Diskursen der Zeit verknüpft.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Sörgels architektonischen Grundlagen, die technische Ausarbeitung von Atlantropa, seine Einbettung in die Zeitgeschichte und eine kritische Auseinandersetzung mit der „Technokratie“ bis hin zum Anthropozän.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Untersuchung?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Autarkie, Raumaneignung, Pfadabhängigkeit, das „Tao der Maschine“ und die Rolle der Architektur als Trägerin von Gesinnungswerten.
Wie verhält sich Sörgel zum Nationalsozialismus?
Sörgel war ein technokratischer Visionär, dessen Projekt Atlantropa – obgleich er selbst Pazifist war – von verschiedenen Seiten (auch NS-nahen Kreisen) instrumentalisiert wurde, wobei Sörgel versuchte, sich durch geschickte Anpassung und „Projekt-Propaganda“ zu behaupten.
Welche Bedeutung hat das Mittelmeer in Sörgels Entwurf?
Das Mittelmeer fungiert bei Sörgel als zentraler Raum der „Erdorganisation“, dessen Trockenlegung als „Friedenswerk“ und zur Energiegewinnung dienen sollte, jedoch gleichzeitig geopolitische Machtansprüche manifestierte.
- Arbeit zitieren
- M.A. Oliver Köller (Autor:in), 2018, Herman Sörgels "Atlantropa" zwischen Technokratie und politischer Utopie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/442560