In der modernen und sich heute immer stärker differenzierenden Gesellschaft ist die Wirtschaft längst ein eigener Sektor geworden. Bei den Griechen bildete sie jedoch keine eigenständige Kategorie und kann daher nicht völlig ohne Verkettung mit anderen Strukturen, seien es nun soziale, kulturelle, religiöse und politische, behandelt werden. Gerade in der archaischen Zeit war die Wirtschaft stets mit den Objekten der Gesellschaft vernetzt.
Wir können demnach unser modernes Verständnis für ”ökonomische Analysen sowie unsere Ansichten über rationelle Arbeitsmethoden nicht einfach auf antike Sachverhalte projizieren. Doch birgt die Eigenart der archaischen Gesellschaft, welche die Wirt¬schaft in sich und in ihre gesamten Institutionen "einbettet" und uns zu einer Gesamtschau zwingt, gleichwohl Vorteile.
Der amerikanische Wirtschaftshistoriker Finley wies darauf hin, dass sich die Probleme bei der Untersuchung der antiken Wirtschaft insbesondere durch die Eigenart der Quellensituation ergeben. Nicht allein der zufällige Charakter, der auf uns gekommenen Nachrichten, erschwert eine systematische Zusammenschau und Darstellung der archaischen Wirtschaft, sondern die Tatsache, dass die Dichtung nahezu bis zum Ende der archaischen Periode die einzige schriftliche primäre Quelle bleibt. Auch Herodot, welcher am Ende der mündlichen Tradierung und außerhalb der archaischen Zeit steht, kann nicht ohne Probleme als Quelle verwertet werden. Die Nachrichten, welche ihm übermittelt wurden, stammten von dem gleichen Umfeld, welches sein Publikum und zugleich seine Kontrollinstanz war. In der griechischen Antike wurden keine spezifisch historisch- kritischen Methoden im Umgang mit Quellen entwickelt, welche modernen akademischen Postulaten nach Wahrheit genügen. Dichtung entwirft kein konvergentes Abbild der Realität, sondern befasst sich mit der Bedeutung und Idee von Wirklichkeit. Ihre Intention, Alltägliches und Bekanntes zu verlagern und somit ungewohnt und fremd erscheinen zu lassen, verleiht einen neuen Sinngehalt- eine poetische Realität. Wenn Dichtung also willkürlich mit Gegebenheiten verfährt, bestimmte Elemente subjektiv auswählt, so kann sie dennoch nicht allein aus sich heraus leben, d.h. ohne Bezug zur Realität existieren. Dichtung ist immer substantiell und daher verstehbar. Damit gestattet sie einen Zugriff auf den involvierten historischen Fundus.
Inhaltsverzeichnis des E-Books
- 0. Einleitung
- 1. Die frühgriechische Dichtung als historische Quelle
- 2. Formen des Besitzes und Dimensionen von Reichtümern
- 2.1. Der oikos und seine Ländereien
- 2.2. Mobiler Besitz
- 2.3. Der Umfang materieller Ressourcen
- 3. Zu den möglichen Quellen des Reichtums
- 3.1. Arbeit und areté
- 3.1.1. Landwirtschaft
- 3.1.2. Handel
- 3.2. Erwerb durch Erbgang
- 3.3. Krieg und Überfälle
- 3.4. Landerwerb, Landverteilung und Konflikte
- 3.1. Arbeit und areté
- 4. Reichtum als Quelle sozialer Verpflichtung und Medium adliger Reputation
- 4.1. Gefolgschaft
- 4.2. Heirat als Grundlage aristokratischer Bindungen
- 4.3. Gelage und Gabentausch
- 4.4. agón
- 4.5. Weihgaben für Heiligtümer
- 5. Das Gegenbild - Armut im Bild der Dichtung
- 6. Zusammenfassung
- 7. Abbildungen
- 8. Literaturverzeichnis
- 8.1. Ausgaben und Übersetzungen der Quellen
- 8.2. Darstellungen
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Diese wissenschaftliche Arbeit beabsichtigt, den Erwerb, die Bedeutung und die Funktion von Besitz und Reichtum im homerischen und archaischen Griechenland darzulegen. Dabei wird untersucht, wie wirtschaftliche Aspekte untrennbar mit gesellschaftlichen, sozialen und kulturellen Strukturen verbunden waren, und die Relevanz einer historisch-kritischen Rückbesinnung auf die Antike im Vergleich zu modernen ökonomischen Vorstellungen betont.
- Die frühgriechische Dichtung als primäre historische Quelle und ihre methodischen Herausforderungen.
- Unterschiedliche Formen und Dimensionen von Reichtum, einschließlich `oikos`, mobilem Besitz und Sklaven.
- Quellen des Reichtums: Arbeit (`areté`), Landwirtschaft, Handel, Erbrecht, Krieg und Kolonisation.
- Die Rolle von Reichtum als Grundlage sozialer Verpflichtungen und adliger Reputation.
- Das Gegenbild der Armut in der Dichtung und seine sozialen Implikationen.
Auszug aus dem Buch
2.1. Der oikos und seine Ländereien
Der oikos bildete als ein Personenverband unter der Führung eines Hausherrn (kyrios) und komplexes Wirtschaftsgefüge die Grundlage zur Versorgung seiner Mitglieder.1 Er stellte das Fundament der griechischen Gesellschaft dar. Zum oikos zählte nicht nur der Hausherr (kyrios), seine Frau und die im Haus lebenden Kinder, sondern auch die vom Hausherrn abhängigen freien und unfreien Personen. Der oikos als Institution baute sich daher nicht allein auf dem Grundsatz verwandschaftlicher Bindungen auf. Weiterhin umfaßt der Terminus "oikos" jede Art von mobilen (Vieh, Vorräte usw.) und immobilen (Haus, Grundbesitz) Besitz.2 Der oikos bot nicht nur soziale Sicherheit, sondern determinierte auch den Status des einzelnen in der archaischen Gesellschaft, 3 denn der Reichtum war das Kennzeichen, welches den aristokratischen oikos aus der Menge der bäuerlichen oikoi heraushob. Reichtum ist das wichtigste Merkmal für die Zuordnung eines oikos zur Aristokratie. Daher ergaben sich Selbstbewußtsein und soziales Ansehen der Aristokraten im Grunde aus der Größe ihrer oikoi.4 Die aristokratischen und bäuerlichen oikoi können zwar hinsichtlich ihrer Dimension, aber kaum in ihrer Struktur und der Art ihrer Besitztümer unterschieden werden.
Hesiod bestimmte den Minimalbestand eines bürgerlichen oikos, wobei er das Haus als erstes Element einer eigenen Wirtschaft anführte. Das religiöse und soziale Zentrum des Hauses war das häusliche Herdfeuer. Es war gleichsam ein Ort der Kult-handlungen. Der religiöse Aspekt veranschaulicht illustrativ die Eigenständigkeit des oikos. So wurde das Neugeborene wenige Tage nach der Geburt durch den Umlauf um das häuslichen Herd und der Sklave durch die Heranführung an den Herd in die Gemeinschaft aufgenommen, wobei dieser Ritus u.a. eine Reinigung implizierte. Die Braut nahm durch die Heirat den neuen Herd in Besitz und wachte über diesen, nachdem sie vom väterlichen Herd weggeführt wurde. Am Herd ließ sich auch der Schutzflehende nieder, da er dort den gleichen Schutz wie im Heiligtum genoß.5
Die Grundlage des oikos war in erster Linie sein Landbesitz.7 Das Land war neben dem häuslichen Herd ein weiteres Kult-zentrum, da die Familienmitglieder die Familienbegräbnisstätten auf ihrem eigenem Land hatten. Zu diesen Grabstätten brachten die Angehörigen an festgesetzten Tagen ihre Gaben. Diese Tatsache akzentuiert sehr deutlich die starke gefühlsmäßige Verbundenheit der Familienmitglieder mit ihrem Land.8
Die Landgüter besaßen im antiken Griechenland vermutlich geringe Dimensionen. Der solonischen Klasseneinteilung ent-sprechend betrug der Umfang der größten Landgüter ca. 30-40 ha, wobei sich die Güter der Großgrundbesitzer wahrscheinlich meist aus Streubesitz zusammensetzten. Die Mehrheit der Bauern besaß dagegen ungefähr 1- 2 ha. Land.9
Zusammenfassung der Kapitel
0. Einleitung: Die Einleitung umreißt das Hauptziel der Arbeit, den Erwerb, die Bedeutung und Funktion von Besitz und Reichtum im homerischen und archaischen Griechenland zu untersuchen, und betont die Notwendigkeit einer historisch-kritischen Rückbesinnung im Kontext moderner ökonomischer Vorstellungen.
1. Die frühgriechische Dichtung als historische Quelle: Dieses Kapitel erörtert die methodischen Herausforderungen bei der Nutzung frühgriechischer Dichtung als historische Quelle, weist auf die eingebettete Natur der Wirtschaft in soziale und kulturelle Strukturen hin und betont die Bedeutung nebensächlicher Details für die Rekonstruktion der Realität.
2. Formen des Besitzes und Dimensionen von Reichtümern: Hier werden die verschiedenen Formen von Reichtum, wie der `oikos` (Haushalt und Landbesitz), mobiler Besitz (Vieh, Edelmetalle) und Sklavenbesitz, analysiert und ihre Bedeutung für den sozialen Status und die Reputation der Aristokratie im archaischen Griechenland beleuchtet.
3. Zu den möglichen Quellen des Reichtums: Dieses Kapitel untersucht die vielfältigen Wege zum Reichtum, darunter Arbeit und `areté` (Tugend/Erfolg), Landwirtschaft, Handel, Erbgang, Krieg und Kolonisation, und zeigt deren soziale und wirtschaftliche Auswirkungen auf.
4. Reichtum als Quelle sozialer Verpflichtung und Medium adliger Reputation: Es wird dargelegt, wie Reichtum zur Etablierung und Aufrechterhaltung sozialer Bindungen und zur Steigerung des Prestiges genutzt wurde, insbesondere durch Gefolgschaft, Heirat, Gelage und Gabentausch, `agón` (Wettkampf) und Weihgaben für Heiligtümer.
5. Das Gegenbild - Armut im Bild der Dichtung: Dieses Kapitel widmet sich der Darstellung der Armut in der frühgriechischen Dichtung, beleuchtet die damit verbundenen sozialen und moralischen Implikationen und kontrastiert die Lebenswirklichkeit des `ptochos` (Bettler/Tagelöhner) mit dem Ideal des aristokratischen Reichtums.
6. Zusammenfassung: Eine abschließende Betrachtung fasst die Erkenntnisse über die Bedeutung von Besitz und Reichtum als Fundament der aristokratischen Lebensweise, der sozialen Ordnung und als Mittel zur Reputationspflege zusammen, während gleichzeitig die Vielschichtigkeit des Armutsproblems beleuchtet wird.
Schlüsselwörter
Besitz, Reichtum, homerisches Griechenland, archaisches Griechenland, oikos, Landwirtschaft, Handel, Erbgang, Krieg, areté, Aristokratie, soziale Verpflichtung, Gabentausch, Weihgaben, Armut
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Bedeutung, Funktion und den Erwerb von Besitz und Reichtum im homerischen und archaischen Griechenland, wobei sie die wirtschaftlichen Aspekte mit den sozialen und kulturellen Strukturen der damaligen Gesellschaft verknüpft.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themenfelder sind die Analyse frühgriechischer Dichtung als historische Quelle, die verschiedenen Formen und Dimensionen von Reichtum, dessen Erwerbsquellen (Arbeit, Handel, Erbgang, Krieg) und seine Rolle als Medium für soziale Verpflichtung und adlige Reputation, sowie das Gegenbild der Armut.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, die Verknüpfung von ökonomischen Dimensionen und Perspektiven mit den gesellschaftlichen Realitäten im frühen Griechenland zu konturieren und zeitbedingte sowie dauerhafte menschliche Verhaltensweisen zu erfassen, indem die Antike mit der Gegenwart kontrastiert wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer historisch-kritischen Analyse frühgriechischer Dichtung und anderer literarischer Quellen, wobei moderne ökonomische Konzepte nicht unreflektiert auf antike Sachverhalte projiziert werden, sondern die "Einbettung" der Wirtschaft in soziale und kulturelle Strukturen berücksichtigt wird.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden detailliert die Formen des Besitzes und Reichtums (z.B. der oikos, mobiler Besitz), die Quellen des Reichtums (Arbeit, Landwirtschaft, Handel, Erbgang, Krieg) sowie die Funktion des Reichtums als Medium sozialer Verpflichtung und adliger Reputation (Gefolgschaft, Heirat, Gelage, Weihgaben) und schließlich das Phänomen der Armut behandelt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird charakterisiert durch Schlüsselwörter wie Besitz, Reichtum, homerisches Griechenland, archaisches Griechenland, oikos, Landwirtschaft, Handel, Erbgang, Krieg, areté, Aristokratie, soziale Verpflichtung, Gabentausch, Weihgaben und Armut.
Welche Rolle spielte der `oikos` im archaischen Griechenland?
Der `oikos` (Haushalt) war die grundlegende Versorgungseinheit und das Fundament der griechischen Gesellschaft. Er umfasste nicht nur Familienmitglieder und Abhängige, sondern auch mobilen und immobilen Besitz, bot soziale Sicherheit und definierte den Status des Einzelnen in der archaischen Gesellschaft, wobei die Größe des `oikos` direkt mit dem aristokratischen Ansehen korrelierte.
Welche Bedeutung hatte "areté" im Kontext von Arbeit und Reichtum in Hesiods Dichtung?
In Hesiods Dichtung wurde `areté` (Tugend, Exzellenz, Erfolg) direkt mit dem Ergebnis ehrlicher Arbeit und Gerechtigkeit verbunden. Sie umfasste Wohlstand, Gedeihen, und Anerkennung, wobei Reichtum ohne vorausgegangene Arbeit abgelehnt wurde und die Selbstbeschränkung als Grundlage für erfolgreiche Arbeit galt.
Inwiefern beeinflussten Weihgaben und Feste die soziale Reputation in der archaischen Gesellschaft?
Weihgaben an Heiligtümer (`agalmata`) und die Ausrichtung von Festen und Gelagen (`symposia`) dienten Aristokraten als wichtige Mittel zur Demonstration ihres Reichtums, ihrer Großzügigkeit und ihres Prestiges. Sie stärkten soziale Bindungen, bestätigten den Status innerhalb der Elite und halfen, langfristige Allianzen zu schmieden.
Warum war die frühgriechische Dichtung eine problematische, aber unverzichtbare historische Quelle?
Die Dichtung war oft die einzige schriftliche Quelle, aber problematisch aufgrund ihres poetischen Charakters, der Überlagerung historischer Ebenen und der mangelnden historisch-kritischen Methodik. Dennoch war sie unverzichtbar, da sie, insbesondere in ihren nebensächlichen Details, wertvolle Einblicke in Alltägliches und zeitgenössische Verhaltensweisen der archaischen Gesellschaft bot.
- Citation du texte
- Torsten Krippner (Auteur), 1996, Besitz und Reichtum im homerischen und archaischen Griechenland, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/443140