Die Ideologiekritik Herbert Marcuses und die Folgen in der Studentenbewegung von 1968


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007
21 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1 Einleitung

2 Der Ideologiebegriff
2.1 Der marxsche Ideologiebegriff, die marxsche Ideologiekritik
2.2 Der Ideologiebegriff der Frankfurter Schule
2.3 Die Frankfurter Kritik an einem „wertfreien“ Ideologiebegriff Karl Mannheims

3 Herbert Marcuse: Zwischen Ideologie, Utopie und Protest
3.1 Irrationale Rationalität – Rationalität als Ideologie
3.2 Technik und Wissenschaft als Ideologie
3.3 Repressive Toleranz
3.4 Was nun Herr Marcuse? Eine vage, elitäre Utopie
3.5 Kritik an der Kritik
3.5.1 Historischer Determinismus und holistischer Anspruch

4 Marcuse und die 68er – Eine Ideologie der Herrschaftsfreiheit?
4.1 Ein „Naturrecht“ auf Widerstand?
4.2 Keine Macht für Niemand! - Herrschaftsfreiheit als Ideologie

5 Schluss

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„Mit einer „Initiative Musik“ soll künftig gezielt der Nachwuchs von Rock, Pop und Jazz gefördert werden. Die Idee dazu hatte Staatsminister Bernd Neumann, der als zweites Regierungsmitglied zur Eröffnung erschienen war. Auch er beteuerte, dass Kultur und Kreativität nicht einfach nur Selbstzweck seien, sondern auch der „Wertschöpfung“ dienten“ (Hinzpeter 2007).

Ein Zitat aus der Augsburger Allgemeinen in einem eher nebensächlichen Artikel zur Eröffnung der Musikmesse Popkomm in Berlin offenbart die vermeintlich fortschreitende ökonomische Rationalisierung aller Lebensbereiche in unserer Gesellschaft. Selbst der vormals geschützte Raum von „Kunst und Kreativität“ scheint der Wertschöpfungslogik einer technisch-rationalen Ideologie unterworfen. Eine Diagnose, die so schon in „Dialektik der Aufklärung“ in den 40er Jahren des 20. Jahrhunderts von Adorno und Horkheimer gestellt wurde. Die Eingliederung des Kulturbetriebs in die von ihnen prognostizierte Ideologie, welche im Kapitel „Kulturindustrie. Aufklärung als Massenbetrug.“ anschaulich dargestellt wird, scheint bedrohlich und unausweichlich. Weitergeführt wurde diese Ideologiekritik von Herbert Marcuse, der in seinem bekanntesten Werk „Der eindimensionale Mensch“ in den 1960er Jahren, kurz vor dem Höhepunkt der aufkommenden Studentenbewegung, die verdeckte Ideologie einer rational begründeten Herrschaft entlarven will, welche die Menschen sogar mit ihrer Zustimmung in Unfreiheit belässt, und den Status Quo der spätkapitalistischen Massendemokratie im ausgebauten Wohlfahrtsstaat auf ewig zu verfestigen scheint. Diese Arbeit beschäftigt sich also im Kern mit der Ideologiekritik der so genannten Frankfurter Schule, mit ihren gesellschaftlichen Folgen, und wie es mit ihrer eigenen oftmals diagnostizierten Ideologiehaftigkeit, im Besonderen ihrer Fähigkeit zur Mitbegründung einer etwaigen neuen Ideologie steht. Bis zu dieser Zeile der Arbeit wurde der Begriff „Ideologie“ bereits siebenmal genannt, ohne diesen zu erklären oder näher zu bestimmen. Dieses zu tun ist verlockend und birgt die Gefahr, dass eine Arbeit zu diesem Thema verschwommen und unbestimmt bleibt. Um dieses zu verhindern, soll sich der erste Teil der Arbeit vornehmlich mit dem Begriff der „Ideologie“ auseinandersetzen. Danach soll wie gesagt die Ideologiekritik in Herbert Marcuses Werk im Mittelpunkt stehen, ohne andere wichtige Vertreter der Denkschule der Kritischen Theorie außen vor zu lassen. Diese Arbeit will sich ausdrücklich nicht in die in zeitgenössischer Literatur beliebte 68er Generalkritik einreihen und beschäftigt sich auch deshalb nicht intensiver mit den historischen Rahmenbedingungen. Dennoch soll der Versuch unternommen werden, den Einfluss der Philosophie der Frankfurter Schule auf die so genannte 68er-Generation, den maßgeblichen Trägern der Studentenproteste, und deren Ideologisierung und Bewusstseinsfindung zu untersuchen. Was wiederum, ohne auf den historischen Kontext Rücksicht zu nehmen, nicht möglich wäre. Die letzten Kapitel werden sich also auch mit der möglichen Entstehung von Ideologien aus Ideologiekritik beschäftigen.

2 Der Ideologiebegriff

Ideologie/Ideologiekritik, dem neutralen Begriff von I. i. S. eines weltanschaulichen System von Überzeugungen steht ein weitverbreiteter Negativbegriff entgegen, der I. als dogmatische Gedankenkomplexe, als Weltdeutungen mit umfassendem Anspruch und begrenztem Horizont sowie als interessengebundenes, polit. instrumentalisiertes „falsches Bewußtsein“ versteht.“ (Weiß 2004, S.341)

Soweit die Definition im Lexikon der Politikwissenschaft von Nohlen und Schultze. Der wissenschaftliche Umgang mit dem Begriff der Ideologie ist deshalb wohl so schwierig, weil der „weitverbreitete Negativbegriff“, wie es hier heißt, Eingang in unseren alltäglichen Sprachgebrauch gefunden hat und diese negative Assoziation des Begriffs somit allgegenwärtig ist. Es fällt schwer, den Begriff neutral zu verwenden, oder gar zu versuchen, ihn in bestimmten Kontexten positiv zu besetzen, da ihm ein Vorwurf innewohnt, der maßgeblich mit der marxschen Ideologiekritik und auch deren „Wiederentdeckung“ durch die Kritische Theorie zusammenhängt. Deshalb muss in diesem Kapitel auf den marxschen und neo-marxistischen Ideologiebegriff ein besonderes Augenmerk gelegt werden. Ursprünglich ist das Wort „Ideologie“ eine echte Wortneuschöpfung des französischen Philosophen Antoine Destutt de Tracy. Mit „idéologie“ bezeichnete er 1796 sein Projekt einer Wissenschaft von den Ideen. Ideologie war als neutraler Begriff gedacht, um das Entstehen von revolutionärem und aufklärerischen Gedankengut im Geiste des Menschen zu bezeichnen. Also ein Arbeitsbegriff für analytische Zwecke. Die negative Konnotation erhielt die Ideologie von Napoleon, der den Begriff zu einem politischen Schimpfwort machte. Mit dieser negativen Konnotation griffen Marx und Engels den Begriff auf und entwickelten mit ihm ihre Ideologienlehre bzw. ihre Ideologiekritik (Vgl. Roters 1998, S. 10). Wenn man heute von „ideologisierter Politik“ z.B. im Zusammenhang der amerikanischen Neokonservativen oder sozialistischer Parteien spricht, dann fällt auf, dass diese Beurteilung ausschließlich in dem jeweiligen Gegenlager stattfindet. Keine Partei, kein Politiker und ein Wissenschaftler schon gar nicht würde sich selbst oder seine Arbeit als ideologisiert oder ideologisch geprägt bezeichnen, weil es im Sprachgebrauch eben nicht eine Richtschnur von Überzeugungen oder Wertesystemen bedeutet, sondern die Leitung von trügerischen, beschränkten und falschen Überzeugungen und einem Wertesystem, dass bewusst von sog. „Chefideologen“ entworfen wurde, um Herrschaftsverhältnisse zu verschleiern und damit zu stabilisieren. Versuche den Begriff wieder auf eine neutrale, analytische Ebene im akademischen Diskurs zurückzuführen wurden mit einigen Schwierigkeiten unter anderem von Karl Mannheim unternommen, dessen Ideologiebegriff hier auch vorgestellt werden soll.

2.1 Der marxsche Ideologiebegriff, die marxsche Ideologiekritik

Die marxsche Kritik an der bürgerlichen Ideologie, im bürgerlich-kapitalistischen Staat ist eng verknüpft mit dem marxschen Klassenbegriff. Die herrschende Klasse, in diesem Fall die herrschende Bourgeoisie und Besitzer der Produktionsmittel, nutzen ein „falsches Bewusstsein“ auf zwei Ebenen. Zum einen ist es Mittel zur Selbsttäuschung der eigenen Klasse, über gesamtgesellschaftliche Interessen (der Bourgeoisie und des Proletariats), über den Grad der Realisierung bürgerlicher Idealvorstellungen von Gleichheit und allgemeiner Freiheit im kapitalistischen System des Warentausches und der Naturnotwendigkeit der bürgerlichen Verhältnisse (Vgl. Hauck 1992, S. 19). Die andere Ebene, auf der die bürgerliche Ideologie ihre verschleiernde Wirkung voll entfaltet, ist die der Täuschung der beherrschten Klasse über die wahren Herrschaftsverhältnisse. Der Schein der Natürlichkeit, der Rationalität und Notwendigkeit der bestehenden Verhältnisse, macht das Streben nach alternativen Gesellschaftsformen durch das Proletariat zu irrationalem Handeln. „Daß diese Ideologie immer noch Glauben findet, liegt aber nicht nur und auch nicht in erster Linie an bewussten Manipulationen irgendwelcher Drahtzieher. Vielmehr scheinen gerade die Alltagserfahrungen von jedermann und jederfrau in der kapitalistischen Gesellschaft sie permanent zu bestätigen“ (Hauck 1992, S.12). Die Ideologie im marxschen Sinne ist also kein reines Konstrukt neuer „falscher“ Überzeugungen, sondern spiegelt gesellschaftliche Realitäten wieder, verschleiert jedoch deren komplexere Zusammenhänge, wie z.B. den Zusammenhang zwischen Warenwert und den Wert der Arbeit oder die Abhängigkeit der Herrschaft von den Produktionsmitteln. So erhält die bürgerliche Ideologie den gesellschaftlichen Status Quo der Unterdrückung und Ausbeutung durch die Kombination von Täuschung der beherrschten Klasse und Selbsttäuschung der herrschenden aufrecht. Dieser Schein einer freien und gerechten Gesellschaft ist durch die Produktionsverhältnisse selbst bedingt und lässt ihn als notwendig und auch rational für das Bestehen des Systems erscheinen. Das vornehmliche Ziel der marxschen Ideologiekritik ist die Aufklärung über diesen falschen Schein und das Bewusstsein, aus dem er entsteht. Die Aufklärung der Herrschaftsverhältnisse muss zur unausweichlichen Revolution und damit für Marx zur einzigen Möglichkeit der historischen Entwicklung der Gesellschaft führen. Der ewige Kampf einer herrschenden mit einer revolutionären Ideologie. Die Ideologie des Adels wird ersetzt durch die Ideologie der Bourgeoisie, um sich als neue herrschende Klasse zu erheben. „Die einstmals revolutionäre Parole „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ wird zur besänftigenden Beschwörungsformel, zur Herrschaftsideologie“ (Hauck 1992, S. 12).

2.2 Der Ideologiebegriff der Frankfurter Schule

Es handelt sich um ein unmögliches Unterfangen, den Ideologiebegriff für die Kritische Theorie zu formulieren. Die Vertreter der sog. Frankfurter Schule sind alles andere als eine in sich geschlossene, über die Zeit weiterentwickelte Denkschule. Sie beschäftigten sich mit sehr unterschiedlichen Themengebieten und schlugen schon frühzeitig unterschiedliche Wege der Theoriefindung ein, was zu differenten Ergebnissen und Auffassungen führte, und nicht selten handfeste Meinungsverschiedenheiten auslöste. Während die Arbeit sich später noch näher mit der Ideologiekritik Herbert Marcuses beschäftigen wird, sollen hier Gemeinsamkeiten herausgefiltert werden, welche den Ideologiebegriff der Denker der Kritischen Theorie prägten. Der Rückgriff und Vergleich mit dem marxschen Ideologiebegriff ist hierbei obligatorisch, da die Kritische Theorie auf diesem ihre Argumentationen aufbaute und ihn weiterentwickelte. Während der Begriff im Kern von Marx übernommen wurde, mussten einige Prämissen von Marx verworfen werden: „Die politisch-praktische Erfahrung und Perzeption, dass sich der Kreis von Faschismus, Stalinismus und kapitalistischer Massenkultur zu einem totalitären Ganzen geschlossen habe, ließ Horkheimer und seine Mitarbeiter von allen Fortschrittskonzeptionen des Marxismus abschied nehmen“ (Waschkuhn 2000, S.4). Dieser Abschied von der Grundannahme des historischen Materialismus, nämlich der unausweichlichen Revolution in den kapitalistischen Systemen und der Weiterentwicklung bis zur klassenlosen Gesellschaft hatte natürlich auf Begriff und Funktion der herrschenden Ideologien einen entscheidenden Einfluss. Der verschleiernde Charakter der Ideologie bleibt zwar wie bei Marx bestehen, die neuen Rahmenbedingungen verlangen aber einige einschneidende Veränderungen im Ideologiekonzept. Die Abkehr vom Glauben an, über Revolution wechselnde herrschende Ideologien, macht die derzeit herrschende Ideologie des Spätkapitalismus zu einem statischen Zustand. Eine Gegenideologie ist nicht mehr in Sicht. Eine Gesellschaft ohne Opposition. Alles durchdringende technische Rationalität fördert „[...] ein falsches Bewußtsein, das gegen seine Falschheit immun ist“ (Waschkuhn 2000, S. 136). Vor allem die „Dialektik der Aufklärung“ von Horkheimer und Adorno beschäftigt sich mit den Auswirkungen der alles durchdringenden Rationalität als Prinzip zur Beherrschung der Massen: „[...], und dies in zweierlei Hinsicht: einmal als Unterjochung des anderen Menschen und seiner Natur, zum anderen als Unterjochung der eigenen inneren Natur, der eigenen 'natürlichen Triebe'“ (Hauck 1992, S. 70). So wird Rationalität irrational. Das Ziel des Projekts der Moderne, Aufklärung und Befreiung aus der Unmündigkeit, wird ins Gegenteil gekehrt: Totale Beherrschung der menschlichen Natur durch ein durch Vernunft begründetes System. Im Denken der (frühen) kritischen Theorie wird Ideologie zu einem unbesiegbaren, unsichtbaren Gegner des freien Menschen. Was dem Begriff eine weitergehende Negativbedeutung zukommen lässt, als es noch bei Marx der Fall war. Das pessimistische Bild einer statischen, gelenkten, immer mehr unpolitischen Gesellschaft wird durch dieses „Monster“ der Ideologie verstärkt und theoretisch untermauert. Erst mit der nächsten Generation der kritischen Theorie, nämlich mit der Trennung von zweckrationalen Handeln und Interaktion in Bezug auf verschiedene gesellschaftliche Subsysteme (Vgl. Habermas 2003), beginnt Jürgen Habermas den weiten Ideologiebegriff der kritischen Theorie zu relativieren.

2.3 Die Frankfurter Kritik an einem „wertfreien“ Ideologiebegriff Karl Mannheims

Als Gegenbeispiel zum Ideologiebegriff Marx' und seiner geistigen Nachfolger steht Karl Mannheims Versuch, Ideologie wieder zu einem rein analytischen Begriff in seiner neu begründeten Wissenssoziologie zu machen. Eine Absage vom Kampfbegriff der Ideologie, hin zu einem beschreibenden und sortierenden Begriff des Adjektivs „ideologisch“ für unterschiedliche Betrachtungsweisen von Ideen (Vgl. Roters 1998, S. 49f). Auch der Erfinder der Ideologie Destutt de Tracy hatte ja, wie erwähnt, ähnliches im Sinn. Wie zu erwarten, erwies sich das Zurückholen des Begriffs auf „wertfreies“ Terrain nach der Verwendung als Kernbegriff in der Theorie von Marx, als schwierig. Nach Mannheims „totalen Ideologiebegriff“ ist jeder Standpunkt ideologisch, da jedes Denken, aus einer eigenen subjektiven Perspektive heraus geschieht. Folglich kann es keine Ideologiekritik geben, ohne das Eigene ideologische Denken zu überprüfen. Mannheims Kritiker (darunter auch Horkheimer) griffen den Versuch, den Begriff aus dem marxistischen Kontext zu nehmen, harsch an und warfen ihm Begriffsrelativismus vor. Auch wenn die Kritik teilweise berechtigt erschien, zeigt gerade diese Kritik an Mannheim viel über die Auffassung der damaligen „Frankfurter Schule“, wie Philosophie zu betreiben sei, und wie nicht. Deshalb soll hier diese Kritik im Mittelpunkt stehen (Vgl. Roters 1998, S. 63–71). In seinem Aufsatz „Ein neuer Ideologiebegriff?“ äußert sich Horkheimer sehr kritisch zu Mannheims Werk „Utopie und Ideologie“. In moralisierend-anklägerischer Weise wirft er Mannheim vor, selbst einer falschen Ideologie von einem alles erklärenden metaphysischen Sinn anzuhängen und so den Begriff der Ideologie zu neutralisieren und ihm seiner ursprünglichen (von Marx zugedachten) Intention zu berauben: „Er [Horkheimer] ist der geschworene Feind jedes Versuchs, die Wirklichkeit aus einem Ideenhimmel oder überhaupt aus einer rein geistigen Ordnung zu verstehen. Ein solcher Trost über die Welt ist uns nach Marx versagt“ (Horkheimer 1987, S. 283). Dieses Zitat zeigt, welche Bedeutung Marx in der gesamten zeitgenössischen Philosophie und besonders im „kritischen Denken“ immer noch einnahm. Wie konnte Mannheim es wagen, einen Kampfbegriff umzudeuten, der essenziell wichtig war, um die beherrschte Klasse aus ihrer Unwissenheit und Unterdrückung zu befreien. Damit war für Horkheimer Mannheims Theorie moralisch nicht haltbar und Teil der gegnerischen Ideologie. Das Selbstverständnis der kritischen Theorie wird im Umgang mit Mannheim, der eine andere Intention mit Wissenschaft verbindet, klar. Das „falsche Bewusstsein“ ist für die Kritische Theorie gesellschaftlich notwendig, da sie es als ihre Aufgabe sieht, dieser Ideologie ihre „richtige Erkenntnis“ entgegenzusetzen. So wird das „kritische Verhalten“ zum „Lebensprojekt“ der Philosophen der Kritischen Theorie. Es „[...] ist weder das Derivat einer Idee des Vernünftigen gewesen noch, wie Horkheimer es einmal formuliert hat, 'eine wesentliche Eigenschaft der dialektischen Theorie der Gesellschaft'. Es ist überhaupt nur als das Verhalten leibhaftiger Personen möglich“ (Roters 1998, S. 71). Eine dieser Personen war Herbert Marcuse. Seine Ideologiekritik in den 1960er Jahren soll nun analysiert werden.

3 Herbert Marcuse: Zwischen Ideologie, Utopie und Protest

„Die Untergrundbahn während der Hauptverkehrszeit. Was ich von den Menschen sehe, sind müde Gesichter und Glieder, Haß und Ärger. Ich habe das Gefühl, in jedem Augenblick könnte jemand ein Messer hervorziehen – nur so. Sie lesen oder sind vielmehr vertieft in ihre Zeitung, ihr Magazin oder ihren Paperback. Und doch können ein paar Stunden später dieselben Leute, von Gerüchen befreit, gewaschen, festlich oder bequem gekleidet, glücklich und zärtlich sein, wirklich lächeln und vergessen (oder sich erinnern). Aber die meisten von ihnen werden wahrscheinlich zu Hause ein schreckliches Beisammensein erleben oder schrecklich einsam sein“ (Marcuse 2005, S. 238).

Herbert Marcuse (1898-1979) wurde am 19.Juli 1898 in Berlin-Charlottenburg geboren. Sein wissenschaftlicher Werdegang führt ihn von der Humboldt-Universität zu Berlin an die Universität Freiburg, wo er 1922 mit einer germanistischen Arbeit promoviert und später bei Martin Heidegger Philosophie studiert. Über Leo Löwenthal lernt Marcuse Max Horkheimer in der Schweizer Zweigstelle des Frankfurter Instituts für Sozialwissenschaften in Genf kennen und bekommt so Kontakt zur Kritischen Theorie. Noch vor Hitlers Machtübernahme verlässt Marcuse Deutschland und emigriert dann über die Schweiz mit seiner Familie in die USA. Er bekommt sofort eine Anstellung am New Yorker Institut für Sozialforschung und löst dort Adorno als Hauptrezensent für die Zeitschrift für Sozialforschung ab. (Vgl. Waschkuhn 2000, S. 127f)

[...]

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Die Ideologiekritik Herbert Marcuses und die Folgen in der Studentenbewegung von 1968
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Geschwister-Scholl-Institut für Politische Wissenschaft)
Veranstaltung
Objektivität und Werturteilsfreiheit in der Sozialwissenschaft
Note
2,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
21
Katalognummer
V443775
ISBN (eBook)
9783668811188
ISBN (Buch)
9783668811195
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Herbert Marcuse, Kritische Theorie, Ideologie, Herrschaftsfreiheit, 1968, Studentenbewegung, Jürgen Habermas, Frankfurter Schule, Theodor W. Adorno, Karl Marx, Karl Mannheim
Arbeit zitieren
Benjamin Peschke (Autor), 2007, Die Ideologiekritik Herbert Marcuses und die Folgen in der Studentenbewegung von 1968, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/443775

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