Gewalt in der Familie. Wie das Opfer zum Täter wird


Vordiplomarbeit, 2004
29 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

I Die Familie
1.1 Zur Definition des Begriffs Familie
1.2 Die soziale Institution Familie
1.3 Zur Entwicklung der Familienstrukturen

II Gewalt in der Familie
2.1 Definition und Festlegung des Gewaltbegriffs
2.2 Zum Ausmaß der familiären Gewalt
2.2.1 Zum Ausmaß der Gewaltweitergabe
2.3 Risikofaktoren der Gewaltweitergabe

III Die Bedeutung der Familie bei der Gewaltweitergabe
3.1 Das Bindungstheoretische Erklärungsmodell
3.2 Die Bedeutung der Partnerschaftskonflikte
3.3 Die Bedeutung des Erziehungsverhaltens
3.4 Das Lerntheoretische Erklärungsmodell

V Fazit
Abkürzungsverzeichnis
Literaturverzeichnis

Einleitung

Gewalt innerhalb der Familie ist historisch gesehen nichts Neues, die Verbindung von Autorität und strafender Macht wird auch heute noch häufig genutzt. Der Bedeutungsgehalt familialer Gewalt hat sich lediglich in der Geschichte erheblich gewandelt. Zum Einen unter dem Einfluß sozialpolitischer Thematisierung, zum Anderen im Zusammenhang mit gesellschaftlicher Modernisierung.[1] Eine Einstellungsänderung zur Gewalt gegen Kinder und veränderte familiäre Belastungen wären hier zu nennen.

Familie ist nicht nur eine soziale Institution, in der Biographien ihre Anfänge haben, sondern auch eine Institution, die in besonderer Weise durch gewaltsame Interaktionen belastet sein kann.[2]

Ich stelle den Bezug zum übergeordneten Thema „Biographie und Institution“ her, indem ich Familie als Institution verstehe und den biographischen Anteil im Übertragungsprozeß sehe.

Die vorliegende Arbeit thematisiert einen Teilbereich aus dem Komplex Gewalt und Familie. Insbesondere soll das Augenmerk auf Ursachen und Folgen erlebter Gewalt und deren Weitergabe innerhalb der Familie gerichtet werden. Meine Fragestellung lautet diesbezüglich, wie es erklärbar ist, daß jemand, der als Kind selbst Gewalt in der Herkunftsfamilie erfahren hat, diese später seinen eigenen Kindern antut?

Gemeint sind Erwachsene, die in ihrer Kindheit Gewalt erlebten und sie aus diesem Grunde und im Kontext zusätzlicher Risikofaktoren an ihre Kinder weitergeben. Jedoch möchte ich die Tatsache an dieser Stelle nicht unerwähnt lassen, daß es natürlich auch Eltern gibt, die nicht in ihrer Kindheit geschlagen wurden oder anderen gewalttätigen Handlungen ausgesetzt waren, und trotzdem bei ihren eigenen Kindern Gewalt anwenden. Diese Konstellation wird jedoch in der vorliegenden Arbeit aufgrund der begrenzten Rahmenbedigungen keine Berücksichtigung finden.

Meine Vordiplomsarbeit für den Studiengang Soziale Arbeit will hauptsächlich das Problem der „Übertragung“ von erlebter Gewalt in der Herkunftsfamilie in die später gegründete eigene Familie aufzeigen.[3]

Ich habe mich für dieses Thema entschieden, weil in der praktischen Sozialen Arbeit eine Konfrontation mit Mißhandlungserfahrungen der Klienten und familiärer Gewalt unumgänglich ist. Um selbst einen Weg zu finden, angemessen mit dem Thema Gewalt umgehen zu können ist meiner Ansicht nach, ein grundlegendes Verständnis erforderlich. Ich suche Antworten auf die Fragen, was ist familiäre Gewalt, wo kommt sie her und speziell, warum wird sie manchmal weitergegeben?

Folgend beschreibe ich den Aufbau meiner Arbeit:

Mit der ausführlichen Erläuterung zum Verständnis des Familienbegriffes im ersten Kapitel, möchte ich eine Basis für die folgenden Themen schaffen.

Im zweiten Kapitel definiere ich zunächst den Begriff der Gewalt, um eine unmißverständliche Begriffsbestimmung der elterlichen körperlichen Züchtigung und der Kindesmißhandlung vorlegen zu können. Dieses Kapitel soll im übrigen Aussagen liefern, welche Risikofaktoren die Weitergabe von Gewalt an die eigenen Kinder begünstigen.

Im folgenden dritten Kapitel werden besonders die Auswirkungen von Gewalt in der Familie und deren Bedeutung für die Weitergabe behandelt. In diesem Zusammenhang ziehe ich Bindungs- und Lerntheorien zur Erklärung heran. Ich hebe im besonderen die Bedeutung des elterlichen Erziehungsverhaltens sowie Partnerschaftskonflikte hervor. Hierbei handelt es sich jedoch nur um eine begrenzte Auswahl wissenschaftlicher Modelle die ich auswählte, weil sie als Erklärungsansatz in den meisten wissenschaftlichen Abhandlungen herangezogen wurden und mir deshalb als besonders bedeutend erschienen.

Abschließend werden ich in Kapitel vier die Ergebnisse meiner Hausarbeit zusammen fassen und mich anschließend dazu äußern, welche Antworten mir diese Ergebnisse liefern können.

I Die Familie

Aufgrund kulturell bedingter Unterschiede und großen historischen Veränderungen der Familienkonstellationen, bezieht sich die Definition des Familienbegriffes in dieser Arbeit nur auf die moderne Familie in Deutschland. Mit der Anmerkung, daß sich auch in Deutschland unterschiedliche Familienkonstellationen zu finden sind, zum Teil kulturell / traditionell bedingt. Abschließend gehe ich kurz auf den Gesellschaftlichen Auftrag und die Entwicklung der Familienstrukturen ein.

1.1 Zur Definition des Begriffs Familie

Die meisten Menschen sind im Laufe ihres Lebens Mitglied von zwei Kernfamilien. Zum einen der Herkunftsfamilie und zum anderen der Zeugungsfamilie.

Böhm definiert Familie wie folgt,

in der Regel ist die F. durch die Institution der Ehe begründet. Letztere zeichnet große hist. Variabilität, strukturelle Vielfalt und funktionaler Reichtum in Abhängigkeit zu ´äußeren´ gesellschaftl. Bedürfnissen, Anforderungen und Wandlungen aus.“.[4]

Sie steht als Bedeutendste soziale Primärgruppe mit hoher Emotionalität und Intimität der Beziehungen an der Nahtstelle zwischen Individuum und Gesellschaft.[5]

Diese Definition bezieht sowohl die geschichtlichen Veränderungen, den gesellschaftlichen Bedeutungsgehalt, als auch den Institutionsbegriff mit ein. Sie erscheint mir jedoch aus diesem Grund zu ungenau, da sie den Familienbegriff zu weit fast und ihn auf die Ehe festlegt.

Hill und Kopp haben sich auf eine Kernaussage geeinigt, die im wesentlichen die meisten Definitionen zusammenfaßt: Eine Familie ist eine auf Dauer angelegte Verbindung von Mann und Frau, mit gemeinsamer Haushaltsführung und mindestens einem eigenen (oder adoptierten) Kind.[6] Diese Definition ist so gewählt, weil sie den Familienbegriff stark eingrenzt. Würde man die ausgeschlossenen Formen des Zusammenlebens, wie etwa die Kennzeichnung der Familie als Intimgruppe, System oder Institution in diese Definition mit einbeziehen, so wäre der Begriff wahrscheinlich so weit, daß nahezu alle Lebensformen als familial zu bezeichnen sind.[7]

Nach Schneewind sind die zentralen Bestimmungsmerkmale einer Familie gekennzeichnet durch Abgrenzung, Privatheit, Dauerhaftigkeit und Nähe. Unter Dauerhaftigkeit wird die Möglichkeit zu wechselseitigen Bindungen der Familienmitglieder untereinander verstanden. Außerdem deren Verpflichtungen, welche entscheidend zum Erhalt der Familie beitragen. Privatheit umschließt die intime Beziehung der Familienmitglieder und deren umgrenzenden Lebensraum. Zudem besteht innerhalb einer Familie ein Gemeinschaftsgefühl, welches die wechselseitige Verbundenheit der Mitglieder einer Familie kennzeichnet.[8] Diese Bestimmungsmerkmale sollen hier das Verständnis zum Familienbegriff erleichtern.

Als Familie wird im folgenden eine soziale Institution bezeichnet, die aus mindestens einem Elternteil mit mindestens einem Kind gebildet wird.

Ich habe diese Definition angelehnt an Hill und Kopp, weil es in meiner Arbeit zum Thema Gewalt in der Familie, voranging um die Eltern-Kind-Beziehung geht. Der weitere Familienbegriff, der noch Verwandte mit einbezieht, spielt für diese Arbeit keine Rolle.

Zunächst möchte ich jedoch die Bezeichnung Familie als Institution erklären. Dabei stellt sich vorab die Frage, was Institutionen sind?

1.2 Die soziale Institution Familie

Hettlage bezeichnet Institutionen als gesellschaftliche Vorkehrungen, die Verhalten bündeln, ausrichten und besonderen Aufgaben zuordnen. Sie geben den Mitgliedern sozialer Gruppen Informationen in Form von Regeln und Wertvorgaben. Aufgrund dieser Definition fällt auch die Familie unter den Begriff der Institution.[9]

Damit geben Institutionen den gemeinsamen Handlungsrahmen der angehörenden Menschen vor und bilden Legitimierungsstrategien und Sanktionsmechanismen heraus.

Auf Familie bezogen bedeutet dies etwa, daß Kinder den Sanktionsmustern der Eltern und ihrem Erziehungsverhalten ausgesetzt sind. Sie fügen sich also in einen vorgegebenen Handlungsrahmen ein.

Die Institution Familie zeichnet sich durch sechs spezielle Funktionen aus: Die Reproduktions- und Sozialisationsfunktion[10] der Kinder. Diese Funktion stellt sicher, daß die Gesellschaft, durch das Hinzukommen neuer Mitglieder und der Eingliederung dieser neuen Mitglieder in die Gesellschaft, überlebensfähig bleibt.

Familie erfüllt damit Ordnungs- und Orientierungsaufgaben, durch die organisierte, planmäßige Weitergabe von Norm- und Wertvorstellungen.

Die Wirtschafts- und Solidaritätsfunktion ist unter anderem gekennzeichnet durch finanzielle Leistungen, Nahrungsbeschaffung und Pflege (z.B. von Kindern, Älteren, kranken).[11]

Die Familie als Institution hat sozusagen die Funktion individueller und gesellschaftlicher Stabilisierungsleistungen.

1.3 Zur Entwicklung der Familienstrukturen

Familienstrukturen werden häufig nach folgenden Kriterien unterschieden: Anzahl der Ehepartner, Zusammensetzung des Haushalts, Anzahl der vertikalen Generationen, Wohnsitz, Abstammungslinien, Rollenbesetzung, und Autoritätsverhältnisse.[12] Wie haben sich diese Familienstrukturen in Deutschland entwickelt?

Seit den 60´er Jahren hat in Deutschland ein ständiger Rückgang der Geburtenrate begonnen. Diese Tatsache wirkt sich nachteilig auf die wirtschaftliche Entwicklung und das soziale Grundgefüge aus. Eine geringere Kinderzahl hat für die Eltern den Vorteil, daß für einzelne Kinder mehr Zeit und Geld aufgewendet werden kann.[13]

Trotzdem nimmt die Anzahl der von der Wohlstandsentwicklung abgekoppelter Kinder nimmt zu, ebenso wie die Zahl der von Arbeitslosigkeit betroffenen und auf Sozialhilfe angewiesenen Familien. Wirtschaftlich belastete Familien finden sich häufiger in Streßsituationen wieder, wodurch innerfamiliäre Konflikte vorprogrammiert sein können.[14]

Möglicherweise liegt diese Differenz am Bedeutungs- und Traditionsverlust. Ehen sind kein lebenslanges Bündnis mehr. Die Versorgung gescheiterter Familien obliegt dem Staat. Mit dem Ende der Versorgungsehe, in der die Frau wirtschaftlich vom Ehepartner abhängig war, hat sich auch die Form der Bindungen verändert. Ehen werden immer häufiger geschieden und mit dem Zuwachs der Scheidungen ist auch die Anzahl der „Fortsetzungsfamilien“ gestiegen.

Viele Frauen haben heute eine bessere Ausbildung als früher und nehmen selbstverständlicher am Erwerbsleben teil. Trotz der Zunahme des väterlichen Engagements in der Kindererziehung, ist die Arbeitsteilung häufig noch traditionell geprägt. Für viele Frauen bedeutet die Entscheidung für ein Kind eine Doppelbelastung, entweder müssen sie ihre Erwerbstätigkeit aufgeben oder sie müssen sich auf Beruf und Familie einstellen.[15]

Durch den sozialen Wandel im Geschlechter- und Generationsverhältnis, verliert die Familie immer stärker ihren Funktionsgehalt in der Gesellschaft. Als zentrales Kriterium dieses Bedeutungsverlustes, wird die Abgabe familiärer Funktionen an staatliche, öffentlich-rechtliche oder private Einrichtungen genannt.[16]

II Gewalt in der Familie

Vorab werde ich den Gewaltbegriff definieren und schließlich eingrenzen, indem ich mich auf die körperliche Gewalt gegen Kinder beschränke. Um die Problematik familiärer Gewalt deutlicher zu machen, gehe ich kurz auf Zahlen zu deren Ausmaß in Deutschland ein.

Anhand von Studien möchte ich anschließend aufzeigen, wie sich die Weitergabe von Gewalterfahrungen verhält. Hier werden auch nebenbei Ergebnisse aufgeführt die zeigen, daß Erwachsene die Gewalterfahrungen aus der Kindheit nicht an eigene Kinder weitergeben.

Ein Überblick zu möglichen Ursache- und Risikofaktoren, welche die Gewaltweitergabe von der Herkunftsfamilie in die Zeugungsfamilie begünstigen können, schließt dieses Kapitel ab.

[...]


[1] Vgl. Honig 1990, S. 348

[2] Vgl. Gewaltkommission, Band 3., siehe hier besonders Honig und Schneider 1990

[3] Siehe hierzu auch Wetzels These (1997) zur „intergenerationalen Transmission von Gewalt“ S. 227-232.

[4] Böhm 1994, S. 217

[5] Vgl. ebd. S.217

[6] Vgl. Hill/Kopp 2002, S. 13

[7] Vgl. ebd. S.13

[8] Vgl. Schneewind 1999, S. 24 f

[9] Vgl. Hettlage 1998, S. 22

[10] „Sozialisation wird definiert als sozial vermitteltes Erlernen der Fähigkeit, soziale Erwartungen und Ansprüche der jeweiligen Gesellschaft zu erfüllen (...).“ (Nave-Herz/Onnen-Isemann 2001, S.291)

[11] Vgl. Hettlage 1998, S. 22-37; Nave-Herz/Onnen-Isemann 2001, S. 291 u. 309

[12] Nave-Herz/Onnen-Isemann 2001, S. 293 f

[13] Vgl. ebd. S. 294 f u. 307

[14] Vgl. Hill/Kopp 2001, S. 68

[15] Vgl. Nave-Herz/Onnen-Isemann a.a.O. S. 295 f u. 309

[16] Vgl. Böhm 1994, S. 218; Hill/Kopp 2001, S. 48-61

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Gewalt in der Familie. Wie das Opfer zum Täter wird
Hochschule
Evangelische Hochschule Darmstadt, ehem. Evangelische Fachhochschule Darmstadt
Veranstaltung
Thematische Kombination: Biographie und Institution
Note
1,7
Autor
Jahr
2004
Seiten
29
Katalognummer
V44449
ISBN (eBook)
9783638420471
ISBN (Buch)
9783638653343
Dateigröße
593 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gewalt, Familie, Opfer, Täter, familiäre Gewalt, Erziehung, Eltern, Kinder
Arbeit zitieren
Julia Bauer (Autor), 2004, Gewalt in der Familie. Wie das Opfer zum Täter wird, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/44449

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