Ist die Retterbaby-Praxis eine verwerfliche Instrumentalisierung oder eine legitime Praxis zur Leidensverminderung?

Die Retterbaby-Praxis nach Kants und Singers Ethik


Bachelorarbeit, 2018

47 Seiten, Note: 2,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Begriffsdefinitionen
2.1 Saviour Siblings / Rettungsgeschwister
2.2 In-vitro-Fertilisation
2.3 Präimplantationsdiagnostik

3 Medizinische Mittel und ihre Vorgehensweisen
3.1 In-vitro-Fertilisation und Embryonentransfer
3.2 Präimplantationsdiagnostik

4 Relevante Indikationen für die Retterbaby-Praxis
4.1 Monogen erbliche Erkrankungen
4.2 HLA-Typisierung

5 Ethische Ansichten zur Retterbaby-Praxis

6 Instrumentalisierung vs. Leidverminderung
6.1 Perspektive der Rettungsgeschwister
6.2 Perspektive der kranken Geschwisterkinder
6.3 Perspektive der Eltern

7 Fazit

8 Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Die frühe Embryonalentwicklung des Menschens

1 Einleitung

Der Fall von Elodie und Noah machte rund um die Welt Geschichte. Das kleine Mädchen wurde durch In-vitro-Fertilisation gezeugt und mit der Präimplantationsdiagnostik auf genetische Merkmale untersucht.[1] Denn die Geburt von Elodie beruhte nicht auf einer normalen Entscheidung der Eltern, Nachwuchs bekommen zu wollen, denn Elodie wurde absichtlich gezeugt, um für den genetisch erkrankten älteren Bruder als Gewebespenderin zu dienen.[2] Dank Elodie konnte ihr Bruder Noah vollständig geheilt werden. Für die Medizin war dies ein großer Fortschritt, in ethischer Hinsicht wurde der Eingriff jedoch stark kritisiert. Diese Praxis, bei der Geschwisterkinder – auch Rettungsgeschwister genannt – gezeugt werden, um das bereits vorhandene erkrankte Geschwisterkind zu heilen, nennt sich Retterbaby-Praxis. Bei dieser Praxis stehen sich zwei entscheidende Konflikte gegenüber: zum einen die Instrumentalisierung und zum anderen die Leidverminderung. Genau mit diesem Konflikt beschäftigt sich die vorliegende Bachelorarbeit. Die Fragestellung der Bachelorarbeit lautet somit folgendermaßen: ‚Ist die Retterbaby-Praxis eine verwerfliche Instrumentalisierung oder eine legitime Praxis zur Leidensverminderung?’ Die Bachelorarbeit beginnt dementsprechend mit der Erklärung der Begriffe ,Saviour Siblings’ beziehungsweise der ,Rettungsgeschwister’, ,In-vitro-Fertilisation’ und ,Präimplantationsdiagnostik’. Anschließend werden die Vorgehensweisen und Anwendungsbereiche der medizinischen Verfahren In-vitro-Fertilisation und Präimplantationsdiagnostik vorgestellt. Darauf folgen die relevanten Indikationen für die Retterbaby-Praxis, auch diese werden vorgestellt und erläutert. Anschließend werden zwei ethische Theorien ausgearbeitet, nämlich die Theorie von Peter Singer und die von Immanuel Kant. Daran schließt die ethische Diskussion der drei Perspektiven an. Dabei werden die Perspektiven von Rettungsgeschwistern, erkrankten Geschwisterkindern und der Eltern anhand der Theorien analysiert und ausdiskutiert. Zuletzt folgt das Fazit, in dem eine kurze Zusammenfassung der Arbeit erfolgt und die Fragestellung der Arbeit explizit beantwortet wird.

2 Begriffsdefinitionen

Wichtig für die vorliegende Bachelorarbeit sind die folgenden Begriffe: Saviour Siblings beziehungsweise Rettungsgeschwister, Präimplantationsdiagnostik und In-vitro-Fertilisation. Diese Begriffe werden in den folgenden Unterpunkten kurz definiert.

2.1 Saviour Siblings / Rettungsgeschwister

Saviour Siblings ist das englische Wort für „Rettergeschwister“.[3] Saviour Siblings sind Kinder, die für ein krankes Geschwisterkind als Stammzellenspender gezeugt werden. Damit ermöglichen sie eine Behandlung beziehungsweise Therapiemöglichkeit für ihre tödlich erkrankten Geschwisterkinder.[4] „Da die Eltern selbst aufgrund fehlender HLA-Kompatibilität nicht als Spender geeignet sind, wird eine künstliche Befruchtung durchgeführt und mittels PID der Embryo mit der größten genetischen Übereinstimmung mit dem erkrankten Kind ausgewählt und der Frau eingepflanzt.“[5] Sobald der ausgewählte Embryo geboren wird, „soll dann mit den Stammzellen aus dem Nabelschnurblut oder dem Knochenmark des Neugeborenen dem kranken Geschwisterkind geholfen werden“.[6]

2.2 In-vitro-Fertilisation

In-vitro-Fertilisation (IVF) ist eine medizinische Methode, die es ermöglicht, Embryonen außerhalb eines weiblichen Körpers in einem Reagenzglas zu zeugen.[7] Dabei handelt es sich um eine künstliche Befruchtung, bei der die Eizellen der Frau außerhalb des weiblichen Körpers mit den Spermien des Mannes befruchtet werden. Ein Drittel aller Frauen greift auf künstliche Befruchtung zurück, um auf diese Weise ein Kind zeugen zu können.[8]

2.3 Präimplantationsdiagnostik

Die Präimplantationsdiagnostik (PID) „[...] ermöglicht eine Beurteilung der Entwicklungsfähigkeit und genetischen Ausstattung von künstlich befruchteten Embryonen, noch bevor sie in den Körper der Frau übertragen werden.“[9] Mit diesem Verfahren können somit genetische Merkmale und krankhafte Veränderungen des Erbmaterials festgestellt werden.[10] Die Präimplantationsdiagnostik unterscheidet sich von der Pränataldiagnostik – einer weiteren Möglichkeit der vorgeburtlichen Untersuchung[11] – darin, dass „während die Pränataldiagnostik […] am Embryo im Mutterleib erfolgt, wird die Präimplantationsdiagnostik am Embryo […] im Reagenzglas“, also außerhalb des weiblichen Körpers durchgeführt.[12] Demnach ist die In-vitro-Fertilisation eine Voraussetzung für die Durchführung der Präimplantationsdiagnostik.

3 Medizinische Mittel und ihre Vorgehensweisen

3.1 In-vitro-Fertilisation und Embryonentransfer

Ein Drittel aller Frauen greift auf künstliche Befruchtung zurück und gelangt so zu einem Kind.[13] Louise Brown, geboren am 25. Juli 1978, ist das erste Kind weltweit, das mit künstlicher Befruchtung gezeugt wurde. Im Jahr 1982 wurde in Deutschland das erste durch In-vitro-Fertilisation gezeugte Kind geboren.[14] So ist die In-vitro-Fertilisation eine erfolgreiche medizinische Methode der künstlichen Befruchtung, die Frauen ihren Kinderwunsch erfüllen kann.[15]

Die In-vitro-Fertilisation läuft folgendermaßen ab: Zuerst muss eine Vordiagnostik stattfinden. Dabei wird die Frau auf sämtliche Hormonstörungen, Auffälligkeiten der Gebärmutter, Eierstockzysten, Entzündungen usw. gründlich untersucht.[16] Nach diesen Voruntersuchungen wird der Behandlungsplan festgelegt. Der Körper der Frau wird mit Medikamenten auf den geplanten Eisprung vorbereitet und sobald eine ausreichende Anzahl und Größe (über 18 mm) der Eibläschen – in der Medizin Follikel genannt – erreicht wurde, kann „[...] durch die intramuskuläre oder subcutane Gabe eines hCG-Präparates – humanes Choriongonadotropin, ein spezielles Peptinhormon[17] – der Eisprung ausgelöst werden“.[18] Ungefähr 32 bis 36 Stunden nach der eisprunglösenden Spritze folgt die Entnahme der Eizellen operativ über eine Vaginalpunktion.[19]

Die Punktion der Follikel findet durch einen Ultraschallkopf statt, der in die Scheide der Frau eingeführt wird.[20] Eine Punktionshilfe ist am Ultraschallkopf befestigt, „[...] durch die die Eibläschenpunktion verwendete Nadel eingeführt wird“.[21] Die Nadel wird dann durch die Scheidenwand hindurch in die Follikel geführt.[22] Die Follikelflüssigkeit mit der Eizelle wird dann aus dem Eierstock abgesaugt, dies geschieht „[...] über ein Schlauchsystem, das mit einer Pumpe verbunden ist“.[23] Damit ist die Follikelpunktion erfolgreich beendet. Nach der Gewinnung der Follikelflüssigkeit durch die Punktion beginnt die Eizellsuche im Labor mit einem Mikroskop.[24] Ist die Eizelle in der Follikelflüssigkeit gefunden, wird der Reifegrad der Eizelle beurteilt und „[...] danach wird die Eizelle in ein spezielles Kulturgefäß überführt“.[25] Zu beachten ist, dass nicht nur eine Eizelle gesucht wird, sondern mehrere gleichzeitig, damit die Chance auf eine Befruchtung höher ist. Das Kulturgefäß mit der Eizelle wird dann in einen Kulturschrank – auch ‚Brutschrank’ genannt – gegeben.[26] „Der Kulturschrank [...] hat eine Temperatur von 37° C und eine konstante Gasatmosphäre, die für die Entwicklung von Eizellen und Embryonen optimal ist.“[27]

Je nach Reifegrad der Eizelle erfolgt die Zugabe von beweglichen Spermien nach zwei bis sechs Stunden, dies ist die eigentliche In-vitro-Fertilisation.[28] Die Spermien schwimmen dann selbstständig zur Eizelle. Wenn es einem Spermium gelingt, in die Eizelle einzudringen, kommt es zur Befruchtung der Eizelle.[29] Existiert jedoch eine geringe Anzahl oder eine stark eingeschränkte Beweglichkeit der Spermien, findet die Befruchtung der Eizelle durch eine Injektion statt. Dabei werden einzelne Spermien in die Eizelle injiziert, dieses medizinische Verfahren nennt sich Intracytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI).[30] Ungefähr achtzehn Stunden nach dem Eindringen des Spermiums in die Eizelle kann festgestellt werden, ob die Eizelle befruchtet ist.[31] „Bevor das genetische Material von Frau und Mann im Inneren der Eizelle verschmelzen, liegt es für einige Stunden noch getrennt in Form von zwei sogenannten Vorkernen vor […].“[32] In den darauffolgenden Tagen findet die Teilung der befruchteten Eizelle statt, zum Zweizell- bis Sechszehnzell-Embryo, dies wird mit dem Mikroskop im Labor beobachtet.[33] Am vierten Tag bildet sich dann die sogenannte Morula. Die Morula ist das vielzellige Stadium der Embryonalentwicklung, das die 16-, die 32- und die 64-Zellphase umfasst.[34] Aus der Morula geht an Tag fünf eine Blastozyste hervor.[35] „Die Blastozyste ist ein Bläschen aus 200 bis 250 Zellen, das einen flüssigkeitsgefüllten Hohlraum, die Blastozystenhöhle, umgibt.“[36] Die Zellen beginnen in diesem Stadium, sich in die äußere und innere Zellmasse zu differenzieren. Die Plazenta geht dann aus den äußeren Trophoblastzellen hervor und aus den inneren Embryoblastzellen entsteht der eigentliche Embryo.[37]

Die Abbildung veranschaulicht die beschriebenen Zellstadien der frühen Embryonalentwicklung.[38]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Die frühe Embryonalentwicklung des Menschen (Quelle: Universitätklinikum Heidelberg (siehe Fußnote 32))

Der Embryonentransfer in die Gebärmutter kann im Zwei- bis Achtzellstadium erfolgen, also nach zwei- bis dreitägiger Kultur außerhalb des Körpers.[39] Aber „auch längere Kulturzeiten sind möglich […].“[40] „Der Embryotransfer wird vaginal durchgeführt, indem ein dünner Plastikkatheter in die Gebärmutterhöhle eingeführt wird.“[41] Dann wird die Eizelle mit einer möglichst geringen Flüssigkeitsmenge in die Gebärmutter eingespült.[42] Zu beachten ist jedoch, dass nicht nur eine befruchtete Eizelle in die Gebärmutter transferiert wird, da die Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft mit der Anzahl der transferierten Embryonen zunimmt.[43] Die Chance auf eine Embryo-Einnistung und Schwangerschaft beim Transfer von einem Embryo liegt den bisherigen statistischen Auswertungen zufolge zwischen zehn und fünfzehn Prozent, jedoch steigt der Prozentsatz auf über fünfzehn Prozent, unter Umständen sogar auf dreißig Prozent, wenn zeitgleich drei Embryonen transferiert werden.[44]

Die In-vitro-Fertilisation und der Embryonentransfer haben eine rasante Entwicklung erfahren. Weltweit finden monatlich 250 Embryotransfers statt und „bisher wurde über 300 Schwangerschaften berichtet“.[45]

Die Methode IVF ist in der Medizin unter folgenden Umständen anwendbar:

- „Verschluss bzw. ausgeprägte Störung der Eileiter,
- männliche Fertilitätsstörung nach Insemination (Samenübertragung),
- Endometriose […] (eine Krankheit, bei der die Gebärmutterschleimhaut außerhalb der Gebärmutter zu finden ist),[46]
- Sterilität ohne erkennbare Ursache […].“[47]

IVF wird also angewendet, damit auch Paare, die ihren Kinderwunsch auf natürliche Art nicht erfüllen können, eine Chance haben, auf diese Art und Weise ein Kind zu bekommen.[48]

3.2 Präimplantationsdiagnostik

Die In-vitro-Fertilisation ist eine Voraussetzung für die Durchführung der Präimplantationsdiagnostik (PID),[49] denn bei der PID wird ein Embryo in vitro vor dem Transfer in die Gebärmutter auf genetische Krankheiten oder Anomalien untersucht.[50]

Die molekulare Untersuchung des Embryos, die die PID am Embryo in vitro bietet, kann nur mit einer Biopsie durchgeführt werden, indem dem Embryo einige Zellen entnommen werden.[51] Der Zeitpunkt für die Biopsie muss aber so gewählt sein, „[…] dass einerseits ausreichend Zellmaterial für eine suffiziente Diagnostik gewonnen werden kann, aber andererseits die Entwicklung des Embryos nicht beeinträchtigt wird“.[52] Dafür gibt es zwei mögliche Zeitpunkte, die Blastomerbiopsie und die Biopsie der Blastozyste. Zunächt wird jedoch die Polkörperdiagnostik vorgestellt, da sie in der PID eine Sonderstellung einnimmt.[53]

Die Polkörperdiagnostik nimmt eine Sonderstellung ein, da es sich hierbei nicht um die Untersuchung von Embryonen handelt, sondern um eine Form der Selektion von Eizellen vor dem Implantieren dieser in die Gebärmutter.[54] Die bei der Reifeteilung entstandenen Polkörper werden auf molekulargenetischer Ebene untersucht,[55] denn die Polkörper enthalten „[…] den Teil des Erbgutes der ursprünglichen mütterlichen Zelle, der nicht in der Eizelle verblieben ist“.[56] So können durch die Untersuchung der Polkörper Rückschlüsse auf die genetische Information des Chromosomensatzes gezogen werden.[57] Die Entnahme der Polkörper hat keinen Nachteil für die spätere Entwicklung des Embryos, wenn die Eizelle bei der Entnahme nicht verletzt wird.[58] Der Nachteil bei dieser Diagnostik ist jedoch, dass die Untersuchung nur Rückschlüsse auf die genetische Information der Mutter zulässt, über das männliche Erbgut liefert es hingegen keine Informationen.[59] Daher ist diese Methode nur sinnvoll, wenn die Mutter des Embryos Träger von genetisch bedingten Krankheiten ist, die in diesem Fall untersucht werden können.[60] Mittlerweile wird die Polkörperdiagnostik für „[…] die Untersuchung zum Ausschluss chromosomaler Fehlverteilungen und Aberrationen durchgeführt“.[61]

Die erstgenannte Möglichkeit der Untersuchung eines Embryos ist die Blastomerbiopsie, das am meisten angewandte und auch bekannteste Verfahren der Zellgewinnung.[62] Die Blastomerbiopsie findet am dritten Tag nach der Befruchtung der Eizelle statt, zu diesem Zeitpunkt bestehen die Embryonen aus sechs bis zehn, überwiegend jedoch acht Zellen.[63] In diesem Stadium können dem Embryo in vitro mit einer Saugpipette bis zu zwei Zellen entnommen werden, ohne dass die Entwicklung des Embryos beeinträchtigt wird.[64] Jedoch können im Acht-Zell-Stadium die entnommen Zellen noch Totipotenz besitzen.[65] Totipotenz bedeutet aus biologischer Sicht, „[…] dass eine Zelle das Potenzial besitzt, sich zu einem Gesamtorganismus zu entwickeln“.[66] Das heißt, die Zelle besitzt noch die Fähigkeit, sich zu einem vollständigen Embryo zu entwickeln.[67] Eine Biopsie im Morulastadium ist jedoch ungeeignet, „[…] da durch die Kompaktierung die Gefahr von Zellreißungen bei der Entnahme und damit einer Verunreinigung der biopsierten Zellen relativ hoch ist“.[68] Doch es gibt eine Alternative zur Blastomerbiopsie, die Biopsie im Blastozystenstadium.

Die Biopsie im Blastozystenstadium ist somit die zweite Möglichkeit. „Da am dritten Tag der Befruchtung die Differenzierung in Embryoblast- und Trophoblastzellen erfolgt, ist es ab dem fünften Tag möglich, aus der Blastozyste bei einer Biopsie nur Throphoblastzellen zu gewinnen, ohne dadurch dem Embryo selbst etwas zu entnehmen.“[69] So liegt bei dieser Möglichkeit keine Totipotenz der Zelle vor.[70] „Ein weiterer Vorteil der Biopsie im Blastozystenstadium ist, dass aufgrund der wesentlich größeren Zellanzahl des Embryos ohne Schaden für diesen zehn bis zwanzig Zellen entnommen werden können, wodurch die Sicherheit der genetischen Diagnostik erheblich gesteigert und das diagnostische Spektrum erweitert werden kann.“[71] Zusätzlich wird vermutet, „[...] dass ein Embryonentransfer am fünften Tag eine höhere Schwangerschaftsrate bringen kann als der Transfer am dritten Tag, da auch unter natürlichen Bedingungen die Implantation im Blastozystenstadium erfolgt“.[72] Trotz der Vorteile der Biopsie der Blastozyste gibt es noch methodische Schwierigkeiten. Zwar ist die Langzeitkultivierung menschlicher Embryonen heutzutage schon besser möglich, doch trotzdem noch sehr schwierig und aufwendig, da es oft nach einiger Zeit zu einem Entwicklungsstillstand des Embryos kommt.[73] So erreichen nur 35–40 Prozent der Embryonen in vitro überhaupt das Blastozystenstadium.[74] „In einigen Fällen sind sogar am fünften oder am sechsten Tag überhaupt keine Embryonen für den Transfer vorhanden.“[75] Zudem ist auch die Entnahme und Isolierung der Zellen in diesem Stadium schwierig, da diese sehr klein sind und aneinander kleben.[76]

Auch wenn diese Möglichkeit der Biopsie der Blastozyste viele Vorteile mit sich bringt, wird sie aufgrund der mit ihr verbundenen Schwierigkeiten im Rahmen der PID nur selten praktiziert.[77] Viele Zentren, die die PID durchführen, wählen die erste Möglichkeit, bei der die Biopsie des Embryos am dritten Tag nach der Befruchtung durchgeführt wird.[78] Nach der Entnahme der Zellen werden diese einer molekulargenetischen Untersuchung unterzogen, um chromosomale Unregelmäßigkeiten erkennen zu können.[79]

„Die molekulargenetische und chromosomale Diagnostik erfolgt je nach Fragestellung durch die Methode der Polymerase-Kettenreaktion (Polymerase Chain Reaction = PCR) oder der Floureszenz-in-situ-Hybridisierung (FISH).“[80]

Die Polymerase-Kettenreaktion (PCR) wird eingesetzt, wenn eine spezifische Veränderung oder Mutation an einzelnen Genen diagnostiziert werden soll, die eine Krankheit hervorrufen (monogene Defekte).[81] „Vereinfacht gesagt, werden durch die PCR die einzelnen zu untersuchenden Gene tausendfach vermehrt (Amplifizierung) und gleichzeitig mit floureszierenden oder radioaktiven Farbstoffen markiert, sodass sie sichtbar gemacht werden.“[82] Danach wird untersucht, „[...] ob das Gen im Vergleich mit einem Kontrollgen Veränderungen aufweist“.[83] Der Vorteil der PCR ist aber auch gleichzeitig ihr Nachteil, denn dadurch, dass die Struktur eines einzelnen Gens in einer einzelnen Zelle untersucht werden kann, besteht gleichzeitig der Nachteil, dass sie sehr anfällig für Verunreinigungen ist.[84] Durch die kleinste Verunreinigung – sei es nur eine Hautschuppen des Testers – kann die Probe so kontaminiert werden, dass nur die Fremd-DNA dargestellt wird und das Ergebnis dann fehlinterpretiert wird.[85] „Auch überzählige Samenzellen, die nach der Befruchtung an der Zona pellucida – einer Grundsubstanzschicht zwischen der Eizelle und dem Follikel[86] – der Eizelle haften bleiben, können das Ergebnis erheblich stören.“[87] Dieses Problem kann aber mit der Technik der intrazystoplasmatischen Spermieninjektion gelöst werden, da dabei jedes einzelne Spermium direkt in die Eizelle injiziert wird.[88] „Das größte Problem der PCR stellt jedoch die Tatsache dar, dass es bei der Amplifizierung eines einzelnen DNA-Doppelstrangs zum Ausfall eines der beiden Allele […] bzw. zur bevorzugten Amplifizierung eines der beiden Allele kommen kann […].“[89] Das heißt, dass nur eines der beiden Allele des Gens vervielfältigt wird und dies dazu führt, dass das eine Allel im PCR-Produkt nicht mehr erkennbar ist.[90] Beispielsweise wenn ein gesundes Gen auf einem Allel und das mutierte Gen auf dem anderen Allel liegt, führt der Ausfall eines der beiden Allele zu Vortäuschung eines falschen genetischen Status, so entsteht eine Fehldiagnose.[91] „Die Häufigkeit solcher Allel-Ausfälle variiert erheblich und hängt von zahlreichen Faktoren ab.“[92] Doch durch die separate Untersuchung von zwei Zellen des Embryos ist die Gefahr einer Fehldiagnose vernachlässigbar gering und die PCR-Protokolle sind heute auch so ausgelegt, dass oft beide Allele zur Darstellung kommen müssen.[93]

Die Floureszenz-in-situ-Hybridisierung (FISH) wird zum Nachweis von numerischen oder strukturellen Chromosomenaberrationen und zur Geschlechtsbestimmung des Embryos eingesetzt.[94] Mit der FISH kann also das Vorhandensein und die Anzahl der Chromosomen nachgewiesen werden und nicht die Struktur der Chromosomen, wie es bei der PCR der Fall ist.[95] FISH ist ein Verfahren, „[...] bei dem die Chromosomen durch die Markierung mit flourieszierendem Farbstoff sichtbar gemacht werden“.[96] Der Vorteil der FISH gegenüber der PCR ist, dass in ihr eine wesentlich geringere Anfälligkeit für Kontamination besteht.[97] Allerdings hat auch FISH auch einen Nachteil. Dadurch, dass Embryonen häufig chromosomale Mosaike bilden, „[…] das heißt, dass nicht alle Zellen dasselbe chromosomale Muster aufweisen“.[98] So kann aus dem Chromosomenmuster einer analysierten Zelle nicht auf den genetischen Status aller anderen Zellen geschlossen werden, dadurch besteht das Risiko einer Fehldiagnose.[99] „Des Weiteren besteht die Gefahr, dass sich zwei Farbsignale genau überlagern oder einzelne Farbmarkierungen nicht sichtbar werden (fehlende Hybridisierung).“[100] Dies kann dann zu einer Fehldiagnose der numerischen Chromosomenaberration bei einem eigentlich gesunden Embryo führen. Durch parallele Untersuchung von zwei Embryonalzellen können jedoch alle Fehlermöglichkeiten der FISH erheblich verringert werden.[101]

[...]


[1] Vgl. Bleisch & Huppenbauer 2011, S. 181.

[2] Vgl. Bleisch & Huppenbauer 2011, S,181.

[3] DRZE 2018. Abgerufen am: 04.05.2018

[4] Vgl. DRZE 2018. Abgerufen am: 04.05.2018

[5] DRZE 2018. Abgerufen am: 04.05.2018.

[6] DRZE 2018. Abgerufen am: 04.05.2018.

[7] Vgl. Kollek, Regine 2000, S. 14.

[8] Vgl. Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz 2008, S. 20.

[9] Deutscher Ethikrat 2011, S. 10.

[10] Vgl. Kollek, Regine 2000, S. 13.

[11] Vgl. Kollek, Regine 2000, S. 13.

[12] Kollek, Regine 2000, S. 13.

[13] Vgl. Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, Verlautbarungen des apostolischen Stuhls 2008, S. 20.

[14] Vgl. Neuwohner, Elke, Phillips-Universität Marburg 2013.

[15] Vgl. UKGM, Uniklinikum Giessen und Marburg 2017, abgerufen am 05.05.2018.

[16] Vgl. Praxisklinik Frauenstraße 2018, abgerufen am 05.05.2018.

[17] Vgl. Abels, Benjamin 2018, abgerufen am 05.05.2018.

[18] Praxisklinik Frauenstraße 2018, abgerufen am 05.05.2018.

[19] Vgl. Praxisklinik Frauenstraße 2018, abgerufen am 05.05.2018.

[20] Vgl. Praxisklinik Frauenstraße 2018, abgerufen am 05.05.2018.

[21] Praxisklinik Frauenstraße 2018, abgerufen am 05.05.2018.

[22] Praxisklinik Frauenstraße 2018, abgerufen am 05.05.2018.

[23] Praxisklinik Frauenstraße 2018, abgerufen am 05.05.2018.

[24] Vgl. Praxisklinik Frauenstraße 2018, abgerufen am 05.05.2018.

[25] Praxisklinik Frauenstraße 2018, abgerufen am 05.05.2018.

[26] Vgl. Praxisklinik Frauenstraße 2018, abgerufen am 05.05.2018.

[27] Praxisklinik Frauenstraße 2018, abgerufen am 05.05.2018.

[28] Vgl. Praxisklinik Frauenstraße 2018, abgerufen am 05.05.2018.

[29] Vgl. Universitätsklinikum Heidelberg ohne Jahr, abgerufen am 05.05.2018.

[30] Vgl. Universitätsklinikum Heidelberg ohne Jahr, abgerufen am 05.05.2018.

[31] Vgl. Universitätsklinikum Heidelberg ohne Jahr, abgerufen am 05.05.2018.

[32] Universitätsklinikum Heidelberg ohne Jahr, abgerufen am 05.05.2018.

[33] Vgl. Universitätsklinikum Heidelberg ohne Jahr, abgerufen am 05.05.2018.

[34] Vgl. Reckort, Sven 2017, abgerufen am 05.05.2018.

[35] Vgl. Universitätsklinikum Heidelberg ohne Jahr, abgerufen am 05.05.2018.

[36] Wallner, Sybille 2010, S. 10.

[37] Vgl. Wallner, Sybille 2010, S. 10.

[38] Universitätsklinikum Heidelberg ohne Jahr, abgerufen am 05.05.2018.

[39] Vgl. Praxisklinik Frauenstraße 2018, abgerufen am 05.05.2018.

[40] Praxisklinik Frauenstraße 2018, abgerufen am 05.05.2018.

[41] Jüdes, Ulrich 1983, S. 40.

[42] Vgl. Jüdes, Ulrich 1983, S. 40.

[43] Vgl. Hrsg. Jüdes, Ulrich 1983, S. 40.

[44] Vgl. Hrsg. Jüdes, Ulrich 1983, S. 40.

[45] Hrsg. Jüdes, Ulrich 1983, S. 40.

[46] Vgl. Universitätsklinikum Tübingen ohne Jahr, abgerufen am 06.05.2018.

[47] UKGM, Uniklinikum Giessen und Marburg 2017, abgerufen am 05.05.2018.

[48] Vgl. Praxisklinik Frauenstraße 2018, abgerufen am 05.05.2018.

[49] Vgl. Kollek, Regine 2000, S. 14.

[50] Vgl. Wallner, Sybille 2010, S. 53.

[51] Vgl. Wallner, Sybille 2010, S. 60.

[52] Wallner, Sybille 2010, S. 60.

[53] Vgl. Steinke, Verena 2009, S. 34.

[54] Vgl. Steinke, Verena 2009, S. 34.

[55] Vgl. Steinke, Verena 2009, S. 18, 34.

[56] Steinke, Verena 2009, S. 34.

[57] Vgl. Steinke, Verena 2009, S. 34.

[58] Vgl. Steinke, Verena 2009, S. 34.

[59] Vgl. Steinke, Verena 2009, S. 35.

[60] Vgl. Steinke, Verena 2009, S. 35.

[61] Steinke, Verena 2009, S. 35.

[62] Vgl. Wallner, Sybille 2010, S.60.

[63] Vgl. Wallner, Sybille 2010, S. 60.

[64] Vgl. Wallner, Sybille 2010, S. 60.

[65] Vgl. Wallner, Sybille 2010, S. 60.

[66] Wallner, Sybille 2010, S. 12.

[67] Wallner, Sybille 2010, S. 12.

[68] Wallner, Sybille 2010, S. 60.

[69] Wallner, Sybille 2010, S. 61.

[70] Vgl. Wallner, Sybille 2010, S. 61.

[71] Wallner, Sybille 2010, S. 61.

[72] Wallner, Sybille 2010, S. 61.

[73] Vgl. Wallner, Sybille 2010, S. 61.

[74] Vgl. Wallner, Sybille 2010, S. 61.

[75] Wallner, Sybille 2010, S. 61.

[76] Vgl. Wallner, Sybille 2010, S. 61.

[77] Vgl. Wallner, Sybille 2010, S. 61.

[78] Vgl. Wallner, Sybille 2010, S. 61–62.

[79] Vgl. Wallner, Sybille 2010, S. 62.

[80] Wallner, Sybille 2010, S. 62.

[81] Vgl. Wallner, Sybille 2010, S. 62.

[82] Wallner, Sybille 2010, S. 62.

[83] Wallner, Sybille 2010, S. 62.

[84] Vgl. Wallner, Sybille, 2010 S.62.

[85] Vgl. Wallner, Sybille 2010 S. 62.

[86] Vgl. Zetkin & Schaldach1999, S. 2226.

[87] Wallner, Sybille 2010, S. 62.

[88] Vgl. Wallner, Sybille 2010, S. 62–63.

[89] Wallner, Sybille 2010, S. 63.

[90] Vgl. Wallner, Sybille 2010, S. 63.

[91] Vgl. Wallner, Sybille 2010, S. 63.

[92] Wallner, Sybille 2010, S. 63.

[93] Vgl. Wallner, Sybille 2010, S. 63.

[94] Vgl. Wallner, Sybille 2010, S. 63.

[95] Vgl. Wallner, Sybille 2010, S. 63.

[96] Wallner, Sybille 2010, S. 63.

[97] Vgl. Wallner, Sybille 2010, S. 64.

[98] Wallner, Sybille 2010, S. 64.

[99] Vgl. Wallner, Sybille 2010, S. 64.

[100] Wallner, Sybille 2010, S. 64.

[101] Vgl. Wallner, Sybille 2010, S. 64.

Ende der Leseprobe aus 47 Seiten

Details

Titel
Ist die Retterbaby-Praxis eine verwerfliche Instrumentalisierung oder eine legitime Praxis zur Leidensverminderung?
Untertitel
Die Retterbaby-Praxis nach Kants und Singers Ethik
Hochschule
Universität Koblenz-Landau
Note
2,7
Autor
Jahr
2018
Seiten
47
Katalognummer
V444994
ISBN (eBook)
9783668817364
ISBN (Buch)
9783668817371
Sprache
Deutsch
Schlagworte
retterbaby-praxis, instrumentalisierung, praxis, leidensverminderung, kants, singers, ethik
Arbeit zitieren
Gamze Bulut (Autor), 2018, Ist die Retterbaby-Praxis eine verwerfliche Instrumentalisierung oder eine legitime Praxis zur Leidensverminderung?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/444994

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