Der Übergang von der Grundschule in die Sekundarstufe I. Zur Auswirkung primärer und sekundärer Herkunftseffekte

Interventions- und Fördermöglichkeiten


Hausarbeit, 2018
13 Seiten, Note: 1,0
Anonym

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretische Grundlagen
2.1. Bildungsungleichheit
2.2. Soziale Herkunft

3. Herkunftseffekte nach Raymond Boudon
3.1. Primäre Herkunftseffekte
3.2. Sekundäre Herkunftseffekte

4. Einfluss primärer Herkunftseffekte

5. Einfluss sekundärer Herkunftseffekte
5.1. Leistungsbeurteilung
5.2. Schullaufbahnempfehlung
5.3. Elternentscheidung

6. Interventions- und Fördermöglichkeiten
6.1. Frühkindliche Bildung außerhalb des Elternhauses
6.2. Standardisierte Leistungstests
6.3. Verbindliche Schullaufbahnempfehlungen

7. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Wir können und wir dürfen uns nicht alle der gleichen Lebensweise ver- schreiben; und wir müssen versuchen, uns mit unseren Fähigkeiten in Einklang zu bringen. Wir sind nicht alle für die Reflexion geschaffen; nötig sind Menschen des Gefühls und der Tat. Umgekehrt sind Menschen nötig, deren Aufgabe es ist, zu denken“

(Durkheim in: Plake 1987, zit. n. Kupfer 2011, S. 22).

Wie Émile Durkheim hier beschreibt, bildet die Ungleichheit der Menschen die Basis un- serer Gesellschaft, da diese — wie weiter beschrieben wird — Arbeitsteilung ermöglicht. Dies wiederum macht den Konsum nicht selbst produzierter Güter möglich und hält so- mit die Bevölkerung, welche darauf angewiesen ist, zusammen. (Kupfer 2011, S. 23)

Die Herausbildung der Unterschiedlichkeit wiederum beginnt bei den meisten bereits im Alter von 10 Jahren mit dem Übergang in die weiterführende Schule. Wobei der Entscheidung, auf welche Schule die Kinder letztlich wechseln, unterschiedliche Faktoren der sozialen Herkunft zugrunde liegen können.

Im Folgenden wird auf Grundlage der von Raymond Boudon begründeten Herkunftseffekte, der Frage nachgegangen, welche Auswirkungen primäre und sekundäre Herkunftseffekte auf den Übergang von der Grundschule in die Sekundarstufe I ausüben und welche Interventions- und Fördermöglichkeiten hier denkbar wären.

Hierzu sollen zunächst einige Begriffe definiert werden, um eine gemeinsame Verständ- nisbasis zu schaffen. Im Anschluss wird der Einfluss der familiären Herkunft auf den Tran- sitionsprozess näher betrachtet und anhand einiger Studien veranschaulicht. Abschlie- ßend werden einige Möglichkeiten, den Einfluss der familiären Herkunft zu verringern, erläutert.

Da es im Rahmen dieser Arbeit jedoch leider nicht möglich ist, auf alle Besonderheiten einzugehen, werden nur wesentliche Aspekte umrissen. So werden im Folgenden bei- spielsweise die Rolle der Migration sowie der Kontext, der sich unter anderem aus der Zusammensetzung der Schülerschaft in einer Grundschulklasse ergibt, unbeachtet blei- ben.

2. Theoretische Grundlagen

2.1. Bildungsungleichheit

Der Begriff der Bildungsungleichheit bezeichnet „Unterschiede im Bildungsverhalten und in den erzielten Bildungsabschlüssen (beziehungsweise Bildungsgängen) von Kindern, die in unterschiedlichen sozialen Bedingungen und familiären Kontexten aufwachsen“ (Müller/Haun 1994, zit. n. Schlicht 2011, S. 35). Boudon folgend, handelt es sich hierbei um das Resultat individueller Bildungsentscheidungen, welche unter anderem auf „schulischen Leistungen, den Selektionsmechanismen des jeweiligen Bildungssystems und der familiären Bewertung von Bildung“ basieren. Zur Beschreibung der Bildungsentscheidungen führte der französische Soziologe Raymond Boudon die Unterscheidung primärer und sekundärer Herkunftseffekten ein, welche in Kapitel 3 näher erläutert werden sollen. (Baumert et al. 2009, S. 155)

2.2. Soziale Herkunft

Die soziale Herkunft umfasst Aspekte wie Status, Bildung, ökonomischen Hintergrund und Migrationserfahrungen, welche in enger Verbindung mit der sozialen Position, den Lebensbedingungen und (Bildungs-)Chancen eines Menschen innerhalb der Gesellschaft stehen (Schauenberg 2009, S. 26). Nach Pierre Bourdieu setzt sich diese vor allem aus dem ökonomischen, in Geld tauschbarem, dem kulturellen welches sich beispielsweise in akademischen Titeln äußert und dem sozialen Kapital, welches Anzahl und Wert sozi- aler Beziehungen bezeichnet, sowie der Stellung im sozialen Raum zusammen. Der Zu- sammenhang zwischen sozialer Herkunft und dem Bildungserfolg eines Menschen ist umso größer, je höher das ökonomische, kulturelle und soziale Kapital einer Person ist das den Lebensstil — welcher von Bourdieu als Habitus bezeichnet wird — prägt (Kupfer 2011, S. 82f). Eine niedrige soziale Herkunft ist demnach oft mit gesellschaftlichen Nach- teilen verbunden, welche sich beispielsweise in schlechteren Bildungschancen äußern.

3. Herkunftseffekte nach Raymond Boudon

3.1. Primäre Herkunftseffekte

Primäre Herkunftseffekte beschreiben die langfristigen Wirkungen des Zusammenhangs zwischen sozialer Herkunft und schulischer Leistung sowie die damit verbundenen Folgen für die Schulleistungen der Kinder.

Sie stellen vom Elternhaus mitgegebene Lernvoraussetzungen und Lerngelegenheiten dar, welche sowohl durch vielfältige Anregung, Unterstützung und Förderung, als auch durch die unterschiedliche Nutzung schulischer Lernangebote entstehen können.

Kinder höherer sozialer Schichten erbringen dementsprechend infolge der Erziehung, Ausstattung und Förderung im Elternhaus oft bessere Schulleistungen als Arbeiterkin- der, welche aufgrund ökonomischer, sozialer und kultureller Nachteile des Elternhauses oft bereits zu Beginn der Schulzeit kognitive Nachteile aufweisen. Diese nehmen wiede- rum Einfluss auf Zensuren sowie Kompetenzentwicklung der Kinder und resultieren oft- mals in ungleichen Schullaufbahnverteilungen, da Schülerinnen und Schüler niedriger sozialer Herkunft an den Selektionshürden des Bildungssystems scheitern (Becker 2017, S. 114f).

3.2. Sekundäre Herkunftseffekte

Im Gegensatz zu primären, stellen sekundäre Herkunftseffekte einen kurzfristigen und direkten Effekt für die Bildungschancen dar (Becker 2017, S. 118).

Es handelt sich hierbei um Einflüsse der sozialen Herkunft, welche nicht auf schulische Leistungen zurückzuführen sind, sondern das Ergebnis einer verinnerlichten Sozial- schichtzugehörigkeit darstellen und beispielsweise aus schichtspezifisch unterschiedli- chen Bildungserwartungen oder dem elterlichen Entscheidungsverhalten resultieren (Dumont 2014, S. 144).

Boudon orientiert sich mit diesem Ansatz an der Social Position Theory von Keller und Zavalloni, bei der Nutzen und Kosten eines Bildungsabschlusses in Relation zur Sozialschichtzugehörigkeit des Elternhauses gesetzt werden. Nutzen ergeben sich beispielsweise daraus, den bislang erreichten Sozialstatus über die Bildung der Kinder zu erhalten, während sich Kosten vor allem durch eine entsprechende Distanz zu höherer Bildung ergeben. Da die soziale Distanz, zur Erreichung eines Bildungsziels für Menschen unterschiedlicher sozialer Herkunft unterschiedlich groß ist, ergeben sich daraus verschiedene Bildungsziele (Becker 2017, S. 118).

4. Einfluss primärer Herkunftseffekte

Primäre Effekte der sozialen Herkunft haben in erster Linie Auswirkungen auf die Schul- leistungen der betreffenden Schülerinnen und Schüler. Demnach verfügen Schülerinnen und Schüler bereits vor Eintritt in die Grundschule über verschiedene kognitive, motiva- tionale und soziale Fähigkeiten für das Lernen. Diese resultieren vor allem aus unter- schiedlichen kognitiven Anregungsgehalten sowie Förderung im Elternhaus und haben Auswirkung auf die Schulleistungen (Dumont 2014, Seite 147), wie Feinstein (2003) in seiner Studie „Inequality in the Early Cognitive Development of British Children in the 1970 Cohort“ aufzeigen konnte (Klinge 2016, S. 21).

Da der Übergang von der Grundschule in die Sekundarstufe I maßgeblich durch die Schullaufbahnempfehlung des Lehrers bestimmt wird, welche sich jedoch, wie die Studie „Der Übergang von der Grundschule an die weiterführende Schule — Leistungsgerechtigkeit und regionale, soziale und ethnisch-kulturelle Disparitäten“ zeigen konnte vorwiegend an den Schulleistungen der Kinder orientiert, stellen die Zensuren einen signifikanten Prädikator für den Übergang dar (Dumont 2014, Seite 147).

Auch für das deutsche Bildungssystem ist der Einfluss primärer Herkunftseffekte auf den Transitionsprozess anhand internationaler Schulleistungstudien wie PISA, IGLU und TIMSS empirisch belegt (Klinge 2016, Seite 21). Dies soll nachfolgend anhand von TIMSS, einer Studie, die das mathematische und naturwissenschaftliche Grundverständnis von Schülerinnen und Schülern am Ende der Grundschulzeit erfasst, beispielhaft dargestellt werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Mittlere Testleistungen in Mathematik und Naturwissenschaften je EGP-Klasse in Deutschland bei TIMSS 2007, 2011 und 2015

Quelle: Trends in International Mathematics and Science Study (TIMSS 2015)

Betrachtet man exemplarisch die Werte des Jahres 2015, fällt auf, dass Schülerinnen und Schüler, deren Eltern der oberen Dienstklasse angehören, 35 Punkte mehr in Mathematik und 37 Punkte mehr in den Naturwissenschaften erzielen als Kinder von (Fach-)Arbeitern.

Dies entspricht einem Unterschied von etwa einem Lernjahr in Mathematik und einein- halb Lernjahren in den Naturwissenschaften und lässt so den Einfluss der primären Her- kunftseffekte auf die Schulleistungen erkennen. Ein entsprechender Unterschied zeigte sich ebenfalls in den Jahren 2007 und 2011, was somit auf ein anhaltendes Phänomen schließen lässt.

5. Einfluss sekundärer Herkunftseffekte

5.1. Leistungsbeurteilung

Ein sekundärer Herkunftseffekt der Leistungsbeurteilung liegt vor, wenn Schülerinnen und Schüler niedriger sozialer Herkunft trotz gleicher Leistungen schlechtere Zensuren erhalten als Schüler höherer sozialer Schichten. Erklären lässt sich dieser Umstand unter anderem durch den sogenannten „Halo-Effekt“. Demnach schreiben Lehrer Schülern aus bildungsnahen Familien generell eine höhere Leistungsfähigkeit zu als Kindern aus bil- dungsfernen Familien und bewerten sie aus diesem Grund besser. Andere Erklärungen für den Einfluss sekundärer Herkunftseffekte auf die Leistungsbeurteilung sind elterli- ches Eingriffen in die Notenvergabe oder motivationale Unterschiede zwischen Schüle- rinnen und Schülern verschiedener sozialer Schichten (Dumont 2014, Seite 149).

Belegt werden konnte dieses Phänomen unter anderem anhand der 2010 veröffentlichten Studie „Der Übergang von der Grundschule in die weiterführende Schule — Leistungsgerechtigkeit und regionale, soziale und ethnisch-kulturelle Disparitäten“.

5.2. Schullaufbahnempfehlung

Wenn Lehrkräfte Schülerinnen und Schülern höherer sozialer Schichten eher eine Gym- nasialempfehlung aussprechen als hinsichtlich ihrer Leistung vergleichbarer Klassenka- meraden sozial niedriger Schichten, spricht man von einem sekundären Herkunftseffekt der Schullaufbahnempfehlung (Dumont 2014, Seite 149), was ebenfalls anhand der Stu- die „Der Übergang von der Grundschule in die weiterführende Schule — Leistungsge- rechtigkeit und regionale, soziale und ethnisch-kulturelle Disparitäten“ belegt werden konnte.

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Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Der Übergang von der Grundschule in die Sekundarstufe I. Zur Auswirkung primärer und sekundärer Herkunftseffekte
Untertitel
Interventions- und Fördermöglichkeiten
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Note
1,0
Jahr
2018
Seiten
13
Katalognummer
V445268
ISBN (eBook)
9783668829503
ISBN (Buch)
9783668829510
Sprache
Deutsch
Schlagworte
übergang, grundschule, sekundarstufe, auswirkung, herkunftseffekte, interventions-, fördermöglichkeiten
Arbeit zitieren
Anonym, 2018, Der Übergang von der Grundschule in die Sekundarstufe I. Zur Auswirkung primärer und sekundärer Herkunftseffekte, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/445268

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