Das Wormser Konkordat gilt als jenes Vertragswerk, das den epochalen „Kampf um die rechte Ordnung in der Welt“, wie der Investiturstreit auch umschrieben wird, zu einem Ende gebracht hat. Dem Heiligen Stuhl schien es wichtig gewesen zu sein, dieses Ereignis für die Nachwelt sichtbar festzuhalten. Die Wände des Lateranpalastes ließ Calixt II. mit Fresken ausschmücken, die die Übergabe der Kaiserurkunde von Heinrich V. an den Papst zeigten. Die im Heinricianum zugestandenen Privilegien dürften für die römische Kirche wohl nicht ohne Belang gewesen sein. Es spricht für sich, dass die Gemälde die Existenz der Papsturkunde als Bestandteil des Wormser Konkordats ausblenden sowie auch papstnahe Quellen darüber schweigen.
Obgleich damit der Anschein eines päpstlichen Sieges über das römisch-deutsche Königtum im jahrzehntelangen Hader zwischen jenen beiden Gewalten geweckt wird, stellt sich die Frage, inwiefern sich mit dem Wormser Konkordat tatsächlich das Verständnis vom Königtum veränderte. Vor allem, welche Rolle spielte das Wormser Konkordat im Bezug auf die Stellung der römisch-deutschen Krone? Dabei soll in der vorliegenden Analyse nicht nur die Wahrnehmung des römisch-deutschen Königs im Vergleich zum Papsttum, sondern auch die reichsinterne Entwicklung des Königtums im Zusammenhang mit dem Wormser Konkordat beleuchtet werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Weg zur Lösung des Investiturstreits
3. Inhalt des Wormser Konkordats
3.1. Das Privileg des Kaisers
3.2. Das Privileg des Papstes
4. Bedeutung des Wormser Konkordats für das Königtum
5. Schlussbemerkung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Bedeutung des Wormser Konkordats von 1122 für das römisch-deutsche Königtum und analysiert, inwiefern das Vertragswerk das Verständnis vom Königtum sowie dessen Stellung gegenüber dem Papsttum und innerhalb des Reiches veränderte.
- Historische Entstehungsgeschichte des Wormser Konkordats im Kontext des Investiturstreits.
- Analyse und Vergleich der beiden Urkunden: das Privileg des Kaisers (Heinricianum) und das Privileg des Papstes (Calixtinum).
- Auswirkungen der Investiturfrage auf die sakrale Wahrnehmung des römisch-deutschen Königs.
- Bedeutung der Wahlfrage und des Präsenzrechts für die königliche Kirchenhoheit.
- Wechselwirkungen zwischen der kaiserlichen Macht, der päpstlichen Autorität und der zunehmenden Rolle der Reichsfürsten.
Auszug aus dem Buch
3. Inhalt des Wormser Konkordats
Das Abkommen von Worms, das erst im 18. Jahrhundert von Gottfried Wilhelm Leibnitz als Wormser Konkordat bezeichnet wurde, ist kein – wie der Terminus vielleicht nahelegt - Staatskirchenvertrag im modernen Sinn, sondern es bekundet die Rechte und Pflichten des Papstes sowie des Kaisers in Bezug auf die Wahlen von kirchlichen Würdenträgern und deren Investitur. Es besteht aus einer päpstlichen und einer kaiserlichen Urkunde, die auf einem parallelen Aufbau beruhen.
3.1. Das Privileg des Kaisers
Das privilegium imperatoris ist nach wie vor im Original erhalten und wird im Vatikanischen Geheimarchiv aufbewahrt. In der kaiserlichen Urkunde, dem Heinricianum, richtet sich Heinrich V. in einer feierlichen Formel an Gott, die Apostel Petrus und Paulus sowie an die heilige katholische Kirche, wodurch die Urkunde auch über die Amtszeit Calixt II. hinaus ihre allgemeine Gültigkeit zum Ausdruck bringt. Der Kaiser verzichtet darin auf das Recht der Investitur mit Ring und Stab, jenen Symbolen, deren Übergabe die Übertragung des geistlichen Amts veranschaulichte. Desweiteren garantiert er in seinem Reich die kanonische Wahl sowie die freie Weihe von Kirchenoberen und sichert die Rückerstattung der Besitzungen und Regalien, die seit der Zeit seines Vaters der Kirche von ihm selbst oder anderen entzogen worden waren, zu oder unterstützt die Kirche beim Rückerwerb. Er erklärt dem Heiligen Vater, der römischen Kirche und ihren Anhängern gegenüber den Frieden und bietet seine rechtliche Unterstützung sowie getreuen Beistand in allen Angelegenheiten an.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in den historischen Kontext des Investiturstreits ein, stellt die Forschungsfrage nach der Veränderung des Königsverständnisses und umreißt die methodische Vorgehensweise der Analyse.
2. Der Weg zur Lösung des Investiturstreits: Hier wird die schwierige diplomatische Annäherung zwischen Kaiser und Papst seit dem Scheitern des Vertrages von Sutri bis zu den erfolgreichen Verhandlungen im Jahr 1122 dargelegt.
3. Inhalt des Wormser Konkordats: Dieses Kapitel analysiert das doppelte Urkundenwerk, bestehend aus dem Heinricianum und dem Calixtinum, und erläutert die jeweiligen inhaltlichen Zugeständnisse beider Seiten.
3.1. Das Privileg des Kaisers: Der Fokus liegt hier auf dem Verzicht des Kaisers auf die Investitur mit Ring und Stab und der gleichzeitigen Garantie der kanonischen Wahl sowie der Rückerstattung kirchlicher Besitztümer.
3.2. Das Privileg des Papstes: Dieses Unterkapitel behandelt die päpstliche Gegenurkunde, deren formale Besonderheiten in der Adressierung und deren spezifische Regelungen zur Anwesenheit des Kaisers bei Wahlen.
4. Bedeutung des Wormser Konkordats für das Königtum: Hier werden die Auswirkungen des Konkordats auf die Stellung der Krone, die Entsakralisierung des Königtums und die machtpolitischen Verschiebungen innerhalb des Reiches bewertet.
5. Schlussbemerkung: Die Arbeit resümiert, dass das Konkordat zwar eine geistliche Neuorientierung markierte, aber dem Königtum durch das fortbestehende Lehnswesen am Kirchengut Stabilität bewahrte.
Schlüsselwörter
Wormser Konkordat, Investiturstreit, Heinrich V., Papst Calixt II., Heinricianum, Calixtinum, Investitur, Regalien, Reichskirche, Königtum, Gottesgnadentum, Kirchenhoheit, Sacerdotium, Regnum, Fürstenmacht
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Wormser Konkordat von 1122 als Abschluss des Investiturstreits und bewertet dessen Auswirkungen auf das römisch-deutsche Königtum.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die diplomatischen Verhandlungen zwischen Kaiser und Papst, die detaillierte Analyse der Urkundentexte, die Veränderung der königlichen Autorität sowie die Rolle der Reichsfürsten.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist zu klären, inwiefern sich das Verständnis vom Königtum durch das Wormser Konkordat veränderte und welche Folgen dies für die Stellung der Krone im Reich hatte.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer fundierten Analyse historischer Fachliteratur sowie einer vergleichenden Interpretation der primären Vertragstexte des Wormser Konkordats.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung des historischen Lösungsweges des Streits, eine textkritische Untersuchung der Kaiser- und Papstprivilegien sowie eine Abwägung der kirchenpolitischen und machtstrukturellen Folgen für das Königtum.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die vorliegende Publikation?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Investiturstreit, Heinricianum, Calixtinum, Regalien, Reichskirche, Machtverteilung und das Spannungsfeld zwischen geistlicher und weltlicher Macht.
Warum spricht der Autor von einer möglichen "Entsakralisierung" des Königtums?
Durch den Verzicht auf die Investitur mit Ring und Stab verlor der König nach Ansicht des Autors einen Teil seiner bisher als gottgegeben verstandenen Rolle als oberster Kirchenherr, was symbolisch den sakralen Status schwächte.
Welche Rolle spielten die Reichsfürsten bei der Entstehung des Konkordats?
Die Fürsten fungierten als entscheidende Vermittler und Druckausüber auf den Kaiser; ihre gestiegene Bedeutung wird durch die umfangreiche Zeugenschaft auf der Kaiserurkunde belegt.
Wie bewertet der Autor die Situation für das Königtum nach 1122?
Der Autor kommt zu dem Schluss, dass das Konkordat zwar einen Einschnitt bedeutete, aber durch die Kontrolle über das Kirchengut mittels Belehnung dem Königtum weiterhin Stabilität und Handlungsspielraum sicherte.
- Citar trabajo
- Mary-Ann Bitsche (Autor), 2017, Das Wormser Konkordat im Hinblick auf seine Bedeutung für das römisch-deutsche Königtum, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/445371