Wenn vom Islam hier in Europa die Rede ist, dann wird meist nur in journalistischen Schlagzeilen gedacht und somit nur in Verbindung mit Terrorismus, Gewalt, Rückständigkeit, Scharia und Unterdrückung der Frau. Alles Themenkomplexe die mit der westlichen Demokratie nicht vereinbar scheinen.
So heißt es auch immer, die (muslimischen) Flüchtlinge müssen sich an „unsere“ Werte anpassen, wenn sie hier leben wollen. Der Islam, näherhin der Koran und die Scharia, seien mit der westlichen Denkweise nicht kompatibel und sohin müsste der Islam verändert, reformiert werden, ja damit er zum Europa des 21. Jahrhunderts passt.
Dies wird mittlerweile nicht nur von Europäern gefordert, sondern ist auch zum Thema hier lebender Muslime geworden. Und nicht von ungefähr sind 2017 mehrere Bücher im deutschen Raum erschienen, die anknüpfend an den Reformator Martin Luther, der mit den legendären Thesenanschlag 1517 die evangelische Kirche, eine neue Lesart der christlichen Religion, begründet hat, eine Reform des Islam fordern, offenbar in der Hoffnung ähnliches für den Islam zu bewirken und Ourghi bzw. Abdel-Samad und Khorchide legen sogar ebenso Thesen vor, letztere sogar 95 an der Zahl.
In Zentrum dieser Arbeit soll nun das Buch von Ourghi, Reform des Islam. 40 Thesen, stehen. Da Ourhgi in Algerien geboren, und aufgewachsen ist und auch dort studiert hat, wird zunächst einmal ein Blick auf den Islam in Algerien geworfen werden. Natürlich wird auch die islamische Landschaft in Deutschland skizziert, bevor das Buch schwerpunktmäßig inhaltlich vorgestellt wird und abschließend einige Überlegungen zu seinen Thesen dargelegt werden.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Geschichte Algeriens im Überblick
2. Der Islam in Deutschland
3. Lebenslauf von Abdel-Hakim Ourghi
4. Reform des Islam. 40 Thesen
4. 1. Einleitende Vorbemerkungen
4. 2. Reform des Islams
4. 2. 1. Nur ein europäischer Islam
4. 2. 2. Nur ein humanistisch-ethischer Koran
4. 2. 3. Nur ein liebender, barmherziger Gott
4. 2. 4. Nur ein gewöhnlicher, fehlbarer Mensch – der Prophet
4. 2. 5. Nur Befreiung der Frau
4. 3. Epilog
5. Überlegungen zu Ourghis Buch - Reform des Islam
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit setzt sich kritisch mit Abdel-Hakim Ourghis Buch „Reform des Islam. 40 Thesen“ auseinander. Ziel ist es, die vorgeschlagenen Reformansätze – insbesondere die Forderung nach einem humanistisch-ethischen Koranverständnis und die Kontextualisierung traditioneller islamischer Lehren – in den gesellschaftlichen Kontext der muslimischen Lebensrealität in Deutschland und Algerien einzuordnen und auf ihre praktische Umsetzbarkeit hin zu hinterfragen.
- Historische Einbettung des Islams in Algerien und dessen Entwicklung.
- Strukturelle Analyse der islamischen Landschaft in Deutschland und der Rolle von Dachverbänden.
- Detaillierte Untersuchung von Ourghis Thesen zu Koranexegese, Gottesbild und Frauenrechten.
- Kritische Diskussion der Idee eines „europäischen Islams“ im Vergleich zu konservativen Strömungen.
- Herausarbeitung der theologischen und praktischen Hürden einer islamischen Reformbewegung.
Auszug aus dem Buch
4. 2. 1. Nur ein europäischer Islam
Mit folgenden Worten fordert Ourghi die Gläubigen zur Reform auf: „Liebe Musliminnen und Muslime, nur der moderne-humanistische Islam ist mit den menschlichen Werten im Westen vereinbar.“ Um den Islam aber reformieren zu können, muss Kritik erlaubt sein, was nicht heißt, dass der Islam als solcher abgelehnt wird, sondern dass man nur kritisch darüber nachdenken darf, ja muss. Dafür braucht es mutige Männer und Frauen, die wie die Engel in Sure 2:30-34, die nichts von Gottes Plan, einen Vertreter auf Erden zu erschaffen, hielten und nicht schwiegen, sondern mutig gegen Gott aufgetreten sind.
Die Reform des 18./19. Jahrhunderts, die die Rückkehr zum wahren Islam des 7. Jahrhunderts im Zentrum beinhaltete, brachte keinen Erfolg. Die Reform des 20. Jahrhunderts, die durch das Erwachen des Islam und die Ablehnung der westlichen Kultur gekennzeichnet war, führte zu neofundamentalistischen Bewegungen und zum internationalen Terror. Hingegen soll die Reform des 21. Jahrhunderts eine Anpassung an die westliche Kultur mit sich bringen, um den Islam zu modernisieren und einen europäischen Islam zu schaffen. Wobei das Vorbild hierfür die Schule der Muʿtazilen (9.-11. Jahrhundert) ist, die schon festgehalten hatte, dass die Vernunft Vorrang vor dem Glauben haben müsse.
Gegen eine solche mögliche Entwicklung stellen sich sowohl moderate, als auch extremistische Muslime mit ihrer einseitigen Vorstellung, dass der „wahre Islam“ allein in den Deutungen des Propheten, festgehalten in der Sunna, sowie in den Deutungen seiner Gefährten und der zwei auf diese folgenden Generationen – die angebliche goldene Frühzeit des Islam,“ liegt. Salafistische und konservative Kreise gehen eben davon aus, dass der Islam die einzig „wahre“ Religion ist und streben daher eine Islamisierung bzw. eine Reislamisierung der westlichen Muslime an. Dabei berufen sie sich auf Sure 3:19 „Wahrlich, die Religion bei Allah ist der Islam.“ Sie übersehen aber laut Ourghi Sure 22:17
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die aktuelle Debatte über die Vereinbarkeit des Islams mit westlichen Werten und führt in das Buch von Abdel-Hakim Ourghi ein, dessen Thesen den inhaltlichen Kern dieser Arbeit bilden.
1. Geschichte Algeriens im Überblick: Dieses Kapitel skizziert die historische Entwicklung Algeriens von der Islamisierung bis zur Unabhängigkeit und analysiert den Einfluss sufischer und später salafistischer Strömungen.
2. Der Islam in Deutschland: Hier wird die komplexe Landschaft islamischer Organisationen in Deutschland sowie die Herausforderung der Integration und des Fehlens einer anerkannten Religionsgemeinschaft erörtert.
3. Lebenslauf von Abdel-Hakim Ourghi: Ein kurzer biografischer Abriss über den Autor, der seinen akademischen Hintergrund und seine Forschungsschwerpunkte in der Islamwissenschaft darstellt.
4. Reform des Islam. 40 Thesen: Dieses zentrale Kapitel analysiert Ourghis Reformvorschläge, darunter die Notwendigkeit eines humanistischen Korans, ein zeitgemäßes Gottesbild sowie die kritische Auseinandersetzung mit der Rolle des Propheten und der Frau.
5. Überlegungen zu Ourghis Buch - Reform des Islam: Der Autor dieser Arbeit reflektiert kritisch über Ourghis Ansatz, hinterfragt die Konsistenz seiner Koranexegese und diskutiert die schwierige Umsetzung einer solchen Reform in einer pluralistischen Gesellschaft.
Schlüsselwörter
Islamreform, Abdel-Hakim Ourghi, Koranexegese, Europäischer Islam, Humanismus, Integration, Scharia, Islamische Verbände, DİTİB, Frauenrechte, Säkularisierung, Religionsfreiheit, Radikalisierung, Theologie, Aufklärung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert kritisch das Buch „Reform des Islam. 40 Thesen“ des Islamwissenschaftlers Abdel-Hakim Ourghi und untersucht die vorgeschlagenen theologischen und gesellschaftlichen Reformansätze.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zentrale Themen sind die historische Entwicklung des Islam in Algerien, die aktuelle Situation muslimischer Organisationen in Deutschland, die Exegese des Korans sowie die Debatte über Frauenrechte und Integration.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist die Prüfung der Thesen Ourghis auf ihre theoretische Konsistenz und praktische Anwendbarkeit, um zu verstehen, ob und wie eine Reform des Islams in einer westlich geprägten Gesellschaft gelingen kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert primär auf einer Literaturanalyse sowie einer inhaltlichen Auseinandersetzung mit theologischen Texten und aktuellen gesellschaftspolitischen Diskursen zum Islam.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Vorstellung von Ourghis Thesen (Koranverständnis, Gottesbild, Frauenbild) und eine anschließende kritische Reflexion, die die Argumente des Autors in den Kontext der Realität muslimischer Verbände in Deutschland stellt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Islamreform, Koranexegese, Humanismus, Integration, Frauenrechte und das Verhältnis zwischen Religion und Moderne sind die prägenden Begriffe.
Wie bewertet der Autor der Arbeit die Reformvorschläge von Ourghi?
Der Autor der Arbeit äußert sich skeptisch hinsichtlich der Breitenwirkung und der theologischen Konsistenz von Ourghis Ansatz, da dieser seiner Meinung nach selektiv mit dem Korantext umgeht.
Wie wird das Verhältnis von Muslimen in Deutschland zu den Dachverbänden beschrieben?
Die Arbeit weist darauf hin, dass die großen Dachverbände, wie etwa die DİTİB, oft konservativ geprägt sind und eine Reform, die das politische Handeln von Heimatstaaten wie der Türkei infrage stellen würde, eher ablehnen.
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- Mag. theol. Ottilie Kumpitsch (Autor), 2018, Abdel-Hakim Ourghi. Reform des Islam. 40 Thesen, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/446019