Die meisten Menschen haben Lieblingsmärchen, besonders aus der Grimm’schen Sammlung, die sie in ihrer Kindheit gelesen oder gehört haben. Doch der Zauber, der von diesen Erzählungen ausgeht, verliert mit zunehmendem Alter seinen Reiz. Möglicherweise erinnern wir uns noch schemenhaft an die Handlung von Schneewittchen oder Aschenputtel, deren Darstellungen nicht nur in Märchenbüchern erscheinen, sondern uns im Alltag durch zahlreiche Konsumgüter begleiten.
Die Geschichten, die uns als Kinder so faszinierten, erfahren im Jugend- und Erwachsenenalter einen Wandel hin zu wirklichkeitsfremden Träumereien oder geradezu zu Lügen. Dadurch erzählen immer weniger Eltern ihren Kindern Märchen, sie haben Angst, falsche moralische und gesellschaftliche Vorstellungen zu vermitteln.
Im Zusammenhang mit erzieherischen Konzepten weisen wissenschaftliche Untersuchungen nach, dass viele Heranwachsende in einer seelisch und physisch gesundheitsschädigenden Umgebung groß werden. Das Fehlen von Geborgenheit und innigen Beziehungen kann der Auslöser für tiefe psychische Konflikte, wie der Unfähigkeit Vertrauen aufzubauen oder sich selbstständig zu beschäftigen, sein.
Eben weil dem Kind sein Leben häufig irritierend vorkommt, muss man ihm Wege eröffnen, um Selbsterfahrungen zu gewinnen und seine Emotionen zu begreifen. Das Kind benötigt Impulse, die ihm helfen, in seinem Gefühlsleben und Alltag Strukturen aufzubauen, und es bedarf einer moralischen Wertevermittlung, um unbewusst Konsequenzen von unmoralischen Tätigkeiten zu lernen. All diese Möglichkeiten eröffnen sich im Märchen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Das europäische Volksmärchen
2.1 Terminologische und etymologische Begriffsbestimmung
2.2 Geschichtliche Erkenntnisse der europäischen Märchen
2.3 Literarische Gattungsmerkmale des Volksmärchens
2.4 Die ursprüngliche Funktion des Märchens
3. Brauchen Kinder heute noch Märchen?
Zur Relevanz und Aktualität von Märchen im 21. Jahrhundert
3.1 Das Märchenalter
3.2 Das zauberhafte Denken des Kindes
3.3 Märchen als Unterstützung in den kindlichen Entwicklungsphasen
3.4 Märchen als Mittel interkulturellen Lernens
3.5 Mediale Adaptionen von Volksmärchen
4. Der Einsatz von Märchen in der psychotherapeutischen Behandlung von Kindern
4.1 Das Konzept einer Maltherapie nach Carl Gustav Jung
4.1.1 Das kollektive Unbewusste
4.1.2 Malen zu einem archetypischen Motiv
4.2 Die tiefenpsychologische Methode Malen nach Märchen
4.3 Maltherapeutische Märchenarbeit in der Gruppe
4.4 Die maltherapeutische Wirkung der Märchenarbeit
5. Psychoanalytische Ansätze im gymnasialen Kunstunterricht einer fünften Klasse - auf der Grundlage der Methode Malen nach Märchen
5.1 Legitimation der maltherapeutisch orientierten Märchenarbeit im Kunstunterricht
5.2 Individuelle und soziale Voraussetzungen der Lerngruppe
5.3 Exemplarische Gestaltungsaufgaben aus der therapieorientierten Märchenreihe im Kunstunterricht
5.3.1 Illustrationen kolorieren – Die Wirkung von Farben und Kontrasten in Märchenbildern
5.3.2 Ein unbekanntes Märchen weiterführen
5.3.2.1 Aktive Imagination und Fünf-Minuten-Schreiben
5.3.2.2 „Furchtbare“ Märchencollagen – Ein Volksmärchen gestalterisch weiterführen und umformen
5.3.3 Märchenrequisiten – Mit verschiedenen Maltechniken und –materialien experimentieren
5.3.4 Mein Lieblingsmärchen – Eine Märchenszene malen
5.3.5 Märchenfiguren als Projektionsträger - Ein Gruppenbild für das Märchenbuchcover
5.4 Reflexion und Auswertung der Märcheneinheit
6. Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Masterarbeit untersucht, inwieweit gestalterische Ansätze einer Maltherapie mit Märchen in den multikulturellen Kunstunterricht einer fünften Klasse integriert werden können, um Möglichkeiten für eine intuitive Selbstgestaltung zu schaffen und die Persönlichkeitsentwicklung der Schüler zu fördern.
- Bedeutung und Funktionen des europäischen Volksmärchens
- Relevanz von Märchen für die kindliche Entwicklung im 21. Jahrhundert
- Psychotherapeutische Märchenarbeit nach Carl Gustav Jung
- Praktische Umsetzung einer maltherapeutisch orientierten Märchenreihe im Unterricht
- Reflexion über mediale Einflüsse und interkulturelle Aspekte bei der Märchenarbeit
Auszug aus dem Buch
3.2 Das zauberhafte Denken des Kindes
Bruno Bettelheim zeigt in Kinder brauchen Märchen eine Verbindung zwischen der Märchenwelt und dem kindlichen Denken und Erleben auf. Er bezieht die Struktur des Märchens auf das Denken des Kindes und Themen auf die kindlichen Entwicklungsaufgaben sowie auftretende Entwicklungskrisen.
Jedes Kind besitzt am Anfang seiner Entwicklung nur wenige aktive Erfahrungen. Die unvollständigen Kenntnisse ergänzt es mit Hilfe seiner Fantasie. Kinder haben ein großes Verlangen danach, mit ihrer eigenen Einbildungskraft in Fantasiewelten „abzutauchen“ und ihre gewohnte Umgebung mit Geschöpfen aus ihrer Vorstellung zu beleben.
Etwa mit dem Erreichen des sechsten Lebensjahres bilden sich rationale Denkschemata aus. Zuvor befindet sich das Kind in einer Art mystischen Welt, die durch ein imaginatives und instinktgesteuertes Bildbewusstsein bestimmt ist. Entwicklungspsychologen beschreiben dieses kindliche Denken auch als zauberhaftes oder magisches Denken, das durch eine wechselhafte Verbindung zum rationalistischen Weltverständnis gekennzeichnet ist und sich in verschiedenen Bedürfnissen und Handlungen der Heranwachsenden, externe Welteinflüsse zu steuern sowie Vorkommnisse zu ihrer Zufriedenstellung zu verändern, ausdrückt. Das Märchen ermöglicht dem Kind, aufgrund der Eindimensionalität, dem abstrakten Stil sowie plötzlich eintretender Verwandlungen, die Entfaltung seiner Vorstellungen. Ein solch magisches Potenzial kann dem Kind bei der Überwindung von Ängsten helfen, ihm aber auch schaden, wenn das märchenhafte Denken zu stark wird und sich zu einer Zwangsstörung entwickelt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die abnehmende Bedeutung klassischer Märchen in der Erziehung und führt die Fragestellung ein, ob therapeutisch orientierte Märchenarbeit im Kunstunterricht die persönliche Entfaltung von Schülern unterstützen kann.
2. Das europäische Volksmärchen: Dieses Kapitel liefert literaturwissenschaftliche Grundlagen, inklusive Etymologie, historischer Entwicklung und der fünf zentralen Gattungsmerkmale nach Max Lüthi.
3. Brauchen Kinder heute noch Märchen?: Es wird untersucht, welche psychologische Relevanz Märchen für Kinder haben, wie sie bei Entwicklungskrisen unterstützen und wie sie zur Förderung der Medienkompetenz beitragen können.
4. Der Einsatz von Märchen in der psychotherapeutischen Behandlung von Kindern: Das Kapitel erläutert Konzepte nach C.G. Jung, wie das kollektive Unbewusste und Archetypen, und beschreibt die Methode des Malens nach Märchen zur Selbsterkenntnis.
5. Psychoanalytische Ansätze im gymnasialen Kunstunterricht einer fünften Klasse - auf der Grundlage der Methode Malen nach Märchen: Der Hauptteil beschreibt die praktische Implementierung der Märchenarbeit in einer Schulklasse, inklusive konkreter Gestaltungsaufgaben, deren Reflexion und Analyse.
6. Fazit und Ausblick: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und diskutiert die Möglichkeiten sowie Grenzen der Übertragbarkeit therapeutischer Ansätze auf den schulischen Kunstunterricht.
Schlüsselwörter
Märchen, Kunstunterricht, Maltherapie, Carl Gustav Jung, Volksmärchen, Persönlichkeitsentwicklung, Kinder, Analytische Psychologie, Imagination, Gestaltung, Archetypen, Kindliche Entwicklung, Multikulturalität, Kreativität, Symbolik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Masterarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, ob und wie gestalterische Ansätze einer Maltherapie, basierend auf Volksmärchen, sinnvoll in den multikulturellen Kunstunterricht einer fünften Klasse integriert werden können.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zu den Schwerpunkten zählen die literaturwissenschaftliche Analyse von Märchen, deren psychologische Bedeutung für Kinder, die Konzepte der Jung'schen Psychotherapie und die praktische kunstpädagogische Umsetzung in einer Schulklasse.
Welches ist das primäre Ziel der Forschungsfrage?
Das Ziel ist es zu prüfen, ob sich unter bestehenden institutionellen Rahmenbedingungen Möglichkeiten schaffen lassen, mittels Märchen eine intuitive Selbstgestaltung bei Schülern im multikulturellen Kunstunterricht anzuregen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit verbindet theoretische Analysen zur Literaturwissenschaft und Tiefenpsychologie mit einer empirischen, praktisch-gestalterischen Untersuchung im schulpädagogischen Kontext einer fünften Klasse.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil dokumentiert eine Unterrichtsreihe, in der Schüler durch verschiedene Aufgaben – wie das Kolorieren von Illustrationen, das kreative Weiterführen von Märchen und das Anfertigen von Collagen – künstlerisch zu Märchen arbeiten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie Märchen, Kunstunterricht, Maltherapie, Persönlichkeitsentwicklung, Archetypen, kreative Gestaltung und interkulturelles Lernen.
Welchen Stellenwert nimmt die "Aktive Imagination" in der Unterrichtsreihe ein?
Die Aktive Imagination dient als methodisches Instrument, um den Schülern zu helfen, auf ihr Inneres zu hören und unbewusste Vorstellungen zu aktivieren, bevor diese in einen kreativen Schreibprozess und die anschließende künstlerische Gestaltung fließen.
Wie gehen die Schüler mit den "furchteinflößenden" Inhalten der Märchen um?
Die Schüler nutzen die künstlerische Gestaltung, um Distanz zu gewinnen. Sie thematisieren Ängste, etwa vor Dunkelheit oder Ungeheuern, in ihren Arbeiten, wobei die Lehrperson hilft, diese Inhalte durch Malen oder Schreiben zu formulieren und zu verarbeiten.
Warum spielt die mediale Adaption von Märchen eine wichtige Rolle?
Die Arbeit zeigt auf, dass viele Schüler Märchen heute eher durch mediale Formen (wie Disney-Filme) als durch klassische Literatur kennen. Dies beeinflusst ihre Bildvorstellungen, was im Unterrichtsverlauf reflektiert und in die gestalterische Arbeit einbezogen wurde.
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- Tabea Selina Sobbe (Author), 2017, Zum Thema "Malen nach Märchen". Möglichkeiten einer intuitiven Selbstgestaltung im Kunstunterricht, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/446594