(Mehr) Männer für den Pflegeberuf begeistern

Geschlechterstereotypen und Rollenbilder in der Pflege


Fachbuch, 2018
92 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abstract / Zusammenfassung

Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Ausgangslage und Fragestellung

3 Theoretischer Hintergrund
3.1 Gender Mainstreaming
3.2 Sozialisation von Jungen und Männern
3.3 Theorien zur Berufswahl
3.4 Geschlecht als Kategorie
3.5 Modellprojekte: Männer in KITAS

4 Methodisches Vorgehen

5 Ergebnisse
5.1 Zahlen, Daten, Fakten von Männern in der Pflege
5.2 Vorteile von Männern in der Pflege
5.3 Probleme & Vorurteile von pflegenden Männern
5.4 Wege von Männern in die Pflege
5.5 Maßnahmen für mehr pflegende Männer

6 Diskussion & Ausblick
6.1 Pflegeberufegesetz
6.2 Parallelen zum Erzieherberuf & persönliche Anmerkung / Einschätzung

7 Fazit

Literaturverzeichnis

Abstract / Zusammenfassung

Das Ziel dieser Masterarbeit ist es, im Rahmen einer Literaturarbeit, die wichtigsten Erkenntnisse rund um „Männer in der Pflege“ zu sammeln, um mögliche Maßnahmen für eine Erhöhung des Männeranteils in der Pflege abzuleiten.

Anhand von Theorien über die Sozialisation von Jungen und Männern, der Entstehung und Aufrechterhaltung von Geschlechterstereotypen sowie den gängigen Theorien zur Berufswahl lässt sich erkennen, dass es für Jungen und Männer nicht einfach ist, in einem geschlechtsuntypischen Beruf zu arbeiten oder sich für einen zu entscheiden. Die derzeitigen Zahlen zeigen, dass der Pflegeberuf nach wie vor von Frauen dominiert ist und sich nur ein leichter Anstieg an pflegenden Männern (und dies vor allem in bestimmten Fachbereichen und in Führungspositionen) beobachten lässt. Ähnlich wie im Erzieherberuf (der als Vorbild dienen kann) sind Männer in der Pflege mit vielen Vorurteilen und Problemen konfrontiert, bringen aber auch viele Vorteile für alle Beteiligten mit sich. Aus diesem Grund gibt es bereits eine Vielzahl an Ideen und Projekten, die einen Anstieg bewirken sollen und durch zukünftige Maßnahmen (z.B. Pflegeberufegesetz) noch ergänzt werden.

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Anzahl der männlichen Pflegekräfte in Prozent von 2007 – 2015, unterteilt nach Altenpflege und Krankenpflege sowie Ambulant und Stationär.

Abbildung 2: Männeranteile in den Pflegeberufen 2012-2016 (in Prozent)

Abbildung 3: Auszubildende in der Altenpflege 2013 aufgeschlüsselt nach Geschlecht und Arbeitsbereich.

Abbildung 4: Auszubildende in der Altenpflege 2015 aufgeschlüsselt nach Geschlecht und Arbeitsbereich.

Abbildung 5: Anteil an männlichen Auszubildenden (in Prozent) im Laufe der Jahre.

1 Einleitung

Der Pflegenotstand ist im Jahr 2018 wieder ein wichtiges Thema. Die Vizepräsidenten des Deutschen Pflegerats, Christine Vogler (Vogler, 2018), äußert sich zu der Frage nach der Ernsthaftigkeit der Situation in einem Interview wie folgt:

Sehr ernst. Das gesamte Pflegesystem ist komplett marodiert. Wir haben nicht genügend Auszubildende, in den Pflegeschulen fehlen Lehrer, in der Praxis kann aufgrund des Personalmangels kaum mehr ausgebildet werden. Die Pflegenden sind an der Schmerzgrenze der Belastung, wir haben in allen Kliniken und Pflegeeinrichtungen offene Stellen, und man muss leider festhalten: Wir haben derzeit eine qualitativ gute Patienten- und Bewohnerversorgung mehr. (S.30).

Im Rahmen einer Fachkräfteanalyse, die in regelmäßigen Abständen von der Bundesagentur für Arbeit erhoben wird, bestätigt sich ein “bundesweiter Mangel an examinierten Fachkräften und Spezialisten sowohl in der Altenpflege als auch in der Gesundheits- und Krankenpflege“ (Isfort et al., 2018, S.16). Im Jahr 2017 existierte „kein Bundesland, in dem kein Anzeichen für einen Fachkräfteengpass oder -Mangel aufzufinden war“ (ebd. S. 16). Im November 2017 gab es deutschlandweit allein in der Altenpflege 15.404 offene Stellen, die von den 2.980 arbeitslos gemeldeten Altenpfleger/innen eindeutig nicht aufgefangen werden können. (ebd.)

Aufgrund dieses Personalmangels hört man seit einigen Jahren unter anderem den Ruf nach ‚mehr Männern‘ in der Pflege. In einem Artikel der Süddeutschen Zeitung fordert zum Beispiel Felix Hütten (2017): „Es braucht mehr Geld, mehr Anerkennung und vor allem: mehr Männer“ (S.1) und Andreas Ruffing (2013) vergleicht die Notwendigkeit von männlichen Pflegekräften mit der bereits länger geführten Diskussion um männliche Mitarbeiter im pädagogischen Bereich.

Auch in der Politik hat das Thema längst Einzug erhalten. So wurde bereits im Koalitionsvertrag der Bundesregierung (2009) „Wachstum. Bildung. Zusammenhalt“ (2009) unter dem Aspekt der Gleichstellung folgendes erwähnt: „Wir wollen eine eigenständige Jungen- und Männerpolitik entwickeln und bereits bestehende Projekte für junge Männer fortführen und intensivieren. Damit eröffnen wir ihnen auch in erzieherischen und pflegerischen Berufen erweiterte Perspektiven“ (S.75).

Vier Jahre später, im Koalitionsvertrag „Deutschlands Zukunft gestalten“ der Bundesregierung (2013) steht dann der Aufbruch von Rollenstereotypen und der explizite Einbezug von Jungen und Männern in die Gleichstellungspolitik im Fokus: „Mädchen und Jungen sehen sich heute mit unterschiedlichen, oft widersprüchlichen Rollenbildern konfrontiert. […] Die geschlechtsspezifische Arbeit mit Mädchen und Jungen soll weiterentwickelt und Rollenstereotypen entgegengewirkt werden.“ (S.100f).

Im aktuellen Koalitionsvertrag der Bundesregierung (2018) nimmt die Verbesserung der Pflege einen großen Teil ein. Neben besserer Bezahlung sollen in Form von einem Sofortprogramm 8000 neue Stellen geschaffen und besetzt und die Pflegeausbildung finanziell umstrukturiert werden. Ergänzt wird dies durch das anstehende Pflegeberufereformgesetz, das ab dem 1. Januar 2020 das Altenpflegegesetz und das Krankenpflegegesetz ablöst.

Im Rahmen der Diskussion um dieses neue Gesetz wurde im Deutschen Bildungsrat für Pflegeberufe (2016) auf die Notwendigkeit hingewiesen, „Gleichstellungspolitik im Sinne eines gelebten Gender Mainstreaming, auf die Arbeitsbedingungen und Arbeitsverhältnisse in der beruflichen Pflege in Deutschland anzuwenden“ (S.1). Eine allgemeine Aufwertung des Berufes, die durch Zusammenlegung der einzelnen Berufe unter einem gemeinsamen Grundberuf und entsprechender Spezialisierungs- und Studiermöglichkeiten erfolgt, soll auch das Interesse der Männer für den Beruf als Pflegefachmann wecken (ebd.).

All diese Beispiele betonen die Notwendigkeit einer Reformierung des Pflegeberufes, aber auch die notwendige Steigerung des Männeranteils in diesen Berufen, da der Mehrbedarf nicht allein von Frauen abgedeckt werden kann.

Die ursprünglich geplante Fragestellung sollte sich damit beschäftigen, ob (mehr) Männer in der Pflege ein gesellschaftliches Ziel werden bzw. bleiben soll. Aufgrund der bereits genannten Forderungen unterschiedlicher Autoren und der geplanten Maßnahmen bzw. Strategien der Politik lässt sich jedoch diese Frage sehr schnell mit einem klaren ‚ja‘ beantworten. Bartjes & Hammer (2005b) bezeichneten eine Erhöhung des Männeranteils in der Pflege daher auch gar nicht mehr als Frage, sondern als „eine Aufforderung, eine Zielsetzung – ein Hilfeschrei“ (S.6).

Aus diesem Grund verändert sich der Fokus dieser Arbeit von einem ‚ob‘ zu einem ‚warum‘ und ‚wie‘.

Zu Beginn der Arbeit werden die bestehenden Erkenntnisse knapp zusammengefasst um die konkrete Fragestellung erläutern zu können (Kapitel 2). Anschließend werden die theoretischen Hintergründe, die für das Thema relevant sind (Sozialisation von Jungen inkl. Geschlechterstereotypen, Theorien zur Berufswahl, Geschlechter-Segregation auf dem Arbeitsmarkt) sowie das Thema „Männer in Kitas“ als positives Beispiel, in Kapitel 3 erläutert. Nach der Vorstellung des methodischen Vorgehens (Kapitel 4) werden dann die Ergebnisse in Kapitel 5, die in Bezug zu der Fragestellung stehen, in einzelnen Unterpunkten erläutert. Beginnend mit allgemeinen Zahlen rund um pflegende Männer (Kapitel 5.1), den Vorteilen von Männern in der Pflege (Kapitel 5.2) und den Problemen und Vorurteilen (Kapitel 5.3) sowie den Wegen von Männern in die Pflege (Kapitel 5.4) werden abschließend entsprechende Maßnahmen, Projekte und Strategien in Kapitel 5.5, nach weiteren Unterpunkten geordnet, dargestellt. Die abschließende Diskussion der Ergebnisse und ein Ausblick in die Zukunft (Kapitel 6) sowie ein Fazit (Kapitel 7) runden die Arbeit ab.

2 Ausgangslage und Fragestellung

Der Forschungsstand zu Gendergerechtigkeit in der Pflege wird im deutsch­sprachigen Raum als „überwiegend deskriptiv und theoretisch oberflächlich“ (G. M. Backes, Amrhein, & Wolfinger, 2009, S.12) und der pflegende Mann als “ein weitgehend unerforschtes und unbekanntes Wesen (Hammer, 2014, S.22) beschrieben.

Die Forderung von (mehr) Männern in Berufen der Pflege und Erziehung ist jedoch nicht neu und wird im Rahmen des Pflegenotstandes seit mehreren Jahren von unterschiedlichen Blickwinkeln und Richtungen aus diskutiert (Krabel & Stuve, 2006). Die Gründe sind hierbei vielfältig: Zum einen wird sich der zukünftige Personalbedarf „ohne eine deutliche Erhöhung des Männeranteils nicht abdecken lassen“ (Bartjes & Hammer, 2005b, S.24) zum anderen sind speziell die Pflegeheime bislang zu wenig auf die Bedürfnisse von (alten) Männern ausgerichtet (Schützendorf, 2005). Dazu kommt, dass im männlichen Rollenverständnis ‚weibliche‘ Anteile wie Pflege und Sorgearbeit oftmals von vornherein ausgeschlossen werden. Eine Arbeit in einem sozialen Beruf könnte daher die männliche Identität erweitern und den Jungen und jungen Männern Zugang zu neuen Berufsfeldern und Tätigkeitsbereichen ermöglichen (Bartjes & Hammer, 2005b).

Schaut man sich die Gesetzeslage an, findet man einen weiteren wichtigen Aspekt der für eine Erhöhung des Männeranteils spricht: In Pflegeversicherungsgesetzes steht unter §2 „Selbstbestimmung“: „Wünsche der Pflegebedürftigen nach gleichgeschlechtlicher Pflege haben nach Möglichkeit Berücksichtigung zu finden“ (SGB XI, 1994, §2). Dieser Wunsch lässt sich für Frauen problemlos erfüllen, für Männer jedoch, je nach Personalsituation, nur in Ausnahmen.

Bei der derzeitigen Entwicklung ist auch zu berücksichtigen, dass ein Mehr an Frauen in Männerberufen – so wie es derzeit vielerorts gefordert wird – bedeuten muss, dass sich ebenfalls mehr Männer für Frauenberufe entscheiden müssen. Da sich immer mehr junge Frauen für klassische Männerberufe entscheiden, werden sie langfristig aus den Frauendomänen verschwinden. Dann wird es ohne Männer „in der Pflege keinesfalls mehr gehen“ (Hammer, 2014, S.211).

Als problematisch bei den Maßnahmen zur Erhöhung des Männeranteils erweisen sich geschlechterstereotype Rollenbilder und geschlechtsspezifische Erwartungen, sowie eine entsprechend einseitige institutionelle Berufsberatung und die Einstellung der Eltern zu unterschiedlichen Berufen. Aus diesen und weiteren Gründen kommen Jungen und junge Männer „nur selten mit sozialen Berufen und/oder mit Männern, die in sozialen Berufen tätig sind, in Berührung“ (Cremers, 2013, S.4). Es fehlt also an „maskulinen Vorbildern, die den Jungs zeigen, dass auch soziale Arbeitsfelder für sie erstrebenswert sein können“ (Swoboda, 2017, S.1).

Im Gegensatz zu Projekten und Kampagnen für eine Erhöhung des Männeranteils in Kitas (s. Kapitel 3.5) finden sich im pflegerischen Bereich bislang nur wenige Ansätze die sich speziell auf die Akquise von Männern in pflegerischen Berufen konzentrieren.

Diese Arbeit soll daher einen umfassenden Überblick über die Hintergründe, Vorteile und Probleme von Männern im Pflegebereich liefern und diese mit theoretischen Ansätzen ergänzen. Im weiteren Schritt sollen Maßnahmen und Ansätze vorgestellt und vorgeschlagen werden, die sich für die Erhöhung des Männeranteils positiv auswirken können.

Konkrete Fragen auf die diese Arbeit eine Antwort geben möchte, wären daher folgende:

- Welche Kriterien spielen bei der Berufswahl eine Rolle und welche Relevanz hat hierbei das Geschlecht? (Kapitel 3.3)
- Welche Rolle spielt die Sozialisation von Jungen und Männern? (Kapitel 3.2)
- Wie sieht die derzeitige Datenlage bezüglich pflegender Männer aus? (Kapitel 5.1)
- Gibt es Unterschiede in den verschiedenen Fachbereichen und den Stufen der Karriereleiter? (Kapitel 5.1.2, 5.1.5)
- Wer profitiert von einem erhöhten Männeranteil in der Pflege, welche Vorteile haben Männer im Pflegebereich? (Kapitel 5.2)
- Welche Probleme, Barrieren oder Vorurteile hindern Männer daran, den Pflegeberuf zu ergreifen? (Kapitel 5.3)
- Welche Motive haben Männer in der Pflege zu arbeiten und wie fanden sie den Weg in die Pflege? (Kapitel 5.4)
- Welche Maßnahmen zur Förderung des Anteils pflegender Männer gibt es bereits? Welche Maßnahmen könnten die derzeitige Situation verbessern? (Kapitel 5.5)

3 Theoretischer Hintergrund

3.1 Gender Mainstreaming

Da sich die Forderung ‚Mehr Männer in der Pflege‘ thematisch in den Bereich ‚Gender Mainstreaming‘ eingliedert, soll in diesem Kapitel kurz auf den Begriff und die Entstehung von Gender Mainstreaming (Gender = das soziale Geschlecht; Mainstream = Hauptströmung) eingegangen werden und ein Verweis auf den derzeitigen Forschungsstand bzw. die derzeitigen Forderungen/Probleme im Bereich Bildung & Pflege gegeben werden.

Das Wort „Gender“ wurde aus dem Englischen übernommen und bedeutet sinngemäß ‚das soziale Geschlecht‘ (im Gegensatz zu „sex“ als das biologische Geschlecht). Mainstream heißt übersetzt Hauptströmung (Athenstaedt & Alfermann, 2011).

Auch wenn der Begriff Gender Mainstreaming nicht mehr ganz neu ist, löst er oft noch Irritationen aus (Jansen, Röming, & Rohde, 2003) und/oder wird mit Frauenförderung verwechselt (Roth, 2004). Einen besonderen Wert legt Gender Mainstreaming jedoch auf die Förderung der Gleichstellung von Männern und Frauen – in dem „geschlechterbezogene Sichtweisen in alle Handlungsfelder und Entscheidungen“ (Jansen et al., 2003, S.7) einbezogen werden.

Gender Mainstreaming als ein gleichstellungspolitisches Konzept entstand durch das Zusammenspiel mehrerer nationaler und internationaler Aktivitäten. Seinen Ursprung hatte es in der dritten Weltfrauenkonferenz in Nairobi 1985, auf der gefordert wurde, mehr auf die Integration von Frauen zu achten und diese in speziellen Frauenprojekten zu fördern (auch bekannt als WID – Women in Development). Dieser Ansatz wurde weiterentwickelt und bezog unter dem neuen Namen GAD (Gender and Development) nun auch die Männer in die Forderungen nach Gleichstellung mit ein (Frey, 2004).

Als Schlüsselereignis zur Verbreitung von Gender Mainstreaming gilt die vierte Weltfrauenkonferenz 1995 in Peking bei der Gender Mainstreaming als „neue Gleichstellungsstrategie propagiert“ (Meuser & Neusüß, 2004, S.9) und die Erstellung eines Konzeptes zur Implementierung gefordert wurde (ebd.).

Im Jahr 1997 wurde Gender Mainstreaming dann letztendlich „im Amsterdamer Vertrag als verbindliche Aufgabe für die Mitgliedstaaten der Europäischen Union festgeschrieben“ (ebd. S.9) und ist seitdem als verpflichtendes Konzept in der Politik anzuwenden.

Gender Mainstreaming in der Praxis heißt, „bei allen gesellschaftlichen Vorhaben die unterschiedlichen Lebenssituationen und Interessen von Frauen und Männern von vornherein und regelmäßig zu berücksichtigen“ (Athenstaedt & Alfermann, 2011,S.9).

Da alle Lebensbereiche mit einbezogen werden sollen, und nur durch eine konsequente Anwendung eine Geschlechtergerechtigkeit denkbar sein kann, ist es somit auch Aufgabe der politischen Bildung, „Wissen über veränderte Einstellungen und neue Erkenntnisse zu vermitteln und zur Diskussion zu stellen und damit […] Lernprozesse zu fördern“ (Jansen et al., 2003, S.7). Gender Mainstreaming betrifft alle Altersgruppen und sollte nicht nur Bestandteil von politischen und übergeordneten Entscheidungsprozessen sein sondern auch in pädagogischen Überlegungen eine Rolle spielen (Hoppe & Nyssen, 2004).

Auf das Thema ‚Mehr Männer in der Pflege‘ bezogen, erwarten Geschlechterforscher und Verantwortliche die sich mit der Umsetzung von Gender Mainstream beschäftigen, durch einen höheren Anteil an Männern in den klassischen Frauenberufen, eine „Aufweichung starrer männlicher (und weiblicher) Identitätsvorstellungen und ein größeres Maß an Geschlechtergerechtigkeit“ (Krabel & Stuve, 2006, S.7).

3.1.1 Gender Mainstreaming in Bildung und Erziehung

Da der Grundstein für eine geschlechtersensible Entwicklung bzw. die Förderung von Geschlechtergerechtigkeit bereits im Kindergarten bzw. der Schule gelegt wird und die spätere Berufswahl davon beeinflusst wird, folgen nun ein paar Ausführungen zu den Gründen und Ursachen bzw. den Tatsachen der derzeitigen Entwicklung.

Trotz der Zunahme der Diskussion um eine egalitäre Aufteilung und Geschlechtergerechtigkeit im Beruf sind die gesellschaftlichen Rollenerwartungen bezüglich Berufs- und Familienarbeit seit Jahren nahezu konstant. Während die Hausarbeit zum größten Teil von Frauen verrichtet wird, findet man in höheren beruflichen Positionen fast nur Männer (Jansen et al., 2003).

Als wesentliche Ursache für geschlechterbezogene Berufswahl – ausgehend auch von der Wahl der Schul- und Studienfächer – gelten die Geschlechterstereotypisierungen durch Lehrer und die Selbstkonzepte der Schüler. Auch wenn sich die Forschungen bislang eher auf die Förderung von Mädchen für Fächer wie Mathematik und Physik stützt und die Distanz der Jungen zu Fächern wie Kunst und Sprache nicht berücksichtigt, ist es eindeutig, dass eine geschlechterorientierte Didaktik nötig wird, „um Geschlechterstereotypisierungen langfristig aufzubrechen“ (Hoppe & Nyssen, 2004, S.239). Denn trotz „jahrelanger Kenntnis der Problemlagen und vielfältiger Bemühungen um Abhilfe“ (ebd. S.233) konnten „weder die Schwächen der Jungen im Bereich der Sprachen noch die der Mädchen im Bereich von Mathematik und Naturwissenschaften“ behoben werden (ebd. S. 233).

Während Kinder zur Grundschulzeit noch individuelle, geschlechtsunabhängige Vorlieben äußern, kommt es im Verlauf der Sekundarstufe 1 zu geschlechtsabhängigen Selbstkonzepten mit entsprechender Fach-, Studien- und Berufswahl. Ob Jungen und Mädchen ihre jeweiligen Interessen und Potenziale weiterverfolgen bzw. weiterentwickeln hängt daher stark damit zusammen, ob und wie stark Geschlechtsrollenzuschreibungen im Schulalltag und Unterricht Einfluss nehmen (Gardlo & Rühmeier, 2015).

Um den Grundstein für Chancengerechtigkeit von Jungen und Mädchen zu legen, bedarf es geschlechtersensible Lehrkräfte die ihre eigene Rolle hinterfragen und geschlechtsstereotype Einflüsse erkennen und ihnen entgegenwirken (ebd.).

Im Sozialgesetzbuch VIII (Kinder- und Jugendhilfe) findet sich unter Artikel 9, Absatz 3 folgende Aufforderung bei der Ausgestaltung der Erziehung: „die unterschiedlichen Lebenslagen von Mädchen und Jungen [sind] zu berücksichtigen, Benachteiligungen abzubauen und die Gleichberechtigung von Mädchen und Jungen zu fördern“ (SGB VIII, 2012, §9).

Was Gender Mainstreaming in der pädagogischen Arbeit in Kitas konkret bedeutet, ist noch nicht festgelegt. Da geschlechtsbezogenes Verhalten „weder rein biologisch bedingt noch durch äußere Zuschreibungen und Erwartungen bestimmt“ (Rohrmann & Lutze, 2010, S.8) ist, sondern unter anderem durch (unbewusste) Verhaltensweisen Erwachsener beeinflusst wird, wird eine Genderkompetenz von pädagogischen Fachkräften gefordert (ebd.).

Neben dem entsprechenden Fachwissen über Rollenstereotypen und Ansätze der Entwicklungspsychologie werden fachliche Standards für die Einrichtungen benötigt. Als Beispiel sei hier die Abschaffung spezieller Puppen- oder Bauecken genannt – diese sollen durch Spielmaterialien ersetzt werden, mit denen Geschlechtsstereotypen bewusst und aktiv entgegengewirkt wird. Da es oft an männlichen Identifikationsfiguren mangelt und eine geschlechtergerechte Erziehung Männer und Frauen benötigt, wird auch eine Zunahme von männlichen Erziehern als wünschenswert angesehen. Denn nur „wenn Kinder beide Geschlechter erleben, können sie sehen, dass individuelle Handlungsmöglichkeiten unabhängig vom Geschlecht sind – und wie ein gutes Miteinander von Frauen und Männern funktionieren kann“ (Rohrmann & Lutze, 2010, S. 32). (Siehe hierzu auch Kapitel 3.5 Männer in Kitas)

3.1.2 Gender Mainstreaming in der Pflege

Unter den Stichworten ‚Gender Mainstream Pflege‘ oder ‚geschlechtersensible/gendergerechte Pflege‘ findet man verschiedene Ansätze, die sich sowohl auf den privaten als auch auf den beruflichen Bereich beziehen. In beiden Bereichen besteht eine deutliche Unterrepräsentation von Männern (Kossatz 2012).

Neben den Themen wie Fachkräftemangel, Rationalisierungsdruck und dem hohen Arbeitsdruck in sozialen Berufen sowie Diskussionen um den demographischen Wandel mit einem Anstieg an pflegebedürftigen Personen rückt nun auch das Prinzip der Geschlechtergerechtigkeit in den Fokus. Denn „die Veränderung in den Geschlechterverhältnissen bringt die bisherigen Pflegestrukturen ins Wanken“ (Kossatz, 2012, S.4). Durch eine Auflösung der klassischen Rollenverteilungen und einer höheren Frauenarbeitsquote kommt es zu einer Reduzierung der „innerehelichen Pflegeleistungen, die größtenteils noch die heutige Realität bilden […] und durch soziale und gesellschaftliche Netzwerke abgefangen werden [müssen]“ (ebd. S.4).

Es werden „Regelungen zur Vereinbarkeit von Pflege und Erwerbstätigkeit für Männer und Frauen“ (Scheele, 2017, S.35) benötigt sowie ein „Paradigmenwechsel in der Pflegepolitik und ihrer Finanzierung“ (ebd., S. 36).

Ein weiterer Ansatzpunkt der gendergerechten Pflege sind die geschlechtsspezifischen, unterschiedlichen Ängste und Bedürfnisse von zu pflegenden Personen. Es fehlt es an Angeboten zur Beschäftigung, die sich speziell nach den Bedürfnissen der Männer richtet. Hierfür wird zunächst eine genderorientierte Pflegeforschung gefordert, die Grundlagen für nötige Umstrukturierungen im Pflegealltag liefern (Scheele2017). Es fehlt an Ideen, wie „Sozialräume geschlechterbewusst und –gerecht gestaltet werden können“ (Scheele, 2017, S.32).

Der Zugang zu einem pflegerischen Beruf gestaltet sich für Männer anders als für Frauen. Durch unterschiedliche Sozialisationsprozesse, insbesondere der Herausbildung einer typischen männlichen Identität, wird die Entscheidung für einen sozialen Beruf mit besonderen Hindernissen und Problemen wahrgenommen. (Wirth, 2008. S.18). (S. nachfolgendes Kapitel ‚Sozialisation von Jungen‘)

3.2 Sozialisation von Jungen und Männern

Die Sozialisation von Jungen und Mädchen unterscheiden sich je nach Familie und besuchte Institution deutlich. Da die mitunter sehr speziell ablaufende Sozialisation von Jungen und im weiteren Verlauf auch die Herausbildung von Stereotypen eine bedeutende Rolle bei der Wahl des späteren Berufs spielen, sollen der derzeitige Forschungsstand mit seinen Theorien hier nun zusammengefasst werden.

3.2.1 (Frühkindliche) Sozialisation bis zum Ende der Schulzeit

Die frühkindliche Sozialisation findet „ bei Jungen in einer frauendominierenden Alltagswelt statt“ (Bartjes & Hammer, 2006,S.136). Zuhause betreut überwiegend die Mutter das Kind, im weiteren Verlauf trifft es auf Erzieherinnen und auch in der Grundschule arbeiten (noch) überwiegend weibliche Lehrkräfte (ebd.). Den Jungen werden nahezu ausschließlich weibliche Verhaltensweisen vorgelebt, was dazu führt, dass sich ihre Geschlechtsidentität in erster Linie durch Abgrenzung zu diesen entwickelt und daher „wackelig und unsicher“ (Bartjes & Hammer, 2006, S.137) ist. Anders gesagt: Männlichkeit wird für Jungen „zu einem leeren Begriff, der alles Nicht-Weibliche meint“ (Hertling, 2008, S.34).

Für ein ganzheitliches Bild mit Stärken und Schwächen braucht es Männer im ganz normalen Alltag der Jungen. Während sich Mütter aufgrund der ständigen Anwesenheit mit all ihren Stärken und Schwächen präsentieren, sind die Schwächen des (abwesenden) Vaters und seine täglichen Probleme (u.a. auch im Beruf) selten sichtbar. Es entsteht ein „einseitiges Vaterbild, das durch die ‚starken‘ Männerbilder, die auch über die Medien wahrgenommen werden, noch verfestigt wird“ (Becker, Böhnisch, & Fritz, 2011, S.16).

Bereits in den ersten Lebensmonaten wird ein kleiner Junge oftmals von den Eltern und deren geschlechtsspezifischen Erziehungsstil mit den traditionellen Männlichkeitsvorstellungen der Gesellschaft (bzw. den der Eltern) konfrontiert. So „ermahnen Väter ihre Söhne fünfmal häufiger für die Beschäftigung mit vermeintlichen ‚Mädchenspielzeug“ wie z.B. Puppen als ihre Töchter, für die Verwendung von männlich konnotierten Spielzeug“ (Hertling, 2008, S.29). Eine ganzheitliche Entwicklung wird somit schon von klein auf erschwert.

In Extremfällen verzichten Jungen sogar auf ihre eigenen Interessen zugunsten der Liebe zu ihrem Vater und richten ihre Begeisterung nach seinen Interessen (z.B. Fußball) aus (ebd.).

Ab dem zweiten Geburtstag sind Mädchen und Jungen bereits in der Lage, das Geschlecht von anderen Menschen anhand von Stimme und Aussehen zu bestimmen. Das Geschlecht als beständiges Persönlichkeitsmerkmal, begreifen sie erst ein Jahr später (Hertling 2008). Spätestens zu diesem Zeitpunkt beginnt die Bildung von Rollenvorstellungen und einem entsprechend stereotypen Verhaltensmuster (Kohlberg, 1974).

Da im Sinne der Lerntheorie das Erlernen von geschlechtstypischen Verhaltensmustern durch Lernen am Modell (real oder medial vermittelt) mit nachfolgender Imitation erfolgt, nimmt das Verhalten der Eltern und Pädagogen eine nicht unerhebliche Rolle ein (Hertling 2008).

Einige Studien mit Kindern die entweder mit beiden Elternteilen oder nur mit der Mutter aufwuchsen, zeigte allerdings, dass nicht das unterschiedliche Verhalten von Mutter und Vater (also die direkte Wahrnehmung der Verhaltensunterschiede) ursächlich zu der Entwicklung von Stereotypen beiträgt, sondern vielmehr die „wahrgenommenen Geschlechtsunterschiede in Körperstruktur und –Fähigkeiten“ (Kohlberg, 1974, S.361), denen die Kinder im Alltag begegnen. So sind z.B. Polizisten, Feuerwehrmänner und Räuber fast immer männlich – ergo sind Männer in der Regel aggressiver, stärker, mutiger oder gefährlicher als Frauen (ebd.)

Jungen und Mädchen zeigen bereits im Kindergarten ein unterschiedliches Spielverhalten: Mädchen bevorzugen überwiegend (Rollen-)Spiele mit wenig Beteiligten, die wenig Platz einnehmen, Empathie fördern und oftmals drinnen stattfinden. Jungen hingegen spielen lieber im Freien und in großen Gruppen mit konkurrenzorientierendem und Raum einnehmendem Charakter. Diese unterschiedlichen Präferenzen setzen sich im weiteren Leben fort und führen in der Regel zu der Wahl von entsprechend geschlechtstypischen Berufen (Hertling 2008).

Neben der Familie stellt die Institution Schule „die bedeutsamste Sozialisationsinstanz für Heranwachsende“ (Hertling 2008, S. 59) dar. Doch Lehrer und Lehrerinnen haben, wie auch die Eltern, ihre eigenen geschlechtsspezifischen Vorstellungen und Erwartungen was die Interessen, Fähigkeiten und Verhaltensweisen von Mädchen und Jungen betrifft. Daher setzt sich der konkurrenzorientierte Stil der Jungen oftmals in der Schulzeit fort. Im Gegensatz zu Mädchen werden von ihnen „kaum soziale Kompetenzen verlangt und gefördert“ (Bartjes & Hammer, 2005b, S.12). Nicht kooperatives oder empathisches Verhalten wird bei Jungen zu häufig toleriert und von Mädchen in einem viel stärkeren Maße gefordert (Hertling 2008).

Im Rahmen von selbsterfüllenden Prophezeiungen können sich die (unterbewussten) geschlechtsspezifischen Leistungszuschreibungen der Lehrkräfte bestätigen und dazu führen, dass die Wahl der Schulfächer, zugunsten von typisch männlichen Schwerpunkten beeinflusst wird (Hertling 2008).

Spätestens mit Beginn der Schulzeit erfährt die eigene Männlichkeit und das Ansehen bzw. der Status innerhalb einer Gruppe für die Jungen zu einem erhöhten Männlichkeitsdruck (ebd.).

Innerhalb der Peergroup ergeben sich – oft auch in Form von Mutproben – schnell Hierarchisierungen (in Anlehnung das das hegemoniale Männlichkeitsbild – S. Kapitel 3.2.3) bei denen die heterosexuellen, autoritären, unabhängigen, sportlichen und (körperlich sowie psychisch) starken Jungen in der Beliebtheitsskala weit oben stehen. Nicht geschlechtskonformes Verhalten hingegen „wird zumeist mit Verachtung, Abwertung und sozialer Ausgrenzung bestraft“ (Cremers, 2007, S.53).

Aus diesem Grund weisen einige Jungen in Bezug auf ihr Verhalten explizit darauf hin, dass sie sich außerhalb der Schule, einzeln oder privat anders verhalten würden als innerhalb ihrer Peergroup oder der Klasse. Denn dort wird von ihnen „erwartet, „cool“, „witzig“ und „faul“ zu sein.“ (Cremers 2007, S.10).

3.2.2 Sozialisation & Berufswahl

Die ‚soziale Unterforderung‘ wie sie in der Schulzeit erwähnt wird, aber auch die Aufgabe als Familienernährer (s. Kapitel 3.2.5 Geschlechtsrollen) spielen im weiteren Leben der Männer eine wichtige Rolle. Während Frauen neben dem fachlichen Interesse auch soziale Gründe bei der Berufs- oder Studienwahl angeben, dient für Männer der Beruf u. a. der Selbstdarstellung und Karrierechancen, Prestige, Macht und Gehalt spielen die größere Rolle (Cremers, 2007; Winkelmann, 2012).

In unserer westlichen Welt führt der ausgeübte Beruf zu einem entsprechenden Status innerhalb der Gesellschaft und nimmt eine zentrale Bedeutung bei der Konstruktion von Männlichkeit ein (Baur & Luedtke, 2008). Wenn man jemanden kennenlernt, fragt man in der Regel erst nach dem Namen, und dann auch schon nach dem Beruf (Schott, 2012). Die erfolgreiche Berufstätigkeit in einem ‚männlichen‘ Berufsfeld ist somit „eine der zentralen Stützen der Identität von Männern“ (Ummel, 2001, S.159). Neben den Männern ist es aber auch für die Eltern und der Partnerin entscheidend, „was Er beruflich macht und ob Er beruflich erfolgreich ist“ (Hertling, 2008, S.10).

Der leistungsbereite, vollzeitarbeitende Mann gilt hierbei als das Idealbild. Abweichungen hiervon, wie zum Beispiel Teilzeitarbeit ,oder gar das Pausieren der Erwerbstätigkeit für die Kindererziehung gelten als leistungsschwach, illoyal oder gar unmännlich (Baur & Luedtke, 2008).

Arbeitet ein Mann in einem geschlechtsuntypischen Beruf kommt es neben der oftmals schlechteren Bezahlung „für harte und gesellschaftlich wenig angesehene Arbeit“ zu einer „Bedrohung der eigenen Männlichkeit“ (Cremers & Diaz, 2012, S.42).

3.2.3 Hegemoniale Männlichkeit

Im Zuge der Männlichkeitsforschung wurde in den 1980er Jahren in den USA das Konzept der hegemonialen Männlichkeit (Hegemonie = soziale Überlegenheit) entwickelt, um bestehende Hierarchisierungen und die Pluralität von Männlichkeiten, sowie die Position der Männer innerhalb einer Gesellschaft besser differenzieren zu können. Unterschieden werden in dem Konzept „zwischen hegemonialen, komplizenhaften, marginalisierten und untergeordneten Männlichkeiten“ (Connell, 1999, S.41).

In westlichen Kulturen entspricht die hegemoniale Männlichkeit „das Bild eines weißen, heterosexuellen, gesunden, (Vollzeit) arbeitenden Mannes, der mit seinem Einkommen eine Familie ernähren kann“ (Buschmeyer, A., 2008, S.124). Das relevanteste Kennzeichen ist hierbei die Heterosexualität „eng verknüpft mit der Institution Ehe“ (Bartjes & Hammer, 2006, S.147).

Andere Männlichkeiten, die geringere Autorität, geringeres Prestige, oder keine so hohe gesellschaftliche Akzeptanz aufweisen, werden als untergeordnete oder marginalisierte Männlichkeitsformen beschrieben (Connel, 1999). Als Beispiele werden hierbei „Hausmänner, Zivildienstleistende oder Krankenpfleger“ (Cremers, 2007, S. 43) genannt, „da ihre Tätigkeit eine symbolische Nähe zum weiblichen aufweisen.“ (ebd.).

Männliche Altenpfleger bilden „gleichsam einen Antityp zur hegemonialen Männlichkeit“ (Bartjes & Hammer, 2006, S.147) indem sie einen geschlechtsuntypischen Beruf ergreifen, mit niedriger gesellschaftlicher Anerkennung und der Gefahr, nicht als ‚richtige‘ Männer angesehen zu werden.

Obwohl jede Gesellschaft über ein bestimmtes hegemoniales Männlichkeitsmuster verfügt, ist dieses „nicht als starre und unveränderliche Doktrin misszuverstehen“ (Connell 1999, S. 93). Die im Konzept beschriebenen unterschiedlichen Männlichkeiten variieren zum einen sozial und kulturell immer ein wenig und unterliegen stetiger Veränderung.

Zudem stellt die hegemoniale Männlichkeit zwar die derzeit anerkannteste und begehrteste Männlichkeitsform dar, „aber weder die quantitativ geläufigste noch die bequemste“ (Cremers 2007, S. 43).

3.2.4 Geschlechterstereotypen

Das Wort Stereotype im Allgemeinen kann man als „verbreitete und allgemeine Annahme über die relevanten Eigenschaften einer Personengruppe“ (Alfermann, 1996,S.9) bezeichnen. Sie werden im Zuge der Sozialisation durch eigene Beobachtungen, über Medien wie TV oder Bücher und über Aussagen anderer Personen erworben.

Durch bestimmte Merkmale und herausragender Eigenschaften werden Personen in bestimmte Kategorien eingeordnet. Es gibt somit große und kleine, dicke und dünne, schwarze und weiße Männer und Frauen. Innerhalb einer Kategorie gelten die Menschen als ähnlich und bekommen bestimmte Eigenschaften zugeschrieben (ebd.). Diese Kategorisierung wird benötigt, um „die Komplexität der Welt in überschaubare Einheiten zu reduzieren“ (Alfermann 1996, S.10).

Geschlechterstereotype gibt es in jeder Kultur und das Wissen hierüber wird bereits in der frühkindlichen Entwicklung erworben. Speziell das Wissen über Geschlechterstereotype (also bestimmte Merkmale, die als „typisch weiblich“ oder „typisch männlich“ gelten) gilt nach Abschluss des Grundschulalters bereits als weitgehend abgeschlossen. Zugeschriebene stereotype Charaktereigenschaften von Männern sind zum Beispiel Stärke, Durchsetzungsfähigkeit, Dominanz und Leistungsstreben. Frauen hingegen werden eher mit Eigenschaften wie Freundlichkeit, Sanftheit und Hilfsbereitschaft beschrieben. Diese Merkmale finden sich in ähnlicher Zusammensetzung weltweit (ebd.).

In einer Studie von J. E. Williams & Best (1990) in der 300 stereotypen Eigenschaften von Männern und Frauen in 27 Staaten untersucht wurden, ergaben sich erstaunlich viele Übereinstimmungen. Einhundert Studierende mussten für jede Eigenschaft angeben, ob diese in ihrem Kulturkreis eher mit Männern oder mit Frauen in Zusammenhang gebracht werden. In mindestens 20 der untersuchten Staaten wurden den Männer Eigenschaften wie abenteuerlustig, aggressiv, dominant, ehrgeizig, faul, emotionslos, kräftig, mutig, rational und selbstbewusst zugeschrieben, wohingegen Frauen als liebevoll, einfühlsam, gefühlvoll, unterwürfig und sanft beurteilt wurden. In keinem einzigen Land wurde hierbei eine ‚eher weibliche‘ Eigenschaft den Männern zugeordnet oder umgekehrt.

Entscheidend für die Entstehung geschlechtstypischer Präferenzen ist das Elternhaus und die dort vorherrschende Erziehung. Bereits im Kindesalter entwickeln Jungen und Mädchen bestimmte Vorstellungen von ihrem späteren Berufsleben. Hierbei ist interessant, dass „je früher die Kinder befragt werden, desto geschlechtsstereotyper sind die Antworten“ (Cremers & Diaz, 2012, S.31). Während die Mädchen im Alter von 10-14 am ehesten an soziale Berufe oder Karrieren als Sängerin, Tänzerin und Schauspielerin denken, träumen Jungen in diesem Alter von einem Leben als Rennfahrer, Polizist der Fußballprofi. Schaut man sich die Ausbildungsstatistik und den geschlechtersegregierten Arbeitsmarkt an, (S. Kapitel 3.4.2) stellt man zudem fest, dass sich die geschlechterstereotypen Einstellungen auch in der späteren beruflichen Orientierung wiederfinden (ebd.).

Der Erwerb von Stereotypen findet in einem Lernprozess statt. Geschlechterstereotype sind hierbei omnipräsent und Hinweise über ‚typische‘ Eigenschaften von Männern und Frauen findet man im Alltag ständig und überall. Aus eigenen Beobachtungen, wie z.B. der Tatsache, dass der Vater gerne Bier trinkt, werden generalisierte Zuschreibungen: Männer trinken gerne Bier. Mithilfe von weiteren Informationen die von wichtigen Sozialisationsagenten (Eltern, Gleichaltrige, Lehrkräfte und Medien) geliefert werden, verfestigt sich das Wissen über geschlechtsspezifische Stereotypen und zugleich auch das, was von einem erwartet wird: die Geschlechtsrollenerwartungen (Alfermann 1996).

3.2.5 Geschlechterrollen

Während Geschlechterstereotype also typische Eigenschaften von Frauen und Männern beschreiben, „beinhalten Geschlechterrollen nicht nur die Beschreibung, sondern auch die normative Erwartung bestimmter Eigenschaften und Handlungsweisen“ (Alfermann 1996, S. 31). Es werden also bestimmte Erwartungen (Rollenerwartungen) an den Inhaber eine Rolle gestellt. Eine Rolle kann dabei erworben (z.B. die Rolle als Vater) oder zugeschrieben und universal sein – wie die Geschlechterrolle. Die Geschlechtsrollenerwartungen definieren in dem Zusammenhang bestimmte Verhaltensregeln und beinhalten „verbindliche Regeln über den sozialen Umgang und über die familiale und berufliche Arbeitsteilung“ (Alfermann 1996, S.33).

Jungen lernen schon sehr früh, dass Männer die Ernährerrolle zu übernehmen haben. Mädchen hingegen kalkulieren in ihre Lebensplanung stets mit ein, dass sie Beruf und Familie unter einen Hut bringen müssen (ebd.). Geschlechtsspezifische Normen der unterschiedlichen Rollenbilder werden verinnerlicht und führen letztendlich auch zu geschlechtsspezifischen Vorlieben von bestimmten Berufen (Busch 2013).

Schaut man sich die Rollen von Erwachsenen weltweit an, fällt auf, dass in allen Kulturen die Männer die dominante Gruppe darstellen. In vielen Kulturen ordnet sich die Frau dem Mann unter, in einigen wird eine gleichberechtigte Partnerschaft gepflegt, aber in keiner gibt es eine Unterordnung der Männer unter die Frauen. Die Betreuung der Kinder ist in allen Kulturen primär Aufgabe der Mutter.

Anhand der klassischen Rollenverteilung (Mann sorgt als Arbeiter für die Ernährung; Frau kümmert sich um Haushalt und Kinder), erkennt man eine passgenaue Übereinstimmung und Ähnlichkeit von Geschlechterrollen und Stereotypen: Die fürsorgliche, einfühlsame und hilfsbereite Frau bleibt zuhause bei den Kindern und der dominante und durchsetzungsfähige Mann verdient das Geld (Alfermann 1996).

Diese Tatsache sorgt dafür, dass „die Geschlechterstereotype sich so hartnäckig halten und einen so hohen interkulturellen Konsens aufweisen“ (Alfermann 1996, S.21).

Während die weibliche Geschlechterrolle bereits einen realen Wandel vollzogen hat und Frauen heutzutage sowohl die Rolle der Mutter, der Hausfrau und auch eine Berufsrolle ausüben können, ist für die Männer die Berufsrolle nach wie vor das Kernstück ihrer Geschlechterrolle (ebd.).

Interessant ist, „daß ein großer Teil der Auffassungen des Kindes über die Geschlechtsrollen sich radikal von denen des Erwachsenen unterscheidet“ (Kohlberg 1974, S. 339). Dies belegen sowohl Forschungsergebnisse wie auch Daten von klinischen Beobachtungen. Die „Geschlechtsrollenkonzepte des Kindes sind das Ergebnis der aktiven Strukturierung der eigenen Erfahrungen durch das Kind; sie sind nicht das passive Produkt des sozialen Trainings“ (ebd. S. 33).

Es wird vermutet, dass soziale Einflüsse durch die unterschiedlichen Erwartungen von Sozialisationsagenten (Eltern, Freunde, andere Bezugspersonen) die Geschlechtsrollenentwicklung im Jugendalter stark beeinflussen (Alfermann 1996).

3.2.6 Entstehung von Geschlechtsunterschieden / Erwerb von Verhaltensweisen

Die Forschungsergebnisse zu Geschlechtsunterschieden sind zum einen sehr zahlreich und zum anderen sehr widersprüchlich, „so dass sich auch völlig gegensätzliche Aussagen wissenschaftlich beweisen lassen“ (Rohrmann & Lutze, 2010,S.7). Während die Einflüsse von Erziehungsbemühungen, Hormonen, Genen und Gehirnstrukturen tendenziell überschätzt werden, wird laut aktuellen Studien der Einfluss von offensichtlichen Geschlechtsunterschieden auf die Kinder und die unbewussten Verhaltensweisen von Erwachsenen eher unterschätzt (ebd.).

Bei einer breit angelegten Studie, bei der die psychologischen Merkmale von weiblichen und männlichen Personen erhoben wurden, konnte man „nur geringe oder gar keine konsistenten Geschlechterunterschiede“ (Alfermann 1996, S.8) finden. Die derzeit bestehende geschlechtstypische Arbeitsteilung und speziell auch die Berufswahl erscheinen daher nahezu grundlos. In einer psychologischen Untersuchung fand man sogar heraus, dass Männer „im Durchschnitt etwas hilfsbereiter auftreten als Frauen“ (ebd. S.9) – was der Tatsache wiederspricht, dass speziell die helfenden und sozialen Berufe überwiegend von Frauen ausgeübt werden.

Wie viele andere Verhaltensweisen wird auch das geschlechtstypische Verhalten durch Beobachtung, also ‚Lernen am Modell‘ sowie entsprechender Nachahmung und Bekräftigung, erworben. Kinder sehen andere Mädchen beim Spiel mit den Puppen und Jungen mit der Eisenbahn. Sie sehen überwiegend Frauen die Kinder erziehen und in erster Linie Männer die als Lokführer arbeiten. Bekommen sie dann noch als Mädchen eine Puppe geschenkt und als Junge eine Eisenbahn entwickeln sie immer konkreter werdende Vorstellungen über geschlechtsangemessenes Verhalten (Alfermann 1996).

Die kognitive Theorie sieht die Geschlechtsrollenentwicklung als „das Ergebnis der aktiven Auseinandersetzung des Individuums mit seiner Umwelt, die zunächst in kognitive Konstruktionen der Geschlechter mündet und dann darauf aufbauend Selbstbild und Verhalten beeinflusst“ (ebd. S. 70). Bezogen auf die Entwicklung von geschlechterstereotypen Vorstellungen der Kinder, macht es somit auch einen Unterschied, ob die eigenen Mütter berufstätig sind, oder nicht. Sind sie berufstätig, „entwickeln Jungen wie Mädchen weniger geschlechterstereotype kognitive Konzepte“ (ebd. S. 76).

Kinder entwickeln neben der eigenen Geschlechtsidentität auch die Bildung von Gruppenkonzepten (wir: die Mädchen – die anderen: die Jungen) mit entsprechenden geschlechtskonformen Favorisierungen. Aufgrund der Zuordnung zu einer Geschlechtergruppe resultiert der Wunsch, sich geschlechtskonform zu verhalten und „die dazu passenden geschlechtstypischen Eigenschaften und Rollenmerkmale zu übernehmen“ (Kohlberg, 1974, S.345).

Ein weiterer Ansatz beschäftigt sich mit der Entwicklung von kognitiven Schemen, die den Individuen dabei helfen, ankommende Informationen nach unterschiedlichen Schemen (z.B. nach dem Schema Geschlecht) zu ordnen. Jeder Mensch setzt bei der Wahl seines Schemas zur Informationsverarbeitung unterschiedliche Schwerpunkte. So können beispielweise Informationen über Berufe nach Geschlecht, aber auch nach Beschäftigungsart und akademischen Grad kategorisiert werden. Hat für einen Menschen das Geschlechterschema eine zentrale Bedeutung, wird er alles nach ‚typisch weiblich‘ und ‚typisch männlich‘ kategorisieren. Andere Menschen unterscheiden Dinge vielleicht eher nach ‚schön‘ und ‚hässlich‘ (Schema der Ästhetik) oder nach ‚arm‘ und ‚reich“ (Schema des Wohlstandes). (Alfermann 1996).

Je nach Bedeutsamkeit und Verfügbarkeit des Schemas, neigen Menschen mehr oder weniger zu geschlechterschematischem Denken. Personen die überwiegend mit dem Schema der Geschlechtsunterschiede agieren, haben gelernt, dass das Geschlecht eine wesentliche Rolle als Unterscheidungskriterium spielt. Sie sind daher besonders motiviert, ihr Verhalten entsprechend den geschlechtsspezifischen Erwartungen ihrer Umwelt auszurichten, mit der „Übernahme geschlechtstypischer Eigenschaften und Verhaltensweisen ins Selbstbild und ins Verhaltensrepertoire“ (Alfermann 1996, S.75). Menschen die ihre Kategorisierung eher nach anderen Schemen ausrichten, richten sich weniger nach geschlechtsspezifischen Erwartungshaltungen. Das geschlechterschematische Denken ist bei jedem Individuum also unterschiedlich stark ausgeprägt.

Bezogen auf den Beruf der Krankenschwester ist dieser für einen gewissen Personenkreis in erster Linie ein Frauenberuf – für andere wiederum eher ein Beruf der von Empathie und Fürsorge geprägt ist (ebd.).

3.2.7 Doing Gender

Mit dem Konzept des „Doing Gender“ ist gemeint, „dass alle Handlungen als vergeschlechtlicht wahrgenommen werden“ (Bartjes & Hammer, 2006, S.125). In sozialen Situationen versuchen alle Menschen sich als Frau oder Mann (bzw. Mädchen oder Junge) zu verhalten und erzeugen somit, durch interaktives Handeln, Weiblichkeiten und Männlichkeiten. Da „jede Handlung, jede Entscheidung […] immer auf ihre geschlechtliche Angemessenheit hin befragt und ausgerichtet“ (Heintz, Nadai, Fischer, & Ummel, 1997) S. 59f) wird, ist auch in vielen Berufen die „Darstellung von Geschlecht ein wesentlicher Teil der Arbeit“ (ebd. S. 63) und führt zu entsprechenden kompensatorischen Maßnahmen und Strategien. Speziell Männer, die in geschlechtsuntypischen Berufen arbeiten (teilweise auch als „Crossgender-Freaks“ bezeichnet) und die ihre Geschlechtsidentität durch diese bedroht sehen, versuchen ihr Geschlecht ganz besonders zu betonen (ebd.).

3.2.8 Folgen & Zwischenfazit

Die geschlechtstypische Arbeitsteilung mit ihren typischen Rollenbildern führt zu einer Aktivierung und Reproduzierung der Stereotypen. Während in den klassischen Frauenberufen im sozialen Bereich und Dienstleistungssektor weibliche Charaktereigenschaften und Kompetenzen erwartet werden (z.B. Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit) decken sich die klassischen Männerberufe mit den entsprechenden Stereotypen wie Unabhängigkeit, technisches Interesse und Führungsqualitäten. Alfermann (1996) drückt es hierbei sehr treffend aus: „Die Stereotype rühren aus den gängigen Geschlechterrollen her und umgekehrt stützen die bestehenden Rollen die Stereotypen.“ (S.22).

Die oft unterschiedlichen, wenn auch unbewussten Erwartungen, die aufgrund der Rollenbilder an Männer und Frauen gestellt werden, sorgen dafür, dass z.B. von Männern eher Erfolg erwartet wird als von Frauen. Im Bereich der schulischen Allgemeinbildung führt dies dazu, dass die unterschiedlichen Geschlechtsrollenerwartungen der Lehrkräfte häufig zu einer Unterstützung der geschlechtstypischen Begabungen (Mathematik bei Jungen; Sprache bei Mädchen) führen. Durch die weit fortgeschrittene Emanzipation der Frauen und der Forderung nach einer freien Entfaltung ohne stereotype Rollenvorstellungen, werden Mädchen im pädagogischen und erzieherischen Alltag bereits „für das Durchbrechen konventionell-weiblicher Handlungsmuster gelobt“ (Hertling, 2008, S.6). Bei den Jungen ist die Entwicklung noch nicht soweit. Diese werden für geschlechtsunkonformes Verhalten eher noch sanktioniert (ebd.).

Auch wenn die einzelnen Ursachen, die auf die Sozialisation von Jungen und Mädchen einwirken, je nach Studie und Autor unterschiedlich stark gewichtet werden, führt die derzeit noch überwiegende Art der ‚geschlechtstypischen‘ Erziehung oft zu einer „Herausbildung bestimmter, typisch männlicher Verhaltensweisen, Interessen und Gefühlsdispositionen [die] weder dem individuellen Wesen des Jungen, noch den Anforderungen einer multinationalen, sozialen und integrierenden Gesellschaft oder den Ansprüchen gleichberechtigter, emanzipierter Partnerinnen, mit denen die Jungen im späteren Lebens konfrontiert werden“ (Hertling, 2008, S.1) gerecht werden.

Insbesondere die Vermittlung eigener geschlechtsstereotyper Vorstellungen durch die Eltern und somit eine Einflussnahme auf die Männlichkeitskonstruktionen der Kinder ist bedenklich. Denn ein solches Verhalten führt „zu einem Fortbestand der antiquierten Geschlechtsrollenmuster, sofern Jungen diese internalisieren und aufgrund fehlender Alternativen an die nächste Generation weitergeben“ (Hertling 2008, S. 44f).

Die Männer stehen oftmals im Zwiespalt zwischen den Anforderungen ihrer Partnerinnen (zum Beispiel bezüglich der Beteiligung im Haushalt und Erziehung) und der aus diesem Grund abwertenden Haltung des Vaters. Insbesondere die sehr konkreten Vorstellungen über die spätere Berufswahl und dem Lebensweg der Söhne, führen zu einer verstärkten Unsicherheit des Mannes und aufgrund des Bedürfnisses nach väterlicher Ankerkennung zu der Folge, „dass der Sohn den väterlichen Vorstellungen bzw. Wünschen in Bezug auf das eigene Leben oftmals (zu) große Bedeutung zumisst.“ (Hertling 2008, S. 16).

Einige junge Männer der heutigen Generationen, die durch moderne Einstellungen auch als ‚neue Männer“ bezeichnet werden, können als Vorreiter einer neuen Definition von Männlichkeit herangezogen werden und als Vorbild für zukünftige Generationen dienen. Es werden mehr Männer gebraucht, die dem klassischen Rollendenken entfliehen und die geschlechtstypischen Stereotypen aufweichen oder durchbrechen. (S. Kapitel 5.5.Maßnahmen)

3.3 Theorien zur Berufswahl

Warum sich Menschen für einen bestimmten Beruf entscheiden oder welche Faktoren sie bei der Wahl berücksichtigen, haben verschiedene Wissenschaftler in unterschiedlichen Theorien beschrieben. Einige der Relevantesten sollen im Folgenden zusammengefasst werden, da es bislang keine allumfassende Berufswahltheorie gibt, die alle Aspekte der verschiedenen Ansätze berücksichtigt.

3.3.1 Zuordnungstheorien: Parsons & Holland

Zu Beginn der Berufswahlforschung standen die Zuordnungstheorien (oder auch psychologisch orientierte Konzepte) im Fokus. Hierbei werden jedem Menschen bestimmte psychologische Merkmale zugeordnet anhand derer ein bestimmter Beruf zugeordnet werden kann. (Forßbohm, 2010; Schwanzer, 2008; Seifert, Eckhardt, & Jaide, 1977)

Parsons: Trait- und Faktortheorie

Der Ursprung aller Theorien zur Berufswahl geht auf Frank Parsons zurück. Dieser war der Meinung, dass eine Berufswahl auf gut durchdachte Argumente und ausgiebigen Überlegungen (Charakter Stärken, Schwächen, Bezahlung, Entwicklungsmöglichkeiten…) beruhen sollte. Daher sollte die Berufswahl erst nach einer umfassenden Analyse der Persönlichkeit und des Arbeitsplatzes mit Hilfe eines professionellen Beraters erfolgen. Im Prinzip war die damalige Meinung, dass „die Berufswahl ein relativ einfacher, rationaler Prozeß ist“ (Brown, 1994, S.22) und das Ziel verfolgte, „Menschen und Berufe so aufeinander abzustimmen, daß individuelle Bedürfnisse erfüllt und gute Arbeitsleistungen erzielt werden“ (ebd., S. 372). Da bestimmte Berufe bestimmte Persönlichkeitseigenschaften erfordern, war es von hoher Relevanz, dass „Persönlichkeitsmerkmale und Berufsanforderungen übereinstimmen“ (Schwanzer, 2008, S.15) um Berufserfolg zu gewährleisten.

Ein großer Kritikpunkt dieser Theorie ist, dass „die Antworten von Frauen auf einen traditionell weiblichen Beruf bezogen werden, während die Ergebnisse bei Männern auf einen traditionell männlichen Beruf verweisen“ (Brown, 1994, S.38). Veränderungen in der Persönlichkeit durch Erfahrungen und Lernprozesse, Veränderungen der Anforderungen im Beruf (z.B. durch technologische Weiterentwicklung) sowie motivationale und emotionale Komponenten bleiben unberücksichtigt (Schwanzer, 2008; Seifert et al., 1977) .

Trotz dieser Mängel wird diese Theorie auch heute noch für Personalentscheidungen und Auswahlverfahren in der Ausbildung eingesetzt und bildet die Grundlage für viele weitere Berufswahltheorien.

Berufswahltheorie von Holland

Ausgehend von seiner Erfahrung beim Militär (Einweisung und Musterung von neuen Rekruten), stellte John Holland 1959 die These auf, dass jeder Mensch einem von sechs Persönlichkeitstypen (oder diversen Subtypen) entspreche. Seine Theorie geht davon aus, dass „die Beschreibung individueller Berufsinteressen gleichzeitig eine Beschreibung der individuellen Persönlichkeit ist“ (Weinrach & Srebalus, 1994, S.46).

Jeder Typ hat bestimmte Vorlieben und Abneigungen und bevorzugt daher andere (berufliche) Aktivitäten:

- Realistischer Typ: arbeitet gerne mit Maschinen, Werkzeugen und Tieren – hat geringe soziale Fähigkeiten (z.B. Maschinist)
- Forschender Typ: ist analytisch, neugierig und genau – hat wenig Führungsqualitäten (z.B. Biologe)
- Künstlerischer Typ: mag expressive und originelle Tätigkeiten – hat wenig Organisationstalent (z.B. Dekorateur, Musiker)
- Sozialer Typ: hilft gerne Anderen – hat wenig wissenschaftliche und technische Fähigkeiten
- Unternehmerischer Typ: mag Tätigkeiten, bei denen er andere beeinflussen kann – hat wenig wissenschaftliche Begabung (z.B. Verkäufer, Rechtsanwalt)
- Konventioneller Typ: bevorzugt Organisation und Verwaltung von Daten und Materialien – meidet künstlerische Dinge (z.B. Buchhalter, Finanzexperte)

Neben diesen Persönlichkeitseigenschaften sind Holland zufolge aber auch soziale Schicht, Geschlecht, das Elternhaus, Peer-Groups und Intelligenz Einflussfaktoren, die sich auf die Berufswahl und den späteren Berufsweg auswirken (Bußhoff, 1984; Schwanzer, 2008; Weinrach & Srebalus, 1994).

Neben den Persönlichkeitstypen existieren der Theorie nach auch sechs verschiedene Arbeitsumgebungen (Umwelttypen) die ebenso durch bestimmte Merkmale und Eigenschaften charakterisiert sind und durch die dort arbeitenden Personen beeinflusst werden (ebd.).

[...]

Ende der Leseprobe aus 92 Seiten

Details

Titel
(Mehr) Männer für den Pflegeberuf begeistern
Untertitel
Geschlechterstereotypen und Rollenbilder in der Pflege
Autor
Jahr
2018
Seiten
92
Katalognummer
V446725
ISBN (eBook)
9783956876271
ISBN (Buch)
9783956876257
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gesundheitsberuf, Pflegenotstand, Fachkräfteengpass, Gleichstellungspolitik, Berufswahl, Gendergerechtigkeit in der Pflege, Geschlechterstereotypien, Genderstudies, Sozialisation von Jungen, Gender Mainstreaming, Rollenstereotypien, Männerarbeitsquote, Demographie, Pflegeberufegesetz
Arbeit zitieren
Jessica Kriegesmann (Autor), 2018, (Mehr) Männer für den Pflegeberuf begeistern, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/446725

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