Welche Widersprüche lassen sich zwischen der gesellschaftlichen Funktion von Schule und dem Inklusionsgedanken identifizieren?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016
20 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Das deutsche Schulsystem

2. Inklusion
2.1 Entwicklungslinien
2.2 Grundgedanken der Inklusion
2.3 Umsetzung der Inklusion

3. Diskussion

4. Ausblick

Literaturverzeichnis

Einleitung

In den letzten Jahren ist womöglich kein anderer Begriff in der bildungspoliti- schen Fachdiskussion so präsent wie „Inklusion“. „Eine Schule für alle!“ So wird der strukturelle Wandel in unserem deutschen Schulsystem spätestens seit der Ratifizierung der UN BRK (2009) in Deutschland bejubelt. Seither kursieren zahlreiche Zahlen, die die vermeintlichen „Inklusionszahlen“ präsentieren und als bildungspolitische Erfolge verkünden (vgl. Dannenbeck & Dorrance 2016, 23; Böing & Köpfer 2016, 7). Tatsächlich muss jedoch festgestellt werden, dass die Umsetzung des Inklusionsgedankens gesamtgesellschaftlich und vor allem, und darauf soll der Fokus im Rahmen dieser Arbeit liegen, im deutschen Schulsystem bislang in erster Linie als fiktive Vorstellung etikettiert werden kann (vgl. Hinz 2016, 60-77). Dieser Tatsache liegen vielschichtige Probleme, wie etwa Diskre- panzen bzgl. der Finanzierung oder mangelnder Ressourcen in sämtlichen Berei- chen, zugrunde (vgl. Ziemen 2013, 7).

Weiterhin lassen sich zahlreiche Widersprüche zwischen der gesellschaftlichen Funktion von Schule und dem Inklusionsgedanken identifizieren. So stellen etwa der Balanceakt zwischen der Akzeptanz von Heterogenität und dem gleichzeiti- gen Versuch Homogenität herzustellen, die Differenzherstellung und -bearbei- tung oder die individuelle Leistungsbewertung während normative Vorstellun- gen zugrunde gelegt werden, Herausforderungen dar, die neben zahlreichen Un- sicherheiten bei der Bevölkerung, die Umsetzung der Inklusion behindern.

Im Rahmen dieser Arbeit sollen jene Widersprüche diskutiert werden. Ange- sichts des Umfangs wird der Fokus, wohlwissend, dass Inklusion auch alle ande- ren Lebensbereiche des Menschen tangiert (Ziemen 2013, 47), auf der Inklusion im schulischen System liegen. Zunächst findet sich ein Kapitel zum deutschen Schulsystem. Die aktuelle gesellschaftliche Funktion und grundlegende Struktu- ren werden entlang des Leistungsprinzips und des Umgangs mit Heterogenität herausgestellt. Im darauffolgenden Kapitel werden Entwicklung und Grundge- danken der Inklusion konstatiert. Anschließend findet sich die Diskussion der festzustellenden Widersprüche. Diese Arbeit erhebt aufgrund der Komplexität des Themas nicht den Anspruch, Lösungen für jene Problematiken zu formulie- ren. Jedoch soll im Rahmen der Diskussion und eines abschließenden Ausblicks der Versuch unternommen werden, Anregungen, sowie Chancen und Notwen- digkeiten für die persönliche LehrerInnenentwicklung im Hinblick auf Inklusion aufzuzeigen.

1. Das deutsche Schulsystem

Im folgenden Kapitel sollen einige grundlegende Eigenschaften und Strukturen, sowie die aktuelle gesellschaftliche Funktion des Schulsystems dargelegt werden. Aufgrund der Tatsache, dass diese Arbeit die aktuelle Situation des deutschen Schulsystems im Kontext von Inklusion reflektiert, wird an dieser Stelle auf eine ausführliche Darstellung der Entwicklung bis zum 21 Jahrhundert verzichtet.

Möchte man sich zum deutschen Schulsystem äußern, so kann dies nicht im luftleeren Raum passieren. Das Schulsystem hat eine maßgebliche gesellschaftliche Funktion, die bedient werden muss (vgl. Fend 2006, 45).

Nach Fend (2008) bediene Schule, als eine pädagogisch ausgerichtete Organisa- tion, vor allem zwei zentrale Funktionen: Reproduktion und Innovation. Ersteres meint, dass die nachfolgenden Generationen gesellschaftliche Werte, sowie Wis- sen und Fähigkeiten vermittelt bekommen um die Gesellschaft zu „reproduzie- ren“. Mit Innovation ist gemeint, dass die Gesellschaft sich fortlaufend weiterent- wickelt und verbessert (49). Fend (ebd.) formuliert vier gesellschaftlich orien- tierte Unterfunktionen, die im Zusammenhang fungieren und gleichzeitig Wider- sprüchlichkeiten, auf die im späteren Textverlauf eingegangen wird, inhärieren (vgl. ebd., 49ff):

- Enkulturation oder Bildung Ø Qualifikation
- Allokation und Selektion
- Legitimation oder Integration

Enkulturation meint, dass kulturelle Errungenschaften, wie etwa Sprache oder Lebensbedingungen einer demokratischen Gesellschaft, die im Alltag der Menschen generiert wurden und sich gefestigt haben, vermittelt werden. Dadurch soll kulturelle Teilhabe ermöglicht und gesichert werden (vgl. ebd.).

Im Rahmen der Qualifikationsfunktion geht es darum, dass den Lernenden die notwenigen Kompetenzen, Fertigkeiten, Fähigkeiten und Erfahrungen eröffnet werden, um sie für die spätere Ausübung eines Berufes im Gesellschaftssystem zu partizipieren (vgl. ebd.). Keller (2014, 24) formuliert, dass Schülerinnen und Schüler während ihrer Schulzeit im Bildungssystem für die spätere Arbeit im Wirtschaftssystem vorbereitet würden. „Die Qualifikationsfunktion ist an dem Ziel orientiert, die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit der Gesellschaft aufrechtzuerhalten und zu verbessern“ (Sturm 2016, 43).

Die Allokationsfunktion repräsentiert die gesellschaftliche Rollenverteilung. In einer hochindustrialisierten Gesellschaft, wie der deutschen, ist das Bildungssys- tem, so Fend, als ein „zentrale[s] Rüttelsieb“ (2006, 45) zu verstehen, das anhand von Fähigkeits- und Qualifikationsprofilen für die Verteilung der Schulabgän- ger(innen) auf die unterschiedlichen Berufspositionen zuständig sei. Im Laufe der Schulzeit werden die Lernenden mit zahlreichen Selektions- und Allokations- prozessen konfrontiert. Bereits nach der Grundschule werden die Kinder auf die unterschiedlichen weiterführenden Schulen unseres dreigliedrigen Schulsystems (eigentlich viergliedrig bei Berücksichtigung der Förderschulen) verteilt und so- mit mit großer Wahrscheinlichkeit der spätere Schulabschluss bestimmt (vgl. Keller 2014, 34). „Mit der Selektionsfunktion übernimmt das Bildungssystem die Aufgabe, Jugendliche aufgrund ihrer Fähigkeiten und Leistungen auszuwählen und den passenden beruflichen Positionen zuzuweisen. Die Selektionsfunktion wird deshalb auch Zuweisungs- oder Allokationsfunktion genannt.“ (ebd., 32) Der Allokation liegt das Leistungsprinzip zugrunde, auf welches noch genauer eingegangen wird.

Die Legitimations- oder auch Integrationsfunktion beschreibt, dass den Schüle- rinnen und Schülern vermittelt werden muss, dass in einer demokratisch ausge- richteten Gesellschaft politische und gesellschaftlichen Regeln vorherrschen, die als legitim anerkannt werden müssen, es aber zahlreiche Partizipationsmöglich- keiten gibt. „Damit wird die soziale Identitätsbildung, Identifikation und soziale Bindung als Grundlage für soziale Verantwortung ermöglicht.“ (Fend 2006, 53)

Neben den aufgeführten gesellschaftlichen Funktionen, die Schule bedient, lassen sich natürlich auch auf Ebene des Individuums Funktionen nennen. Zentral ist hierbei die Herstellung von Handlungsfähigkeit, welche sich in Form von kultureller Teilhabe und Identität, Berufsfähigkeit, Lebensplanung, sozialer Identität und politischer Teilhabe konstatiert (siehe Abbildung 1). Fend (2006) fasst die „Struktur der gesellschaftstheoretischen Analyse von Bildungssystemen“ in folgendem Schaubild zusammen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: „Struktur der gesellschaftstheoretischen Analyse von Bildungssystemen“ (Fend 2006, S. 54)

Wie bereits eingangs erwähnt, orientiert sich das deutsche Schulsystem am Leis- tungsprinzip. Der Grundgedanke des Prinzips ist, sowohl gesamtgesellschaftlich, als auch im schulischen Kontext, dass jeder individuell, entsprechend seiner er- brachten Leistungen, eine höhere bzw. „bessere“ gesellschaftliche Position mit mehr Macht, Gütern oder Partizipationsmöglichkeiten, erreichen kann (vgl. Sturm 2016, 118f.). Leistungsfähigkeit und -bereitschaft werden an individuelles Vermögen und Willen gekoppelt. Fend (2006, 46) spricht den Lernenden auf- grund der Allokationsfunktion, welche maßgeblich durch eigene Lernanstren- gungen beeinflussbar sei, die Chance zu, ihren persönlichen Bildungs- und Be- rufsverlauf und somit ein Stück weit Lebensplanung durch entsprechende Bemü- hungen selbst in die Hand nehmen zu können. Jede Schülerin/ jeder Schüler habe demnach selbst in der Hand, wie gut bzw. schlecht die Noten würden und welcher Schulabschluss erreicht werden könne.

Die Leistungsorientierung spiegelt sich bereits in der schulischen Grundorgani- sation, dem vertikalen Aufbau, wider. Bereits nach der Grundschule wird anhand der individuellen Leistungen und Fähigkeiten entschieden, welche weiterfüh- rende Schulform für das Kind in Frage kommt. Für Schülerinnen und Schüler, die die erwarteten Leistungen an der zugewiesenen Schulform nicht erfüllen, also nicht der Norm entsprechen, bietet das Schulsystem einige Möglichkeiten zur Be- arbeitung. Es besteht z.B. die Möglichkeit einzelne Schüler(innen) eine Klassen- stufe wiederholen zu lassen. Andersherum ist es jedoch auch möglich, einzelne Lernende eine Klassenstufe vorzustufen falls die Leistungen die normativen Vor- stellungen überschreiten. Gleiches trifft auf Schulwechsel zu. So besteht die Op- portunität einzelne Jugendliche in eine, bezüglich des Schulabschlusses, qualita- tiv mindere oder höhere Schulform zu versetzen (vgl. Sturm 2016, 119; Nuding & Stanislowski 2013, 4).

Die Bewertung der individuell erbrachten Leistungen im Unterricht erfolgt ent- lang normativer Vorstellungen in Form von Noten. Orientiert an curricularen Vorgaben müssen die Lehrkräfte bewerten, inwiefern die Schülerin/ der Schüler Leistungen erbracht oder ggf. nicht erbracht hat. Breidenstein (2011) (zitiert nach Sturm 2016, 121) kritisiert, „dass sich durch die permanente Notwendigkeit, Leis- tung zu bewerten, eine Eigenlogik entwickelt hat, die im Zusammenhang mit dem

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Details

Titel
Welche Widersprüche lassen sich zwischen der gesellschaftlichen Funktion von Schule und dem Inklusionsgedanken identifizieren?
Hochschule
Universität zu Köln
Note
1,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
20
Katalognummer
V448288
ISBN (eBook)
9783668837904
ISBN (Buch)
9783668837911
Sprache
Deutsch
Schlagworte
welche, widersprüche, funktion, schule, inklusionsgedanken
Arbeit zitieren
Alina Beniermann (Autor), 2016, Welche Widersprüche lassen sich zwischen der gesellschaftlichen Funktion von Schule und dem Inklusionsgedanken identifizieren?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/448288

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