In einer Berufsgesellschaft wie der Bundesrepublik Deutschland sind das berufliche Bildungswesen und seine Leistungen von zentraler Bedeutung. Es trägt wesentlich zur qualifizierten beruflichen Ausbildung großer Teile der Erwerbsbevölkerung bei, wobei der Ausbildung im dualen System eine überragende Stellung zukommt. Inzwischen und mit steigender Tendenz können mehr als 60% der Erwerbsbevölkerung eine in Betrieb und Berufsschule absolvierte Lehre vorweisen.
Die Berufsschule wird nur wenigen Erwartungen gerecht, welche man an privatwirtschaftlich geführte Institutionen stellen könnte, da zum Beispiel Probleme der Ausbildung in der Berufsschule eher im Betrieb aufgearbeitet werden als umgekehrt.
Die Berufsschule erfüllt damit nicht die (elementare) Aufgabe, die gesamte Ausbildungssituation zu analysieren und zu reflektieren. Obwohl die Berufsschule nicht unmittelbar dem privatwirtschaftlichen Verwertungsprinzip unterworfen ist, wird sie jedoch partiell durch die Vorgabe der Lehr- und Prüfungsinhalte gebunden. Die Berufsschule stimmt jedoch die Ausbildung zwischen Theorie und Praxis, zwischen Schule und Betrieb nicht genug ab.
In den Medien tauchen zahlreiche weitere, z. T. sehr aktuelle Krisenphänome der beruflichen Bildung auf. Häufig ist von einem Lehrstellenmangel, einer Minderqualifizierung der Auszubildenden, von einer Verdrängung der Hauptschüler durch AbiturientInnen die Rede, ohne daß analysiert und reflektiert wird, wie diese Tendenzen und Phänomene im gesamtgesellschaftlichen, aber auch ökonomischen Bild zu skiz-zieren sind.
Indes: Die Notwendigkeit der Reformierung der Strukturen des dualen Systems der Berufsausbildung ist fast unbestritten, der Weg dorthin und der Umfang der Reformen sind jedoch Anlaß etlicher Kontroversen.
Ich werde in dieser Hausarbeit die gravierendsten Krisenpunkte und –phänomene herausstellen, sie kurz bewerten und zum Abschluß einen Ausblick auf die Zukunft des dualen Systems der Berufsausbildung wagen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung
2. Kritik und Ausstieg der Arbeitgeber aus dem dualen System der Berufsausbildung
3. Abstimmungsprobleme zwischen dualem System und Beschäftigungssystem
4. Rekrutierungsprobleme und die Abwendung traditioneller Bewerbergruppen
5. Verschärfter Selektions- und Verdrängungswettbewerb und das Ansteigen der Abbruchquoten
6. Weitere Probleme und Krisenphänomen
6. 1 Benachteiligung von Frauen
6. 2 Organisatorische und materielle Vernachlässigung der Berufsschule
6. 3 Benachteiligung von AusländerInnen im dualen System
7. Resümee, Ausblick und Diskussion zur Zukunft der dualen Berufsausbildung
Zielsetzung und Themen
Die Arbeit untersucht die vielschichtigen Krisensymptome des dualen Systems der Berufsausbildung in Deutschland, beleuchtet strukturelle Defizite und die zunehmende Entkoppelung vom Beschäftigungssystem, um daraus Perspektiven für eine notwendige Reform des Bildungswesens abzuleiten.
- Kritik an der schwindenden Ausbildungsbeteiligung der Arbeitgeber
- Problematik der Abstimmung zwischen Schule und Betrieb
- Verschärfung von Selektions- und Verdrängungsprozessen auf dem Ausbildungsmarkt
- Soziale Benachteiligung spezifischer Gruppen (Frauen, AusländerInnen, Lernschwache)
- Strukturelle Defizite und Reformbedarf der Berufsschule
Auszug aus dem Buch
3. Abstimmungsprobleme zwischen dualem System und Beschäftigungssystem
Es läßt sich nicht hinwegdiskutieren, daß dem Berufsbildungssystem der Bundesrepublik eine erhebliche „Fehlsteuerungstendenz“ innewohnt (vgl. Greinert 1992, S. 84).
Die Präponderanz von häufig qualitativ weniger befriedigenden handwerklichen Ausbildungsplätzen bringt nicht allein ein erhebliches Qualitätsgefälle zwischen den verschiedenen Ausbildungsberufen und –betrieben mit sich, sondern bedeutet auch für viele Jugendliche den vorprogrammierten Berufswechsel, eine weitgehende Entwertung ihrer Ausbildung für den Zeitpunkt unmittelbar nach Abschluß der Berufsausbildung und stellt darüber hinaus unter dem Gesichtspunkt einer finanz-, status- und zukunftsorientierten Ausbildung eine ausgesprochene Fehlqualifikation dar. Wegen der regional unterschiedlichen Wirtschaftsstruktur kommt es zu einem Qualitäts- und Angebotsgefälle zwischen den Regionen, zwischen Stadt und Land, zwischen Groß- und Kleinbetrieben. Das Recht auf freie Berufswahl und eine Orientierung der Berufswahl an den Bedürfnissen und Interessen der Schulabgänger an Eignung und Neigung kann somit vielfach nicht sichergestellt werden (vgl. Baethge 1977, S. 354 f.).
Es besteht unbestritten eine Ametrie der Berufsstrukturen in der Ausbildung und im Beschäftigungswesen, d. h. es wird nicht primär für den Arbeitsmarkt ausgebildet, sondern eher dafür gesorgt, daß Jugendliche kurzfristig nicht ausbildungs- und arbeitslos werden. So wird am Arbeitsmarkt vorbei qualifiziert. Es gibt z. B. viel zu viel ausgebildete Handwerker und viel zu wenig qualifizierte Softwareentwickler und Informationstechniker (vgl. Arbeitsgruppe Bildungsbericht 1994, S. 626 - 633).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung: Die Einleitung thematisiert die zentrale Bedeutung des dualen Systems und skizziert die wahrgenommene Krise des Modells im Zuge der Globalisierung.
2. Kritik und Ausstieg der Arbeitgeber aus dem dualen System der Berufsausbildung: Dieses Kapitel analysiert die Gründe für den Rückgang von Ausbildungsplätzen, insbesondere Kostenfaktoren, bürokratische Hürden und strukturelle Veränderungen in der Industriegesellschaft.
3. Abstimmungsprobleme zwischen dualem System und Beschäftigungssystem: Hier wird die Fehlsteuerung des Systems diskutiert, die zu einem Qualitätsgefälle und einem Auseinanderklaffen von Ausbildung und tatsächlichem Bedarf am Arbeitsmarkt führt.
4. Rekrutierungsprobleme und die Abwendung traditioneller Bewerbergruppen: Der Abschnitt befasst sich mit der Verdrängung von Hauptschülern durch Abiturienten und dem demographischen Wandel, der die klassische Rekrutierungsbasis schwächt.
5. Verschärfter Selektions- und Verdrängungswettbewerb und das Ansteigen der Abbruchquoten: Das Kapitel beleuchtet den negativen Wettbewerb, der zu steigenden Abbruchraten und zur sozialen Selektion benachteiligter Jugendlicher führt.
6. Weitere Probleme und Krisenphänomen: Es wird die spezifische Benachteiligung von Frauen, die Vernachlässigung der Berufsschule sowie die schwierige Integration ausländischer Jugendlicher detailliert untersucht.
7. Resümee, Ausblick und Diskussion zur Zukunft der dualen Berufsausbildung: Die Arbeit schließt mit einer Bewertung des dualen Systems als volkswirtschaftliche Ressource und fordert eine grundlegende Flexibilisierung und Modernisierung der Bildungsstrukturen.
Schlüsselwörter
Duales System, Berufsausbildung, Jugendarbeitslosigkeit, Fachkräftemangel, Strukturwandel, Bildungsreform, Ausbildungsplatzmangel, Selektionswettbewerb, Fehlsteuerung, Berufsschule, Schlüsselqualifikationen, soziale Ungleichheit, Integration, Globalisierung, Modell Deutschland
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Hausarbeit analysiert die aktuellen Krisensymptome und strukturellen Probleme des dualen Systems der Berufsausbildung in der Bundesrepublik Deutschland gegen Ende der 1990er Jahre.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den Schwerpunkten gehören der Ausstieg der Arbeitgeber aus der Ausbildung, die Diskrepanz zwischen Qualifikation und Arbeitsmarktbedarf, soziale Selektionsprozesse und die Benachteiligung spezifischer Bevölkerungsgruppen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, die Ursachen für die Krise des Ausbildungsmodells zu identifizieren, die Auswirkungen auf Jugendliche und Wirtschaft zu bewerten und Lösungsansätze für eine zukunftssichere Reform aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor führt eine theoretische Analyse auf Basis vorhandener Bildungsberichte, empirischer Studien und zeitgenössischer wirtschaftspolitischer Fachliteratur durch.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse von Abstimmungsproblemen, Rekrutierungsschwierigkeiten, den steigenden Selektionsdruck sowie die Untersuchung spezifischer Krisenbereiche wie die Situation von Frauen, AusländerInnen und die Vernachlässigung der Berufsschulen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem duales System, Fachkräftemangel, Ausbildungsplatzmangel, Fehlsteuerung und soziale Selektion.
Warum wird im Text von einer "Ametrie der Berufsstrukturen" gesprochen?
Der Autor beschreibt damit den Zustand, dass das Ausbildungssystem nicht passgenau für den tatsächlichen Bedarf am Arbeitsmarkt qualifiziert, sondern eher kurzfristige soziale Probleme auffängt, was zu Fehlqualifikationen führt.
Welchen Stellenwert räumt der Autor dem dualen System für die Zukunft ein?
Trotz der massiven Kritik betrachtet der Autor das duale System persönlich weiterhin als das effektivste Instrument des Bildungswesens, um Jugendarbeitslosigkeit zu bekämpfen und im globalen Wettbewerb zu bestehen.
- Citation du texte
- Karsten Hartdegen (Auteur), 1999, Das duale System der Berufsbildung in der Bundesrepublik Deutschland: Symptome und Phänomene einer Krise, neuralgische Punkte und strukturelle Probleme, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/44933