Das ambivalente Motiv des Mundes in Samuel Becketts "Not I"

Whole body like gone


Hausarbeit, 2015
18 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2.Inhalt und Text

3. Der Mund
3.1. Ekel
3.2. Erotik
3.3. Essen
3.4. Lachen
3.5. Fragmentierung
3.6. Fundamental Sounds

4.Ich oder nicht Ich

5.Schluss

6. Literatur

7. Abbildungen

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit befasst sich vorrangig mit dem Mund-Motiv in Becketts Theaterstück Not I. Hauptakteur dieses 1972 in New York uraufgeführten Stückes1 ist ein Mund (״Mouth“), der in einem einzigen Redeschwall seine Lebensgeschichte erzählt. Die Bühne bleibt dabei komplett im Dunkeln, nur der Mund, der im Hintergrund rechts 20cm über dem Boden schwebt, ist beleuchtet, sowie der ״Auditor“ unbestimmten Geschlechts, der auf einem 10cm hohen Podium im Vordergrund links steht und von Kopf bis Fuß in eine schwarze Djellaba mit Kapuze gehüllt ist. Letzterer spricht niemals und steht unbeweglich, hebt nur an vier Stellen die Arme in einer hilflosen Geste. Der Mund spricht noch bevor der Vorhang sich hebt und spricht weiter, nachdem er gefallen ist.2 In einer Video-Version, die Beckett von Not I 1977 inszenierte, nachdem es als Theaterstück uraufgeführt worden war, spielt Billie Whitelaw Mouth und bleibt einzige Akteurin, der Auditor taucht in dieser Fassung nicht mehr auf. Der Mund füllt den gesamten Bildschirm und erzeugt somit eine andere Wirkung als der kleine Mund auf der dunklen Theaterbühne.3 Welche Wirkung das in beiden Fällen sein kann und was dem Mund­Motiv zugrunde liegt, wird in der Arbeit ermittelt. Ein besonderer Fokus wird auf Bachtins Körperkonzepten liegen, sowie der Eindruck, den der Mund vermittelt, in seiner erotischen, Ekel auslösenden, witzigen und faszinierend-hypnotischen Ausprägung untersucht. Dabei spielt die Musikalität des Textes eine große Rolle. Auch die Sprache, die eng mit dem Motiv des Mundes verknüpft ist, wird betrachtet. In diesem Zusammenhang ist es unerlässlich, die Texte, die Mouth spricht, unter die Lupe zu nehmen. Da sich mit der Textanalyse auch der Inhalt so weit wie möglich erschließt, soll damit begonnen werden. Wie sich sodann im Hinblick auf die Dramaturgie der Inszenierung herausstellen wird, tritt der Text selbst aber hinter der Vortragsweise und visuellen Elementen zurück. In einem weiteren Kapitel wird zum Schluss in Anbetracht des Titels die Bedeutung des ״Ichs“ für Mouth, bzw. ihre Distanz zur Perspektive der ersten Person Singular Umrissen.

2.Inhalt und Text

Es ist zwar so gut wie unmöglich, den Text des Stückes beim ersten Mal hören zu verstehen, was nicht verwundert, bedenkt man, dass Beckett selbst die Aufführungsdauer in der Uraufführung von ca. 45 auf 17 Minuten begrenzte.4 Darüber hinaus besteht der Text aus Satzfetzen, die nur teilweise Zusammenhängen. Befasst man sich aber mit der verschriftlichten Form, kristallisiert sich eine Art Lebensgeschichte der Hauptfigur, sowie eine dramatische Struktur heraus. Obwohl der Mund immer wieder konstatiert, dass es sich um eine andere handelt (״what?... who?... no!... she!“5 ), liegt die Vermutung nahe, dass Mouth ihre eigene Geschichte erzählt. Die Geschichte besteht darin, dass eine Frau als Siebzigjährige plötzlich ihre Sprache entdeckt. Als Frühgeburt und frühe Waise ohne Liebe in einem Heim aufgewachsen, hat sie nie zuvor ein Wort gesprochen. Sie findet sich an einem Aprilmorgen auf einem Feld beim Schlüsselblumen-Suchen und hat eine Art Erweckungserlebnis.6 Dabei verliert sie zunächst jedes Körpergefühl, statt dessen quillt aber Sprache wie im Fieber aus ihr. Das Gesagte wird von der Sprecherin scheinbar nicht wahrgenommen, das Ausstößen der Worte wird zum Zwang.7 Die körperliche Reduktion auf den Mund entspricht also dem Erzählten. Auch sonst ist der Text reflexiv, nicht nur das Leben der Frau betreffend, sondern auch die Bühnensituation als solche und das Erzählen selbst. Die Verbindung zwischen der aktuellen Bühnensituation und der Erzählung über ״sie“, die sich heftig von dem Ich von Mouth zu distanzieren versucht, straft diese Distanzierung Lügen. Die Unklarheit und das Desinteresse von Mouth über Körperlichkeiten und die Hinwendung zum Geistigen (״what position she was in!... whether Standing... or sitting... but the brain-“8 ), dem, was gesagt und geglaubt wird (״brought up as she had been to believe... with the other waifs... in a merciful... Brief laugh... God...“9 ), man möchte fast sagen die Körperlosigkeit (״gradualy realized... she was not suffering“10 ), weisen darauf hin, dass es sich bei dem Erzähler-Mund und der Frau, über die geredet wird, um die selbe Person handelt. Der Glaube der Frau wird hierbei offenbar enttäuscht, dennoch spricht sie von einer Strafe für ihre Sünden. Das immer wieder erwähnte Sausen und Rauschen könnte das des Textes sein, der auch den Zuschauern unablässig rhythmisch in den Ohren rauscht (״ah the time the buzzing... dull roar...“11 ). Auch die Fremdheit der Worte für ״sie“ wird erwähnt, was erklärt, warum sie von sich selbst in der dritten Person spricht und die Rede als nicht ihre eigene Geschichte bezeichnet.12 Sehr deutlich wird die Parallele, wenn die auf der Bühne, bzw. auf der Leinwand sichtbaren Lippen darüber sprechen, wie ״ihre“ Lippen sich bewegen (״her lips moving... imagine!... her lips moving...“13 ), immer mit dem distanzierenden ״imagine“ dazwischen, das impliziert, dass man sich etwas vorstellen muss, was eigentlich nicht da ist, obwohl man es doch deutlich vor sich sieht. Der nicht anzuhaltende Wortschwall (״can‘t stop the stream...[...] something begging in the brain... begging the mouth to stop...“14 ), das Licht, das Mondlicht sein könnte oder Bühnenbeleuchtung und Passagen wie ״whole body like gone... just the mouth...“15 lassen keinen Zweifel an der unmittelbaren Beschreibung der Situation auf der Bühne.

Beckett selbst listete eine Reihe Hauptthemen auf einem zusätzlichen Blatt zu seinem Manuskript auf, das unter dem Stichpunkt ״Rausrennen um zu sprechen“ die eben genannten Punkte umfasst: a) Sausen b) Lichtstrahl c) Körpergefühl bzw. Fühllosigkeit d) Gehirn und e)Wortschwall.16 Es wird deutlich, dass das Reden seine eigene Form reproduziert, ohne dass ein Rezipient dem ganzen wirklich folgen könnte.17 Auch die Chronologie ist nicht klar auszumachen. Die drei Punkte statt eines Schlusspunktes geben eine Zirkel-Form vor, nach der nicht nur Geburt und irgendwann ein Tod als Ende, sondern genauso gut eine Wiedergeburt vorliegen könnte.18 Spricht Mouth eine alte Frau kurz vor dem Tod, wie der Text impliziert, eine junge Frau, wie der Mund es vermuten ließe, oder vielleicht sogar einen Menschen nach seinem Tod? Es ist nicht klar auszumachen. Der Plot scheint also in seiner Zeitlichkeit, Räumlichkeit und Verständlichkeit zweitrangig und hinter dem Visuellen und dem hypnotischen Effekt des rhythmischen Sprechens zurückzustehen.19 Das Unverständliche verhindert zudem das Aufnehmen des Stückes durch das Bewusstsein.20 Offenbar wird hier noch eine andere, eine unbewusste Ebene angesprochen, die in Kapitel 3. noch eine Rolle spielen wird.

Es wurde bereits festgestellt, dass Not I doppelt betrachtet werden muss, um es völlig zu verstehen, da es auf der einen Seite natürlich Drama, auf der anderen aber auch Erzählung ist. Um die Dramaturgie zu durchleuchten, ist es daher hilfreich, den reinen Text zu Rate zu ziehen. Neben der im Theaterstück offenkundigen Endlosform kann man Not I so in fünf Teile gliedern, die mit ein wenig gutem Willen an die fünf Akte des Dramas erinnern.21 Jeder der fünf Teile ist durch das ״What?... who?... no!... she!“22, auf das kurze Stille, ein zugepresster Mund (im Video) und in der Bühnenfassung die einzige Geste des Auditors folgt, von dem nächsten Teil getrennt. Inhaltlich ist keine allzu große Unterscheidung zwischen den Teilen auszumachen. Im ersten Teil könnte man noch den Eindruck gewinnen, es handle sich um die einigermaßen chronologische Erzählung einer Frau, da der Text mit der Geburt beginnt. In allen folgenden Teilen mischen sich aber Zeiten, Orte und Begebenheiten, sodass die ״fünf Akte“ sich selbst wieder dekonstruieren und in ihrem zyklischen Strom der Momentaufnahmen eines Lebens aufgehen.

Die sprachliche Struktur des Textes wird in Aufführung und Vrdeo in außersprachliche, bildhafte und klangliche Mittel umgesetzt.23 Der Zuschauer findet keinen Zugang zu der textlichen Struktur. Das Chaos der Zwangslage der Protagonistin spiegelt sich in dem visuellen und akustischen hektisch sprechenden Mund.24 Doch diese chaotische, außersprachliche Struktur der Aufführung wird erst im Vergleich mit der eigentlichen textlichen Struktur offenkundig.25 Auf bildlicher Ebene finden wir zunächst nur den Mund, das reine Sprechen ohne die Instanz des Hörens der eignen Worte. Zuhörer ist einzig der schwächer beleuchtete Auditor. Was wir zunächst in keinem der beiden Bühnenfiguren finden, das Auge, schleicht sich aber beim Zuschauer ein. ״Not eye“26, wie Brater feststellt, ist das zentrale Motiv in dem phonetisch ähnlichen Not I, sondern der Mund. Dennoch wird auch der Blick des Zuschauers ganz klar gelenkt und zwar in erster Linie auf den Mund.27 Die hypnotische Wirkung ist nur zum Teil dem Klang geschuldet, zu großen Teilen aber auch den faszinierenden Bewegungen des Mundes - besonders im Video.

3.Der Mund

Das Mund-Fragment, das Beckett für Not I wählt, übt eine besondere Wirkung auf den Zuschauer aus, die zunächst nicht greifbar ist. Die Assoziationen des Mundes betreffend, beziehen sich die folgenden Ausführungen in erster Linie auf die Video-Fassung von Not I, da der Mund hier noch präsenter, gewaltiger und mit noch stärkerer Sogwirkung auftritt als in der Bühnenfassung. Die Zunge ist ambivalent, wie der Rest des Mundes, sie befindet sich auf der Schwelle zwischen Innen und Außen und erhält so ihren liminalen Charakter.

[...]


1 Vgl. Lömmel 2008: 146.

2 Vgl. Beckett 1978: 11.

3 Vgl. Lömmel 2008: 150.

4 Vgl. Fischer-Seidel 1987: 113.

5 Beckett 1978: 12, 18, 24, 26, 28.

6 Vgl. Lömmel 2008: 148.

7 Vgl. Fischer-Seidel 1987: 114.

8 Beckett 1978: 12.

9 Beckett 1978: 12.

10 Beckett 1978: 14. übersetzt mit: ״allmählich merkte... dass sie keine Schmerzen hatte“, s. 15.

11 Beckett 1978: 24.

12 Vgl. Beckett 1978: 19.

13 Beckett 1978: 18.

14 Beckett 1978: 20.

15 Beckett 1978: 26.

16 Vgl. Mettler 1984: 256.

17 Vgl. Mettler 1984: 260.

18 Vgl. Pountney 1988: 46.

19 Vgl. Brater 1987: 23.

20 Vgl. Mettler 1984: 246.

21 Vgl. Fischer-Seidel 1987: 113.

22 Beckett 1978: 12, 18, 24, 26, 28.

23 Vgl. Fischer-Seidel 19877: 107.

24 Vgl. Pountney 1988: 48.

25 Vgl. Fischer-Seidel 1987: 108.

26 Brater 1987: 19.

27 Vgl. Fischer-Seidel 1987: 112.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Das ambivalente Motiv des Mundes in Samuel Becketts "Not I"
Untertitel
Whole body like gone
Hochschule
Universität Leipzig
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
18
Katalognummer
V451682
ISBN (eBook)
9783668847644
ISBN (Buch)
9783668847651
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Beckett, Not I, Mund, Bachtin, Kröll, Zanner, Blecker, fundamentale Laute
Arbeit zitieren
Sabrina Kohl (Autor), 2015, Das ambivalente Motiv des Mundes in Samuel Becketts "Not I", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/451682

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