Die Epoche der Gegenwart ist durch das Hervortreten der "Weltgesellschaft" (Luhmann) gekennzeichnet. Das Janusköpfige der Moderne besteht darin, einerseits die Pluralität verschiedener Religionen, Kulturen und politischer Systeme zu erleben, andererseits eine Vereinheitlichung der ganzen Menschheit zu vollziehen (>gläserner Mensch<, >Panoptikon<). In der Charta der Vereinten Nationen sind Werte und Ziele formuliert, die eine Normativität für die gesamte Menschheit beanspruchen (Menschenrechte, Frauen- und Kinderrechte, Inklusion, Bewahrung der Bio-Sphäre des Planeten u.a.). Der Vorwurf, es handele sich bei diesen Werten nur um eine westliche Tradition, ist nicht stichhaltig. Näher besehen haben sich die modernen Wertüberzeugungen ebenso gegen >Alteuropa< durchsetzen müssen, wie Gandhi sie über <Altindien< gestellt hat, als er die Sklaverei der Frauen und der Unberührbaren beenden wollte. Von allen Religionen und Kulturen ist daher der Verwandlungsschritt in Richtung Moderne gleichermaßen einzufordern. Dank des Mediums der Kunst (sprachliches Kunstwerk) lässt sich indirekt dartun, dass es keine entgegengesetzten moralischen Intuitionen bei den Menschen gibt, höchstens moralische Abgestumpftheit und Gleichgültigkeit bzw. Verzerrung der moralischen Urteilskraft durch Ideologien, religiöse Fundamentalismen und massive Eigeninteressen.
Der Vortrag versucht in seinem Beschluss, dasjenige zu bestimmen, was für die Menschen (alle Menschen) in kollektiver und individueller Hinsicht verbindlich ist. Die Frage nach der (letzten) Begründung, warum wir moralische Urteile fällen und normative Ansprüche erheben, wird dabei offen gelassen.
Inhaltsverzeichnis
Über das Verbindliche in der Weltgesellschaft
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Frage, ob trotz tiefgreifender kultureller, religiöser und moralischer Differenzen in der modernen Weltgesellschaft ein für alle Menschen verbindliches Fundament identifiziert und begründet werden kann. Dabei wird die Spannung zwischen der beobachtbaren Pluralität einerseits und einer notwendigen, humanitären Vereinheitlichung andererseits kritisch analysiert.
- Analyse des Begriffs der Weltgesellschaft im Sinne von Niklas Luhmann
- Untersuchung der Janusköpfigkeit der Moderne zwischen Vielfalt und Uniformierung
- Kritische Betrachtung westlicher Werteansprüche und deren Universalitätsanspruch
- Die Rolle der Kunst als Medium für menschliche Übereinstimmung und Sympathie
- Ethische und politische Begründungsmodelle für eine gemeinsame Verantwortung
Auszug aus dem Buch
Über das Verbindliche in der Weltgesellschaft
Kann trotz der Vielzahl kultureller und religiöser Traditionen, tief gehender Differenzen in Werte-Überzeugungen und Lebensformen, die es in der aktuellen Weltgesellschaft gibt, dennoch ein für Alle >Verbindliches< ausformuliert werden? Zur Vorbereitung dieser Frage, die sich auf einem durchaus verminten Gelände bewegt, seien einige Begriffe geklärt, zuerst derjenige der „Weltgesellschaft“.
Diesen Begriff möchte ich im Sinn von Niklas Luhmann verwenden, der unter Gesellschaft einen Kommunikationszusammenhang versteht. Soweit sich die Kommunikationen unter Menschen erstrecken, haben wir es mit Gesellschaft zu tun, die als das umfassende Sozialsystem alle Kommunikationen der jetzt Lebenden in sich schließt. Im Blick auf die Moderne kann von einer Weltgesellschaft gesprochen werden, weil die Kommunikationen nicht an Staats- oder sonstigen Grenzen halt machen. Wissenschaftliche Forschungsergebnisse, z.B. im Bereich von Physik, Medizin oder Archäologie, werden weltweit kommuniziert, Fotographien, die von Raumstationen im Weltraum produziert werden, werden allgemein, z.B. im Internet, zugänglich gemacht, erfolgreiche Filme werden in der ganzen Welt beachtet und angeschaut, über Sportereignisse oder die Kurzbotschaften des amerikanischen Präsidenten wird weltweit berichtet.
Zusammenfassung der Kapitel
Über das Verbindliche in der Weltgesellschaft: Der Text erörtert die Möglichkeit einer gemeinsamen moralischen Basis für die Weltgesellschaft unter Berücksichtigung von Luhmanns Gesellschaftstheorie und der Janusköpfigkeit der Moderne.
Schlüsselwörter
Weltgesellschaft, Verbindlichkeit, Niklas Luhmann, Moderne, Menschenrechte, Pluralität, Zivilreligion, Ethik, Sympathie, David Hume, Immanuel Kant, Hans Jonas, Verantwortung, Inklusion, Kulturkritik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der Suche nach einem universell verbindlichen moralischen und existentiellen Rahmen für alle Menschen in der heutigen Weltgesellschaft.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Dialektik von kultureller Vielfalt und globaler Vereinheitlichung, die Rolle von Religion und Tradition in der Moderne sowie die ethische Verantwortung des Menschen.
Welches Ziel verfolgt der Autor?
Das primäre Ziel ist es zu klären, ob ein normatives Urteil gefällt werden kann, das für alle Menschen verbindliche Grundsätze bestimmt, ohne in einen westlichen Neo-Kolonialismus zu verfallen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit kombiniert soziologische Systemtheorie, insbesondere Ansätze von Niklas Luhmann, mit philosophischen Analysen der Aufklärung und moderner Verantwortungsethik.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Rolle der Vereinten Nationen, die historische Ambivalenz westlicher Werte, die Bedeutung von Kunst für die menschliche Übereinstimmung sowie ethische Imperative zur Bewahrung der Lebensgrundlagen.
Durch welche Schlüsselwörter wird die Arbeit charakterisiert?
Die zentralen Begriffe sind Weltgesellschaft, Verbindlichkeit, Menschenrechte, Pluralität, Zivilreligion und ethische Verantwortung.
Welche Rolle spielt die Kunst in der Argumentation?
Die Kunst wird als ein Medium betrachtet, in dem Menschen – jenseits von egoistischen Eigeninteressen – zu intuitiven, übereinstimmenden moralischen Bewertungen fähig sind.
Wie bewertet der Autor Kants Philosophie im modernen Kontext?
Der Autor sieht Kants Philosophie als wichtigen Ausgangspunkt, merkt jedoch an, dass dessen Gesellschaftsbegriff für die moderne funktional differenzierte Weltgesellschaft ergänzt und weitergedacht werden muss.
- Arbeit zitieren
- Wilhelm Metz (Autor:in), 2018, Über das Verbindliche in der Weltgesellschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/452224