Kommunikations- und Informationswege in der Pflegeausbildung im Wandel

Wie Lehrende die Digitalisierung erleben


Bachelorarbeit, 2018
70 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis IV

1 Vorwort

2 Problemstellung und Ziel der Arbeit

3 Begriffsbestimmungen und theoretische Verortung der Thematik
3.1 Web
3.2 Social Media
3.2.1 Nutzen von Social Media im privaten Kontext
3.2.2 Nutzen von Social Media im beruflichen Kontext
3.3 Die Theorie des Sozialen Raumes und das Konzept des Habitus nach Pierre Bourdieu
3.3.1 Medialer Habitus
3.3.2 Digital Natives und Digital Immigrants

4 Forschungsmethode
4.1 Datenerhebung
4.1.1 Sampling
4.1.2 Leitfadenkonstruktion
4.1.3 Durchführung der Experteninterviews
4.1.4 Transkription des Datenmaterials
4.2 Datenanalyse

5 Ergebnisse
5.1 Nutzungsverhalten der Lehrperson von Web 2.0 und Social Media
5.1.1 Vertrauensdefizit im Hinblick auf die Qualität neuer Medien
5.1.2 Unsicherheit beim Einsatz von webbasierten Diensten
5.1.3 Widerstand gegen die Darstellung der eigenen Person im Internet
5.2 Erleben der Lehrenden im Hinblick auf die Nutzung von Web 2.0 und Social Media durch die Lernenden
5.2.1 Unterrichtsstörung „Smartphone“
5.2.2 Erlebte Kluft im Mediennutzungsverhalten zwischen Lehrenden und Lernenden
5.2.3 Reduzierte Lese- und hermeneutische Kompetenz bei den Lernenden
5.2.4 Reduzierte Konfliktlösungskompetenz bei den Lernenden
5.3 Beziehungsgestaltung zwischen Lehrenden und Lernenden im Zeitalter des sich verändernden Mediennutzungsverhalten
5.4 Zusammenfassung der Ergebnisse

6 Diskussion der Ergebnisse
6.1 Kontrolle und Kontrollverlust im berufspädagogischen Kontext
6.2 Milieugrenzen und deren Reproduktion durch Unterschiede im medialen Habitus
6.2.1 Ambivalenz und Überforderung bei der Nutzung von Web 2.0 und Social Media durch die Lehrenden
6.2.2 Unterschiede in der digitalen Sprache zwischen Lehrenden und Lernenden

7 Chancen und Grenzen dieser Arbeit für den berufspädagogischen Kontext
7.1 Bedeutung dieser Arbeit für die Pädagogik in den Pflegeberufen
7.2 Möglichkeiten für eine Implementierung neuer Medien im Bereich der Pädagogik der Pflegeberufe

8 Literaturverzeichnis

Anhangsverzeichnis IV

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Sozialer Raum. Eigene Darstellung in Anlehnung an Schwingel 2000, S. 106 17

Abbildung 2: Sinus Milieus (Sinus-Institut, 2017) 18

Abbildung 3: Forschungsprozess. Eigene Darstellung 27

1 Vorwort

Als aktive Nutzerin von digitalen Medien und sozialen Netzwerken bezog ich diese als Ressourcen auch zur Unterrichtsvorbereitung mit ein und erlebte unterschiedliche Reaktionen der Lehrenden auf meine Nutzung dieser Medien. Gleichzeitig stellte ich mir die Frage, in wie weit Grenzen überschritten werden, wenn zwischen Lehrenden und Lernenden eine Kommunikation auf Basis sozialer Netzwerke stattfindet. Offenbar existieren hier Grenzen, die implizit gesetzt und explizit gewahrt werden. Jene Grenzen galt es für mich zu fassen, um die Unterschiede in der medialen Nutzung zwischen Lehrenden und Lernenden zu verstehen. Hierfür war es notwendig, einen tieferen Einblick in das Erleben der Lehrenden im Hinblick auf die sich wandelnden Kommunikations- und Informationswege zu erlangen. So sollte aufgedeckt werden, ob meine subjektiven Wahrnehmungen der Widerstände von Lehrenden, soziale Medien aktiv zu nutzen, auch den individuellen Wahrnehmungen entsprechen.

In den durchgeführten Interviews boten mir die Lehrenden die Möglichkeit, ihre Sicht auf die digitale Entwicklung, ihre Sorgen und Bedenken hinsichtlich dieses Prozesses tiefgründiger zu verstehen. Für die offenen Gespräche, welche die sensiblen Themen der Ängste und intrapersonellen Widerstände thematisierten, bin ich meinen Gesprächspartnerinnen[1] sehr dankbar. So war es mir möglich, blinde Flecken in der Wahrnehmung der Lehrenden im Hinblick auf die digitale Entwicklung im Bereich der Lehre zu benennen, zu analysieren und in den berufspädagogischen Kontext einzubetten. Weiterhin ermöglichte mir die tiefgründige Auseinandersetzung mit sozial bedingten Bewertungsprozessen im Hinblick auf die neuen Medien die Möglichkeit zur Reflexion meiner eigenen Bewertungsstrategien, sodass ich im Laufe meiner beruflichen Entwicklung als professionell Lehrende meine Urteile im Hinblick auf die Etablierung neuer Medien reflektieren kann, um so gesellschaftliche und medienbezogene Strömungen zu erkennen und in meinen Berufsalltag implementieren zu können. Dies war mir nur mit der Unterstützung und Betreuung durch Frau Prof. U. Thielhorn und Herrn Prof. Dr. J. Schmerfeld möglich, wofür ich mich an dieser Stelle aufrichtig bedanken möchte. Für die wertvollen Inspirationen, die zu einem besonderen Blick auf die Medienaffinität von Lehrenden und Lernenden geführt und welche maßgeblich zum Entstehen dieser Arbeit beigetragen haben, möchte ich mich weiterhin und ganz besonders bei meiner Mutter bedanken.

2 Problemstellung und Ziel der Arbeit

Der Prozess des digitalen Wandels beeinflusst die Lebensräume der Menschen in den Industrieländern. Auch der Bereich der Lehre wird von der Digitalisierung tangiert. Vor allem die Entwicklung des Internets hat Auswirkungen auf das menschliche Lernverhalten. Während das Internet zunächst als „Leseweb“ (Müller, 2013), welches lediglich von Programmierern editiert werden konnte, etabliert wurde, entsteht mit dem Ausbau des Internets zum „Mitmachweb“ (ebd.) eine neue Informations- und Kommunikationsdimension, die Auswirkungen auf das Lehr- und Lernverhalten haben kann. Mit der Etablierung des „Mitmachwebs“ als Web 2.0 stehen den Lernenden umfangreiche Informationen zur Verfügung, die von anderen Internetnutzern im Rahmen von Enzyklopädien im World Wide Web bereitgestellt werden. Diese Informationen werden im Gegensatz zu Fachbüchern zwar vor ihrer Publikation redigiert, jedoch können Änderungen auch von Laien direkt im Browser vorgenommen werden, sodass von inhaltlicher Qualität nicht per se ausgegangen werden kann (Glanz, 2016, S. 184–186).

Um Lernen auch im Prozess der Digitalisierung zu ermöglichen, ist es notwendig, dass die lehrenden Personen den sich wandelnden Aufgaben gerecht werden. Dies lässt auf den Ansatz einer konstruktivistischen Didaktik, die ermöglicht, dass Lernende sich Wissen durch individuelle Konstruktion selbst erarbeiten, schließen (vgl. Glasersfeld, 1996, S. 22; Gräsel, Bruhn, Mandl & Fischer, 1996). Die mediale Dimension des Web 2.0 kann hier als Informations- und Kommunikationsmedium dienen. Dies impliziert die Verwendung sozialer Netzwerke und Messenger-Dienste wie Facebook oder WhatsApp – auch im Hinblick auf den Bereich der Bildung. Smartphones, Tablets und Notebooks werden in den Klassenräumen von Pflegeschulen noch eher selten aktiv in den Unterricht integriert, obwohl anzunehmen ist, dass ihr Einsatz den Lernprozess unterstützen könnte. Eine der wenigen Ausnahmen im Bereich der beruflichen Bildung bildet ein vom Ministerium für Kultus, Jugend und Sport des Landes Baden Württemberg (KM BW) etablierter Schulversuch, der einen forcierten Einsatz von technischen Hilfsmitteln unter Einbezug von Applikationen des Web 2.0 vorsieht (Ministerium für Kultus, Jugend und Sport, Baden Württemberg, 2017). Im Rahmen dieses Schulversuches können sich Lehrende als sogenannte „Digital Immigrants“ (Prensky, 2001) der Herausforderung der Digitalisierung stellen und das Kompetenzgefälle zu den „Digital Natives“ (ebd.) aktiv bearbeiten. Weiterhin ist seitens der Lehrenden auch ein Widerstand gegen den Prozess der Digitalisierung möglich, so dass eine Etablierung von neuen Informations- und Kommunikationswegen in die Pflegeausbildung erschwert werden kann (Knaus & Engel, 2016; Schmidt, 2015; Wampfler, 2016). Um die Lernenden der Pflegeausbildungen auf die berufliche Praxis vorzubereiten, ist es jedoch notwendig, als Lehrperson den Umgang mit virtuellen Lernräumen zu kennen. Dann können die Lernenden dahingehend befähigt werden, qualitativ hochwertige Informationen aus dem Internet zu beziehen, um so evidenzbasiert pflegen zu können (Richardson, Ohnacker & Ohnacker, 2011, S. 10).

Das Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, ein tieferes Verständnis für die Wahrnehmung der Auswirkungen des digitalen Wandels aus der Perspektive Lehrender zu erlangen. Die Haltungen von Lehrpersonen gegenüber dem Einsatz von sozialen und interaktiven Medien im Lehr- und Lernsetting soll herausgearbeitet werden, um ein Verständnis für Widerstände gegen den Prozess der Digitalisierung des Unterrichtes zu erreichen. Hierzu ist es notwendig, die subjektiven Haltungen lehrender Personen zu erfassen, um Chancen, Grenzen und Gefahren durch den digitalen Wandel aus Sicht Lehrender aufdecken zu können. So lässt sich vor dem Hintergrund des formulierten Forschungsziels folgende Forschungsfrage ableiten:

Wie erleben Lehrende in der Pflegeausbildung den Prozess der Digitalisierung und welche Chancen und Grenzen nehmen sie wahr?

Dieses Forschungsziel impliziert den Anspruch, die subjektive Wirklichkeit von in der Pflegeausbildung tätigen Personen aufzudecken, wobei eine Quantifizierung der Daten nicht im Vordergrund steht. Hierfür eignet sich ein qualitatives exploratives Forschungsdesign besonders. Auf die Forschungsmethode wird im vierten Kapitel dieser Arbeit differenziert eingegangen, um nach der detaillierten Darstellung der notwendigen Begriffskonstellationen den Prozess der Ergebnisgenerierung umfassend abbilden zu können.

3 Begriffsbestimmungen und theoretische Verortung der Thematik

Um ein tieferes Verständnis für die Lehrenden an Pflegeschulen im Hinblick auf den Umgang mit digitalen Medien erlangen zu können, ist es zunächst notwendig, wiederkehrende Begrifflichkeiten zu erfassen und in den Kontext sozialer Entwicklungen zu setzen. Im Rahmen der theoretischen Sensibilisierung (vgl. Strauss & Corbin, 2010, 25 ff) tauchten die Begrifflichkeiten des Web 2.0 und Social Media in unterschiedlichen Zusammenhängen auf, sodass von einer Bedeutsamkeit der Begrifflichkeiten im Hinblick auf die Annäherung an das Forschungsziel ausgegangen werden kann. Zunächst werden diese Begrifflichkeiten umfassend dargestellt, um im Anschluss die gesellschaftlichen Strömungen im Hinblick auf die Nutzung der neuen Medien visualisieren zu können. Bisherige empirische Arbeiten ergaben, dass die Nutzung von Web 2.0 vor allem abhängig vom sozialen Milieu des jeweiligen Users ist (vgl. Kommer, 2016). So wird die Darstellung der soziologischen Theorie des Sozialraume s sowie das Habituskonzept von Pierre Bourdieu Gegenstand dieses Teils der Arbeit sein. Im Anschluss an die Darstellung der Ergebnisse können diese vor dem Hintergrund der Soziologie nach Bourdieu sowie unter Einbezug bisheriger Verortungen des medialen Habitus‘ diskutiert und in den berufspädagogischen Kontext eingebettet werden.

3.1 Web 2.0

Der Begriff Web 2.0 wurde erstmals im Jahr 2005 von Tim O'Reilly genutzt. Die Versionsnummer 2.0 deutet auf eine Weiterentwicklung des World Wide Webs auf eine neue Version hin. Kernveränderungen zum vorangehenden Web 1.0 sind vor allem die neuen Möglichkeiten, das World Wide Web selbst mitzugestalten, anstatt dargestellte Inhalte lediglich zu konsumieren (Cormode & Krishnamurthy, 2008; Meckel, 2008; Müller, 2013; O'Reilly, 2005; Wampfler, 2016). Während Cormode und Krishnamurthy (2008) Kernveränderungen des World Wide Webs vor allem in der Ausgestaltung sozialer Netzwerke und der darin zu Grunde liegenden virtuellen Selbstdarstellung über Profile sehen, stellen Meckel (2008) und Müller (2013) auch die kollektive Wissensbildung auf Basis des Web 2.0 dar. Soziale Netzwerke wie Facebook, Twitter oder YouTube basieren auf den technischen Modifikationen, die ein Verändern des Webinhalts von jedem Internetnutzer ermöglichen. Die den sozialen Netzwerken immanente Kommunikationsstrukturen werden im Anschluss differenziert beschrieben und in den Kontext der Entwicklungen des World Wide Webs gebracht.

Neben den sich wandelnden interpersonellen Kommunikationsmöglichkeiten sind vor allem die von den Internetnutzern zu ändernden Websiteinhalten eine Innovation, welche mit dem Web 2.0 implementiert wurde (Meckel, 2008). Müller (2013) beschreibt diesen Wandel vom „Leseweb“ zum „Mitmach-Web“. Neben Internetseiten von beispielsweisen Behörden und Betrieben gibt es, auch neben den bereits erwähnten Sozialen Netzwerken, Seiten, die eine aktive Gestaltung durch den User[2] ermöglichen. Blogs[3] und Wikis[4] sind Beispiele hierfür (Cormode & Krishnamurthy, 2008; Meckel, 2008). Letztere scheinen als Anwendungen im Web 2.0 vor allem im Hinblick auf das Lehren und Lernen in der aktuellen Epoche einen besonderen Stellenwert einzunehmen. Wikipedia, eine freie und kostenlose Enzyklopädie, stellt gemeinsam mit der pflegespezifischen Enzyklopädie PflegeWiki eine Anwendung zur Information und Wissensbildung im Web 2.0 dar (PflegeWiki, 2017a). Im Gegensatz zu Fachbüchern und HTML-Versionen auf E-Learning-Plattformen, wie sie größere Verlage für Medizin- und Pflegeliteratur anbieten, können die Inhalte von Seiten der Enzyklopädien kontinuierlich und von jedem Nutzer bearbeitet werden. Die Versionsgeschichte der einzelnen Artikel kann vom Leser nachvollzogen werden, welcher Autor welchen Abschnitt an welchem Zeitpunkt bearbeitet hat (Glanz, 2016, S. 184). Während die Vorgängerversion von Wikipedia, die Nupedia, noch im Peer-Review-Verfahren gesichtet wurde, werden Änderungen auf der aktuellen Version[5] nur teilweise von Experten auf „Tauglichkeit und die Urheberrechte“ (Glanz, 2016, S. 185) überprüft. Neben der Darstellung einzelner Artikel im neutralen Stil einer Enzyklopädie, ist die den Artikeln zugeordnete Diskussionsseite Kerngegenstand der im Zeitalter der Social Media. Hier können fach- und artikelbezogene Diskussionen stattfinden, die jedem User zur Verfolgung offenstehen. Die in der virtuellen Enzyklopädie veröffentlichten Artikel können sich so in ständiger Bearbeitung und Diskussion befinden. Im Gegensatz zu Printmedien, die von fachbezogenen Expertinnen verfasst sind, entstehen die Artikel in den virtuellen Enzyklopädien als dynamisches Resultat im Sinne des „emergenten Phänomens der kollektiven Intelligenz“ (vgl. Heylighen, 2011). Die dauerhafte Editierbarkeit der Enzyklopädie, wie sie durch Anwendungen des Web 2.0 möglich ist, macht Artikel in den Enzyklopädien zu einer ständigen Beta-Version (Cormode & Krishnamurthy, 2008, S. 4), was eine dynamische und reflexive Wissensbildung impliziert.

Die Form der Wissensbildung und -organisation verändert sich mit der Etablierung des Web 2.0 und dessen industriellen Ausbau. Große Konzerne wie Google oder Yahoo handeln mit Daten, die in das Web 2.0 eingespeist werden, organisieren und veröffentlichen diese für den User (Blumauer & Pellegrini, 2009). Daten einzelner Websites können so maschinell ausgelesen werden, mit den Daten anderer Websites verglichen werden und mit Schlagworten (sogenannte Tags) versehen werden, sodass die Internetnutzenden in Suchmaschinen auf die Seiten gelangen, die mit dem eingegebenen Schlagwort markiert sind (ebd.). Die Wissenserschließung mittels Anwendungen im Web 2.0 kann so nicht mehr ausschließlich nach dem Prinzip des Top down und manuell erfolgen (Blumauer & Pellegrini, 2009, S. 8). Vielmehr spielen im aktuellen Zeitalter auch die von Usern eingespeisten Daten im Sinne des „Global Brain“ (Heylighen, 2011, S. 274) eine Rolle, die dann mit Tags versehen und den Usern komprimiert sowie organisiert zur Verfügung stehen (Blumauer & Pellegrini, 2009, S. 8). Die Wissensbildung unter Nutzung des Web 2.0 erfolgt nicht mehr aus dem lesenden Individuum heraus, vielmehr spielen globale Prozesse und Diskurse in die Inhaltserschließung mit ein (ebd). Welche Rolle die sozialen Netzwerke in der Wissensbildung haben und welche Kommunikationsmöglichkeiten möglich sind und genutzt werden, wird Gegenstand des folgenden Teils dieser Arbeit sein.

3.2 Social Media

Der Begriff Social Media steht in engem Zusammenhang mit dem Begriff des Web 2.0 (Cormode & Krishnamurthy, 2008). Virtuelle soziale Netzwerke, in denen User konsumieren, produzieren und kommunizieren, bedürfen der technischen Möglichkeiten des im Vorfeld näher erläuterten Web 2.0. Allgemein werden unter dem Begriff Social Media webbasierte Plattformen verstanden, auf denen sich User mittels Profilerstellung einen virtuellen Auftritt kreieren können, wo Inhalte konsumiert, geteilt und bearbeitet und unter Netzmitgliedern kommuniziert werden können (Gabler Wirtschaftslexikon, 2017e). Im engeren Sinne werden hierunter vor allem Soziale Netzwerke wie beispielsweise YouTube oder Facebook verstanden, aber auch private Blogs, auf denen ein User Inhalte verfasst und veröffentlicht, die von der lesenden Person aktiv kommentiert werden können, (Alpar & Blaschke, 2008; Cormode & Krishnamurthy, 2008; Wampfler, 2016).Die Beziehung zwischen den Social Media und dem Web 2.0 wird jedoch unterschiedlich gedeutet. Während die Definition des Gabler Wirtschaftslexikons (2017e) das Web 2.0 als Entwicklung aus den Social Media heraus beschreibt (Gabler Wirtschaftslexikon, 2017e), so stellt Wampfler (2008) die Sozialen Netzwerke als Resultat aus den technischen Möglichkeiten des Web 2.0 dar. Laut Cormode und Krishnamurthy (2008) können die Begrifflichkeiten des Web 2.0 und der Social Media somit gleichgesetzt werden. Weiterhin wird der Begriff des Social Media im Gabler Wirtschaftslexikon mit der wörtlichen Übersetzung Soziale Medien in die deutsche Sprache übersetzt. Wampfler (2008) und Lovink (2011) kritisieren eine solche direkte Übersetzung, da das Adjektiv Social, nicht mit der allgemeinen Bedeutung von sozial gleichgesetzt werden könne. Es handle sich im Zusammenhang mit der Begrifflichkeit Social Media lediglich um eine technische Erweiterung des World Wide Webs mit Möglichkeiten der virtuellen Vernetzung (vgl. Wampfler, 2016, S. 32). Wampfler (2008) beruft sich auf die von Jurgenson und Boesel (2012) beschriebenen Unterschiede zwischen den englischen Begriffen social und Social. Die großgeschriebene Version des Wortes umfasst demzufolge die Möglichkeit zur virtuellen Vernetzung von Internetnutzern auf virtuellen Plattformen, während das kleingeschriebene Adjektiv social zwischenmenschliche Interaktionen inner- und außerhalb virtueller Räume beschreibt (vgl. Wampfler, 2016, S. 32). Social Media scheinen demnach internetbasierte Medien, die eine Plattform zur Kommunikation und Reproduktion von Inhalten durch einzelne User zur Verfügung stellen, zu sein. Die Internetplattformen selbst als Social Media zu definieren, lehnt Münker (2009) dagegen ab. Erst die Nutzer solcher Internetplattformen machten diese zu sozialen Netzwerken (Münker, 2009, S. 10).

Zusammenfassend ist zu konstatieren, dass Social Media virtuelle Umgebungen darstellen, auf denen Internetnutzer als Konsument und gleichzeitig als Produzent interaktiv agieren können. Im Zuge des digitalen Wandels entstand so neben dem neuen Profil des Nutzers auch das Kofferwort „Prosument“, welches sich aus den Begrifflichkeiten Konsument und Produzent zusammensetzt (vgl. Gabler Wirtschaftslexikon, 2017d). Innerhalb der sozialen Netzwerke werden Texte, Videos und Beiträge konsumiert, auf dem eigenen Profil und für andere Mitglieder sichtbar geteilt oder kommentiert und diskutiert. Soziale Netzwerke auf virtueller Ebene nutzen internetbasierte und vielschichte Kommunikationswege, sodass eine Verbreitung von Inhalten und Meinungen nach dem Prinzip „many to many“ (Wampfler, 2016, S. 33) möglich ist.

Während Informationen, die auf dem eigenen Profil geteilt werden, frei für andere Mitglieder zugänglich sind, gibt es innerhalb einiger sozialer Netzwerken auch die Möglichkeit, in Nachrichtenprogrammen unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu kommunizieren. Applikationen wie der Facebook Messenger oder der Kurznachrichtendienst für Mobiltelefone WhatsApp ermöglichen eine schriftliche Kommunikation über das Internet in Echtzeit. Unter Einsatz eines mobilen Datennetzes können internetbasierte Text-, Bild-, Video- und Sprachnachrichten auch mobil in Echtzeit versendet und empfangen werden. Inwiefern diese neue Form der Kommunikation in der Gesellschaft genutzt wird, wird neben der Darstellung der Nutzung von Social Media im beruflichen und privaten Kontext Gegenstand dieser Arbeit sein.

3.2.1 Nutzen von Social Media im privaten Kontext

Die Nutzung von Social Media in Deutschland ist im internationalen Vergleich gering (vgl. Poushter, 2016). So nutzen nur 50 Prozent der in Deutschland lebenden Internet- und Smartphonenutzenden soziale Netzwerke, während asiatische Länder eine deutlich höhere Nutzungsquote von Social Media aufweisen (ebd.). Die Häufung der Nutzenden von sozialen Netzwerken ist in der Altersspanne zwischen 18 und 34 mit 81% der in Deutschland lebenden Menschen dieser Alterskategorie am höchsten. So ist davon auszugehen, dass auch ebenfalls ca. 80% der Auszubildenden der Pflegeberufe Nutzende von Social Media sind, wenn man annimmt, dass der überwiegende Anteil der Lernenden zwischen 20 und 24 Jahren alt ist (vgl. Poushter, 2016; Werner, 2012).

Dem statistischen Bundesamt zur Folge lag die Zahl der User von Social Media für private Zwecke im ersten Quartal des Jahres 2016 bei 55%, wobei die meisten Prosumierenden zwischen 16 und 24 Jahre alt waren (vgl. Statistisches Bundesamt 2016b). Dies bedeutet, dass die Information und auch die Kommunikation vieler Lernenden der Pflegeberufe im virtuellen Raum und auf sozialen Netzwerken stattfinden. Welche Inhalte konsumiert, kommentiert und geteilt werden, scheint vor allem von der individuellen Interessenlage des einzelnen Prosumierenden abzuhängen. Dies ist besonders dann der Fall, wenn eine aufgerufene Website sogenannte „Cookies“ (Gabler Wirtschaftslexikon, 2017b) speichert. Internetseiten, die häufig vom User angeklickt werden, werden gespeichert und Inhalte auf das Nutzerverhalten untersucht (Gabler Wirtschaftslexikon, 2017b). Diese Informationen können von sozialen Netzwerken genutzt werden, um userbezogene Werbung oder vorgeschlagene Seiten innerhalb der Plattform vorzuschlagen (ebd.). Markiert der User die vorgeschlagenen Seiten beispielsweise auf Facebook, werden neue Inhalte dieser Seite auf seinem News-Feed[6] hinzugefügt, sodass sich dieser personalisiert und auf die bisherige Interessenslage des Prosumierenden adaptiert. Kritik an dieser per Cookies durchgeführten Filtermethode äußert der Internetaktivist Eli Pariser, indem er das durch große Internetkonzerne veranlasste und gesteuerte Filtern von Inhalten als „Filter Bubble“, in der sich der User schlussendlich befindet, in seinem gleichnamigen Buch beschreibt (Pariser, 2012).

Die Möglichkeit, interessenbezogene Inhalte innerhalb der Social Media zu konsumieren und individuell zu verarbeiten, basiert im Wesentlichen auf der Präsenz von profilbasierten Auftritten einzelner Netzwerkmitglieder oder Unternehmen. Die Nutzung von Sozialen Netzwerken als Unternehmen und Konsument erweitert das Phänomen von Social Media auch in den beruflichen Bereich der User.

3.2.2 Nutzen von Social Media im beruflichen Kontext

Viele Unternehmen verfügen bereits über eigene Seiten oder Blogs innerhalb sozialer Netzwerke. Im Jahr 2012 verfügten beispielsweise 48% der mittelständischen Unternehmen in Deutschland Blogs oder Unternehmensauftritte innerhalb Sozialer Netzwerke (Bitkom Research, 2012). Im Gesundheitssektor nutzten im Jahr 2013 bereits 68% der deutschen Krankenhäuser Social Media als Informationsmöglichkeit (Menzel, 2013). Neben der Nutzung zur Öffentlichkeitsarbeit von Unternehmen soll an dieser Stelle auch das Nutzungsverhalten im Hinblick auf Social Media durch Pflegende und Auszubildende der Pflege- und Heilberufe dargestellt werden. Diese Darstellung erfolgt exemplarisch für das Soziale Netzwerk Facebook, da dies das populärste Netzwerk in Deutschland darstellt (vgl. Statista 2017). Andere soziale Netzwerke wie Twitter, Instagram oder YouTube können im Rahmen dieser Arbeit nicht weiter berücksichtigt werden.

Das im vorangehenden Teil dieser Arbeit erwähnte PflegeWiki betreibt neben der gleichnamigen Enzyklopädie auch eine Seite auf Facebook[7]. Im August 2017 haben knapp 3000 bei Facebook registrierte Nutzer Neuigkeiten der Seite von PflegeWiki abonniert, was bei 569.042 Beschäftigten der Gesundheits- und Krankenpflege, der Altenpflege, des Rettungsdienstes und der Geburtshilfe rund 0,5% ausmacht[8]. Weitere pflegerelevante Seiten auf dem Sozialen Netzwerk Facebook werden von 1,32% - 1,76% der Beschäftigten in Gesundheits- und Heilberufen abonniert[9]. Mit im August 2017 knapp 40.000 Gefällt-mir -Markierungen verzeichnet eine pflegespezifische Seite des Verlages für Medizin- und Pflegeliteratur Georg Thieme „Thieme liebt Pflegende“[10] deutlich mehr Abonnenten: Exakt 7% der den Gesundheits- und Heilberufen angehörenden Beschäftigten erhalten regelmäßig Informationen dieser Seite auf ihrem privaten News-Feed. Die rund siebenmal höhere Reichweite dieser Seite im Vergleich zu anderen berufspolitischen und fachspezifischen Seiten könnte auf den von Wampfler (2008) beschriebenen Unterhaltungsfaktor zurückzuführen sein. Neben fachlichen und berufspolitischen Inhalten werden von der Seite auch unterhaltsame und für das eigene Unternehmen wirksame Inhalte veröffentlicht.

Ob ein User Social Media oder andere Elemente des Web 2.0, wie beispielsweise berufsspezifische Enzyklopädien nutzt, kann unter Beleuchtung der Anzahl an Abonnenten nur unzureichend dargestellt werden. Seiten auf sozialen Netzwerken können auch aufgerufen, konsumiert und kommentiert werden, ohne dabei Nachrichten der Seite für den individuellen News-Feed zu abonnieren, sodass die Anzahl der tatsächlich Nutzenden nicht angegeben werden kann. Das Wachstum der Seite PflegeWiki lässt jedoch auf einen Zuwachs an Prosumierenden schließen. Nach eigenen Angaben entstand das PflegeWiki im Jahr 2004 als internes Projekt eines Fachseminars für Altenpflege (PflegeWiki, 2017b) und steht seit 2013 unter der Schirmherrschaft des Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe e. V. (DBfK) (ebd.).

Neben den Möglichkeiten zur Information und dem Teilen von Inhalten ist, wie im vorangehenden Teil dieser Arbeit näher beschrieben, auch das Kommunizieren in Echtzeit über internetbasierte Dienste ein integraler Bestandteil des Web 2.0 und der Social Media. Instant Messenger wie WhatsApp ermöglichen auch Gruppen- und somit interessenabhängige Chats unter teilnehmenden Mitgliedern. Da das Netzwerk basierend auf Mobilfunknummern Profile erstellt, ist davon auszugehen, dass vor allem Personen, die private Interessen und somit Telefonnummern miteinander teilen, Mitgliedern von eher kleineren virtuellen Interessensgemeinschaften sind. Immerhin nutzen 68% der Internetnutzer und somit 37 Millionen Menschen in Deutschland den internetbasierten Messenger-Dienst (Bitkom Research, 2012). Aus diesem Grund scheint vor allem diese Plattform des Social Media für die Kommunikation in Klassenräumen der Pflegeausbildung interessant zu sein. Vor allem Menschen der Altersspanne, in welcher sich die meisten Lernenden der Pflegeausbildung befinden, nutzen häufig Social Media, wobei jungen Menschen im Alter von 18-19 Jahren vor allem Facebook und WhatsApp präferiert werden (Bitkom Research, 2012; Feierabend, Blankenhorn & Rathgeb, 2016; Werner, 2012), während die Generation der Übervierzigjährigen weniger häufig in Sozialen Netzwerken vertreten ist (Bitkom Research, 2012). Diese Tatsache lässt auf Generationsunterschiede im Hinblick auf die Nutzung von virtuellen und interaktiven Medien schließen. Neben dem Geburtsjahr scheinen weitere gesellschaftliche Faktoren, die die Nutzung von Web 2.0 und Social Media betreffen, zu wirken. Um dieses Phänomen fassbar machen zu können, wird im folgenden Teil dieser Arbeit die Internetnutzung vor dem Hintergrund sozialer Entwicklungen und auf Basis der bourdieuschen Ungleichheitssoziologie beleuchtet und in den gegenwärtigen Kontext eingebettet, um die individuelle und milieuabhängige Affinität zu den neuen Medien abbilden und diskutieren zu können.

3.3 Die Theorie des Sozialen Raumes und das Konzept des Habitus nach Pierre Bourdieu

Um soziale Unterschiede und deren Entwicklung beschreiben zu können, eignet sich das Modell des Habitus unter Einbezug der Sozialraumtheorie nach Pierre Bourdieu besonders. Als Resultat umfangreicher ethnographischer, empirischer Arbeiten stellt Bourdieu auf Basis seiner Kapitaltheorie und des Konzeptes des individuellen Habitus‘ die Theorie des Sozialen Raumes vor und erweitert so die Klassen- und Standeskonzepte von Karl Marx und Max Weber (Tieben, 2003). Während so soziale Milieus aufgedeckt werden, können unter Einbezug des Habituskonzepts milieuspezifische Handlungs- und Denkmuster identifiziert werden, die die Milieugrenzen von der jeweiligen Umwelt abgrenzen. So sollen im Laufe dieser Arbeit Milieugrenzen identifiziert werden, um Aussagen über mögliche Differenzen und Distinktionen im Hinblick auf die Nutzung von Web 2.0 und Social Media tätigen zu können. Zunächst wird der Begriff des Habitus umfassend beschrieben, um ihn in Bezug zu der Theorie des Sozialraums bringen zu können.

Mit dem Begriff des Habitus umschreibt Bourdieu die subjektive und individuelle innere Haltung eines Individuums in der Gesellschaft (Krais & Gebauer, 2015). Im von der sozialen Umwelt abhängigen Habitus eines Individuums werden Gewohnheiten, Wert- und Normvorstellungen und der eingeschlagene Lebensstil in reziprokem Verhältnis zur Außenwelt vereint (Fuchs-Heinritz & König, 2011, S. 89). Der individuelle Habitus entwickelt sich demnach aus der individuellen Sozialisation des Subjektes, sodass von einer unbedingten Beziehung zwischen Individuum und Umwelt ausgegangen werden muss. Handlungspraktiken, Schemata in Denk- und Wahrnehmungsweisen sowie Erwartungen an die Handlungspraktiken der an der Gesellschaft teilnehmenden Individuum basieren auf dem Habitus der Subjekte und bedingen ihn gleichermaßen (vgl. ebd.).

Der Habitus eines jeden Individuums wird von der jeweiligen Umwelt des Subjektes beeinflusst. Dies geschieht vor allem auch mit der Transmission von Kapital (Bourdieu, 1992). Mit jener Transmission beschreibt Bourdieu einen sozialen Prozess, der weit über die Vererbung von ökonomischem und materiellem Kapital hinausgeht. Vielmehr bezieht er soziales und kulturelles Kapital, welches in „akkumulierter Arbeit“ (Bourdieu, 1992, S. 49) gebündelt werden kann, mit in die sozialen Prozesse ein. So kann mit sozialem und kulturellem Kapital ökonomisches Kapital erwirtschaftet werden, was einen gesellschaftlichen Aufstieg zur Folge hat. Die Transmission von Kapital, das in der Erziehung weitergegebene soziale Kapital sowie die Übertragung von kulturellem und die Vererbung von ökonomischem Kapital rechtfertigen soziale Differenzen in der Ausgestaltung des individuellen Habitus und begründen somit die soziale Ungleichheit. Der Habitus eines jeden Subjektes entwickelt sich mit den Interaktionen des jeweiligen sozialen Umfeldes individuell. Dennoch ist die Entwicklung hin zu einem Gruppen- oder Klassenhabitus zu verzeichnen (Fuchs-Heinritz & König, 2011, S. 91). Individuen mit ähnlichen Wertvorstellungen und ähnlichen Handlungspraktiken, einem ähnlichem „Geschmack“ (Rehbein, 2006, 161 ff), generieren sich in sozialen Gruppen und beeinflussen als Gesellschaft die in ihr lebenden Individuen (Bourdieu, 2001, S. 192). Jener erwähnte Geschmack stellt ebenfalls die von Bourdieu formulierte „gesellschaftliche Urteilskraft“ (Bourdieu, 1996 zit. n. Rehbein, 2006, S. 161) dar. Mit Hilfe des Geschmackes, welcher sozial und kulturell erlernt wird und sich somit in einem Abhängigkeitsverhältnis mit der sozialen Umwelt befindet, kann die Umgebung sinnhaft wahrgenommen und subjektiv beurteilt werden (Rehbein, 2006, S. 162). Der Geschmack basiert demnach auch auf der individuellen Gewohnheit und kann auch auf die Präferenzen der Mediennutzung übertragen werden (Kommer, 2016).

Ausgehend von der prinzipiellen sozialen Ungleichheit, der Individualität des subjektiven Habitus und der reziproken Abhängigkeit zwischen Individuum und Umwelt generiert sich vor dem Hintergrund der Dynamik der unterschiedlichen Kapitalsorten der soziale Raum, in welchem die Individuen einzelnen Milieus zugeordnet werden können (Fuchs-Heinritz & König, 2011). Im Gegensatz zur Klassentheorie nach Karl Marx und Max Weber berücksichtigt Bourdieu nicht nur die vertikale Entwicklung des Selbst durch die Maximierung von ökonomischem Kapital, vielmehr beschreibt er ebenfalls eine horizontale Entwicklung, sodass die Volumina von sozialem und kulturellem Kapital ebenfalls abgebildet werden können (Schwingel, 2000). Dabei beeinflussen die Herkunft und Sozialisation, vor allem die des Geschmackes, den individuellen Gang durch den Sozialraum sowie den individuellen Habitus und die Milieuzugehörigkeit.

Die gegenwärtige Milieuforschung basiert auf den Grundannahmen der bourdieuschen Sozialraumtheorie (vgl. Werner, 2012) und ist Grundbaustein der Marktforschung. Im Rahmen dieser werden soziokulturelle und lebensweltabhängige Dynamiken erfasst und in den sogenannten Sinus-Milieus dargestellt (vgl. Abbildung 1, Sinus-Institut, 2017). Um die Haltungen, Einstellungen, Überzeugungen und milieuabhängigen Nutzungsprofile im Hinblick auf die digitale Entwicklung abbilden zu können, ist es notwendig, auch an dieser Stelle die sich entwickelnden Milieus darzustellen. Erste Forschungsarbeiten, die Unterschiede im medialen Habitus beschreiben, liegen aktuell von Kommer (2010) und Mutsch (2012) vor.

3.3.1 Medialer Habitus

Der mediale Habitus stellt einen Teilbereich des gesamten intrapersonellen Habitus dar, wobei der mediale Habitus vor allem auf die Medienaffinität und möglichen Präferenzen in der Mediennutzung visualisiert (Kommer, 2010; Mutsch, 2012). So haben die Art und Weise der Sozialisation der einzelnen Individuen Einfluss auf deren Vorstellungen und Wahrnehmungen im Hinblick auf die Nutzung von digitalen Medien. Kommer (2016) untersuchte den medialen Habitus von angehenden Lehrpersonen und ordnete deren Habitus dem Milieu der ambivalenten Bürgerlichen (ebd.) zu. Jenes Milieu kann sich in Anlehnung an die Definition der Sinus-Milieus in der Mitte des Sozialraums verorten lassen (Sinus-Institut, 2017). Während die bürgerliche Mitte als „anpassungs- und leistungsbereiter bürgerliche[r] Mainstream“ (ebd.) beschrieben wird, stellt Kommer (2016) das Milieu der ambivalenten Bürgerlichen als widerständig gegenüber dem Einsatz und der Nutzung von digitalen Medien dar. Werden so im Elternhaus neue Medien skeptisch betrachtet, werden konventionelle Medien den der neueren Art vorgezogen. So ist davon auszugehen, dass das heranwachsende Subjekt sich ebenfalls skeptisch gegenüber den sich wandelnden Medien zeigt (ebd.). Mit der Sozialisation und der Adaption in der Lebenswelt der ambivalenten Bürgerlichen etabliert sich ein Geschmack für die konventionellen Medien, deren Inhalte als vor allem qualitativ hochwertig eingeschätzt werden. Neuen Medien wird weniger Qualität zugesprochen (Kommer, 2016, S. 60). Die persönliche Einschätzung und subjektive Wahrnehmung der Menschen des ambivalenten bürgerlichen Milieus beschreibt einen Unterschied im Nutzen von digitalen Medien. Printmedien werden als der Bildung dienend und daher positiv konnotiert, während digitale Medien mehr der Unterhaltung dienend erlebt und so als negativ und unproduktiv eingeschätzt werden (Kommer, 2016, S. 60–61). Neue Medien, wie sie aktuell Social Media und Web 2.0 darstellen, werden von Lehrenden mit Skepsis behandelt. Als ambivalente Bürgerliche sind sie sozialisiert, an bewährten und zielführenden Handlungsabläufen festzuhalten und neuen Möglichkeiten, die vor allem der Unterhaltung dienen, kritisch zu begegnen. Als leistungsbereite Individuen grenzen sie sich selbst von der Nutzung neuer Medien ab – und halten so die Grenzen zu ihrem Milieu aufrecht (ebd.). Neben den beschriebenen ambivalenten Bürgerlichen, die sich klar von neuen Medien distanzieren, beschreibt Kommer (2016, S. 61) den Habitus der überforderten Bürgerlichen. Jene Personen sehen in der Nutzung von neuen Medien die Gefahr des Kontrollverlustes beispielsweise im Hinblick auf die verwendete Zeit, welche in Unterhaltungsmedien investiert wird.

[...]


[1] Um gemäß einer gendersensiblen Schreibweise allen Geschlechtern gerecht werden zu können, wird in dieser Arbeit die geschlechtsneutrale Form der Personenbeschreibung präferiert. Ist dies nicht möglich, wird zur Sicherstellung einer flüssigen Lesbarkeit in unregelmäßigen Abständen die männliche oder weibliche Form genutzt. Gemeint sind jedoch grundsätzlich alle Geschlechter.

[2] Unter dem Begriff „User“ wird in dieser Arbeit die Person verstanden, die Anwendungen und Elemente des Web 2.0 im virtuellen Raum anwendet. Angelehnt an die Definition von Wampfler (2016) ist der User mehr als ein Nutzer des Internets. Er ist als lesende oder konsumierende Person passiv, während er gleichzeitig Inhalte kommentieren und teilen kann und somit zum aktiven Mitgestalter des Internets wird. Der maskuline Begriff des Users wird allgemein und auch in dieser Arbeit für alle Geschlechter verwendet.

[3] Blog als Kurzform des Begriffes „Web log“ stellt eine dynamische Internetseite dar, die im Gegensatz zu einer Homepage zur kontinuierlichen Editierung im Sinne eines virtuellen Tagebuchs gestaltet wird. Eine Verknüpfung zu Nachrichtendiensten via RSS ist möglich (Gabler Wirtschaftslexikon)

[4] Wiki (hawaiianisch für „schnell“) als Kurzform für die Begriffe „WikiWiki“ oder „WikiWeb“ stellt eine offene Internetplattform dar, auf der Autoren Änderungen an Seiteninhalten unkompliziert vornehmen können (Gabler Wirtschaftslexikon (2017f))

[5] Erreichbar unter www.wikipedia.org

[6] Unter „News-Feed“ wird ein benutzerspezifischer Nachrichtenstrom verstanden. Profile, Blogs und weitere Internetseiten können von Usern abonniert werden, sodass Neuigkeiten dieser Internetauftritte beispielsweise auf der „Timeline“ von Facebook™ angezeigt werden (vgl. Mumme und Mumme o. J.).

[7] Erreichbar unter www.facebook.com/PflegeWiki.de.

[8] Die Zahlen der Anzahl der Beschäftigten der Gesundheits- und Heilberufe auf Basis der Veröffentlichungen des Statistischen Bundesamtes aus dem Jahr 2015 (Statistisches Bundesamt 2016a) selbstständig und unabhängig errechnet und mit der Anzahl der Abonnenten am 27. August 2017 in Verbindung gebracht. Hierbei ist anzumerken, dass die zugehörige Berufsgruppe der Abonnenten nicht einsehbar ist und dass die angestellte Rechnung auf der Vermutung basiert, dass alle Abonnenten einem Pflegeberuf angehören.

[9] In die Darstellung einbezogene Seiten: Generation Elsevier Pflegeausbildung; erreichbar unter www.facebook.com/elsevier.pflegeausbildung DBfK Berufsverband e. V.; erreichbar unter www.facebook.com/dbfk.de Die Schwester – Der Pfleger; erreichbar unter www.facebook.com/DieSchwesterDerPfleger

[10] Erreichbar unter www.facebook.com/thiemeliebtpflegende.

Ende der Leseprobe aus 70 Seiten

Details

Titel
Kommunikations- und Informationswege in der Pflegeausbildung im Wandel
Untertitel
Wie Lehrende die Digitalisierung erleben
Hochschule
Katholische Hochschule Freiburg, ehem. Katholische Fachhochschule Freiburg im Breisgau
Note
1,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
70
Katalognummer
V453121
ISBN (eBook)
9783668879720
ISBN (Buch)
9783668879737
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Digitalisierung, Pflegepädagogik, Pflegeausbildung, Pflegeschule, Social Media, Web 2.0, Habitus, Sozialraumtheorie, qualitative Studie
Arbeit zitieren
Jeanette Siebert (Autor), 2018, Kommunikations- und Informationswege in der Pflegeausbildung im Wandel, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/453121

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