Wie funktioniert der menschliche Verstand? Eine Auseinandersetzung mit Leibniz und Locke


Seminararbeit, 2018

14 Seiten, Note: 1.0

Anonym


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

Exposition

Kapitel 1 Die Wahrheit bei Locke und Leibniz

Kapitel 2 Woher die Idee entstammt und welche Rolle Perzeptionen spielen

Kapitel 3 Die Seele und das Denken

Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Einleitung

Der Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz1 verfasst in seinen Wirkungsjahren einen Text, welcher sich auf die Abhandlungen von John Locke2 bezieht, welcher über den menschlichen Verstand, woher er kommt und wie er sich ausdrückt, schreibt. Leibniz liest seinen Aufsatz und verspürt sofort den Drang, Lockes scheinbar aus der Luft gegriffenen Aussagen außer Kraft zu setzen, indem er unter dem Titel "Neue Abhandlungen über den menschlichen Verstand"3 Lockes Grundaussagen in einem Quasi-Selbstgespräch getarnt als Dialog auseinander nimmt. Grundsätzlich stellen sich die beiden Philosophen der Frage, woher denn nun dieser "menschliche Verstand" kommt: Aus einem selbst oder aus der Erfahrung? Während der Empirist Locke die Erfahrung, die wir laut seinen Thesen auf unserer imaginären Tafel aufzeichnen, als die einzig wahre Quelle betitelt, zeigt Leibniz mit vielen Argumenten, weshalb uns der Verstand seiner Meinung nach bereits innewohnt.

Die Differenzen zwischen Leibniz und Locke werden in dieser Arbeit erklärt. Dies geschieht, indem auf bestimmte Aspekte, welche auch Widersprüche aufwerfen, in den neuen Abhandlungen des Leibniz aufgegriffen und kommentiert werden. In Folge soll gezeigt werden, inwiefern sich Leibniz in Unerklärliches verstrickt und die Frage bearbeitet, ob er seine Thesen ausreichend begründet oder ob noch Einwände einzubringen sind.

In der Arbeit werde ich den Aufsatz von Leibniz ("Neue Abhandlungen über den menschlichen Verstand")4 bearbeiten. Dieser gliedert sich in ein Vorwort und zwei Bücher, welche in Form von Dialogen verfasst sind. Es werden zentrale Gedanken sowie die Gegenposition, also offensichtlich die Position John Lockes, erläutert und kritisch kommentiert. Zunächst werde ich in Kapitel 1 über den Begriff von Wahrheit und den jeweiligen Ansätzen von Leibniz und Locke, was W ahrheit nun sei, sprechen und kommentieren. In Kapitel 2 werde ich mich mit dem Begriff der Idee und dem Gewinn von Erkenntnissen beschäftigen. Im Anschluss wird auf das Buch 1 eingegangen und diskutiert, ob es nun eingeborene Prinzipien in uns gibt oder ob dieser Ansatz aus der Luft gegriffen sei. Zu guter Letzt widmet sich das dritte Kapitel der See/e.5

Exposition

Die Grundfrage, welche sich die beiden Philosophen und ich stellen, ist im Grunde genommen der Streit, wie die Vernunft des Menschen zustande kommt. Leibniz vertritt die Meinung, dass die Vernunft dem Menschen angeboren ist und einem bereits bei der Geburt innewohnt. Entgegen dieser Annahme ist die Erfahrung bei Locke für den Erkenntnisgewinn das A und O. Im Streit um die Vernunft sind die Begriffe Wahrheit, Idee und Prinzipien wichtige Stichworte.

Diese Begriffe stellen den Hintergrund dieser Arbeit dar und ihre Erklärung ist demnach obligat. Dabei wird auf eine allgemeine Begriffserklärung Wert gelegt, da Locke sowie Leibniz ihre eigenen Definitionen festlegen und anhand von Argumenten verteidigen.

Hintergrund dieser von den beiden Philosophen entfachten Diskussion um Leib, Seele und allem was zum Menschen gehört ist die Grundfrage, wie der Verstand zustande kommt.

Diese und weitere sich aufwerfende Fragen rund um diese Thematik werden in den anschließenden Kapiteln behandelt und die jeweiligen Aussagen kritisch analysiert sowie diskutiert.

Kapitel 1 Die Wahrheit bei Locke und Leibniz

Der Begriff der Wahrheit gilt bis dato als umstritten und auch noch weit nach Lockes und Leibniz Wirkungszeit stellen sich Menschen der Herausforderung zu beantworten, was die ultimative Wahrheit nun eigentlich bedeutet.

Im Grunde genommen stehen sich zwei Pole gegenüber: Die Induktion, also die

Theorie von John Locke und das Eingeborene, welches Leibniz vertritt.

Leibniz sieht von der Idee der Induktion, der Erkenntnis und der Wahrheit rein durch die Erfahrung des Menschen ab. Diesen Aspekt versucht er auszuhebeln, indem er auf die Fähigkeit des Menschen, Dinge und Geschehnisse vorhersehen zu können, plädiert. Denn wenn wir eben diese vorhersehen können, ohne jegliches Wissen zu besitzen, muss es etwas in uns geben, dass uns bereits von Geburt an dazu befähigt, bestimmte Handlungen auszuführen, sei es ein Instinkt, angeborene Reflexe oder auch Fertigkeiten. Man kann sich dies folgendermaßen vorstellen: Ein Kleinkind hält ein Glas Milch in der Hand. Es lässt es nach einer Weile los und das Glas fällt auf den Boden, zerbricht und die wertvolle Milch kleidet den Boden. Dem Kind ist bewusst, dass das Glas runterfallen wird, wenn es dieses loslässt. Das Wissen des Kleinkindes ist laut Leibniz bereits vorhanden, ohne dies schon einmal erfahren zu haben. Aus eigenem Ermessen nach wäre hier hinzuzufügen, dass ein Kind möglicherweise wissen könnte, dass ein Glas hinunter fällt, sobald man dieses nicht mehr festhält. Dennoch stellt sich hier die weiterführende Frage, ob ein Kind im Vorhinein wissen kann, dass ein Ball, welcher aus Gummi besteht, wieder nach oben katapultiert wird. Kleinkinder reagieren auf dieses "Phänomen" oftmals mit Erstaunen, daher wäre diesem Ansatz nur in gewissem Maße zuzustimmen.

Er geht jedoch in seiner These weiter und verweist auf die Sinne des Menschen: Sinne sind für Locke ein notwendiges Ventil, um Erfahrungen zu sammeln, zu fühlen und die Wahrheit zu entdecken. Für seinen Kontrahenten Gottfried Wilhelm Leibniz jedoch stellen die Sinne lediglich Beispiele und individuelle Wahrheiten der Menschen dar, da jeder einzelne Mensch etwas anders empfindet, manches stärker und manches schwächer. Jeder Mensch bildet sich laut ihm seine eigene Wahrheit.6

Zu bedenken wären hier die Voraussetzungen für die Wahrnehmung. So sind nicht jedem Menschen alle Möglichkeiten geboten, denn sehbehinderte oder auch hörgeschädigte Personen nehmen ihre Umwelt anders wahr. Sie sind in zumindest einem ihrer Sinne eingeschränkt, weisen aber eine Stärke in einem anderen Sinn auf. Durch verschiedene Wahrnehmungen können also auch unterschiedliche, oder wie Leibniz zu sagen vermag, individuelle Wahrheiten zustande kommen. Dieser Aspekt erscheint weitgehend als logisch und ist überdies hinaus auch wissenschaftlich belegt. Vermag man nur daran zu denken, dass beispielsweise Farben7 von Menschen verschieden wahrgenommen werden oder auch die Intensivität von verschiedenen Gerüchen. Anhand dieser alltagslogischen Erklärungen kann Leibniz hier zugestimmt werden.

Er unterscheidet zudem notwendige Wahrheiten von Sätzen durch Vernunft. Als notwendige Wahrheiten bezeichnet er festgelegte Gesetze, die wir beispielsweise aus der Mathematik kennen, in der sie als Formeln zu finden sind. Ein solches Regelwerk muss über ein System verfügen und bestimmte Prinzipien, nach denen sich zum Beispiel Thesen richten, besitzen. Notwendige Wahrheiten sind demnach Beweise, welche jedoch von den Sinnen und von Bespielen unabhängig sind, da sie als allgemein gültig festgelegt sind. Grundsätzlich sind auch diese Thesen Inhalte, denen man zustimmen kann. Wissenschaften wie eben die Mathematik, die Physik oder auch die Chemie müssen über solch Prinzipien verfügen, um überhaupt zu funktionieren. Dass Beweise jedoch nicht von Beispielen abhängig sein vermag eine abwegige Vorstellung zu sein, dennoch gelten gewisse Grundsätze (die sich bereits über Jahrhunderte bewahren!), welche nicht anhand von Beispielen bewiesen werden müssen. Damit sind vor allem Erkenntnisse aus der Wissenschaft gemeint, welche bis dato nicht falsifiziert wurden und daher als wahr angesehen werden. Diesen bedeutenden Grundsatz vertritt zum Beispiel der Philosoph Karl Popper, der die Begriffe Verifikation und Falsifikation prägte.8 Den notwendigen Wahrheiten stellter die Sätze gegenüber, welche rein durch Vernunft gebildet werden. Die Beweise sind hier von etwas abhängig: Sie entstammen rein dem Inneren und werden weiterführend aus eingeborenen Prinzipien, wie Leibniz sie benennt, gewonnen. Voraussetzung für dieses Denken ist natürlich Leibniz' gesamte Lehre, bei der die Vernunft aus dem Inneren und nicht der Erfahrung entstammt. Zu den Sätzen der Vernunft zählen laut ihm die Logik, die Metaphysik und auch die Moral. Da die Logikund die Mathematik als, meiner Meinung nach, verwandt anzusehen sind, wären logische Sätze auch in mathematischen Sätzen auffindbar und folgen somit Prinzipien von notwendigen Wahrheiten. Innerhalb der Logik wurden Gesetze für Ableitungen und Schlussfolgerungen entwickelt, wobei auch die Mathematik gewissen Gesetzen folgt. Leibniz stellt weiter fest, dass die Vernunft durch das Einholen von Erfahrung und durch die Sinne eines Individuums bestätigt, aber nicht gebildet wird. Entgegen der Bestätigung könnte es jedoch auch der Fall sein, dass in der Realität das Gegenteil offenbar wird in dem Sinne, dass die Vernunft eben nicht bestätigt wird9

Leibniz vergleicht Empiriker bei ihrem Erwerb von Wissen oder auch Wahrheit mit Tieren, indem er erklärt, dass sich Empiriker auf Vergangenes berufen und verlassen und hauptsächlich induktive Schlüsse ziehen, wobei sich die Welt im ständigen Wandel befindet. So zieht er den Vergleich, das auch ein Tier, wenn es beispielsweise an einen Elektrozaun gerät und einen Stromschlag erhält, sich das fürdie Zukunft merkt und sich Zäunen nicht mehr nähert.10 Dieses Erfahren setzt erdemnach mit dem Wahrheitserwerb der Empiriker auf eine Stufe. Durch Vorgehen jener Art begehen Empiriker, so meint Gottfried Wilhelm Leibniz, leicht Irrtümer.11 Mit der Welt ändert sich jedoch auch die Erfahrung und eine endgültige Wahrheit steht nicht fest, siehe Karl Popper.12 Die Erfahrung ist ein ständiges Bestreben nach der Wahrheit, wobei sich die Vernunft bei Leibniz nur "bestätigen" lässt. Demnach könnte man meinen, dass Vernunftsätze voreilig gebildet werden und hier Irrtümer geschehen könnten, da diese nicht notwendig überprüft, sondern rein bestätigt werden. Auf diesen Einwand könnte Leibniz vermutlich entgegnen, dass auch die Vernunft Vergangenes beachtet und mit einbezieht. Denn nur die Vernunft allein könne sichere Regeln aufstellen, welche für die Wahrheit von Nöten sind. Als Grund dafür wird von Leibniz angeführt, dass sich Ursachen ändern können, was Empiriker nicht beachten würden. Fraglich wäre hier dennoch, ob vernunftangeleitete Wahrheiten verworfen werden, wenn sie nicht bestätigt werden, in dem Falle, dass solches überhaupt möglich ist. Um sichere Regeln aufzustellen ist es nötig, diesausreichend zu überprüfen. Wenngleich das hier der Fall sei, spricht Leibniz rein von der Bestätigung der Vernunft von Wahrheit, Irrwege werden außen vor gelassen.

Kapitel 2 Woher die Ideeentstammt und welche Rolle Perzeptionen spielen

Neben dem Begriff der Wahrheit stellt auch die Idee einen überaus interessanten Diskussionspunkt dar. Ideen sind Bildnisse, welche wir uns von Dingen, Menschen und weiteren schaffen, wenn wir diese wahrnehmen oder uns auch nur vorstellen. Laut den in dieser Arbeit diskutierten Philosophen entstehen Ideen durch die sinnliche Empfindung eines Menschen. Ist dies nicht der Fall, so stammen dieser aus der Reflexion, die wir Menschen betreiben. Nun meint Leibniz, dass sich Reflexion auf das bezieht, was in uns ist. All diejenigen Dinge, die sich in uns befinden, sind,wie bereits erläutert, von Geburt an in uns verankert, so Leibniz.13 Dennoch ist die Vorstellung, dass ein Kleinkind ohne jeglichen sinnlichen Erfahrungen darüber reflektiert, was in ihm ist, ein eher abwegiger Ansatz. Ist ein so junger Mensch dazu fähig, über seine Handlungen und Tätigkeiten kritisch nachzudenken? Oder auch, wenn Erfahrungen für die Entwicklung und die Wahrheit keinerlei Rolle spielen, könnte man den Wissensstand eines Kleinkinds nicht sogar mit dem eines Erwachsenen vergleichen und sogar meinen, dass die Ideen dieselben sein müssten, wenn Ideen und Wahrheiten schon immer im Menschen verankert sind? Demnach müsste auch ein Kind dazu befähigt sein, in der Art Reflexion zu betreiben, wie es ein Erwachsener betreibt und diese Vorstellung erweist sich, betrachte man Wissenschaften wie Psychologie, Mathematik und viele mehr, als abwegig. Sind daher sinnliche Empfindungen, Wahrnehmungen und Bilder nicht tatsächlich eine Voraussetzung für das Betreiben von Reflexion?

Leibniz argumentiert eben mit dem Ansatz, dass wir Menschen uns selbst angeboren sind.14 In Folge sind es auch unsere Ideen. Dass wir uns selbst angeboren seien, vermag zum Großteil eine geeignete Aussage zu sein, wenn man sie in bestimmter Hinsicht zu betrachten versucht. Selbst angeboren in dem Sinne, dass wir charakterliche Eigenschaften besitzen und diese schon als Kleinkind zeigen. Wir besitzen bereits gewisse Anlagen und Neigungen, zeigen Vorliebe für das Eine und Abneigung für das Andere. Solche beobachtbaren Verhaltensweisen wären aus meiner Sicht nennenswerte Argumente für den Menschen, den Leibniz als sich selbst angeboren beschreibt. Meines Erachtens nach meint Leibniz damit genau solche Eigenschaften, welche den Charakter formen und schon in früher Kindheit sichtbar sind. Zum Verstand, meint Leibniz, gehöre auch die Lust, das Sein und die Veränderung. Wie bereits oben angesprochen ergibt sich bei dieser These ein Widerspruch, da der Verstand durch Erfahrung, sinnliche Empfindung und Ideen nur gerechtfertigt, bewährt oder auch bestätigt wird. Wenn alles bereits in uns ist und der Verstand und unsere Wahrheiten immer nur bestätigt werden, wie kommt hier eine Veränderung zustande? In einem weiteren Widerspruch mit sich selbst steht der Begriff der Tätigkeit, der von Leibniz zum Einen als dem Verstand zugehörig beschrieben wird, da unsere intellektuellen Ideen angeboren sind.15 Etwas später kommt jedoch auf, dass die Neigungen, Anlagen sowie auch Fertigkeiten, wie zum Beispiel auch motorische, eingeboren sind. Tätigkeiten sind im Gegensatz dazu nicht "eingeboren" aber dennoch "angeboren" um Leibnitz zu zitieren.16 Ein Erklärungsversuch könnte sein, dass die Fertigkeiten die Voraussetzung für das Ausüben dieser ist, also das Ausführen von Tätigkeiten und der Mensch der Antrieb dieser ist. Angeboren im Verstand in dem Sinn, dass es uns innewohnt,gewinnbringende, richtige Tätigkeiten auszuführen, anstatt jegliche, die uns schaden. Nun kommen wir auf Körper und Seele zu sprechen. Von Seiten des Empirikers Locke könne ein Körper ohne Perzeptionen sein. Diese Aussage empört Leibniz und so entgegnet er, dass es keinen einzigen Körper ohne Bewegung gebe und keine Substanz von Natur aus ohne Tätigkeit ist. An dieser Stelle ist wieder auf den vorherigen Widerspruch zu verweisen, da Tätigkeiten als "an- aber nicht eingeboren" beschrieben wurden. Hier kommen die Perzeptionen ins Spiel. Diese wirken nämlich laut dem Universalgelehrten Leibniz als unendliche Menge auf die Seele ein. Laut ihm werden diese weder bewusst wahrgenommen noch eine Reflexion betrieben, sie zielen demnach ungebremst auf die Seele. Das Einwirken der vielen Perzeptionen auf die Seele bewirkt eine Veränderung dieser. Die Perzeptionen unter sich weisen jedoch keine Unterscheidungsmerkmale auf. Wie dies jedoch genau gemeint ist, bleibt offen. Ist die Stärke der Perzeptionen gemeint?

Perzeptionen sind am stärksten, wenn sie neu auf den Menschen einprasseln, einneuer Reiz gegeben ist.17 Daraus werden Eindrücke gewonnen. Sind die Perzeptionen nun nicht mehr neu sondern bereits bekannt, so geht der Reiz etwas verloren und die Eindrücke werden schwächer. Sie sind nicht mehr in dem Ausmaß aktiv und effektiv, wie sie es zu Anfang waren. Es erfolgt also keine bewusste Wahrnehmung mehr, sonder eine unbewusste. Ein Weg, diese Eindrücke wieder ins Bewusstsein zu rufen, ist das Hinweisen auf diese. Erst durch das gezielte Lenken der Aufmerksamkeit werden sie wieder ins Bewusstsein gerufen. Vorstellen kann man sich dies folgendermaßen: Man fährt in den Urlaub an den Strand. Am ersten Tag genießt man noch das Rauschen der Wellen, den wohltuenden Klang. An Tag Fünf ist dies nicht mehr vorhanden, da diese Perzeptionen nicht mehr neu sind und in den Hintergrund rücken.

Der universale Geist Leibniz führt nun weiter aus, dass kleinste Perzeptionen die größte Wirksamkeit haben, wären demnach kleinste als stärkste Perzeptionen zu benennen. Dazu zählen der Geschmack und Vorstellungsbilder, die wir uns kreieren Das Individuum wird nun durch unmerkliche Perzeptionen bezeichnet. Es ist durch dessen Ausdrucksformen charakterisiert. Dabei werden vorhergehende Zustände mit gegenwertigen verbunden. Dass ein Körper jemals ohne Perzeptionen sei verneint Leibniz also, rechtfertigt aber damit, dass sie einfach zu schwach sind, um bewusst wahrgenommen zu werden.18 Dem ist meines Ermessens nach zuzustimmen:Perzeptionen sind immer da, denn obwohl ich mit der Zeit eine Uhr nicht mehr ticken höre, so ist sie immer noch präsent und tut dies fortwährend. Lenke ich meine Aufmerksamkeit von einer bestimmten Tätigkeit, wie etwa das Schreiben dieser Seminararbeit, ab, so nehme ich dieses Ticken wieder stärker wahr.

Kapitel 3 Die Seele und das Denken

Empiriker gehen davon aus, dass Körper ohne Perzeptionen sein können, wie in Kapitel 2 besprochen wurde.19 Sie führen diesen Gedanken weiter und sind somit der Meinung, dass damit auch die Seele ohne Denken sein könne. Diesem Gedankengang widmet sich Leibniz in seinem Buch 2: Von den Ideen 20. Dieses führt er in einem Dialog weiter und versucht zu erklären, warum dies nicht der Fall sein könne. Philalethes vertritt hier die Position Lockes und Theophilus Leibniz' Ansatz. Von Seiten der Empiriker steht fest, dass die Idee das Objekt allen Denkens darstellt. Da die Idee bei diesen nicht angeboren ist, sondern erst entwickelt werden muss, kann die Seele ohne Denken sein. Theophilus entgegnet und ergänzt, dass die Idee nur Objekt sein kann, wenn sie ein Ausdruck der Natur oder der Dinge sei.21 Es ist zudem nicht möglich, dass äußere sinnliche Objekte direkt auf die Seele wirken könnten, denn dies kann allein nur Gott. Die Seele stellt das unmittelbare innere Objekt dar. Diese enthält nun direkt die Ideen in sich, da sie, so wird angenommen, im Verstand verankert sind. Damit man diesem Ansatz zustimmen könnte, ist es zunächst nötig, dass der Glaube an Gott vorhanden ist, zumindest kann nur er laut den Thesen unmittelbar auf die Seele wirken. Ist es dann bei "ungläubigen", der Kirche und dem Gott abgewandten, Menschen also nie möglich, dass Objekte direkt auf den Menschen wirken? Damit wäre nicht jedem Menschen die selbe Voraussetzung geboten, obwohl es der Verstand zulassen müsste.

Zusammenfassung

Der menschliche Verstand ist und bleibt ein breit diskutiertes und umstrittenes Thema, welches die Wissenschaft auf Trab hält , vor allem in philosophischer Hinsicht.

Beide, Empiriker und Aufklärer, vertreten Positionen, welche sich in jeglicher Hinsicht widersprechen und in komplementäre Richtungen blicken. Leibniz und auch Locke definieren ihre Begriffe von Wahrheit, Idee und Perzeptionen gegensätzlich, wobei beiden Denkströmen in bestimmten Ansätzen zuzustimmen wäre. Leibniz setzt sich rein für den Verstand als Quelle für die Wahrheit des Menschen ein. Hier würde ich den Verstand als Voraussetzung sehen, der für die Verarbeitung von Erfahrungen, Ideen und Perzeptionen zuständig ist. Neugeborene verfügen beispielsweise über einen Saugreflex: Den würde ich zumindest auf evolutionärer Ebene als angeboren ansehen. Die reine Wahrheit nur aus dem Verstand heraus erscheint, wenngleich Leibniz eine ausführliche Erklärung abgibt, als unzureichend. Auch Locke nimmt quasi eine Extrempositionen ein, indem der Mensch als tabula rasa rein die Erfahrung für die Wahrheit benötigt und nichts in sich hat, sprich wirklich alles erlernen muss. Dagegen spricht das oben angeführte Beispiel mit dem Saugreflex.

Würden sich die beiden Positionen in der Mitte treffen, so ermögliche der Streit um den menschlichen Verstand meines Erachtens ein aufschlussreicheres und ausgereifteres Bild über Wahrheitserwerb, Ideen und Perzeptionen.

Literaturverzeichnis

Fidlin, Fred (188914): Poppers ethischer und metaphysischer Kognitivismus. In: Studien zur österreichischen Philosophie. (Hrsg.) Rudolf Haller. Amsterdam Kirchner, Friedrich; Michaelis, Carl: Wörterbuch der philosophischen Begriffe Leibniz, Gottfried Wilhelm (1756): Neue Abhandlungen über den menschlichen Verstand. Leipzig.

Leibniz, Gottfried Wilhelm: Neue Abhandlungen über den menschlichen Verstand. In: Gold Collection. 269 Meisterwerke in der Literatur. Altenmünster: Jazzybee Verlag Jürgen Beck

Leibniz, Gottfried Wilhelm: Neue Abhandlungen über den menschlichen Verstand. In: Philosophische Bibliothek oder Sammlung der Hauptwerke alter und neuer Zeit. (Hsg.) J. H. v. Kirchmann (1874). Berlin: L. Heimanns Verlag.

Leibniz, Gottfried Wilhelm; Cassirer, Ernst (1996(498)),: Neue Abhandlungen über den menschlichen Verstand. In: Philosophische Werke in vier Bänden. Felix Meiner Verlag GmbH, Hamburg Schmidt, Susanne (1999): Konzeptuelle Verarbeitung von Farbinformationen. Wiesbaden: Deutscher Universitäts-Verlag GmbH, Seite 20 ff.

Streminger, Gerhard (2011): David Hume. Der Philosoph und sein Zeitalter. Eine Biografie. München: C.H. Beck Verlag

Internetquellen

https://austria-forum.org/af/Biographien/Popper%2C_Karl_Raimund

https://sciencev2.orf.at/stories/1748947/index.html

http://www.technikatlas.de/~th2/biografie.html

https://www.zeit.de/1984/32/versuch-ueber-den-menschlichen-verstand

[...]


1 Zitiert nach: http://www.technikatlas.de/~th2/biografie.html, letzter Zugriff am 05.10.18

2 Zitiert nach: https://www.zeit.de/1984/32/versuch-ueber-den-menschlichen-verstand, letzter Zugriff am 05.10.18

3 Leibniz, Gottfried Wilhelm (1756): Neue Abhandlungen über den menschlichen Verstand. Leipzig.

4 ebenda

5 Leibniz, Gottfried Wilhelm: Neue Abhandlungen uber den menschlichen Verstand. In: Philosophische Bibliothek oder Sammlung der Hauptwerke a lter und neuer Zeit. (Hsg.) J. H. v. Kirchmann (1874). Berlin: L. Heimanns Verlag.

6 Leibniz, Gottfried Wilhelm: Neue Abhandlungen über den menschlichen Verstand. In: Philosophische Bibliothek oder Sammlung der Hauptwerke alter und neuer Zeit. (Hsg.) J. H. v. Kirchmann (1873). Berlin: L. Heimanns Verlag.

7 Schmidt, Susanne (1999): Konzeptuelle Verarbeitung von Farbinformationen. Wiesbaden: Deutscher Universitäts-Verlag GmbH, Seite 20 ff.

8 Eidlin, Fred (188914): Poppers ethischer und metaphysischer Kognitivismus. In: Studien zur österreichischen Philosophie. (Hrsg.) Rudolf Haller. Amsterdam, Seite 167.

9 Leibniz, Gottfried Wilhelm: Neue Abhandlungen über den menschlichen Verstand. In: Philosophische Bibliothek oder Sammlung der Hauptwerke alter und neuer Zeit. (Hrsg.) J. H. v. Kirchmann (1873). Berlin: L. Heimanns Verlag.

10 Zitiert nach: https://sciencev2.orf.at/stories/1748947/index.html, letzter Zugriff am 06.10.18

11 Leibniz , Gottfried Wilhelm: Neue Abhandlungen über den menschlichen Verstand. In: Gold Collection. 269

Meisterwerke in der Literatur. Altenmünster: Jazzybee Verlag Jürgen Beck, Seite 12ff

12 Zitiert nach: https://austria-forum.org/af/Biographien/Popper%2C_Karl_Raimund, letzter Zugriff am 05.10.18

13 Leibniz, Gottfried Wilhelm: Neue Abhandlungen über den menschlichen Verstand. In: Gold Collection. 269

Meisterwerke in der Literatur. Altenmünster: Jazzybee Verlag Jürgen Beck, Seite 13ff

14 Vgl. Kirchner, Friedrich; Michaelis, Carl: Wörterbuch der philosophischen Begriffe, Seite 36

15 Leibniz, Gottfried Wilhelm; Cassirer, Ernst (1996(498)),: Neue Abhandlungen über den menschlichen Verstand.

In: Philosophische Werke in vier Bänden. Felix Meiner Verlag GmbH, Hamburg: Seite 199

16 ebenda, Seite 8

17 Leibniz, Gottfried Wilhelm; Cassirer, Ernst (1996(498)),: Neue Abhandlungen über den menschlichen Verstand. In: Philosophische Werke in vier Bänden. Felix Meiner Verlag GmbH, Hamburg, Seite 135

18 ebenda, Seite 82

19 Streminger, Gerhard (2011): David Hume. Der Philosoph und sein Zeitalter. Eine Biografie. München: C.H. Beck Verlag

20 Leibniz, Gottfried Wilhelm (1765): Neue Abhandlungen über den menschlichen Verstand. Leipzig.

21 Leibniz, Gottfried Wilhelm; Cassirer, Ernst (1996(498)),: Neue Abhandlungen über den menschlichen Verstand. In: Philosophische Werke in vier Bänden. Felix Meiner Verlag GmbH, Hamburg: Seite 75

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Wie funktioniert der menschliche Verstand? Eine Auseinandersetzung mit Leibniz und Locke
Hochschule
Universität Salzburg
Veranstaltung
Erkenntnistheorie
Note
1.0
Jahr
2018
Seiten
14
Katalognummer
V453216
ISBN (eBook)
9783668891166
ISBN (Buch)
9783668891173
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Leibniz, Locke, Verstand, Perzeptionen, Sinne
Arbeit zitieren
Anonym, 2018, Wie funktioniert der menschliche Verstand? Eine Auseinandersetzung mit Leibniz und Locke, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/453216

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