Die chinesische Seidenstraße. Wirtschaftliche und geopolitische Darstellung eines internationalen Projekts


Bachelorarbeit, 2018
54 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Problemstellung der Arbeit
1.2. Aufbau der Arbeit und Zielsetzung

2. Die „alte Seidenstraße“
2.1 Definition der Seidenstraße
2.2 Die Route der Seidenstraße
2.3 Epochen der Seidenstraße
2.4 Sinn und Zweck der Seidenstraße
2.5 Bezug der Seidenstraße zur Gegenwart

3. Die aktuelle wirtschaftliche und politische Lage der Volksrepublik China
3.1 Die wirtschaftspolitische Geschichte
3.2 Die innenpolitische Lage
3.3 Chinas schwächelnder Handel als Indikator des abgeschwächten Wirtschaftswachstums

4. Die Neue Seidenstraße
4.1 Das Konzept der neuen Seidenstraße
4.2 Der Verlauf der neuen Seidenstraße
4.2.1 Der Verlauf der neuen Landroute
4.2.2 Der Verlauf der maritimen Route
4.3 Die politische und wirtschaftliche Motivation der Volksrepublik China für die neue Seidenstraße
4.3.1 Politische Gründe
4.3.2 Wirtschaftliche Gründe

5. Die Herausforderungen und Risiken der neuen Seidenstraße
5.1 Die Herausforderungen der neuen Seidenstraße
5.1.1 Die Kosten und die Finanzierung der neuen Seidenstraße
5.1.2 Vertrauen schaffen und Politische Stabilität gewährleisten
5.1.3 Korruption und Sicherheitsrisiken
5.2 Die Risiken der neuen Seidenstraße
5.2.1 Hohes Schuldenrisiko verschiedener Länder der neuen Seidenstraße
5.2.2 Risiko einer verstärkten Verschuldung Chinas

6. Die Chancen und Möglichkeiten der neuen Seidenstraße
6.1 Stärkung, wirtschaftlich schwächelnder Städte und Regionen
6.2 Chancen für die Menschen entlang der Route
6.3 Chancen für die Volksrepublik China

7. Fazit

Literaturverzeichnis

Zusammenfassung Deutsch

„“Die chinesische Seidenstraße“ – Eine wirtschaftliche und geopolitische Darstellung dieses internationalen Projekts“ befasst sich, unter zur Hilfenahme verschiedener Grafiken und vielfältiger, aktueller Literatur, mit der sogenannten Belt and Road Initiative, einem von China initiierten Netzwerk aus Handelsrouten, dass Asien, Eurasien, Afrika und Europa künftig verstärkt miteinander verbinden soll.

Um die Belt and Road Initiative, auch „neue Seidenstraße“ genannt, gänzlich zu begreifen, bezieht sich die Arbeit anfänglich auf die legendäre, ursprüngliche Seidenstraße, einem Netzwerk aus See- und Landrouten, dass das heutige Europa von ungefähr 200 vor Christus bis circa 1500 nach Christus mit Afrika und Asien verband und den Namen auf Grund des Handels mit, der damals in Gold aufzuwiegenden, Seide aus China erhielt. Bei der näheren Betrachtung der ursprünglichen Seidenstraße wird dem Interessierten jedoch schnell klar, dass Seide, Gewürze und Rohstoffe nur einen materiellen, historisch betrachtet weniger bedeutenden Teil, der auf den Routen gehandelten Güter ausmachte. Als weltpolitisch weit einflussreicher, gilt heute der Austausch von immateriellen Gütern wie Kultur, Religion und Ideen über die Route bis in die entlegensten Winkel der Seidenstraße.

Im Anschluss wird die aktuelle politische und wirtschaftlich Situation der Volksrepublik China genauer betrachtet, um die Motivation Pekings für eine Repristination dieser neuen Routen zu begreifen. Hierbei wird im Verlauf der Arbeit immer klarer, dass die Motivation Chinas für diese neue globale Initiative besonders im Hinblick auf die eigene, komplizierte innenpolitische und die schwächelnde wirtschaftliche Situation, besonders sinnvoll erscheint. Dabei soll die neue Seidenstraße sowohl den wirtschaftlich- und infrastrukturell unterentwickelten Westen Chinas über die Landroute stärken, als auch den Zugang zu wichtigen Ressourcen und Handelspartnern über eine vermehrte wirtschaftliche Vernetzung, sichern.

Da die neue Seidenstraße, ein gerade mal fünf Jahre altes Projekt Chinas ist und in der Folge meist noch kaum Resultate zu beobachten sind, befasst sich das nächste Kapitel mit den Chancen und Risiken dieser historischen Initiative. Dabei besteht die größte Chance des Projekts, in der wirtschaftlichen Stärkung und der politischen Stabilisierung einer so komplizierten Region der Welt. Das Hauptrisiko stellt die potenziell gefährliche Verschuldung vieler Länder, inklusive China, dar. Zusätzlich scheint der global wachsende Einfluss Chinas, bei der aktuell sehr diktatorischen, innenpolitischen Situation, eine weitere Herausforderung für die Menschenrechte weltweit, darzustellen.

Zusammenfassung Englisch

„“Die chinesische Seidenstraße“– Eine wirtschaftliche und geopolitische Darstellung dieses internationalen Projekts“, deals, using various graphics and current diverse literature, with the so-called Belt and Road Initiative, a network of trade routes initiated by China, that shall connect Asia, Eurasia, Africa and Europe increasingly, in the future.

In order to fully comprehend the Belt and Road Initiative, the work initially refers to the legendary, original Silk Road, a network of sea and land routes that connected today's Europe from around 200 BC to 1500 AD with Africa and Asia and which name was derived from the trade in silk from China, which was then to be prized in gold .

However, looking more closely at the original Silk Road, it quickly becomes clear to the Interested, that silk, spices and raw materials only constituted a material, historically less important, part of the goods traded on the routes. Nowadays, the exchange of intangible goods such as culture, religion and ideas over the route into the most remote corners of the Silk Road, is considered to be far more influential in global politics.

Afterwards, the current political and economic situation of the People's Republic of China will be considered more closely, in order to understand the motivation of Beijing for a reprotation of these new routes. As the work progresses, it becomes increasingly clear that China's motivation for this new global initiative is particularly meaningful, especially with regard to its own complicated internal political and weakening economic situation. At the same time, the new Silk Road is intended to strengthen China's economically and infra-structural underdeveloped western part of the country via the new routes, as well as to secure access to important resources and trading partners through greater economic networking.

Since the new Silk Road is a mere five-year-old project, most of the results are barely visible yet. Therefore, the next chapter takes a look at the opportunities and risks of this historic initiative. The biggest chance of the project is the economic strengthening and political stabilization of such a complicated region of the world. The main risk is the potentially dangerous indebtedness of many countries, including China. In addition, China's globally growing influence seems to represent another challenge to human rights worldwide, in the current very dictatorial domestic political situation.

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Die Seidenstraße von ca. 200 vor - 1500 nach Christus.

Abbildung 2: Die Provinzen Chinas nach Anteilen der Staatsunternehmen.

Abbildung 3: Das Wachstum des BIP in China von 2008 bis 2018.

Abbildung 4: Die größten Exportnationen weltweit im Jahr 2017.

Abbildung 5: Das chinesische Handelsbilanzsaldo von 2007 bis 2017.

Abbildung 6: Finanzierungsquellen der neuen Seidenstraße.

Abbildung 7: Die Wirtschaftskorridore der neuen Seidenstraße.

Abbildung 8: Die Einkommensunterschiede in China.

Abbildung 9: Der chinesische Energiebedarf von 1990 bis 2040.

Abbildung 10: Die Seestraße von Malakka.

Abbildung 11: Das ungleiche Einkommen in China.

Abbildung 12: Vergleich des deutschen und chinesischen Exports in die jeweiligen Nachbarländer.

Abbildung 13: Die Gründungsstaaten der AIIB.

Abbildung 14: Das Risiko der Rückzahlungsunfähigkeit der teilnehmenden Nationen.

Abbildung 15: Die chinesische Staatsverschuldung von 2008 bis 2018.

1. Einleitung

„Trump reicht es.“, „China antwortet“, „Die Liste der Produkte wird immer länger“. Dies sind nur einige der sinngemäß wiedergegebenen Schlagzeilen aus namenhaften Zeitungen und TV-Nachrichten die aktuell weltweit das Gesprächsthema sind. Die Doktrin des amerikanischen Präsidenten Donald Trump, „America first“, wirkt sich bereits auf Weltpolitik und Wirtschaft aus. Ansatzpunkt der US-amerikanischen Wirtschaftspolitik ist die Stärkung der eigenen Binnenwirtschaft durch Regulierung des Außenhandels mittels Strafzöllen und restriktiver Beschaffungspolitik. Bezogen auf China attackiert Trump insbesondere das amerikanisch Handelsdefizit, welches sich 2017 auf mehrere Hundertmilliarden US-Dollar belief. Präsident Trumps Einschätzung nach kaufen die Amerikaner zu viele ausländische Produkte insbesondere aus der Volksrepublik China und ferner schützt Peking die US-amerikanischen Marken und Technologien nicht ausreichend. In Folge befinden sich die beiden größten Wirtschaftsmächte der Welt in einem Schlagabtausch von immer neuen Sondersteuern und Zöllen auf die Produkte und Rohstoffe ihres Gegners. Von einem „Handelskrieg“ kann momentan zwar noch nicht gesprochen werden, da diese Strafen aktuell nur auf dem Papier existieren und noch darauf warten in Kraft zu treten. Viel fehlt dazu jedoch nicht mehr.

Die Volksrepublik China, die auch als „der rote Drache“ bekannt ist, ist bereit ihren Platz auf dem Parkett der Weltmächte einzunehmen. Die junge Volksrepublik China trat den größten Teil ihrer bisher relativ kurzen Existenz von knapp 70 Jahren zurückhaltend und an der internationalen Politik desinteressiert auf. Doch seit dem Tod des Revolutionsführers Mao Zedong und der Übernahme der kommunistischen Partei durch Deng Xiaoping, welcher mit verschiedenen Mitteln und Strategien erfolgreich versuchte Chinas Wirtschaft wieder mehr in Richtung Kapitalismus zu führen, wurde sich China seiner potenziellen globalen Bedeutung immer mehr bewusst. Über die Jahrzehnte bewegte sich die Volksrepublik China Schritt für Schritt und mit Hilfe vorsichtiger Neuerungen weg vom reinen kommunistischen Agrarstaat hin zu einer wirtschaftlich und politischen Weltmacht, die gerade dabei ist, die Vereinigten Staaten von Amerika als weltweit größte Wirtschaftsmacht abzulösen. Zusätzlich versucht China seit geraumer Zeit erfolgreich seinen Ruf als Hersteller von qualitativ minderwertigen Waren und die auf nationaler Ebene beschränkte Politik abzulegen und präsentiert sich, als immer selbstbewusster in seiner Rolle als Innovator, gerade auch im Hinblick auf die Elektromobilität. Besonders in diesem Bereich lässt sich die hohe Anpassungsfähigkeit der chinesischen Wirtschaft, an die aktuellen ökonomischen und ökologischen Bedürfnisse, erkennen. Mit Hilfe von neuen Gesetzen und Subventionen hat es die Volksrepublik geschafft, innerhalb kürzester Zeit zum weltweit größten Markt für Elektromobilität in jeglicher Form zu werden.

Auch im Bewusstsein der chinesischen Bevölkerung lässt sich eine enorme Veränderung, besonders im Hinblick auf ihr nationales Selbstbewusstsein, beobachten. Insbesondere der immer weiter erstarkenden, chinesischen Mittelschicht wird ihr kulturelles, Jahrtausende altes Erbe mehr und mehr bewusst. Zu Zeiten als es das moderne Europa in seiner heutigen, stabilen Form noch lange nicht gab blühte in China, abgeschottet vom Rest der Welt, besonders die Wissenschaft und Philosophie, wie nirgends sonst auf der Welt. Erst Jahrhunderte später versorgten sich China und Europa über die sogenannte „Seidenstraße“ mit Waren und Know-how und verbanden die unterschiedlichen Kulturen erstmalig. Diesen ehemaligen Einfluss und die Bedeutung die China damals für den Rest der Welt hatte, strebt die aktuelle Führung der Chinesischen Volkspartei unter Präsident Xi Jinping, der seit einer neuen Abstimmung der Politkader erstmals seit Mao Zedong wieder auf Lebenszeit gewählt werden kann, wieder an.

Gerade in der heutigen globalisierten Zeit lassen sich politische Interessen und Wirtschaft besonders gut verstricken. Dies scheint für China der ideale Zeitpunkt zu sein seine politische Stellung in der Welt mehr und mehr auszubauen und seine wirtschaftliche Macht durch das Wiederaufleben der alten „Seidenstraße“ zu manifestieren. Bereits im Jahr 2013 stellte Präsident Xi Jinping an einer kasachischen Universität die chinesische Initiative namens One Belt One Road (kurz: OBOR) als eine Initiative zur Wiederbelebung der ehemaligen Seidenstraße, vor. Diese Initiative soll den Westen und Osten via Straßen, Gleisen, Luftverkehr sowie auch über den maritimen Weg wirtschaftlich, sowie auch politisch verbinden. Insgesamt sollen mindestens um die 900 Milliarden Euro bis 2049 in das Mammut-projekt investiert werden, davon auch ein Großteil in Pipelines, Kraftwerke, Flughäfen, Häfen und die Telekommunikation.1 Hiervon sollen zusätzlich auch Anrainerstaaten wie Tadschikistan, Usbekistan, Turkmenistan, der Iran und die Türkei profitieren, Regionen die sonst eher durch ihre politische und wirtschaftliche Instabilität auffallen.2

1.1. Problemstellung der Arbeit

Seit der chinesische Präsident Xi Jinping 2013 indirekt den Startschuss für die neue Seidenstraße gegeben hat, lässt sich nur zu bestimmten Teilen sicher sagen wie es mit der Seidenstraßen-Initiative weitergeht und wer daran Teil haben wird.3 Es kann nur vermutet werden was die Führung in Peking genau mit diesem gigantischen Projekt bezwecken möchte und in welchem Zeitraum dies passieren soll.

Deshalb beschäftigt sich die folgende Arbeit hauptsächlich damit zu definieren was man unter der sogenannten Seidenstraße überhaupt versteht und ob nur China oder auch weitere Länder von der neuen Seidenstraße profitieren und welches Potenzial diese Initiative in sich birgt. Außerdem wird näher darauf eingegangen inwiefern sich die One Belt One Road Initiative auch politisch für China rechnen soll. Birgt dies in den Augen des Westens ein zu hohes Machtpotenzial Chinas oder kann sich dieser wirtschaftliche Einfluss sogar positiv auf instabile Nachbarstaaten auswirken? Zusammenfassend ist das Ziel dieser Arbeit die folgenden Kernfragen zu beantworten: Was sind die Gründe Chinas dieses Projekt in die Wege zu leiten? Wer profitiert in welchem Umfang durch die neue Seidenstraße und was birgt das Projekt für Chancen und Risiken?

1.2. Aufbau der Arbeit und Zielsetzung

In einem ersten Teil wird vorerst die „frühere Seidenstraße“ näher betrachtet. Dabei wird zunächst definiert was man unter der ehemaligen Seidenstraße versteht. Anschließend wird sowohl der geschichtliche, als auch der geographische Aspekt näher beleuchtet. Besonders auch auf die Route wird hierbei näher eingegangen. Anschließend wird auf den Sinn und Zweck der früheren Seidenstraße eingegangen, bevor wir letztendlich den Bezug zur Gegenwart herstellen. Nach einem Rückblick in die Vergangenheit wird sich diese Arbeit genauer mit der aktuellen wirtschaftlichen Lage der Volksrepublik China beschäftigen. Genauer betrachtet wird die Bedeutung des Handels für China, die wirtschaftliche Entwicklung des Landes über die Jahrzehnte, sowie das Projekt mit dem prägnanten Namen One Belt, One Road.4 Anschließend wird das Kernthema dieser wissenschaftlichen Arbeit, "Die chinesische Seidenstraße" - Eine wirtschaftliche und geopolitische Darstellung dieses internationalen Projekts exakt untersucht. Hierbei wird anfänglich auf den Hintergrund, das Konzept und die Route eingegangen. Daraufhin wird besonders auf die wirtschaftlichen und politischen Gründe sowohl Chinas als auch weiterer Staaten, für die Teilnahme an dieser Initiative näher eingegangen. Ferner betrachten wir die Chancen und Risiken der neuen Seidenstraße und geben einen Überblick über den aktuellen Stand, sowie einen Ausblick auf die Zukunft des Projekts. Letztendlich wird sich diese Arbeit noch mit den Chancen und der Zukunft der Neuen Seidenstraße auseinandersetzen, sowie eine eigene Meinung des Autors zu diesem Sachverhalt präsentieren.

2. Die „alte Seidenstraße“

Um das Ausmaß und den Gesamtkontext der neuen Seidenstraße zu verstehen, erscheint es in dieser Arbeit besonders sinnvoll zu sein die Geschichte der, zur damaligen Zeit bedeutendsten Handelsroute genauer zu betrachten. Wichtig ist hier auch der, von der chinesischen Regierung gewollt romantisierende Bezug zur Vergangenheit. Schnell denkt der Laie bei dem Begriff Seidenstraße an Abenteurer, Kamele, orientalische Waren und unwirtliche Landschaften. Durchaus entsprechen diese Bilder auch der Wahrheit. Die chinesische Regierung nutzt diese Assoziation geschickt, um die neue One Belt, One Road Initiative historisch zu rechtfertigen und keine Ideen an imperialistische Ausdehnungsversuche aufkommen zu lassen. Genau wie zur damaligen Zeit, geht es aber auch bei der heutigen Route um mehr als um den bloßen Austausch von Waren. Vielmehr werden auch Know-how, Werte und Einfluss über diese transportiert.

2.1 Definition der Seidenstraße

Heutzutage ist der Austausch mit Menschen und Gütern aus anderen Ländern und Kulturen nur noch einen Mausklick entfernt. Via Internet, TV und Bücher können wir in sehr kurzer Zeit sehr viel über andere Kulturen lernen. Doch dieses Privileg ist ein sehr junges. Früher musste der Austausch mühsam und direkt stattfinden. Verschiedene Klimazonen und natürliche Hindernisse, wie Wüsten und Gebirge machten das Bereisen der Route zu einem gefährlichen Abenteuer. Es dauerte oft beschwerliche Monate, andere Ethnien und Länder zu erreichen und dort angekommen gestaltete sich die Kommunikation meist zusätzlich als schwierig. Doch entgegen aller Anstrengung überwog und überwiegt auch heute noch das Interesse, am Fremden, mit seinen Menschen, seinen Waren und seiner Kultur, allen Strapazen. Für die Menschen jener früheren Tage war die Route die den fernen Osten, über den Orient bis zum Okzident, verband noch der Alltag um zu Handeln und Namen gab es für die vielen unterschiedlichen Routen viele. Der heute gängige Begriff Seidenstraße jedoch wurde erstmals von einem deutschen Abenteurer und Geografen namens Ferdinand Freiherr von Richthofen geprägt. Dieser verwendete den Begriff in seinem mehrbändigem Werk China, welches er im Zeitraum zwischen 1877 und 1912 verfasste. Richthofen verwendete in seinem Werk jedoch sowohl die Singular-, als auch die Plural Form des Wortes Seidenstrasse/n was verdeutlicht, dass die Seidenstraße nicht ein einzelner Weg, sondern ein Netzwerk an Land und See Routen war, die den Osten mit dem Westen verband . Ursprünglich umschrieb er damit alle Handelsrouten, über die Europa zu Zeiten Christi durch das Han-Kaiserreich mit Seide versorgt wurde.5 Obwohl sich dieser Begriff heute als übliche Beschreibung weltweit eingebürgert hat, sind sich Historiker heute einig, dass in der über 3000-jährigen Geschichte der Seidenstraße, die nicht als einzelner Pfad, sondern als Netzwerk aus Straßen und Meeresrouten gesehen werden sollte, Seide und später andere Güter nur ein Teil der Kostbarkeiten ausmachten, die über die weit verzweigten Routen transportiert wurden. Nach heutiger Einschätzung stellen immaterielle Güter wie Ideen, Glaubensrichtungen und Kultur die bedeutenderen „Waren“ dar.6 7

Obwohl Seide sicher zu den wertvollsten, der damals über die Seidenstraße gehandelten Gütern zu zählen ist, sind es andere, materielle sowie immaterielle Güter, die den Lauf der Geschichte veränderten. Saiteninstrumente, Medizin, Schwarzpulver sowie domestizierte Pferde übten auch auf die kulturelle Entwicklung des Westens und später der ganzen Welt einen erheblichen Einfluss aus. Parallel zum Warenhandel, breiteten sich auch Politik, Ideen und Religion aus. Besonders Missionare und Pilger des Christentums, des Buddhismus und später des Islam sorgten für einen Schmelztiegel der Glaubensbekenntnisse und prägten diese Region bis heute.8

2.2 Die Route der Seidenstraße

Im Folgenden beschäftigt sich diese Arbeit mit den verschiedenen Routen der alten Seidenstraße.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1 : Die Seidenstraße von ca. 200 vor - 1500 nach Christus.

Quelle: Diercke-Atlas Online Thomas O. Höllmann. Die Seidenstraße. Encyclopedia Brittanica, München, [2017].

Vereinfacht gesagt war die Seidenstraße von ca. 200 vor bis ca. 1500 nach Christus ein Netzwerk aus Handelsrouten, sowohl über Land als auch über das Meer, welches den Ost-Asiatischen Raum via Zentral Asien und den heute sogenannten Stan-Staaten, wie Usbekistan, Turkmenistan, Pakistan, Kasachstan und Afghanistan, bis zum Mittelmeerraum auf einer Gesamtlänge von knapp 7000 Kilometern in beide Richtungen verband.

Der östliche Ausgangspunkt der Land-Seidenstraße war die Nordchinesische Stadt Xi´an. Diese stark befestigte Stadt war zu Zeiten der Qin-Dynastie um ca. 220 vor Christus die erste Hauptstadt des Kaiserreichs China und hat bis heute eine bedeutende kulturelle Rolle in China.9 Heutzutage lockt die Stadt viele Touristen als Basis an, die sich die sogenannte Terrakotta-Armee ansehen möchten. Von Xi´an aus führte die Handelsroute ins nördliche Peking und bis nach Shanghai, von wo aus der Großteil des Handels über den Seeweg getätigt wurde. Weiter westwärts auf der Hauptroute über die kleine Stadt Lanzhou führte die Seidenstraße nach Anxi, einem wichtigen Knotenpunkt für den weiteren Verlauf der Route. Diese zwischen der Wüste Gobi und der Wüste Taklamakan gelegene Provinzstadt führte die Reisenden, je nach Ziel, entweder nördlich oder südlich um die Wüste Taklamakan, bis heute eine der trockensten Gegenden der Welt. Die beiden Umgehungsrouten trafen sich anschließend wieder im äußersten Nordwesten Chinas bei der Stadt Kashgar. Von dort aus verlief die Route weiter nördlich des Pamir und Hindukusch durch das bergige Tadschikistan bis ins heute nördliche Turkmenistan. Weiter ging es südwärts zwischen dem Kaspischen Meer und dem Persischen Golf durch den heutigen Iran über die Stadt Babylon. Von der legendären Stadt, mit ihren hängenden Gärten und blauen Stadtmauern ging es weiter über die Stadt Palmyra, einem historischen Ort, der erst vor einigen Jahren dem Terror des sogenannten Islamischen Staats zum Opfer gefallen ist. Am Mittelmeer angekommen führte der letzte Abschnitt über Damaskus ins Nordafrikanische Alexandria.

Entlang dieser Hauptroute lassen sich viele Abzweigungen und kleinere Knotenpunkte finden, die meist weitverzweigt ganzen Regionen als Lebensader dienten. Außerdem bereisten die wenigsten Individuen oder Karawanen die ganze Strecke der Seidenstraße. Meist wurden nur bestimmte Abschnitte der Reise von speziellen Händlern übernommen, die ihre Waren beim Übergang in andere Gebiete dem nächsten Händler zum Weitertransport überließen.

Zusätzlich zu dem immensen Netzwerk an Land-Handelsrouten kam auch mit der Zeit noch der Seeweg hinzu. Südlich von Peking in der Hafenstadt Shanghai startend, verlief diese maritime Handelsroute immer entlang der Küste an China über Vietnam, Myanmar und Indien vorbei. Anschließend teilte sich die Route in nordwestliche Richtung, in den Persischen Golf und in westliche Richtung in das Rote Meer auf. Der im 19ten Jahrhundert erbaute Suezkanal ermöglicht heutzutage das Weitere Passieren ins Mittelmeer, was zur damaligen Zeit noch nicht möglich war. Deshalb dienten damals Städte wie Alexandria, Damaskus und Konstantinopel als Verteilungspunkte in den Mittelmeerraum.

2.3 Epochen der Seidenstraße

Die erste Phase, in der wir Austausch und Bewegungen auf Routen der späteren Seidenstraße erkennen können, fand von ca. 3000 bis 300 vor Christus statt. Zu dieser Zeit begannen verschiedene Gruppen von Indo-Europäischen Bauern, Hirten und Nomaden sich entlang der späteren Seidenstraße auszubreiten und anzusiedeln. Dieser verschiedenen Gruppen und Gemeinschaften prägten eine Sprachbasis namens Proto-Indo-Europäisch, welche als Grundlage für Sprachen wie Indisch, Latein, Englisch, Germanisch und Persisch und viele weitere diente. Mit der Entwicklung der Kulturen begann auch der Handel in der Region zwischen dem Afrikanischen, dem Asiatischen und dem Europäischen Kontinent zu florieren und diente als Basis für spätere Handelswege. Die Epoche der klassischen Seidenstraße jedoch lässt sich erst Jahrhunderte später klar definieren. Ihre Hochphase erlebte sie von ca. 300 vor bis ca. 300 nach Christus. In dieser Phase sprechen Historiker erstmalig über die Seidenstraße. Einer der Gründe für das Entstehen der Handelsrouten, lag in dem andauernden Konflikt zwischen einerseits den Qin und später der Han Dynastie und andererseits das Volk der Xiongnu, einem Volk aus dem heutigen Nordchina. Um ca. 221 vor Christus gelang es den Qin-Chinesen die Xiongnu über den Huang He, auch gelber Fluss genannt, zurückzuschlagen und die neu geschaffene Grenze mit dem ersten Abschnitt der Chinesischen Mauer zu sichern. In dieser Epoche des relativen Friedens und der Beständigkeit im heutigen China, konzentrierten sich die Han-Chinesen erstmals in größerem Ausmaß auf den Handel mit dem heutigen Europa und allen Ländern dazwischen.10 Die dritte und letzte Phase der Seidenstraße lässt sich auf ca. 300 bis 1500 nach Christus datieren. In jener Epoche erlebte die Seidenstraße ihren schleichenden Niedergang. Es gibt viele verschiedene Gründe, warum die Seidenstraße in ihrer Form nicht bis in die heutige Zeit überlebte. Zum einen stellte der Untergang des Römischen Reiches, Unruhen und Kriege in Zentral-Asien und eine Art des frühen Protektionismus des chinesischen Reichs und das Fokussieren Chinas auf den See-Handel schwere Hürden für die Handelsroute dar. Zum anderen verlagerte sich der Handel im zweiten Jahrtausend nach Christus immer mehr auf den Seeweg. Dies ist der Tatsache geschuldet, dass große Seefahrernationen wie Portugal, Spanien und England verstärkt begannen ihre Imperien durch Kolonien zu erweitern. So lassen sich in den ehemaligen Kronkolonien wie Macau und Hongkong noch immer der portugiesische beziehungsweise der englische Einfluss erkennen.11 12

2.4 Sinn und Zweck der Seidenstraße

In ihrem ursprünglichsten Sinne entstand die Seidenstraße um Waren zwischen den Kontinenten und Ländern des Ostens und Westens auszutauschen. Typischerweise wurden Stoffe und Gewürze aus dem Osten in den Westen und Edelmetalle und Rohstoffe in den Osten gehandelt. Doch wenn wir die Geschichte der Seidenstraße über die Jahrhunderte genauer betrachten wird klar, dass die Seidenstraße viel mehr Zweck erfüllt als das bloße Bedürfnis Waren auszutauschen. Ein weiterer wichtiger Impuls der Handelsroute war, die ganze Zeit über, der Austausch der verschiedenen Religionen. Die Route bot vor allem für Pilger und Missionare verschiedenster Glaubensbekenntnisse eine komfortable Möglichkeit zu Missionieren, was über einen langen Zeitraum zu einem konstanten Austausch der verschiedenen Religionen führte. Die wichtigsten Religionen stellten hier stets das Christentum, der Buddhismus und ab dem siebten Jahrhundert nach Christus der Islam. Darüber hinaus diente die Seidenstraße auch dem Zweck der Völkerverständigung. Besonders Diplomaten und Gesandte nutzten die Route um zwischen Völkern und Ländern zu vermitteln und in Zeiten des Konflikts und des Disputs wurde sie unweigerlich auch für Kriege benutzt. Zu guter Letzt half die Seidenstraße auch seit jeher der Migration von Menschen. Überall wo sich verschiedene Ethnien und Völker begegneten kam es somit auch zum biologischen Austausch und der Verschmelzung der Kulturen.13 14

2.5 Bezug der Seidenstraße zur Gegenwart

Der Bezug der Seidenstraße zur Gegenwart lässt sich in ihrer enormen Bedeutung für die damalige Menschheit begründen. Über viele Jahrhunderte hinweg galt die Seidenstraße als sichtbare und unsichtbare Verbindung zwischen verschiedensten Hochkulturen, Ethnien und Kontinenten und diente oftmals als Basis und Motor für das Florieren neuer Wirtschafts- und Kulturräume. Auf der Seidenstraße wurden sowohl Waren, Menschen und Tiere sowie auch Ideen, Religionen und Werte wie Sauerstoffpartikel in einer Blutbahn in die äußersten Regionen eines weitläufigen Organismus transportiert. Die Seidenstraße verband die Menschen auf ihrem Weg über fast drei Jahrtausende hinweg und sorgte in ihrem Einflussgebiet als Ur-Version der Globalisierung für regen Austausch in biologsicher, technologischer und kultureller Hinsicht. Des Weiteren kann aus heutiger Sicht davon ausgegangen werden, dass die Seidenstraße nie wirklich aufhörte zu existieren, da auch nach ihrem offiziellen Existieren im 16ten Jahrhundert weiter Handel und Austausch über ihre alten Routen beobachtet werden konnte.

Als ein erstes, modernes Pendant zur Seidenstraße kann im Vergleich der sogenannte amerikanische Marshall-Plan zur Stärkung Europas nach dem zweiten Weltkrieg herangezogen werden. Hier lässt sich besonders gut das beiderseitige Profitieren von derartigen wirtschaftlichen Großprojekten demonstrieren. Von 1948 bis 1952 erfüllte dieses Konjunkturprogramm, wie die Seidenstraße, sowohl humanitäre, politische als auch wirtschaftliche Ziele auf beiden Seiten. Der humanitäre Aspekt zielte darauf ab der nach dem zweiten Weltkrieg noch oftmals notleidenden und hungernden Bevölkerung in jeder erdenkbaren Weise unter die Arme zu greifen. Das politische Ziel wurde durch die Präsenz und das Kontrollieren der Sowjetunion in Europa erfüllt. Durch den gezielten Wiederaufbau der unterstützen Länder konnte erfolgreich ein kontrollierbares Bollwerk gegen den Kommunismus aufgebaut werden. Zu Guter Letzt ist der wirtschaftliche Wille hinter dem Marshall-Plan nicht zu ignorieren. Da die amerikanische Wirtschaft während des zweiten Weltkriegs stark hochgefahren wurde, erwirtschaftete diese noch erhebliche Überproduktion. Diese konnte im Austausch gegen wichtige Edelmetalle und Rohstoffe an die Verbündeten in Europa übergeben werden. Dieses Beispiel zeigt, dass wirtschaftlicher Einfluss auch Hand in Hand mit geopolitischen Zielen gehen kann.15

Bereits Juli 2011 erwähnte die damalige amerikanische Staatssekretärin Hillary Clinton im indischen Chennai, ihre Absicht eine Initiative mit dem Namen „die Neue Seidenstraße“ in Zentral-Asien zu etablieren. Diese Initiative sollte durch amerikanische Investitionen in Afghanistan und seine Nachbarstaaten diese von Konflikten zermürbte Region durch wirtschaftliche Investitionen stabilisieren und somit die US-Indische Partnerschaft stärken.16 In weiser Voraussicht erkannte die amerikanische Regierung erneut das enorme wirtschaftliche und geopolitische Potenzial durch gezielte Investitionen in diese Region. Diese vielversprechende Initiative wurde jedoch von amerikanischer Seite nicht weiterverfolgt.

Aufgrund der aktuell sehr protektionistischen Wirtschafts- und –Außenpolitik der Trump-Administration und dem unbedingten Streben Chinas nach mehr globalem Einfluss, konnte sich die Volksrepublik, durch große Investitionen, dieses Mega-Projekt sichern.

3. Die aktuelle wirtschaftliche und politische Lage der Volksrepublik China

Im Folgenden wird nun die aktuelle wirtschaftliche und politische Situation Chinas, im Hinblick auf die Motivation für eine neue Seidenstraße betrachtet.

3.1 Die wirtschaftspolitische Geschichte

Um die aktuelle wirtschaftliche und innenpolitische Situation der Volksrepublik China gänzlich verstehen zu können, bedarf es eines Rückblicks in die Zeit, in der die junge Nation noch in ihren Kinderschuhen steckte. Oftmals wird die Rolle Chinas im zweiten Weltkrieg unterschätzt, beziehungsweise ignoriert. Bereits ab 1937 begann das Japanische Militär in weite Teile des Staatsgebietes ihres Erzfeindes Chinas vorzudringen und hielt diese bis zum Kriegsende 1945 auch in eiserner Okkupation. Westliche Schätzungen gehen heutzutage von circa zehn Millionen chinesischer und ca. einer Million japanischer Opfer auf chinesischen Boden aus. Auf chinesischer Seite lässt sich ein Großteil der ca. 10 Millionen Toten auf die enormen Repressalien der japanischen Eroberer an der Zivil-Bevölkerung zurückführen. Erst gegen Ende des zweiten Weltkriegs 1945 konnten die japanischen Eroberer erfolgreich aus China vertrieben und letztendlich durch den Schrecken der beiden über dem japanischen Festland in Hiroshima und Nagasaki abgeworfenen Atombomben zur Kapitulation gedrängt werden.17 In den Wirren der Chinesisch-Japanischen Nachkriegszeit und dem darauffolgenden Bürgerkrieg von 1945 bis 1949 gelang es den kommunistischen Revolutionären 1949 unter der Führung Mao Zedongs die Volksrepublik China zu gründen und diese in der Folge stark nach Marxistisch-Sozialistischem Vorbild zu prägen.18

Wie es bereits der kommunistische Bruderstaat der Sowjetunion 1917 während des ersten Weltkriegs vormachte, war eine der ersten Reformen der kommunistischen Partei Chinas die sogenannte Landreform und die Industrialisierung Chinas. Im Zuge dieser sogenannten Kollektivierung wurde der „Bourgeoisie“, also den Adligen, Wohlhabenden und Akademikern, ihre ländlichen wie auch privaten Besitztümer oft mit drastischer Gewalt entrissen und die landwirtschaftlichen Flächen unter der Arbeiterklasse, dem sogenannten „Proletariat“, aufgeteilt. Dieser Vorgang sollte, wie in allen kommunistischen Staaten, die Errichtung eines „Bauernstaats“ bewirken, dessen lokale Erzeugnisse gänzlich an den Staat transferiert wurden, der diese dann nach festgelegten Plänen an die Bevölkerung weiterverteilte. Das gleiche Prinzip wurde auch auf die Industrialisierung Chinas angewendet, denn im Vergleich zum westlichen Stand der Industrialisierung lag die chinesische Entwicklung in Bereichen wie Infrastruktur, Bildung und Gesundheitswesen weit zurück und sollte durch sogenannte „Fünf-Jahres-Pläne“ optimiert werden. Hierbei sollte der Staat der Industrie genau vorgeben, welche wirtschaftlichen Güter, an welchem Ort und in welcher Menge benötigt werden würden, umso das Wachstum der chinesischen Wirtschaft zu steigern.

Bereits nach einigen Jahren offenbarten sich jedoch erste Schwächen im neuen politischen und wirtschaftlichen System, welche sich in einem wachsenden Unmut der Bevölkerung wiederspiegelten. Im Zuge dessen forderte die kommunistische Regierung Chinas 1956 daher die breite Bevölkerung auf, offen Kritik an Missständen und politischer Korruption zu äußern. Dieses minimale Recht der politischen Mitsprache wurde auch genutzt, breitete sich jedoch unter dem Begriff der „Hundert-Blumen-Bewegung“ zu einem politischen Lauffeuer der Kritik innerhalb der Bevölkerung aus, was in den Augen der kommunistischen Partei eine immer größere Bedrohung für ihre Vorherrschaft darstellte. Dies stellte den Beginn einer ersten großen Welle der politischen Verfolgung und Liquidierung von System-Kritikern und Akademikern, die sich durch ihre offene Kritik erkenntlich gegeben hatten, durch die kommunistische Regierung Chinas dar.

In den darauffolgenden 20 Jahren bis zum Tode Maos offenbarte sich dessen tödliche Skrupellosigkeit in verschiedenen politischen und wirtschaftlichen Kampagnen besonders stark. Von 1958 bis 1962 sollte China durch systematische Neustrukturierungen und einer verstärkte „Kommunisierung“ der Wirtschaft und des Privatlebens der Bevölkerung zu einem global ernstzunehmenden landwirtschaftlichen Konkurrenten des Westens werden. Im Zuge der Neuorganisation der Landwirtschaft kam es jedoch zu einem erheblichen Mangel an Bauern und Nahrungsproduzenten, was zu einer der schlimmsten Hungersnöte der menschlichen Geschichte führte, die nach heutigen Schätzungen ca. 40 Millionen chinesischen Bürgern das Leben kostete.19 In der Folge dieser fatalen innenpolitischen Ereignisse stieg die Angst Maos vor einer Revolution gegen sich selbst und die kommunistische Regierung Chinas, was ihn ab 1966 dazu veranlasste die sogenannte „Kulturrevolution“ der Bevölkerung ins Leben zu rufen. Mao forderte hierbei insbesondere die Jugend Chinas zur Bekämpfung allen „Antikommunistischen“ Gedankenguts innerhalb der Bevölkerung auf, was nach heutigen Schätzungen zu weiteren Millionen zivilen Opfern führte. Zu jener Zeit bis ca. 1976 ging die gottgleiche Verehrung Maos teils soweit, dass Kinder oftmals ihre Eltern und andere Familienangehörige als „Antikommunistisch“ diffamierten, was massenweise zu deren Tod führte.

Sowohl politisch, als auch wirtschaftlich stellt der Tod Mao Zedongs 1976 einen klaren Wendepunkt in der modernen chinesischen Geschichte dar. Für die folgenden 20 Jahre übernahm Deng Xiaoping als neuer führender Politiker innerhalb der kommunistischen Partei das politische Ruder und legte den Grundstein für das moderne chinesische Wirtschaftssystem, der sogenannten „Sozialistischen Marktwirtschaft“. Erstmals seit dem zweiten Weltkrieg war es Bauern und industriellen Betrieben, bis zu einem gewissen Grad und weiterhin stets unter der Beteiligung und Aufsicht des Staats, wieder erlaubt Gewinne eigenständig zu erwirtschaften und auch zu verwenden. Zudem wurden seit 1979 überall in China sogenannte „Sonderwirtschaftszonen“ eingerichtet.20 Die erste dieser Sonderwirtschaftszonen wurde unter dem Namen Shenzhen 1979 an der Grenze zur Sonderverwaltungszone HongKong aufgebaut und versinnbildlicht ganz und gar den Nutzen und die Möglichkeiten die diesen Provinzen und Städten gegeben wird. Einst ein kleines Fischerdorf mit knapp 30.000 Einwohnern, ist die Stadt heute mit 13 Millionen Einwohnern und einem rasanten Wirtschaftswachstum eine der dynamischsten Metropolen Chinas. Durch das Recht zur selbständigen Gesetzgebung bieten sich diesen Orten besondere Möglichkeiten, die anderswo in China nicht möglich sind. Durch das Öffnen des Landes und mit Hilfe von besonderen Steuer- und Gewerbekonditionen in den Sonderwirtschaftszonen konnten seit Anfang der 1980er Jahre erfolgreich ausländische Firmen, Mitarbeiter und Devisen in die gewünschten Regionen, angezogen werden. Die Besonderheit hierbei sind die hohen Markteintrittsbarrieren und der Zwang von ausländischen Firmen eine Partnerschaft oder ein Joint-Venture mit einem chinesischen, meist durch den Staat beteiligten, Unternehmen einzugehen, wodurch nach wie vor sichergestellt wird, dass die chinesische Wirtschaft stets am Erfolg der ausländischen Unternehmen profitiert.

[...]


1 Vgl. Hartmann/Maenning/Wang/Egel [2017], S. 83

2 Vgl. Hartmann/Maenning/Wang/Egel [2017], S. 58

3 Vgl. Puls [2016], S. 1

4 Vgl. Hartmann/Maenning/Wang/Egel [2017], S. 385

5 Vgl. Millward [2013], S.41

6 Vgl. (Andrea, 2014)

7 Vgl. Christian [2000], S. 17

8 Vgl. Millward [2013], S. 56

9 Vgl. Andrea [2014], S. 110

10 Vgl. Christian [2000], S. 13

11 Vgl. Millward [2013], S. 61-66

12 Vgl. Andrea [2014], S. 114

13 Vgl. Millward [2013], S. 9 ff.

14 Vgl. Christian [2000], S. 18

15 Vgl. Böttiger [1998], S. 54

16 Becker/Straub [2007] S. 56

17 Vgl. Hartmann/Maenning/Wang/Egel [2017], S. 214

18 Vgl. Böttiger [1998], S. 41-43

19 Vgl. Christian [2000], S. 18

20 Vgl. Christian [2000], S. 11

Ende der Leseprobe aus 54 Seiten

Details

Titel
Die chinesische Seidenstraße. Wirtschaftliche und geopolitische Darstellung eines internationalen Projekts
Hochschule
Hochschule Fresenius München
Autor
Jahr
2018
Seiten
54
Katalognummer
V454070
ISBN (eBook)
9783668889972
ISBN (Buch)
9783668889989
Sprache
Deutsch
Schlagworte
seidenstraße, wirtschaftliche, darstellung, projekts
Arbeit zitieren
Michael Nebollieff (Autor), 2018, Die chinesische Seidenstraße. Wirtschaftliche und geopolitische Darstellung eines internationalen Projekts, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/454070

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