Schriftsteller und Journalisten im Nationalsozialismus

Ein Vergleich anhand des Beispiels von Algin und Heini in Irmgard Keuns "Nach Mitternacht"


Hausarbeit, 2016

13 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Vergleich der beiden Schriftsteller Heini und Algin
Heini
Algin Moder
Vergleich

Fazit

Literaturverzeichnis
Primärliteratur
Sekundärliteratur

Einleitung

„Durch die Diktatur ist Deutschland ein vollkommenes Land geworden. Ein vollkommenes Land braucht keine Schriftsteller. Im Paradies gibt es keine Literatur. Ohne Unvollkommenheit gibt es keine Schriftsteller und keine Dichter. Der reinste Lyriker bedarf der Sehnsucht nach Vollkommenheit. Wo Vollkommenheit ist, hört die Dichtung auf. Wo keine Kritik mehr möglich ist, hast du zu schweigen. […] Das Vollkommene macht jedes Wort überflüssig. […] Bring dich um, Algin, du lebst im Paradies.“1

Das sagt Heini zu Algin, als sich dieser dazu entschließt, als Schriftsteller nicht aufzugeben und sich nun den Vorstellungen der Nationalsozialisten anzupassen, sich also an der sogenannten Blut- und Bodendichtung2 zu versuchen, wovon ihm Heini aber deutlich abrät. Im Nationalsozialismus wurde den Schriftstellern, die nicht derselben Überzeugung wie die Nationalsozialisten waren, das Leben sehr schwer gemacht. Die Pressefreiheit wurde eingeschränkt; mit der Reichtagsbrandverordnung wurden viele elementare Grundrechte außer Kraft gesetzt; das Ermächtigungsgesetz schaffte die Weimarer Verfassung endgültig ab; schwarze Listen der verbotenen Schriften wurden erstellt; die Überwachung und Bestrafung der Menschen nahm mit der Gründung der Gestapo deutlich zu; es fanden Bücherverbrennungen statt; die Reichsschrifttumskammer wurde gegründet und mit ihr wurden bestimmte Themen vorgegeben, die von den Schriftstellern behandelt werden durften, wenn sie weiter veröffentlichen wollten. Alles zusammen führte zu großer Arbeitslosigkeit unter Schriftstellern und Journalisten. Diese ganzen Veränderungen, die Adolf Hitler durchgesetzt hatte, fanden innerhalb von fünf Monaten nach seiner Ernennung zum Reichskanzler statt.3 Viele dieser Veränderungen bekommen Heini und Algin in ,Nach Mitternacht‘ deutlich zu spüren und sie führen beim Einen zum Selbstmord, beim Anderen zur kompletten Aufgabe seiner Überzeugungen.

Die Frage, ob Heini und Algin als Schriftsteller gescheitert sind, und wie sie vom jeweils anderen denken, wird im nachfolgenden Kapitel mit zwei Analysen und einem darauf folgenden Vergleich beantwortet. Definiert man Scheitern wie im Duden, mit dem Verfehlen seines angestrebten Zieles oder der Erfolglosigkeit4, so muss zwangsläufig auch geklärt werden, welche Ziele die beiden verfolgen.

Vergleich der beiden Schriftsteller Heini und Algin

Die Handlung in ,Nach Mitternacht‘ dreht sich vor allem um die beiden Schriftsteller Heini und Algin und deren Wandlung in ihrem Schriftstellerdasein. Die beiden stehen dabei im Gegensatz zueinander. Der Eine nimmt alles in Kauf, um seine Überzeugungen an die Menschen weiterzugeben, der Andere gibt seine Einstellung auf, um seinen Wohlstand und sein Ansehen nicht zu verlieren.

Heini

Der ehemalige Journalist Heini schreibt laut Sanna, der Ich-Erzählerin, gar nicht mehr, und das aus politischen Gründen. Deshalb hat er kein Einkommen mehr und ist vollkommen abhängig von dem Geld, das ihm seine Zuhörer und Freunde geben.5 Er nimmt lieber „materielle Verelendung in Kauf“6, statt sich dem Willen der Nationalsozialisten zu beugen und sich der Blut- und Bodendichtung zu widmen. Seiner Meinung nach sind Schriftsteller dazu da, um zu kritisieren und dürfen keine Angst haben, denn „[e] in Schriftsteller, der Angst hat, ist kein Schriftsteller.“7 Da Heini nicht mehr veröffentlichen darf, übt er diese Kritik mündlich im kleinen Kreise seiner Freunde und Bewunderer aus.

Er bezeichnet Deutschland unter der Diktatur Hitlers ironisch als vollkommenes Land, in dem Schriftsteller überflüssig geworden sind und zu schweigen haben, da „keine Kritik mehr möglich ist“8. Das Dritte Reich habe laut Doris Rosenstein dem unabhängigen und kritischen Journalismus ein Ende bereitet.9 Wenn er also der Meinung ist, dass kein Schriftsteller mehr in der Lage sein sollte, seinen Beruf so auszuführen, wie Heini das von allen Schriftstellern erwartet, stellt sich die Frage, warum er nicht auswandert, und versucht, seine Kritik aus dem Exil auszuüben.

„Armer Emigrant. Glatt und hart umschalt wie eine Kastanie wird jedes Land für dich sein. Dir selbst zu Qual werden und anderen Menschen zu Last. Die Dächer, die du siehst, sind nicht für dich gebaut. Das Brot, das du riechst, ist nicht für dich gebacken. Und die Sprache, die du hörst, wird nicht für dich gesprochen.“10

Heini bildet eine Art Ausgleich zur unvoreingenommenen Erzählerin, verwirft den Gedanken an das Exil und „deutet die Emigration als eine existentielle Erschütterung des Exilanten in den wesentlichen Lebensbereichen Wohnsitz, Nahrung und Sprache“11. Damit reiht er sich in die Klagen vieler anderer ein, auch derer von Irmgard Keun, die es nie geschafft hat, wirklich fest in einem fremden Land Fuß zu fassen und selbstständig ein neues Leben zu beginnen. Sie war immer vor allem auf finanzielle Hilfe angewiesen, was man in nahezu jedem ihrer Briefe an Arnold Strauss erkennen kann, wie zum Beispiel in ihren Briefen vom 13.11.1933 und vom 15.12.1933: „Meine Situation ist momentan abgrundtief widerlich. […] Meine Finanzlage fängt an, brenzliger als brenzlig zu werden […].“12 und „[w] enn du Geld hast, schick, so schnell es geht, was. Ich weiß nicht, ob ich nächstens noch für Zigaretten und Marken zusammenkriege […].“13.

Keun zeigt die zwei Möglichkeiten, die man als Schriftsteller im Nationalsozialismus hat, auf: „Liebes, es ist nicht ganz einfach, jetzt hier zu leben und arbeiten zu müssen. Wenn man keine Lust zum Selbstmord hat, muß man sich eben entschließen, alles Schwere interessant zu finden“14 - auch eventuell wieder eine Parallele zu Heini. Heini erkennt, dass die Emigration nur einen „schmerzhaften Verlust“15 zur Folge haben würde und entscheidet sich zum Leben in der „Hölle“16. Er sei „lächerlich und alt, ohne Kraft und Lust nochmal von vorn zu beginnen.“17.

Doch er wird sich „der Unhaltbarkeit seiner Position – im existentiellen Sinne“18 bewusst: „seine Haltung ist nicht lebbar, weil auch sein Sarkasmus unter diesen Verhältnissen weitestgehend folgenlos bleibt.“19, sein „Sprechen [hat] keinerlei Wirkung mehr“ und er sei laut Braese am Ende20. Daher entscheidet er sich am Ende des Romans zum Freitod, da in einem Land, in dem es „nichts mehr zu kritisieren gibt, der Schriftsteller sein Brot verloren hat“21 und das, „was jetzt in Deutschland begann, hoffnungslos ohne Ende scheint“22, wobei „jetzt“ die Zeit um 1937 bezeichnet. Sein „Vertrauen in die Richtigkeit des satirischen Wortes verglimmt“23 und er verabschiedet sich mit den Worten:

„Ich hab’s satt, die Herrschaften entschuldigen, wenn ich das Fest etwas störe, aber ich bin gerade in Stimmung es zu tun – nicht einen Augenblick kann ich mehr warten. Schluß für heute und gute Nacht“24

und „jagt sich aus „Weltekel“ eine Kugel durch den Kopf“25. Diesen „Weltekel“ äußert er vor allem in seinem Monolog kurz vor seinem Tod, als er sagt, dass er „ohne Glaube an die Menschen“ und „ohne Glaube an Änderung und Besserung in den nächsten Jahrzenten“26 sei. Sein Ziel war also, die Menschen in Deutschland, oder Deutschland allgemein wieder auf den richtigen Weg zu lenken und sich selbst treu zu bleiben. Wie Gert Sautermeister feststellte, blieb Heini aber bis zum Ende seines Lebens ein Pessimist.27

Algin Moder

Algin Moder ist Sannas älterer Bruder, dessen steil ansteigende Karriere als erfolgreicher Schriftsteller durch die Nationalsozialisten beendet wird, als sein letztes Buch „auf eine schwarze Liste gesetzt“28 wird. Ihm wird gedroht, dass eine „neue Säuberungsaktion unter den Schriftstellern stattfinden soll, bei der man Algin wahrscheinlich aussieben wird.“29 „Damit ist Algins stilvolle Lebensweise, die er seiner Umgebung vorzuführen pflegt wie eine „großartige Theatervorstellung“30 ; akut gefährdet.“31

Er entscheidet recht schnell, sich der Blut- und Bodendichtung zu widmen, die Sanna mit Erdschollen vergleicht, die die Dichter „besingen müssen, um nicht auf dumme Gedanken zu kommen und nachzudenken, was in den Städten los ist und mit den Menschen“32, um seinen hohen Lebensstandard erhalten zu können. Er muss sich nun „einwandfrei benehmen beim Schreiben“33, um das alles behalten zu können, was ihm so viel bedeutet, woran man gut erkennen kann, dass er mehr an Ruhm und Prestige interessiert ist, und sein politisches Interesse lieber zur Seite schiebt, damit es seinen höheren Zielen nicht im Wege steht. Das „Bedürfnis nach Selbstrepräsentation bleibt lebensbestimmend“ und überwuchert sogar seinen Widerwillen gegen die Nationalsozialisten.34 Am Anfang findet er es selbst „dumm und greulich, was er schreib[t] “35, doch er „wählt trotz aller inneren Skrupel die Anpassung an die neuen politischen Verhältnisse“36. Mit der Zeit findet er „allmählich nicht mehr dumm, was er schreibt, denn er äußert sich neuerdings als Dichter über die Natur und seine naturverbundene Heimatliebe“37, was zu „aufkommender Fremdheit“ zwischen ihm und seiner Frau Liska führt, die er geheiratet hat, „weil sie ihn bewunderte als einen dichtenden Gott“ und weil sie „ so groß und schön“38 war.

[...]


1 Keun, Irmgard: Nach Mitternacht. Roman. 4. Auflage. Berlin: List 2013 (= List Taschenbuch 60151). S. 130f. Im Folgenden benannt als ,Keun: Nach Mitternacht 2013.‘

2 Jeßing, Benedikt: Blut- und Bodendichtung. In: Metzler Literatur Lexikon. Begriffe und Definitionen, hg. von Dieter Burdorf u. a. Begründet von Günther und Irmgard Schweikle. 3. Aufl. Stuttgart, Weimar: Metzler 2007. S. 94.

3 Vergl. Schnell, Ralph: Literarische Innere Emigration. 1933-1945. Stuttgart: Metzlersche Verlagsbuchhandlung und Poeschel 1976. Kapitel 2.

4 o.A.: Deutsches Universalwörterbuch, hg. von Dr. Matthias Wermke (Vors.), Dr. Annette Klosa u. a., unter Mitarbeit von Jürgen Volz und Wolfgang Worsch. 4., neu bearbeitet und erweiterte Aufl. Mannheim: Bibliographisches Institut & Brockhaus 2001, S. 1367.

5 Keun: Nach Mitternacht 2013. S. 102.

6 Braese, Stephan: Das teure Experiment. Satire und NS-Faschismus. In: Kulturwissenschaftliche Studien zur deutschen Literatur, hg. von Dirk Grathoff, u. a.. Opladen: Westdeutscher Verlag 1996, S.148. Im Folgenden benannt als ‚Braese: Satire und NS-Faschismus 1996.‘

7 Keun: Nach Mitternacht 2013. S. 130.

8 Keun: Nach Mitternacht 2013. S. 130.

9 Rosenstein, Doris: Bilder und Szenen aus dem ,Dritten Reich‘. Zum Erzählkonzept des Romans Nach Mitternacht von Irmgard Keun. In: Irmgard Keun 1905/2005. Deutungen und Dokumente, hg. von Stefanie Arend und Ariane Martin. Bielefeld: Aisthesis 2005, S. 186. Im Folgenden benannt als ,Rosenstein: Bilder und Szenen 2005.‘

10 Keun: Nach Mitternacht 2013. S. 190.

11 Wotschal, Xenia: Irmgard Keun: Nach Mitternacht (1937). In: Handbuch der deutschsprachigen Exilliteratur: von Heinrich Heine bis Hertha Müller. Hg. von Bettina Bannasch und Gerhild Rochus. Berlin, u. a.: De Gruyter 2013. S. 359. Im Folgenden benannt als ,Wotschal: Irmgard Keun 2013.‘

12 Keun, Irmgard: Ich lebe in einem wilden Wirbel. Briefe an Arnold Strauss, 1933-1947, hg. und kommentiert von Gabriele Kreis und Marjory S. Strauss. München: Dtv 1990 (=dtv 11229). S. 37.

Im Folgenden benannt als ,Keun: Briefe 1990.‘

13 Keun: Briefe 1990. S. 47.

14 Keun: Briefe 1990. S. 35.

15 Wotschal: Irmgard Keun 2013. S. 359.

16 Keun: Nach Mitternacht 2013. S. 189.

17 Braese: Satire und NS-Faschismus 1996. S. 149.

18 Braese: Satire und NS-Faschismus 1996. S. 148.

19 Siegel, Eva-Maria: Jugend, Frauen, Drittes Reich. Autorinnen Im Exil 1933-1945. In: THETIS – Literatur im Spiegel der Geschlechter, hg. von Irmgard Roebling und Sigrid Schmid-Bortenschlager. Band 5. Pfaffenweiler: Centaurus 1993. S. 61. Im Folgenden benannt als ,Siegel: Jugend, Frauen, Drittes Reich 1993.‘

20 Braese: Satire und NS-Faschismus 1996. S. 149.

21 Keun: Nach Mitternacht 2013. S. 131.

22 Braese: Satire und NS-Faschismus 1996. S. 149.

23 Braese: Satire und NS-Faschismus 1996. S. 149.

24 Keun: Nach Mitternacht 2013. S. 193.

25 Siegel: Jugend, Frauen, Drittes Reich 1993. S. 60.

26 Keun: Nach Mitternacht 2013. S. 189.

27 Sautermeister, Gert: Irmgard Keuns Exilroman ,Nach Mitternacht‘. In: Exilliteratur 1933-1945, hg. von Wulf Koepke und Michael Winkler. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1989 (= Wege der Forschung, Band 647). S. 471. Im Folgenden benannt als ,Sautermeister: Irmgard Keuns Exilroman 1989.‘

28 Keun: Nach Mitternacht 2013. S. 19.

29 Keun: Nach Mitternacht 2013. S. 129.

30 Keun: Nach Mitternacht 2013. S. 21.

31 Siegel: Jugend, Frauen, Drittes Reich 1993. S. 61.

32 Keun: Nach Mitternacht 2013. S. 12.

33 Keun: Nach Mitternacht 2013. S. 21.

34 Sautermeister: Irmgard Keuns Exilroman 1989. S. 470.

35 Keun: Nach Mitternacht 2013. S. 125.

36 Siegel: Jugend, Frauen, Drittes Reich 1993. S. 61.

37 Keun: Nach Mitternacht 2013. S. 125.

38 Keun: Nach Mitternacht 2013. S. 21.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Schriftsteller und Journalisten im Nationalsozialismus
Untertitel
Ein Vergleich anhand des Beispiels von Algin und Heini in Irmgard Keuns "Nach Mitternacht"
Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen  (Institut für Germanistik und Allgemeine Literaturwissenschaft)
Note
1,7
Autor
Jahr
2016
Seiten
13
Katalognummer
V454624
ISBN (eBook)
9783668862135
ISBN (Buch)
9783668862142
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Nationalsozialismus, Schriftsteller, Irmgard Keun, Exilliteratur
Arbeit zitieren
Lena Hans (Autor:in), 2016, Schriftsteller und Journalisten im Nationalsozialismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/454624

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