John Rawls' Bürgerkonzept in "Political Liberalism"

Welche Verantwortungen hat ein Bürger in der Gesellschaft?


Hausarbeit, 2011
17 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Von der Person zum Bürger
2.1 Das Konzept der Person in Political Liberalism
2.2 Das Konzept des Bürgers in Political Liberalism

3. Welche Verantwortung haben Bürger?
3.1 Die faire Gesellschaft
3.2 Die Verantwortung des Bürgers der fairen Gesellschaft

4. Kann die Grundstruktur dem Bürger die Verantwortung für sein Handeln abnehmen?

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Jegliche Art des Zusammenlebens von Menschen, jede Gemeinschaft, Gesellschaft, Vereinigung beginnt beim Individuum. Die einzelne Person ist es, die in eine Gesellschaft hineingeboren wird, im Laufe ihres Lebens mit anderen Gemeinschaften gründet oder diesen beitritt. Sei es eine Familie, ein Verein, ein Staat – jeder Zusammenschluss von Menschen entsteht aus der Vereinigung einzelner zu einem Bündnis, das jedem Teilhabenden Vorteile verschaffen soll, aber auch mit Rechten, Pflichten und moralischen Wertesystemen verbunden ist.

John Rawls, einer der bedeutendsten politischen Philosophen des 20. und voraussichtlich des 21. Jahrhunderts, beschreibt eine solche Gesellschaft in seinem Buch Political Liberalism von 1993. Rawls spricht von einer Gesellschaft als fairem System sozialer Zusammenarbeit. Die Teilnehmer sind freie und gleiche Personen, die als vollständig kooperierende Mitglieder der Gesellschaft angesehen werden1. Sie haben eigene, persönliche Ziele die sie mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln auf bestmögliche Art und Weise verfolgen. Dabei fügen diese Ziele sich aber in das faire System der Gegenseitigkeit und Zusammenarbeit ein. Rawls nennt diese Personen „citizens“2 [Bürger]. Sie leben in einer liberalen Demokratie, die es den einzelnen Personen ermöglicht, neben ihren individuellen Lebensplänen und -zielen auch unterschiedliche überpolitische, sog. umfassende Weltanschauungen zu vertreten und ihr Leben in einem vernünftigen Rahmen danach zu richten. Neben dieser Kapazität über eine Idee oder Lehre des Guten zu verfügen, haben Personen die Fähigkeit, einen Sinn für das Richtige und Gerechte zu entwickeln. Mit diesen Werkzeugen ausgestattet bildet der vollwertige Bürger die Grundlage der Gesellschaft, da die ihr zugrunde liegenden Prinzipien einerseits von ihm erarbeitet, akzeptiert und befolgt werden können, sie andererseits eben jenem Bürger ein Leben in fairer Kooperation ermöglichen und sich bis zu seinem Tod auf ihn und seinen Charakter auswirken.

Diese vielseitige Konzeption der Person und des Bürgers im Rawlschen Sinne soll das Thema dieses Textes sein. Mein Ziel ist es drei grundlegende Fragen zu klären:

1) Was ist ein Bürger? Oder wie wird ein Individuum zu einem vollständig kooperierenden Teil der Gesellschaft? Dazu möchte ich kurz die Person und ihre Eigenschaften betrachten, um danach daraus den Begriff des Bürgers ableiten zu können.
2) Welche Verantwortung hat ein Bürger? Jedes vollständige Mitglied der Gesellschaft verfügt über Fähigkeiten, die es ihm ermöglichen gut und gerecht zu handeln, sprich eigene Ziele zu haben und anzustreben, aber auch die Grundprinzipien der fairen Gesellschaft zu akzeptieren und zu befolgen.
3) Genügt das Konzept der Verantwortung des Bürgers in Political Liberalism der dort formulierten Konzeption des Bürgers?

Zur Beantwortung der ersten beiden Fragen möchte ich mich an Rawls' Text halten und seinen Thesen und Argumenten folgen. Diese werden lediglich aufgearbeitet und verknüpft und höchstens durch eigene Zusätze ergänzt. Die Antwort auf Frage drei beinhaltet eigene Gedanken zum Text und soll daher zum Teil darüber hinausgehen.3

2. Von der Person zum Bürger

Die Konzepte der Person und des Bürgers in Political Liberalism sind nicht identisch, wenn auch das letztere große Teile des ersten Konzepts beinhaltet. In den beiden folgenden Abschnitten soll dies verdeutlicht werden.

2.1 Das Konzept der Person in Political Liberalism

Einfach gesagt und auf Anhieb einleuchtend ist, dass jeder Bürger eine Person sein muss. Aber was macht eigentlich eine Person aus? Rawls liefert hierzu direkt eine passende Antwort und nennt ein Konzept, das so seit der Zeit Platons und Aristoteles besteht:

[…] the concept of the person has been understood, in both philosophy and law, as the concept of someone who can take part in, or who can play a role in, social life, and hence exercise and respect its various rigths and duties.4

D.h. Personen sind Individuen, die a) die Fähigkeit besitzen eine bestimmte Rolle in der Gesellschaft einzunehmen und b) dazu befähigt sind, die damit verbundenen Rechte und Pflichten anzuerkennen und zu erfüllen. Das bedeutet, dass Personen auf irgend eine Art und Weise erkennen können müssen, wie sie sich am besten in die Gesellschaft integrieren, welchen Platz sie einnehmen können und was ihre Ziele sein sollten. Um einen zentralen rawlschen Ausdruck zu verwenden, sind Personen befähigt rational zu sein. Rational sein bedeutet, sich Ziele für sein eigenes Leben setzen zu können, deren Chance auf Erfüllung realistisch erscheint, gemessen an den eigenen Mitteln und Fähigkeiten, die zum Erreichen dieser Ziele notwendig sind. Weiter sagt Rawls:

The rational applies to how these ends and interests are adopted and affirmed, as well as to how they are given priority. It also applies to the choice of means, in which case it is guided by such familiar principles as: to adopt the most effective means to ends, or to select the more probable alternative, other things equal.5

Um sich persönliche Ziele setzen zu können, muss jede Person für sich entscheiden können, was sie für sich selbst als gut erachtet. Ein Ziel ist nur dann erstrebenswert, wenn es der eigenen Vorstellung des Guten entspricht. D.h. also, jede Person verfügt über die Fähigkeit, eine Konzeption des Guten zu haben. Diese Konzeption des Guten beinhaltet zum einen die Vorstellung, was im menschlichen Leben von Wert ist, außerdem Ziele, die wir um derer selbst Willen realisieren möchten. Des weiteren beinhaltet sie Bindungen zu anderen Personen, Gruppen und Vereinigungen, weshalb das Wohlergehen dieser Personen und Gruppen ebenfalls in der Konzeption des Guten enthalten ist. Letztlich gehören auch die religiösen, philosophischen und moralischen Ansichten und so das Selbstverhältnis zur Welt dazu.6 Rawls nennt die Fähigkeit zu solch einer Konzeption des Guten eine der beiden „powers of moral personality“ oder kurz „moral powers“.7

Die zweite ,moral powerʻ ist die Fähigkeit einen Sinn für Recht und Gerechtigkeit zu haben, um auf b) zurückzukommen. Das Anerkennen und Handeln nach fairen Prinzipien der Kooperation in einer Gesellschaft von gleichen und freien Individuen in gegenseitigem Einverständnis und der Sicherheit, dass jeder sich ebenfalls an diese Prinzipien hält, nennt Rawls „reasonable“8 [vernünftig]. Personen handeln weder aus altruistischen, noch aus egoistischen Gründen vernünftig. Vielmehr erkennen sie die Prinzipien und Normen nach denen sich die soziale Zusammenarbeit richtet als für jedermann vernünftigerweise zu befolgen und daher gerechtfertigt an und sind bereit, diese zu diskutieren.

Nach der Definiton der ,moral powersʻ fügt Rawls noch an, dass jede Person zu jedem Zeitpunkt über eine Konzeption des Guten verfügt, die sie zu verfolgen versucht.

Nach meiner Ansicht gehören des weiteren persönliche und unterschiedlich gut entwickelte Begabungen und Fähigkeiten körperlicher sowie geistiger Art untrennbar zur Konzeption der Person. Rawls hätte dies expliziter machen müssen, dass Begabungen und Fähigkeiten unmittelbar in die Findung einer sozialen Rolle und die Abwägung der eigenen Chancen im Hinblick auf das erreichen von Zielen mit einfließen. Im Prinzip ermöglichen auch erst sie die Erfüllung einer solchen Rolle.

Zusammenfassend kann man also festhalten, dass Personen über die Fähigkeiten verfügen 1.) eine Konzeption des Guten zu haben, 2.) rational, d.h. im Blick auf ihre Ziele, Chancen und ihren zur Verfügung stehenden Mitteln zu handeln, 3.) einen Gerechtigkeitssinn zu haben und 4.) vernünftig, d.h. nach fairen Prinzipien kooperierend zu handeln. Außerdem hat jede Person 5.) unterschiedlich stark entwickelte und ausgeprägte körperliche und geistige Fähigkeiten, die eine bedeutende Rolle bei Eingliederung in die Gesellschaft spielen.

2.2 Das Konzept des Bürgers in Political Liberalism

Wie wird nun aber die Person zum Bürger? Ein Bürger, das ist „a normal and fully cooperating member of society over a complete life.“9 D.h. mindestens verfügt der Bürger über die Fähigkeiten 1.) bis 4.), wie sie in Abschnitt 2.1 aufgelistet sind. Damit würde jemand wahrscheinlich dem ersten Kriterium der Definiton, ein normales Mitglied der Gesellschaft zu sein, genügen.

Um aber ein vollständig kooperierendes Mitglied zu werden, reicht das Verfügen über die Fähigkeiten alleine nicht aus. Es ist ein gravierender Unterschied, ob jemand z.B. nur die Fähigkeit besitzt, moralische Prinzipien der Kooperation für jedermann als sinnvoll zu erachten, diese jedoch, warum auch immer, selbst nicht befolgt oder ob man sich an vorgegebene, vernünftige Normen hält und diese als für jedermann gültig akzeptiert. Genauso verhält es sich mit der Konzeption des Guten. Als vollständig Kooperierendes Mitglied der Gesellschaft kann nur angesehen werden, wer über die zwei ,moral powersʻ verfügt und diese auch ausübt, sprich eine Konzeption des Guten hat, diese verfolgt und nach seinem Gerechtigkeitssinn handelt. Zu dem Fall, dass dies für jemanden nicht zutrifft, schreibt Rawls:

Someone who has not developed and cannot exercise the moral powers to the minimum requisite degree cannot be a normal and fully cooperating member of society over a complete life.10

Zum vernünftigen Handeln des Bürgers gehören für Rawls vier spezielle Eigenschaften. Das sind: a) Bürger sind, wie oben schon angesprochen, dazu bereit, faire Regeln der Kooperation, deren Einhaltung vernünftigerweise auch von anderen erwartet werden kann, zu befolgen. b) Bürger erkennen die ,burdens of judgementʻ an, über die ich hier nicht mehr sagen möchte, als dass sie einschränken, in wie weit man andere beurteilen kann. Außerdem nehmen Bürger nur vernünftige umfassende Weltanschauungen an, die nicht mit der politischen Gerechtigkeitskonzeption der Gesellschaft in Konflikt geraten; das sind z.B. Religionen, Lebenseinstellungen und ähnliche Doktrinen, die über den Bereich des Politischen hinausgehen. c) Bürger sind nicht nur normale und vollständig kooperierende Mitglieder der Gesellschaft, sie wollen es auch sein und wollen außerdem auch als solche anerkannt werden. Letztlich ordnet Rawls den Bürgern noch d) eine vernünftige moralische Psychologie zu, was grob gesagt bedeutet, dass sie sich auf normale Art und Weise im Bezug zu anderen verhalten, Vertrauen entwickeln und sich in fairen Institutionen engagieren.11

[...]


1 Vgl. John Rawls: Political Liberalism, Expanded Edition. New York 1993, S. 15. Im Folgenden wird unter Angabe der Seitenzahlen unter der Sigle PL zitiert.

2 PL: S. 18

3 Da ich mit der englischsprachigen Originalausgabe gearbeitet habe, habe ich nur solche Begriffe übersetzt, für die ich eine meiner Meinung nach angebrachte Übersetzung für möglich hielt. Schwer übersetzbare Fachbegriffe, die ich so aus dem Englischen übernommen habe, sind in einfache Anführungszeichen gesetzt.

4 PL: S. 18

5 PL: S. 50

6 Vgl. PL: S. 19/20

7 PL: S. 302

8 PL: S. 49

9 PL: S. 18

10 PL: S. 74

11 Vgl. PL: S. 81/82, S.84

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
John Rawls' Bürgerkonzept in "Political Liberalism"
Untertitel
Welche Verantwortungen hat ein Bürger in der Gesellschaft?
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
17
Katalognummer
V455412
ISBN (eBook)
9783668877795
ISBN (Buch)
9783668877801
Sprache
Deutsch
Schlagworte
John Rawls, Rawls, Politische Philosophie, Political Liberalism, Bürger, Bürgerkonzept, Verantwortung, Gesellschaft
Arbeit zitieren
David Steinort (Autor), 2011, John Rawls' Bürgerkonzept in "Political Liberalism", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/455412

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