Wie funktioniert Foodsharing? Ressourcennutzung und der Kampf gegen Lebensmittelverschwendung


Bachelorarbeit, 2017
34 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abstract

Abbildungsverzeichnis

1 Einführung

2 Methodisches Vorgehen
2.1 Die Fallstudie

3 Darstellung des Untersuchungsgegenstandes
3.1 Foodsharing im Überblick
3.2 Funktionsweisen und Organisationsstrukturen
3.3 Ziele und Grundverständnis
3.4 Schwierigkeiten

4 Theoretische Verortung
4.1 Alternative Konsumformen –
4.2 Organisationstheorien

5 Rekonstruktion der foodsharing Initiative
5.1 Phase 1: Ursprünge der Grundidee (2011 bis Herbst 2012)
5.2 Phase 2: Umsetzung und erste Erfolge (Ende 2012 bis Mitte 2014)
5.3 Phase 3: Stetige Weiterentwicklung (Ende 2014 bis heute)

6 Ergebnis und Ausblick

7 Literaturverzeichnis

Abstract

We all know the average amount of food that is thrown away in private German households every year, which is about 82 kg. The dimension of global food waste is even greater. Globally, one-third of all food produced is thrown away. At the same time, roughly 793 million people still suffer from hunger. Besides this humanitarian crisis, food waste also leads to ecological problems. Resources are wasted and greenhouse gases as well as pesticides enter the environment. With the objective of reducing or even stopping this trend, around four years ago a group of more than 24 000 people came together to act under the name of foodsharing (mainly in Germany). These individuals save unsaleable, but still edible, food and share it with others instead of throwing it away. The object of investigation in this paper is the collective called “foodsharing”, in particular its modes of operation, its structures and the motivations of its participants. Adopting this focus leads to the following research question: What kind of collectivity is foodsharing? Sub-questions asked are: Is there a common identity amongst the participants? Is foodsharing a short-term trend or part of a long-running change in values? The paper can be viewed as an explorative study, since very little academic research on this subject currently exists. With the approach of an individual case study, all facets of the subjects were collected. After a detailed description of the subject, the topic is then embedded in different theories, such as the sharing economy, collaborative consumption and two types of organisational theory, namely the behavioral decision theory and the network theory. The last step is a reconstruction of the development process of the collective. The main results of the investigation are: a) Within its development process, foodsharing goes through different stages of collectivity (Crowd, Partial Public, E-Mobilizations), and b) because the development of the collective is still a work-in-progress, it is not possible for the research question to be answered conclusively at this point in time. The sources of the study were the official website foodsharing.de, the collective’s wiki, various relevant literature and journal articles.

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Foodsharing Logo und Motto

Abbildung 2: Werdegang eines Foodsavers

Abbildung 3: Screenshot der foodsharing Plattform

Abbildung 4: Profilübersicht

Abbildung 5: Grafische Darstellung der Entwicklungsstufen

1. Einführung

Rund 82 Kilogramm Lebensmittel enden in deutschen Haushalten pro Kopf jährlich im Müll. Dazu kommen weitere Lebensmittel, die bei der Ernte, Produktion, im Handel und in der Gastronomie vernichtet werden. Da diese Mengen bisher kaum erfasst werden, schwankt die Zahl der in Deutschland insgesamt weggeworfenen Lebensmittel zwischen 11 und 20 Millionen Tonnen pro Jahr. Weltweit landet sogar etwa ein Drittel aller produzierten Nahrungsmittel im Abfall, wovon das meiste noch vollkommen genießbar wäre (vgl. Bundesverband Deutsche Tafel e.V. o.J. a: o.S.; Verbraucherzentrale 2016: o.S.). Gleichzeitig leiden etwa 793 Millionen Menschen weltweit an Hunger (vgl. Food and Agriculture Organization of the United Nations 2015: o.S.). Knapp 30 Prozent der global verfügbaren Ackerflächen werden durch das Wegwerfen also nutzlos bewirtschaftet. Damit erhöht sich weltweit die Nachfrage nach Rohstoffen wie Getreide, was zur Folge hat, dass die Preise für Grundnahrungsmittel steigen. Das macht die Versorgung mit Nahrungsmitteln gerade in ärmeren Gegenden und Entwicklungsländern schwierig (vgl. Verbraucherzentrale 2016: o.S.).

In reicheren Ländern und Wohlstandsgesellschaften ist dagegen ein Überangebot an Nahrung zu vergleichsweise günstigen Preisen vorhanden. Dadurch verlieren viele Menschen die Wertschätzung für Lebensmittel. Doch „mit jedem weggeworfenen Lebensmittel ist ein hoher Verbrauch an Energie, Wasser und anderen Rohstoffen in der Kette vom Anbau bis zum Handel verbunden“ (Verbraucherzentrale 2016: o.S.). Durch das Wegwerfen entstehen also nicht nur humanitäre Krisen, sondern auch Umweltprobleme: Die bei der Produktion entstehenden Treibhausgase wirken sich negativ auf das Klima aus und Dünger sowie Pestizide belasten Böden und Gewässer (vgl. Verbraucherzentrale 2016: o.S.). Dabei wären allein in Deutschland Lebensmittelabfälle im Wert von bis zu 21,6 Milliarden Euro und die damit verbundene Ressourcenverschwendung vermeidbar (vgl. Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft 2012: o.S.).

Unter dem Motto „Teile Lebensmittel, anstatt sie wegzuwerfen!“ (siehe Abbildung 1) versuchen einige tausend Menschen dieser Vergeudung gemeinsam etwas entgegenzusetzen. Das Prinzip nennen sie foodsharing und es ist denkbar einfach. Im Kern geht es darum, dass Privathaushalte und Lebensmittelbetriebe überschüssiges, noch genießbares Essen mithilfe einer Online-Plattform kostenlos an andere weitergeben, anstatt es wegzuwerfen (vgl. Foodsharing e.V. o.J.: o.S.).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Foodsharing Logo und Motto Quelle: https://foodsharing.de/#home

Bei näherer Betrachtung zeigt sich, dass dieses Kollektiv nicht nur Nahrungsmittelabfälle reduzieren will. Eine weitere Zielsetzung ist es, die Gesellschaft wieder für einen achtsamen, bewussteren Umgang mit Nahrung zu sensibilisieren. Die Initiative stellt demnach ein Gegenkonzept zur Überfluss- und Wegwerfgesellschaft dar.

Hier setzt die vorliegende Arbeit an: Foodsharing ist in Deutschland erst seit etwa vier Jahren bekannt, weshalb das Thema sehr aktuell ist. Dem Gegenstand wurde bisher erst wenig bis keine Aufmerksamkeit seitens der sozialwissenschaftlichen Forschung gewidmet. Diese Lücke soll die vorliegende Arbeit schließen. Sie versteht sich in erster Linie als explorative Untersuchung, bei der das foodsharing Prinzip detailliert erfasst und dargestellt wird. Ziel ist es, das Phänomen hinsichtlich seiner Strukturen und Organisationsform zu charakterisieren. Die Forschungsfrage lautet daher:

Welche Art von Kollektivität ist foodsharing?

Daraus ergeben sich zwei weitere Unterfragen, die im Rahmen der Arbeit ebenfalls beantwortet werden sollen: Gibt es eine gemeinsame Identität der Teilnehmer 1 ? Ist foodsharing ein kurzzeitiger Trend oder Teil eines langanhaltenden Wertewandels?

Die Relevanz des Themas zeigt sich auch darin, dass die Online-Plattform foodsharing.de seit der Gründung 2013 auf über 24.500 Mitglieder angewachsen ist (vgl. Foodsharing e.V. o.J. b: o.S.). Die Zahl erscheint im Vergleich zu Netzwerken wie Facebook gering. Wichtig zu erwähnen ist jedoch, dass foodsharing fast vollständig geldfrei agiert und das Netzwerk nur durch die Arbeit von Freiwilligen aufgebaut wurde (vgl. Foodsharing e.V. 2015: o.S.). Laut eigenen Angaben „[gibt es] keine andere Organisation in der Größenordnung, die ausschließlich ehrenamtlich funktioniert“ (Foodsharing e.V. 2015 a: o.S.).

Der Untersuchungsgegenstand wird anhand einer Einzelfallstudie analysiert. Diese methodische Vorgehensweise wird in Kapitel 2 dargestellt. Im 3. Kapitel wird erklärt, worum es bei foodsharing geht und wie es funktioniert. Kapitel 4 beinhaltet die Einbettung des Themas in einen theoretischen Kontext, um dann im 5. Kapitel eine fallorientierte Rekonstruktion vornehmen zu können. Damit soll der Fall charakterisiert und die Forschungsfrage beantwortet werden. Im letzten Kapitel werden die Erkenntnisse zusammengefasst und ein Ausblick auf anknüpfende Forschungsmöglichkeiten gegeben.

2 Methodisches Vorgehen

Diese Arbeit bewegt sich im Rahmen qualitativer Sozialforschung und versteht sich als explorative Studie, da das Prinzip foodsharing noch recht neu und bisher wenig erforscht ist. Eine quantitative Vorgehensweise würde bereits fundiertes Wissen über den Fall voraussetzen. Vorrangiges Ziel der Arbeit ist zunächst eine vollständige Erfassung des Gegenstands mit all seinen Facetten, was dann als Grundlage zur Theoriebildung für spätere Untersuchungen dienen kann.

2.1 Die Fallstudie

Bei der foodsharing Initiative handelt es sich um ein einzelnes soziales Phänomen, weshalb die Einzelfallstudie als am besten geeignete Methode für die Untersuchung ausgewählt wurde. Die Einzelfallstudie stellt jedoch weniger eine spezifische Erhebungstechnik dar, als vielmehr einen Approach oder Forschungsansatz, der ein vielschichtiges methodisches Vorgehen beinhaltet. Entscheidend bei diesem Ansatz ist, dass das Untersuchungsobjekt nicht auf wenige Variablen reduziert wird und stattdessen möglichst alle relevanten Aspekte des untersuchten Falls in die Analyse einfließen (vgl. Lamnek 2010: 272 f.). Dadurch soll ein „ganzheitliches und […] realistisches Bild der sozialen Welt [gezeichnet werden]“ (Lamnek 2010: 273). Im Forschungsinteresse der Einzelfallstudie liegen spezifische und individuelle Einheiten, die aus Einzelpersonen, aber auch aus Personenaggregaten wie Gruppen, Organisationen und Kulturen oder aus Verhaltensmustern und Organisationsstrukturen bestehen können (vgl. Lamnek 2010: 273). Dabei sollen vor allem Handlungsentscheidungen, situative Ordnungen und Kommunikation in Organisationen betrachtet und rekonstruiert werden (vgl. Lamnek 2010: 285).

Die Untersuchungseinheit foodsharing ist demnach ein soziales Aggregat, dessen Handlungsmuster und Interaktionsstrukturen identifiziert werden sollen. Dabei steht vor allem die Binnenstruktur des Falls im Fokus, wie beispielsweise die Interaktionsstruktur zwischen Mitgliedern. Die Forschungsfrage mit Fokus auf der Art der Kollektivität macht jedoch deutlich, dass sich die Untersuchung auch auf die Außenkontakte des Aggregats konzentrieren muss, damit eine detaillierte, vollständige Erfassung des Falls und die Beantwortung der Forschungsfrage möglich sind (vgl. Lamnek 2010: 293 ff.). Das Phänomen wird zunächst in einen größeren Gesamtzusammenhang im Hinblick auf vorhandene Theorien gebracht. Durch eine fallorientierte Rekonstruktion soll der Entstehungsprozess von foodsharing nachvollzogen und Funktionsweisen herausgearbeitet werden, um das Ganze am Ende genauer charakterisieren und typisieren zu können.

Eine Fallstudie schreibt keine bestimmte Methode vor und empfiehlt stattdessen ein multimethodisches Vorgehen, um „alle bedeutsamen Aspekte […] eines Untersuchungsobjektes im Blick auf das Untersuchungsziel zu erfassen […]“ (Lamnek 2010: 273). Aus diesem Grund besteht das Datenmaterial der vorliegenden Arbeit aus verschiedenen Quellen. Zum einen wurden frei zugängliche Internetquellen genutzt, vor allem die offizielle foodsharing Website und deren Wiki, zum anderen themenrelevante Literatur sowie (Fach-)Zeitschriften. Das Wiki ist eine Informations-Website mit allem Wissenswerten zu foodsharing und kann im Bedarfsfall von bestimmten Teilnehmern angepasst werden. Sowohl das Wiki als auch die normale Website sind öffentlich und ohne Registrierung einsehbar.

3 Darstellung des Untersuchungsgegenstandes

In diesem Kapitel wird der Untersuchungsgegenstand deskriptiv dargestellt und das Grundprinzip von foodsharing erklärt. Dabei werden verschiedene Organisationsstrukturen und Prozesse beschrieben sowie spezifische Begriffe erläutert. Außerdem geht es um die Ziele der Initiative und Schwierigkeiten, die sich dabei ergeben können.

3.1 Foodsharing im Überblick

Der Begriff foodsharing bezeichnet sowohl eine reine Handlung bzw. Interaktion zwischen Personen, als auch ein Kollektiv aus mehreren tausend Menschen, das seit rund vier Jahren besteht. Es organisiert sich vor allem über das Internet und setzt sich dafür ein, die tagtägliche Lebensmittelverschwendung zu verringern. Das Prinzip ist so simpel, wie seine Übersetzung. Es bezeichnet das (Ver-)Teilen und gemeinsame Nutzen von Essen bzw. Lebensmitteln. Interessant für die Forschung wird das Prinzip dadurch, dass es als kollektives Phänomen rasant gewachsen und vorwiegend im urbanen Raum zu beobachten ist. Wirklich greifbar wird es jedoch erst durch den Einbezug der Online-Plattform foodsharing.de und verschiedener regionaler Facebook-Gruppen. Denn nur über das Internet als Kommunikations- und Organisationsmedium können Handlungsmuster und Strukturen identifiziert und analysiert werden.

Foodsharing besteht einerseits darin, dass Privatpersonen ihre überschüssigen Lebensmittel an andere Privatpersonen abgeben, zum Beispiel, wenn vor einem Urlaub nicht mehr alles verzehrt werden kann. Diese Personengruppe, die lediglich eigenes Essen mit anderen teilt, wird in der Community als Foodsharer (siehe Kap. 3.2.1.) bezeichnet (vgl. Foodsharing e.V. 2015 b: o.S.).

Den zweiten wichtigen Bestandteil der Initiative bilden die Kooperationen mit Lebensmittelbetrieben, wie z.B. Supermärkten, Bäckereien, Gemüsehändlern oder auch Restaurants. Das heißt Betriebe sind dazu bereit, Lebensmittel, die nicht mehr verkauft werden (können), an Teilnehmer von foodsharing, die sogenannten Foodsaver (siehe Kap. 3.2.2.), kostenlos und legal abzugeben, anstatt sie wegzuwerfen. Das können Lebensmittel sein, die bis zum Ladenschluss nicht verkauft wurden und nicht aufgehoben werden können. Oder Waren, die kurz vor dem Ablauf ihres Mindesthaltbarkeitsdatums stehen bzw. es schon überschritten haben und deshalb nicht mehr verkaufsfähig sind. Gleiches gilt, wenn die Verpackung leicht beschädigt ist oder Früchte nicht mehr ganz frisch aussehen. Das Essen, das von den Foodsavern sozusagen gerettet wird, ist in den meisten Fällen aber noch vollkommen genießbar und teilweise direkt aus dem Verkauf (vgl. Foodsharing e.V. o.J. a: o.S.). Jeder Abholer muss selbst abwägen, was noch essbar ist oder aussortiert werden muss. Je nach Menge kann die Person, dann entscheiden, ob sie alles selbst verbrauchen kann oder sie verschenkt es auf verschiedenen Wegen (siehe nächster Absatz) an andere Menschen weiter (vgl. Foodsharing e.V. 2015 c: o.S.). Die Koordination der Kooperationen funktioniert nur über die Online-Plattform. Den angemeldeten Mitgliedern werden auf einer Karte alle teilnehmenden Betriebe angezeigt und welche Besonderheiten für die Abholungen jeweils zu beachten sind. Die terminliche Abwicklung, also wann welcher Foodsaver wo im Einsatz ist, läuft ebenfalls über die Website (vgl. Foodsharing e.V. o.J. a: o.S.).

Im Gegensatz zu den Kooperationen kann das Verteilen geretteter Lebensmittel über die Internetseite geschehen, muss es aber nicht. Die Weitergabe über die Website funktioniert mit einem virtuellen Essenskorb. Der Geber beschreibt die Lebensmittel, die er abgeben möchte oder macht ein Foto und lädt das Ganze auf foodsharing.de hoch. Dann erscheint ein virtueller Essenskorb auf der Übersichtskarte und Interessierte können Kontakt aufnehmen, um die Übergabe zu besprechen (vgl. Foodsharing e.V. o.J. a: o.S.). Die einfachste Möglichkeit ist das direkte Weitergeben an Freunde, Familie, Nachbarn, Kollegen etc. Auch eine Abgabe an gemeinnützige oder soziale Einrichtungen ist möglich. Eine weitere Variante die Lebensmittel offline zu teilen, sind die sogenannten Fair-Teiler. Dies kann ein einfaches Regal, ein Schrank oder auch ein Kühlschrank sein, der in der Regel von Foodsavern an öffentlichen oder privaten Plätzen aufgestellt wird. Der Fair-Teiler hat die Funktion eines Übergabeorts und ist für jeden frei zugänglich. Das bedeutet, jeder kann dort Lebensmittel hineinlegen sowie mitnehmen, unabhängig davon, ob jemand bedürftig oder auf der Plattform registriert ist (vgl. Foodsharing e.V. 2016 a: o.S.).

Des Weiteren gibt es auf der Website verschiedene Arbeitsgruppen, denen die registrierten Nutzer beitreten können. Diese Gruppen beschäftigen sich beispielsweise mit dem Anmeldevorgang, andere kümmern sich um die Öffentlichkeitsarbeit und Social Media Auftritte (v.a. Facebook und YouTube), aber auch Themen wie IT oder Recht sind vorhanden. Da das foodsharing Netzwerk nur aus Freiwilligen besteht, kann sich jeder Nutzer aktiv in den Arbeitsgruppen beteiligen (vgl. Foodsharing e.V. 2015 d: o.S.). Die Mitarbeit eines jeden Mitglieds ist damit auch entscheidend für den Fortbestand und das Funktionieren des Netzwerks.

Dies zeigt, dass foodsharing nicht nur darin besteht, eigenes Essen untereinander zu teilen, sondern vor allem auch darin, größere Mengen an unverkäuflicher Ware bei Händlern und Lebensmittelbetrieben abzuholen und gegebenenfalls weiterzugeben. Ferner kommt es einem sozialen Netzwerk gleich und bietet damit die Möglichkeit neue, gleichgesinnte Menschen kennen zu lernen und sich mit ihnen zu vernetzen. Trotzdem besteht das vorrangige Ziel der Initiative darin, die Lebensmittelverschwendung zu reduzieren bzw. ganz zu beenden (vgl. Foodsharing e.V. 2015 e: o.S.).

Anhand einiger Zahlen lässt sich die Größe und Reichweite des foodsharing Netzwerks besser verdeutlichen. Laut der Statistiken (Stand: 15.02.17) auf foodsharing.de engagieren sich aktuell insgesamt 24.533 als Foodsaver angemeldete Personen gegen die Verschwendung von Lebensmitteln. Der Großteil des Netzwerks befindet sich in Deutschland, da hier auch der Ursprung der Initiative liegt. Berlin und Köln gehören dabei zu den aktivsten Städten (vgl. Foodsharing e.V. o.J. b: o.S.), aber auch in anderen Teilen Europas gibt es vereinzelte Aktivitäten, wie z.B. in Österreich, der Schweiz oder den Niederlanden (vgl. Foodsharing e.V. o.J. c: o.S.). Über die Internetplattform wurden bisher mehr als 7.400 Tonnen Lebensmittel eingesammelt und davor bewahrt im Müll zu landen. Diese Zahl setzt sich aus den geschätzten Durchschnittsmengen aller Abholungen zusammen und ist daher keine exakt gemessene Angabe. Es gibt 3.201 Betriebe, die mit der Initiative zusammenarbeiten und bei denen regelmäßig Essen gerettet werden kann (vgl. Foodsharing e.V. o.J. b: o.S.). Alle Angaben stellen allerdings nur eine Momentaufnahme dar und können sich täglich ändern, da kontinuierlich neue Mitglieder sowie Betriebe hinzukommen.

Foodsharing agiert als eingetragener Verein mit derzeit 12 Vorstandsmitgliedern (vgl. Foodsharing e.V. o.J. d: o.S.). Man muss jedoch kein Vereinsmitglied werden, um aktiv als Foodsaver mitzumachen. Der Verein ist unabhängig, unparteilich und gemeinnützig. Alle Personen, vom Foodsharer bis hin zum Botschafter, sowie alle Vereinsmitglieder und Vorstände handeln freiwillig bzw. ehrenamtlich und unentgeltlich für foodsharing. Die einzige Ausnahme ist die Position der Geschäftsführung, also des 1. Vorsitzenden des Vereins. Diese Stelle hat Frank Bowinkelmann inne und wird als Minijob bezahlt (vgl. Foodsharing e.V. 2015 f: o.S.).

Im Untersuchungsinteresse steht demnach das oben beschriebene foodsharing Netzwerk, bestehend aus mehreren zehntausend Freiwilligen, das sich über verschiedene Wege, online wie offline, organisiert und dessen kollektives Handeln. Die Arbeit bezieht sich dabei nur auf die Aktivitäten in Deutschland . Es kann jedoch davon ausgegangen werden, dass die Vorgehensweisen, Regeln und Strukturen europaweit gleich oder sehr ähnlich sind, solange die Prozesse über die deutsche foodsharing Website organisiert werden.

3.2 Funktionsweisen und Organisationsstrukturen

Im Folgenden werden die Abläufe und Funktionsweisen genauer erläutert, vor allem im Zusammenhang mit der Online-Plattform, da diese das wichtigste Kommunikationsmedium darstellt. Des Weiteren werden die verschiedenen Rollen erklärt, die ein aktiver Teilnehmer innerhalb der Initiative einnehmen kann.

3.2.1 Foodsharer

„So wie das Konzept des Lebensmittelrettens ist auch die Plattform Open Source und kostenlos“ (Foodsharing e.V. 2015 e: o.S.). Die foodsharing Website kann mit oder ohne Anmeldung genutzt werden. Ohne Account sind die Nutzungsmöglichkeiten jedoch sehr eingeschränkt. In diesem Fall können die Essenskörbe und Fair-Teiler-Standorte auf der Übersichtskarte angesehen, aber keine Personen direkt per Nachricht kontaktiert werden. Außerdem stehen verschiedene Informationen zur Initiative und zu aktuellen Aktionen zur Verfügung. Die Fair-Teiler können von jeder Person besucht und genutzt werden, egal ob selber etwas hineinlegt wird und vor allem unabhängig davon, ob ein Internetzugang vorhanden ist (vgl. Foodsharing e.V. 2015 g: o.S.).

Legt jemand ein persönliches Profil auf der Plattform an, hat er zunächst den Status des Foodsharers. Wie in 3.1. bereits erwähnt, kann ein Foodsharer Lebensmittel bei Privatpersonen abholen oder weitergeben, zum Beispiel über den virtuellen Essenskorb, einen Fair-Teiler oder die persönliche Übergabe. Außerdem haben sie die Möglichkeit an Veranstaltungen von foodsharing teilzunehmen, die über die Website bekannt gegeben werden (vgl. Foodsharing e.V. 2015 b: o.S.).

3.2.2 Foodsaver

Möchte sich ein Nutzer noch mehr einbringen und aktiver mitmachen, kann er den Status des Foodsavers erlangen. Dies geschieht mithilfe eines Online-Quiz, bei dem getestet wird, ob ausreichende Kenntnisse für die Aufgaben eines Foodsavers vorhanden sind. Da man als Abholer teilweise auch größere Mengen an Lebensmitteln bekommt und damit eine gewisse Verantwortung trägt, ist es nötig, sich vorher über Regeln und Abläufe zu informieren. Die relevanten Informationen finden angehende Foodsaver im foodsharing Wiki. Wichtig ist vor allem, den sicheren Umgang mit Lebensmitteln zu kennen und angemessenes Verhalten gegenüber Mitarbeitern während einer Abholung zu erlernen. Zusätzlich gibt es im Wiki Informationen darüber, wie und wo das gerettete Essen verteilt werden kann und wie der Umgang mit Geld gehandhabt wird.

Nach bestandenem Quiz kann der Foodsaver sich über die Karte die kooperierenden Betriebe in seiner Nähe ansehen. Jeder Betrieb bildet auf der Plattform eine eigene Gruppe, ähnlich den Facebook-Gruppen. Der Teilnehmer kann sich aussuchen, wo er abholen möchte und der jeweiligen Gruppe beitreten. Bevor eine Person jedoch ganz selbstständig Lebensmittel retten und sich für Abholtermine eintragen darf, muss ein angehender Foodsaver drei sogenannte Einführungsabholungen absolvieren. Die meisten Abholungen werden aufgrund der großen Mengen ohnehin zu zweit durchgeführt, bei einer Einführung ist aber immer ein sogenannter Betriebsverantwortlicher (mehr dazu in Kap. 3.2.3.) dabei. Dieser erklärt noch einmal alles Wichtige, achtet darauf, dass der werdende Foodsaver sich angemessen verhält und hakt nach, ob er Grundverständnis und Absichten von foodsharing verstanden hat.

Sind diese drei Probeabholungen ebenfalls erfolgreich durchgeführt worden, bekommt er bei einem der monatlichen Treffen seinen persönlichen Foodsaver-Ausweis und wird für die Plattform freigeschalten, sodass er sich ab diesem Zeitpunkt eigenständig für Abholungen eintragen kann. Der Ausweis dient einerseits dazu, dass der Abholer sofort als verifizierter foodsharing Teilnehmer erkannt wird. Andererseits wissen dadurch die Mitarbeiter, dass der Abholer den Betrieb nicht belangen kann, aufgrund einer Rechtsvereinbarung, die von allen Foodsavern bei der Anmeldung akzeptiert werden muss. Dies ist relevant, wenn beispielsweise gesundheitliche Probleme nach dem Verzehr auftreten (vgl. Foodsharing e.V. 2015 c: o.S.). Auf die Themen Verantwortung und Haftung wird in Kapitel 3.4. näher eingegangen. Die nachfolgende Abbildung veranschaulicht nochmals den Weg vom Foodsharer zum Foodsaver. Außerdem zeigt sie, welche Möglichkeiten es gibt, falls jemand das Quiz oder die Einführungsabholungen nicht besteht.

Abbildung 2: Werdegang eines Foodsavers

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: https://wiki.foodsharing.de/Foodsaver

[...]


1 Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird nachfolgend auf geschlechterspezifische Formulierungen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten für beide Geschlechter.

Ende der Leseprobe aus 34 Seiten

Details

Titel
Wie funktioniert Foodsharing? Ressourcennutzung und der Kampf gegen Lebensmittelverschwendung
Hochschule
Universität Stuttgart
Veranstaltung
Abteilung für Organisations- und Innovationssoziologie
Note
1,7
Autor
Jahr
2017
Seiten
34
Katalognummer
V456026
ISBN (eBook)
9783668956322
ISBN (Buch)
9783668956339
Sprache
Deutsch
Schlagworte
foodsharing, sharing economy, lebensmittelverschwendung, ngo, ehrenamt, commons, foodwaste, collaborative consumption, alternative konsumformen, fallstudie
Arbeit zitieren
Sina Kreißig (Autor), 2017, Wie funktioniert Foodsharing? Ressourcennutzung und der Kampf gegen Lebensmittelverschwendung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/456026

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