Inwiefern beeinflusst Kontakt zu Asylbewerbern die Einstellung von Deutschen gegenüber diesen? Und welche Rolle spielen dabei Empathie und Angst?


Hausarbeit, 2017

26 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Theorie und Hypothesen

3 Daten, Operationalisierung und Methoden

4 Deskriptive und multivariate Analysen

5 Zusammenfassung und Diskussion

6 Literaturverzeichnis

7 Anhang

Abbildungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabellenverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

Das Thema „Flüchtlingskrise“ ist nach wie vor höchst aktuell und stellt die deutsche Gesellschaft vor große Herausforderungen. Laut dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) wurden alleine in den Jahren 2015 und 2016 knapp 1,2 Millionen Erstanträge auf Asyl gestellt. Zwar sind die Zahlen mittlerweile wieder rückläufig, dennoch gingen auch bis August des aktuellen Jahres bisher gut 130.000 neue Ersteinträge ein (BAMF 2017 :4). Es ist auch verfrüht alleine aufgrund der rückläufigen Zahlen von einer Entspannung der Lage zu sprechen. Schließlich sind viele der in den Letzten Jahren eingetroffenen Asylbewerber nach wie vor hier bzw. müssen diejenigen, denen Asyl gewährt wird erst einmal in die Gesellschaft integriert werden. Die aktuelle Situation führt gesellschaftlich wie politisch zu zahlreichen Kontroversen. Befürworter einer „Willkommenskultur“ setzen sich seit Jahren dafür ein, dass Deutschland im Rahmen seiner Möglichkeiten Menschen, die vor Krieg und Terror flüchten, aufnimmt. Viele Menschen sind in diesem Kontext auch persönlich aktiv geworden und haben sich beispielsweise ehrenamtlich engagiert. Demgegenüber steht jedoch auch eine Gruppe, die Flüchtlingen gegenüber sehr kritisch bis feindlich gesinnt ist, und die in den letzten Jahren zugenommen zu haben scheint. Dies lassen zumindest Gruppierungen am rechten Rand, wie Pegida, vermuten, die in den letzten Jahren insgesamt einen starken Zulauf verbuchen konnten. Ein ebenso besorgniserregendes Signal dürfte der aktuelle Einzug der „Alternative für Deutschland“ (AfD) als drittstärkste Kraft in den Bundestag. Die Frage, die sich an dieser Stelle zwangsläufig ergibt, ist, was getan werden kann, um Mensch (teilweise höchst-) unterschiedlicher Kulturen „zusammenzubringen“. Ein sehr guter Ansatzpunkt scheint die Förderung von interkulturellem Kontakt zu sein. Eine überwältigende Anzahl an empirischen Studien weist einen verringernden Einfluss von Kontakt zwischen einer Ingroup und einer Outgroup auf Vorurteile und allgemein negative Einstellungen nach (zusammenfassend Tausch und Hewstone 2010; Pettigrew und Tropp 2006; Wagner et al. 2006). Der Terminus Outgroup kann sich zwar auf eine Vielzahl verschiedener Gruppen beziehen, meint im konkreten Anwendungsfall aber meistens Ausländer oder Asylbewerber. Ein positiver Effekt zeigt sich selbst dann, wenn ein Kontakt nicht freiwillig geschieht (Pettigrew und Tropp 2006). Bezüglich der Frage, wie denn nun genau ein solcher Effekt zustande kommt, weisen Pettigrew und Tropp (2008) in einer groß angelegten Meta-Analyse den mediierende Einfluss von drei Faktoren nach. Kontakt reduziert Vorurteile bzw. negative Einstellungen durch Aufbau von Wissen über die Outgroup, Reduzierung von Angst und Aufbau von Empathie. Besonders stark ist dabei der Effekt der affektiven Komponenten. Angst als einen starken Mediator weisen u.a. auch Islam und Hewstone (1993) sowie Voci und Hewstone (2003) nach, Empathie wird u.a. auch von Harwood et al. (2005) sowie Tam et al. (2005) als Mediator bestätigt. Studien zur Kontakthypothese, die sich auf den Zeitraum der akuten „Flüchtlingskrise“ in Deutschland beziehen, fehlen bislang. Da dieser theoretische Ansatz in diesem Zusammenhang sehr vielversprechend erscheint, soll er in vorliegender Forschungsarbeit untersucht werden. Hieraus ergibt sich folgende Forschungsfrage: Inwiefern beeinflusst persönlicher Kontakt von Deutschen zu Asylbewerbern die Einstellungen gegenüber diesen? In diesem Zusammenhang soll auch, aufbauend auf der Meta-Analyse von Pettigrew und Tropp (2008), betrachtet werden, ob ein etwaiger Effekt durch Gefühlen, wie Empathie und Angst, zumindest teilweise erklärt werden kann. Der weitere Aufbau der Arbeit gliedert sich wie folgt: Zunächst werden die theoretischen Grundlagen der Kontakthypothese erläutert und die zu prüfenden Hypothesen abgeleitet (Kapitel 2). Im Anschluss daran wird auf die Datengrundlage, das zugrundeliegende Kausalmodell, die Operationalisierung relevanter Variablen sowie das Verfahren des Matching eingegangen (Kapitel 3). Schließlich erfolgt eine ausführliche Darstellung des methodischen Vorgehens und der statistischen Ergebnisse (Kapitel 4) bevor im letzten Kapitel noch einmal die wichtigsten Ergebnisse zusammengefasst werden, sowie daraus folgende Implikationen aufgezeigt werden (Kapitel 5).

2 Theorie und Hypothesen

Die Kontakthypothese (engl.: Intergroup Contact Hypothesis) geht zurück auf Gordon W. Allport (1954). Stark vereinfacht besagt sie, dass Kontakt zwischen einer Majorität und einer Minorität (oder allgemein zwischen einer Ingroup und einer Outgroup) unter bestimmten Umständen dazu beitragen kann, Vorurteile gegenüber der jeweils anderen Gruppe zu verringern. Damit sich ein solcher Effekt einstellen kann, muss es sich jedoch um intensivere und nicht bloß oberflächliche Kontakte handeln. Laut Allport müssen vier Bedingungen erfüllt sein, damit Kontakt tatsächlich zu einer Reduktion von Vorurteilen führt: (1) gleicher Status zwischen den Gruppen, (2) gemeinsame übergeordnete Ziele, (3) intergruppale Kooperation und (4) Unterstützung durch Autoritäten, Normen oder Gesetze (Stürmer 2008: 283ff.; Pettigrew 1998: 66f.; Allport 1954: 281, 485f.). Pettigrew erweitert diese Bedingungen zusätzlich dahingehen, dass der Kontakt (5) Freundschaftspotential haben sollte (Pettigrew 1998: 75f.). Nun lässt sich an dieser Stelle kontrovers darüber diskutieren, inwiefern diese doch sehr restriktiven Bedingungen bei einem Kontakt zwischen Asylbewerbern und Deutschen als gegeben angesehen werden können. In den meisten Fällen wird wohl mindestens eine der Bedingungen nicht vorliegen. Vor allem ein gleicher Status erscheint vielen Kontaktsituationen eher unrealistisch. Wie jedoch eine Meta-Analyse von Pettigrew und Tropp (2006) zeigt, verringern sich Vorurteile, wenn auch in geringerem Ausmaß, überwiegend ebenso dann, wenn eine, mehrere oder sogar alle Bedingungen nicht erfüllt sind. Sie formulieren die Kontakthypothese deshalb dahingehend um, dass es sich bei den Bedingungen nicht um essentielle, sondern eher erleichternde Faktoren bei der Reduktion von Vorurteilen handelt. Für einen allgemein verringernden Effekt des Kontakts auf Vorurteile nennen sie das Phänomen, dass mit steigendem Bekanntheitsgrad die Tendenz einhergeht, dass Menschen sich eher Mögen und Sympathien füreinander entwickeln (Pettigrew und Tropp 2006: 766f.). Zwar bezieht sich die Kontakthypothese primär auf Vorurteile, jedoch ist davon auszugehen, dass diese sehr eng mit allgemein negativen Einstellungen verbunden sind. Aus diesem Grund kann dieser theoretischer Ansatz entsprechend für die vorliegende Fragestellung adaptiert werden. Den Ausführungen entsprechend ergibt sich die erste Hypothese:

Hypothese 1: Deutsche, die Kontakt zu Asylbewerben haben, weisen durchschnittlich eine positivere Einstellung gegenüber diesen auf.

Pettigrew (1998) nennt außerdem vier Mechanismen, die einen verringernden Effekt von Kontakt auf Vorurteile vermitteln: (1) Wissenserwerb, (2) Verhaltensänderung, (3) Neubewertung der Eigengruppe und (4) Aufbau affektiver Bindungen. Da nur der vierte Punkt für diese Arbeit relevant ist, werden die restlichen Mechanismen im Folgenden nicht weiter ausgeführt. Emotionen sind beim Kontakt zweier Gruppen besonders wichtig. Wiederholter Kontakt unter förderlichen Bedingungen kann dazu beitragen negative Gefühle, wie z.B. Angst, zu verringern und über positive Gefühle affektive Bindungen aufzubauen. Eine einmal erfolgte Verringerung von Angst durch einen Kontakt kann auch entscheidend dazu beitragen, offener gegenüber einem erneuten Kontakt zu sein, womit eine positive Wirkungsspirale in Gang gesetzt werden kann (Stürmer 2008: 285f.; Pettigrew 1998: 70ff.). Als ein positives Gefühl kann Empathie gegenüber eines Mitglieds einer Outgroup beschrieben werden, wird es doch allgemein als Mitgefühl definiert (Preston und de Waal 2002). Entsprechende Ergebnisse bezüglich beider affektiven Komponenten konnten auch bereits Meta-Analysen nachweisen (Pettigrew und Tropp 2008). Angewandt auf vorliegende Fragestellung ergibt sich folgendes Bild: Kontakt müsste entsprechend zum Aufbau von Empathie führen und eine erhöhte Empathie auf der anderen Seite eine positivere Einstellung gegenüber Asylbewerbern bewirken. Ebenso sollte Kontakt demnach zum Abbau von Angst führen und eine verringerte Angst wiederum eine positivere Einstellung gegenüber Asylbewerbern zur Folge haben. Hieraus ergeben sich die folgenden beiden Hypothesen:

Hypothese 2: Aufbau von Empathie ist einer der vermittelnden Mechanismen, der erklärt, warum Deutsche, die Kontakt mit Asylbewerbern haben, eine im Durchschnitt positivere Einstellung gegenüber diesen aufweisen.

Hypothese 3: Abbau von Angst ist einer der vermittelnden Mechanismen, der erklärt, warum Deutsche, die Kontakt mit Asylbewerbern haben, eine im Durchschnitt positivere Einstellung gegenüber diesen aufweisen.

Abbildung 1:Visualisierung der Hypothesen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: eigene Darstellung

3 Daten, Operationalisierung und Methoden

Die dieser Arbeit zugrundeliegende Datenbasis bildet die Allgemeine Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften (ALLBUS) aus dem Jahr 2016 (GESIS 2017a). Beim ALLBUS handelt es sich um eine querschnittliche Trenderhebung, deren Schwerpunkt 2016 (Erhebungszeitraum April bis September) unter anderem die Akzeptanz von Immigration und Einstellungen gegenüber ethnischen Minderheiten beinhaltet (GESIS 2017b: 25f). Die Grundgesamtheit der ALLBUS-Erhebung 2016 stellen alle Personen dar, die zum Befragungszeitpunkt in Privathaushalten in Deutschland lebten und vor dem 01.01.1998 geboren sind. Die Auswahl der Personen erfolgte durch eine zweistufige, disproportional geschichtete Zufallsauswahl. Teilnehmende Personen wurden persönlich-mündlich mit einem computerbasierten, standardisierten Frageprogramm interviewt (CAPI – Computer Assisted Personal Interviewing). Bei einer Ausschöpfungsquote von insgesamt 34,6 Prozent, konnten so 3490 Befragungen realisiert werden (GESIS 2017b: 29).

Mit dem querschnittlichen Charakter der Daten gehen im Vergleich zu Paneldaten zwei Probleme einher. Zum einen kann aufgrund der Erhebung der Daten zu nur einem bestimmten Zeitpunkt in vielen Fällen nicht zweifelsfrei zwischen der Ursache und Wirkung bei vermuteten Kausalzusammenhängen unterschieden werden. Die angenommene Kausalitätsrichtung, sprich zeitliche Reihenfolge zweier zusammenhängender Faktoren, kann dann nur anhand von theoretischen Überlegungen bzw. Plausibilität begründet werden. Zum anderen ist bei Querschnittsdaten auch keine Betrachtung intraindividueller Veränderungen möglich. Kausalschlüsse können daher nur auf einem interindividuellen Vergleich zwischen der Gruppe an Personen, die zum Erhebungszeitpunkt ein bestimmtes Merkmal aufweisen (Treatment-Gruppe), und der Gruppe an Personen, bei denen dieses nicht vorliegt (Kontroll- Gruppe), basieren. Um den wahren Kausaleffekt isolieren zu können, muss auf jeden Fall die Conditional Independece Assumption (CIA) erfüllt sein, indem durch die statistische Kontrolle von Drittvariablen der Kausaleffekt um konfundierende Einflüsse bereinigt wird (Mehr dazu im Anschluss an die Operationalisierung). Kontrolliert werden können allerdings nur solche Faktoren, die auch im Datensatz erfasst wurden. Hier besteht immer die Gefahr, dass beeinflussende Merkmale, die für die Datenanalyse schlichtweg nicht vorliegen, das Problem einer unbeobachteten Heterogenität zwischen der Treatment- und Kontroll-Gruppe hervorrufen und es somit zu verzerrten Ergebnissen kommen kann. Aufgrund der Vielzahl an Items zu Thema Immigration ist der Datensatz – eine korrekte Identifikation der relevanten Kontrollvariablen vorausgesetzt - dennoch sehr gut für die Untersuchung vorliegender Fragestellung geeignet.

Die zentral abhängige Variable in vorliegender Untersuchung ist die Einstellung gegenüber Asylbewerbern. Entsprechende Merkmale wurden beim ALLBUS 2016 nur allgemein gegenüber Ausländern erhoben. Dies ist insofern problematisch, als dass sich die Gruppe der Ausländer in einigen Punkten entscheidend von der spezifischen Sub-Gruppe der Asylbewerber unterscheiden kann. Ausländer können beispielsweise bereits sehr lange in Deutschland sein, die Sprache gut sprechen, einen Job und ein geregeltes Leben haben und „gut integriert“ sein. All das dürfte auf einen klassischen Asylbewerber eher weniger zutreffen und kann durchaus einen Einfluss darauf haben, wie man zu den daher als eher fremd erscheinenden Menschen steht. Außerdem ist auch die zentral unabhängige Variable eines Kontakts speziell auf Asylbewerber bezogen. Eine einfache Übertragung der Einstellung gegenüber Ausländern kann aus den genannten Gründen zu Verzerrungen bzw. schlichtweg unbrauchbaren Ergebnissen führen. In dieser Forschungsarbeit wird daher die Angabe, wie angenehm oder unangenehm den Befragten ein Asylbewerber als Nachbar wäre (Variable „mg09“), als Indikator herangezogen (GESIS 2017b: 180). Zwar kann es auch hier Unterschiede zwischen einer generellen Einstellung gegenüber Asylbewerbern und dem persönlichen Behagen einer direkten Nachbarschaft geben. Es ist jedoch davon auszugehen, dass beide Merkmale äußerst dicht beieinanderliegen und eine generell positivere Einstellung auch zu weniger Unbehagen bezüglich einer eventuellen Nachbarschaft führen dürfte und vice versa. Das Item wurde auf einer siebenstufigen Skala von -3 „Wäre mir sehr unangenehm“ bis +3 „Wäre mir sehr angenehm“ erfasst. Da die Skala nur endpunktskaliert ist, kann das Merkmal als quasi-metrisch angesehen werden. Für die Verwendung als Indikator für die Einstellung gegenüber Asylbewerbern wird die ursprüngliche Skala beibehalten und lediglich die Endpunkte für den Wert -3 in „negativ“ und +3 in „positiv“ unbenannt. Höhere Werte auf dieser Skala stehen demnach stellvertretend für eine positivere Einstellung gegenüber Asylbewerbern.

Die zentral unabhängige Variable der Untersuchung stellt die Angabe dar, ob die Befragten schon einmal mit Asylbewerbern in Kontakt gekommen sind. Ein entsprechendes dichotomes Merkmal ist bereits im Datensatz vorhanden (Variable „mc11“). Auf die Frage „Hatten Sie schon einmal direkten persönlichen Kontakt mit Flüchtlingen?“ konnten Befragte mit Ja (Wert 1) oder Nein (Wert 2) antworten (GESIS 2017b: 589). Problematisch an dieser Frage bzw. Operationalisierung ist, dass hierbei nicht weiter differenziert wird, in welchem Kontext ein Kontakt stattfand und wie häufig/ intensiv dieser war. So ist es beispielsweise durchaus plausibel, dass ein Kontakt innerhalb des Freundeskreises einen stärkeren positiven Effekt auf die Einstellung hat, als ein kurzer anonymer Kontakt auf der Straße oder im Supermarkt. Ebenso ist es wahrscheinlich, dass sich häufigerer Kontakt stärker positive auswirkt, als ein einmaliger. Eine solch detailliertere Betrachtung ist mit dem vorliegenden Datensatz nicht möglich. Da entsprechend der Erweiterung der Kontakthypothese nach Pettigrew und Tropp (2006) jedoch ohnehin davon ausgegangen wird, dass sich Kontakt mit Asylbewerbern allgemein positiv auf die Einstellung gegenüber diesen auswirkt, ist eine solche Unterscheidung für die Beantwortung der Forschungsfrage jedoch auch nicht zwingend erforderlich. Zu Verwendung in dieser Arbeit wird die Variable so umkodiert, dass Personen, die keinen Kontakt mit Asylbewerbern hatten den Wert 0 („nein“) zugeordnet bekommen. Bei Personen, die Kontakt hatten, wird der Wert 1 („ja“) beibehalten.

Die beiden potentiellen Mechanismen, die gemäß Hypothese 2 und 3 daraufhin untersucht werden sollen, ob sie einen Effekt des Kontakts mit Asylbewerbern auf Einstellungen gegenüber diesen teilweise oder gänzlich vermitteln, sind die beiden affektiven Komponenten Empathie und Angst. Bei Empathie handelt es sich um ein multidimensionales Konzept, dessen affektive Komponente gemeinhin als Mitgefühl definiert wird und in der Regel positive behaftet ist (Preston und de Waal 2002). Im Datensatz liegt hierzu lediglich eine Aussage zu Mitleid vor. Mitleid mit jemanden zu haben, setzt allerdings definitiv auch eine Art des „mit dem Anderen fühlen“ voraus, weshalb Mitleid sozusagen als Teil bzw. Folge von Mitgefühl angesehen werden kann. Der Indikator für Empathie beruht auf der Zustimmung zu der Aussage „Asylbewerber tun mir leid“ (Variable „me01“). Die Angst gegenüber Asylbewerbern basiert hingegen auf der Zustimmung zu der direkt entsprechenden Aussage „Asylbewerber machen mir Angst“ (Variable „me04“). Die Zustimmung zu beiden Merkmalen wurde anhand einer vierstufigen Skala von „Trifft voll und ganz zu“ (Wert 1) bis „Trifft überhaupt nicht zu“ (Wert 4) erhoben (GESIS 2017b: 196; 199). Für die Datenanalyse werden jeweils für beide Merkmale vier, den Kategorien entsprechende, Dummy-Variablen generiert, die anzeigen, ob die jeweilige Antwort bei den Befragten vorliegt (Wert 1) oder nicht (Wert 0). Als Referenz wird bei beiden Gefühlen die Kategorie „Trifft überhaupt nicht zu“ gewählt und somit nicht explizit im Analyse-Modell berücksichtigt.

Um den tatsächlichen Kausaleffekt zu isolieren, muss wie bereits kurz angesprochen bei Beobachtungsdaten die Conditional Independence Assumption (CIA) erfüllt sein. Dies ist dann der Fall, wenn all diejenigen Merkmale statistisch kontrolliert werden, die sowohl einen Einfluss auf die abhängige Variable, als auch die zentral unabhängige Variable haben, bzw. die dazu führen, dass alle Back-Door-Pfade zwischen beiden Variablen blockiert werden. Ist diese Annahme erfüllt, dann ist der Status, ob bei den Befragten die vermutete Ursache (= Treatment) vorliegt oder nicht, unabhängig von der Ausprägung auf der potentiellen Wirkungsvariablen (= Outcome). D.h. die Ergebnisse werden nicht durch eine Selbstselektion von Befragten in die Treatment-Gruppe aufgrund von konfundierenden Drittvariablen verzerrt. Dies entspricht im Idealfall der nachträglichen Herstellung einer experimentellen Situation mit Randomisierung. Das unbeobachtete, kontrafaktische Ergebnis für den Fall, dass die vermutete Ursache bei der Treatment-Gruppe nicht vorliegen würde, kann dann auf Basis des beobachteten Werts, den die Kontrollgruppe ohne das entsprechende Treatment aufweist, geschätzt werden (Gangl 2010: 932ff.; Morgan, Winship 2010). Der durchschnittliche kausale Effekt für Personen, bei denen das Treatment vorliegt (Average Treatment Effect of the Treated), ergibt sich sodann als Differenz in der Outcome-Variablen zwischen beiden Gruppen. Um zu identifizieren, welche Variablen im Zuge des Matching-Prozesses statistisch kontrolliert werden müssen um die CIA zu erfüllen, erfolgt die Darstellung der vermuteten Kausalzusammenhänge anhand eines Directed Acyclic Graph (DAG). Jeder Knotenpunkt steht darin stellvertretend für eine Zufallsvariable. Beobachtete Variablen werden durch einen ausgefüllten Knoten dargestellt, Unbeobachtete hingegen durch einen bloßen Kreis ohne Füllung. Kausalzusammenhänge werden durch einen gerichteten Pfeil repräsentiert (Morgan and Winship 2015: 77ff.; Pearl 2009: 12f.; 65ff.). Der DAG für vorliegende Fragestellung ist in Abbildung 2 dargestellt. Um den vermuteten Kausaleffekt von Kontakt mit Asylbewerbern (X) auf die Einstellung gegenüber diesen (Y) unverzerrt zu erhalten, müssen nach dem Backdoor-Kriterium (Pearl 2009: 79ff.) insgesamt fünf Drittvariablen statistisch kontrolliert werden. Um den Pfad X ←A ← B ← C → E → F → Y zu blockieren, kommt als einziges beobachtetes Merkmal nur Arbeitslosigkeit (E) in Frage. Es wird hierfür eine dichotomisierte Variable in der Analyse berücksichtigt, die angibt, ob eine Person zum Befragungszeitpunkt arbeitslos war (Wert 1) oder nicht (Wert 0). Um den Pfad X ←A ← B ← G → H → Y zu verschließen, wird die Größe des Wohnorts (G) kontrolliert. Es werden hierfür drei Dummy Variablen gebildet, die jeweils anzeigen, ob es sich um ein Dorf, eine Mittel- bzw. Kleinstadt oder eine Großstadt handelt. Für die jeweils zutreffende Ausprägung nimmt sie den Wert 1 an, für die beiden nichtzutreffenden den Wert 0. Bezüglich des Pfades X ←A ← M ← O → H → Y bzw. X ←A ← N ← O → H → Y wird das Alter (O) berücksichtigt, um den postulierten Kausaleffekt korrekt schätzen zu können. Eine entsprechende Variable liegt bereits im Datensatz vor und kann unverändert übernommen werden. Als nächstes wird der Pfad X ←A ← I ← J ← K → H → Y betrachtet. Eine Blockierung der Back-Door kann hier erreicht werden, indem die Religiosität (K) im Analysemodell Berücksichtigung findet. Als Indikator hierfür dient die Kirchgangshäufigkeit. Auch in diesem Fall werden wieder dichotome Variablen gebildet, die für die jeweils zutreffende Kategorie (mind. 1x die Woche, mind. 1x pro Monat, mehrmals im Jahr, seltener oder nie) den Wert 1 aufweist und für alle anderen den Wert 0. Schließlich wird, um den Pfad X ←L → Y bzw. alle Pfade, die über H ←L oder H ←P → S → L verlaufen, zu blockieren, noch die Offenheit gegenüber anderen Kulturen (L) kontrolliert. Es handelt sich hierbei zwar um einen sogenannten Collider, jedoch wird durch die dabei entstehende Verbindung von Q, R, S und H kein neuer Back-Door-Pfad geöffnet. Die Offenheit gegenüber anderen Kulturen wird anhand der Zustimmung zu dem Item „Es ist besser für ein Land, wenn alle Menschen einer

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Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Inwiefern beeinflusst Kontakt zu Asylbewerbern die Einstellung von Deutschen gegenüber diesen? Und welche Rolle spielen dabei Empathie und Angst?
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg  (Fakultät für Sozial- und Wirtschaftswissenschaften)
Veranstaltung
Fortgeschrittene Analysemethoden der quantitativen Sozialforschung: Propensity Score Matching using Stata
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
26
Katalognummer
V456384
ISBN (eBook)
9783668869691
ISBN (Buch)
9783668869707
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kontakt, Asylbewerber, Einstellung, Empathie, Angst, Directed Acyclic Graph, Flüchtlingskrise, Flüchtlinge, interkultureller Kontakt, Vorurteile, negative Einstellung, Mediatoren, Mediator, Kontakthypothese, Matching, Intergroup Contact Hypothesis, vermittelnder Mechanismus, Propensity Score Matching, Einstellung gegenüber Asylbewerbern
Arbeit zitieren
Thomas Beer (Autor), 2017, Inwiefern beeinflusst Kontakt zu Asylbewerbern die Einstellung von Deutschen gegenüber diesen? Und welche Rolle spielen dabei Empathie und Angst?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/456384

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