Die vorliegende Arbeit untersucht das Konstrukt der Post-Säkularität. Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf Ingolf Dalferths Auseinandersetzung mit der Säkularisierung.Die Säkularisierungsthese ist eine häufig vertretene soziologische These im 20. Jahrhundert. Der Begriff, der einen komplexen gesellschaftlichen Prozess repräsentieren soll, löst seit den 1960er Jahren Kontroversen aus. Vor der Kritik an der Säkularisierungsthese wird von Theologen wie Lübbe und Gogarten versucht, die Säkularisierung als etwas genuin Christliches zu kennzeichnen. Seitdem ist die wissenschaftliche Diskussion über die gescheiterte Säkularisierungsthese ebenso vielfältig, wie vordem der Diskurs über die Säkularisierungsthese gewesen ist.
Die Säkularisierungsthese besagt, dass der Prozess der Säkularisierung durch gesamtgesellschaftliche Entwicklungen der Moderne wie die Industrialisierung und die Rationalisierung unumkehrbar vorangetrieben werde. Die fortschreitende Säkularisierung führe zur gesellschaftlichen Lösung von religiösen Bezügen, zur Privatisierung von Religion und zu einem Einflussverlust der religiösen Institutionen. Säkularisierung als Begriff kann auch wertend verwendet werden, um die Emanzipation der bürgerlichen Gesellschaft von der kirchlich geprägten mittelalterlichen Gesellschaftsordnung zu charakterisieren.
Die klassische Säkularisierungsthese formuliert einen Zusammenhang zwischen Säkularisierung und Modernisierung. Dabei gibt es verschiedene Formen: Die Marginalisierung, die Privatisierung des Religiösen und die Differenzierung in Subsysteme. Das heutige System ist säkular, der Markt ist das übergeordnete Subsystem. Die Religion ist das einzige verzichtbare Subsystem geworden. Präsäkular ist der Zustand gewesen, als die Religion alles bestimmt hat und die einzelnen Subsysteme noch nicht wirklich ausgebildet gewesen sind.
Inhaltsverzeichnis
1) Einleitung: Scheitern der Säkularisierungsthese
2) Exposition: Was kommt nach der Säkularisierungsthese?
3) Ingolf Dalferths Konstrukt der Post-Säkularität
4) Kritik der Dalferth´schen These von der Post-Säkularität
5) Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Konstrukt der „Post-Säkularität“ im Kontext des religionsphilosophischen Diskurses, insbesondere unter Bezugnahme auf Ingolf Dalferth. Ziel ist es, die theoretische Tragfähigkeit dieses Begriffs zu analysieren, seine begriffliche Abgrenzung zur klassischen Säkularisierungsthese kritisch zu beleuchten und zu prüfen, inwieweit das Modell der Post-Säkularität eine konsistente Beschreibung aktueller gesellschaftlicher Zustände ermöglicht.
- Kritische Analyse der klassischen Säkularisierungsthese und ihrer Subtheorien
- Darstellung der religionsphilosophischen Perspektive von Ingolf Dalferth
- Erarbeitung der Differenz zwischen vertikaler und horizontaler Säkularität
- Untersuchung der strukturellen Ebenen (Staat, Gesellschaft, Individuum) im Prozess zur Post-Säkularität
- Kritische Bewertung der begrifflichen Kohärenz des Modells der Post-Säkularität
Auszug aus dem Buch
3) Ingolf Dalferths Konstrukt der Post-Säkularität
Ingolf U. Dalferth, Religionsphilosoph und evangelischer Theologe, hat 2011 den Artikel „Religionsfixierte Moderne? Der lange Weg vom säkularen Zeitalter zur postsäkularen Welt“ veröffentlicht. In der Einleitung nimmt er Bezug auf Charles Taylors Auffassung vom gegenwärtigen säkularen Zeitalter, für das charakteristisch ist, dass „der Glaube nicht mehr die »default option« darstellt, sondern zu einer Option unter anderen geworden ist.“ Dalferth hält dies für ein zentrales Merkmal unserer Zeit, schränkt aber ein, „solange wir uns als säkular bezeichnen, sind wir noch nicht wirklich säkular.“ So lautet seine These.
Begründet wird diese dadurch, dass im Begriff das Säkularen immer auch ein Bezug zum Religiösen stecke und solange dieser Begriff noch verwendet werde, sei das Religiöse noch nicht überwunden. Dass der Begriff „säkular“ immer mit dem Gegenbegriff „religiös“ konnotiert ist, mutet geradezu paradox an und entbehrt nicht einer gewissen Ironie, weil dies die eigentliche Absicht des Begriffs, die Abgrenzung vom Religiösen bis zur vollständigen Absetzung des Religiösen, konterkariert. Dieser Negativbezug gelte aber nur in eine Richtung. Der Begriff „religiös“ funktioniere auch ohne den Negativbezug zu „säkular“.
Dalferth experimentiert begrifflich weiter und definiert als Negation zu „säkular“ „post-säkular“. Das lateinische Morphem „post“ bedeutet nachher, nach, hinter, hintenan. Dieser Begriff impliziert weniger, das Gegenteil von „säkular“ zu sein, sondern eher, das zu sein, was zeitlich auf das Säkulare folgt. Dalferth sieht zwei Möglichkeiten, diesen Begriff zu füllen: (1) Als Wiedergewinnen des Religiösen, was er als eine schwach ausgeprägte Post-Säkularität versteht, oder (2) als Überwindung der Differenz zwischen Säkularem und Religiösen, was für ihn eine starke Post-Säkularität bedeuten würde.
Zusammenfassung der Kapitel
1) Einleitung: Scheitern der Säkularisierungsthese: Erläutert die soziologische Säkularisierungsthese sowie deren zunehmende Anfechtung und die Entwicklung verschiedener Subtheorien im 20. Jahrhundert.
2) Exposition: Was kommt nach der Säkularisierungsthese?: Blickt auf frühe theologische und soziologische Ansätze zurück, um zu verdeutlichen, wie verschiedene Denker den Status von Religion in der Moderne diskutierten.
3) Ingolf Dalferths Konstrukt der Post-Säkularität: Stellt das Modell von Ingolf Dalferth vor, das den Begriff der Post-Säkularität als Antwort auf eine „religionsfixierte“ Moderne definiert.
4) Kritik der Dalferth´schen These von der Post-Säkularität: Übt methodische Kritik an Dalferths Modell, insbesondere an der fortwährenden Abhängigkeit vom Begriffspaar „säkular-religiös“.
5) Fazit: Fasst die Ergebnisse zusammen und bewertet Dalferths Konzept als zwar theoretisch interessant, aber aufgrund der begrifflichen Problematik als nur bedingt praxistauglich ein.
Schlüsselwörter
Säkularisierung, Post-Säkularität, Ingolf Dalferth, Religionssoziologie, Moderne, Religion, Religionsphilosophie, Säkularität, Entzauberung, Subsysteme, Gesellschaft, Identität, Differenzierung, Ideologie, Säkularismus
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das von dem Theologen und Religionsphilosophen Ingolf Dalferth entwickelte Konstrukt der „Post-Säkularität“ und setzt es in den Kontext des wissenschaftlichen Diskurses über die Säkularisierungsthese.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Themen sind das Verhältnis von Religion und Moderne, die soziologische Säkularisierungsthese, das Konzept der gesellschaftlichen Ausdifferenzierung sowie die begriffliche Problematik des Gegensatzpaares „religiös“ und „säkular“.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das primäre Ziel ist es, Dalferths post-säkulares Modell darzustellen und kritisch auf seine begriffliche Konsistenz und praktische Anwendbarkeit zu prüfen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit verfolgt eine diskursanalytische und religionsphilosophische Methode, indem sie primär auf die theoretischen Ausführungen von Dalferth sowie ergänzende Positionen der Religionssoziologie zurückgreift.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine historische Einbettung der Säkularisierungsdebatte, die detaillierte Vorstellung von Dalferths Konstrukt inklusive seiner Differenzierung in schwache und starke Post-Säkularität sowie eine kritische Auseinandersetzung mit diesen Thesen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist insbesondere durch Begriffe wie Säkularisierung, Post-Säkularität, Religionsfixierung, Ausdifferenzierung, gesellschaftliche Subsysteme und Religionsphilosophie charakterisiert.
Wie unterscheidet Dalferth zwischen einer schwachen und einer starken Post-Säkularität?
Die schwache Post-Säkularität versteht er als ein Wiedergewinnen des Religiösen in einer säkularisierten Welt, während die starke Post-Säkularität die theoretische Überwindung der Differenz zwischen dem Religiösen und dem Säkularen postuliert.
Warum hält die Autorin den Begriff der Post-Säkularität für problematisch?
Die Autorin argumentiert, dass der Begriff durch die Vorsilbe „post-“ und den Kern „säkular“ weiterhin zwangsläufig das begriffliche Gegenüber von Religion aufruft und somit den eigentlich beabsichtigten Zustand, in dem diese Unterscheidung irrelevant sein soll, nicht sprachlich vollziehen kann.
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- Stefanie Schmude (Author), 2014, Ingolf Dalferth und das Konstrukt der Post-Säkularität, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/456898