Das Akteursmodell des Homo Politicus

Ist Downs Modifikationsversuch hinreichend, um Wahlbeteiligungen zu erklären und das Wahlparadoxon zu überwinden?


Hausarbeit, 2018
17 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhalt

1.Einleitung

2.Das Akteursmodell des „Homo Politicus“ nach Anthony Downs

2.1 Interessen des Wählers
2.2 Rationalität
2.3 Restriktionen

3.Das Wahlparadoxon

4.Theorieprüfung nach Popper 8

5.Modifikationsversuch nach Downs 9

6.Analyse des Modifikationsversuchs 10

7.Fazit und Ausblick 12

Literaturverzeichnis 14

1.Einleitung

Wahlbeteiligungen stehen seit Jahren im Fokus unterschiedlicher Theorien, die zu erklären versuchen, was Menschen antreibt den Gang zur Wahlurne auf sich zu nehmen und ihre Stimme für einen Volksvertreter abzugeben. Vor allem der Rückgang der Wahlbeteiligung auf Bundesebene in den letzten Jahren wirft immer wieder die Frage auf: „Warum soll ich Wählen gehen?“. Lediglich bei den letzten drei Wahlperioden lässt sich ein leichter Anstieg der Beteiligung erkennen. Gingen 1972 noch 91,1 % der Wahlberechtigten zur Wahl, waren es 2017 lediglich noch 76,2 %. Tiefpunkt war die Wahl zum 17. Bundestag 2009. Nur knapp über 70% setzten ihr Kreuz für ihre Partei und Volksvertreter (Statista 2018). So scheint es doch für viele Menschen „sinnlos“ ihre Stimme abzugeben, denn die eigene Stimme ist nicht in der Lage einen erheblichen Einfluss auf das Ergebnis zu nehmen. Vielmehr sehen einige ihre Stimmabgabe als Tropfen auf den heißen Stein.

Aus dieser Denkweise resultiert das Wahlparadoxon, welches besagt, dass der rational handelnde Mensch nicht zur Wahl gehen dürfte. Dieses Paradoxon ist der Ausgangspunkt für verschiedenste Forschungen. So schuf auch der Wirtschafts- und Politikwissenschaftler Anthony Downs mit seinem Werk „Economic Theory of Democracy“ aus dem Jahre 1957 (deutsch 1968) ein Modell, welches auf dem Rational- Choice-Ansatzes basiert, um Wähler- und Regierungsverhalten zu untersuchen.

Der Fokus dieser Arbeit liegt auf den Annahmen des Wählerverhaltens und einem von Downs vorgenommen Modifikationsversuch, welcher seiner Theorie zur Verbesserung verhelfen soll. Daraus ergibt sich die Leitfrage, ob eben dieser Modifikationsversuch nach Downs hinreichend ist, Wahlbeteiligungen zu erklären und das Wahlparadoxon zu überwinden.

Im ersten Teil wird die Theorie um das Akteursmodell des Homo Politicus nach Downs vorgestellt. Hierbei werden die Interessen des Wählers1, die Rationalität im Modell, und die für den Wähler zu erwartenden Restriktionen aufgeführt. Zudem wird im Sinne Poppers überprüft, ob sich aus den Annahmen Schlussfolgerungen logisch ableiten lassen, die empirisch bestätigt werden können und auf Grund dessen empirisch wahr sind. Hierbei wird sich zeigen, dass diese Annahmen nicht mit realen Daten übereinstimmen und das schon erwähnte Wahlparadoxon entsteht. Weiter fordert Popper bei einer

Unstimmigkeit zwischen Annahmen und Empirie eine Modifikation. Deshalb wird im Anschluss an die Theorieprüfung Downs Modifikationsversuch vorgestellt und in einem weiteren Teil wiederrum auf seine Gültigkeit untersucht. In einem abschließenden Fazit wird dann die Bedeutung Downs’schen Theorie für die Wissenschaft dargestellt.

2.Das Akteursmodell des „Homo Politicus“ nach Anthony Downs

Anthony Downs Modell des „Homo Politicus“ beruht auf dem ökonomischen Akteursmodell des Homo Oeconomicus (Downs 1968: 7) und entspringt dem Rational- Choice Ansatz. Dieser versucht Verhalten realer Subjekte in realen Situationen zu erklären (Zintl 1997: 36). Hierbei handelt es sich um einen methodologischen individualistischen Ansatz, bei dem ein gesellschaftlicher Gegenstand anhand des Verhaltens eines Individuums erklärt wird. Soziale Phänomene werden unter Betrachtung institutioneller Rahmendbedingungen auf die Handlungen der Individuen zurückgeführt (Arzheimer/ Schmitt 2014: 332). Mit Hilfe des Rational-Choice Ansatzes wird das Wählerverhalten, respektive die Wahlbeteiligung anhand einer Analyse von Interessen und der Situation des Wählers erklärt (ebd.: 333). Somit bietet der Homo Politicus eine nützliche Beschreibung des individuellen Akteurs im Hinblick auf Handlungsgrund und Entscheidungsregeln.

Anthony Downs definiert einige Annahmen. Zum einen geht er davon aus, dass es sich um eine demokratische Gesellschaft handelt, in der die Regierung in regelmäßigen Wahlperioden bestellt wird (Downs 1968: 11). Des Weiteren verhalten sich Parteien, Politiker und Wähler wie rationale Akteure auf dem Markt. Politische Macht wird dabei in Form von Wählerstimmen gegen politische Ziele getauscht (Arzheim/Schmitt 2014:340). Der Wähler verfolgt demnach mit seiner Teilnahme an der Wahl auf rationale Art und Weise individuelle Interessen, wobei er gewissen Restriktionen unterlegen ist.

2.1 Interessen des Wählers

Nach Downs handelt der Bürger in der Politik rational und wählt die Partei, die ihm seiner Überzeugung nach die meisten Vorteile verspricht (Downs 1968: 35). Um zu ermitteln welche Partei den größten Nutzen bringt, vergleicht der Wähler Parteien und entscheidet sich für die Partei, die das größte Nutzenkommen aus staatlichen Leistungen durch eine

Regierungstätigkeit mit sich bringt (Downs 1968: 36). Der rationale Wahlberechtigte verfolgt nach Downs rein politische Ziele, was zur Folge hat, dass das Interesse des einzelnen Wählers bei einer Teilnahme an einer Wahl hauptsächlich darin besteht, seiner favorisierten Partei zum Wahlsieg zu verhelfen (Roth 2008: 52). Andere, komplexere Motive, wie zum Beispiel psychologische Erwägungen, berücksichtigt der Autor hier nicht (Downs 1968: 7).

2.2 Rationalität

Die Rationalität spielt in der Theorie des Homo Politicus eine große Rolle. Als Grundannahme gilt, dass der Homo Politicus seine Handlungsentscheidungen stets rational trifft. Downs schränkt in seiner Arbeit die Rationalität so ein, dass sie sich nicht auf die Ziele, sondern auf die Mittelwahl bezieht (Braun 1999: 61). Ein Verhalten gilt dementsprechend als rational, wenn ein Akteur seine individuellen Ziele möglichst effektiv realisiert. Der Zielbereich beschränkt sich hier auf ökonomische und politische Ziele (Downs 1968: 7). Es ist also entscheidend, dass ein Individuum seine selbst gewählten Ziele mit geringstmöglichem Einsatz knapper Mittel erreicht (ebd.: 5). Wichtig ist auch, dass sich der Wähler seiner Ziele bewusst ist, er also Präferenzen besitzt. Nur dann kann er seine zur Verfügung stehenden Mittel effizient einsetzen. Sollte ein Akteur andere Erwägungen hinzuziehen, zum Beispiel solche, die sich nicht direkt auf die Auswahl der Regierung, ergo nicht auf die essentielle Funktion von Wahlen beziehen, muss er nach Downs als irrational betrachtet werden. Diese Einschränkungen führen zu einem künstlich und abstrakt reduzierten Akteursmodell des Homo Poltiticus. Sie sind aber notwendig, um Prognosen über Wählerverhalten aufstellen zu können (Downs 1968:7). Das Handeln des Individuums kann im Sinne des Ansatzes als rational bezeichnet werden, wenn der individuelle Akteur (hier der Wähler) folgende fünf Merkmale abdeckt:

1. Er muss in der Lage sein, sich zwischen mehreren Handlungsalternativen für eine zu entscheiden und damit eine Entscheidung mit möglichst hohem Nutzeneinkommen zu erzielen.
2. Er kann eine Präferenzordnung aller Handlungsalternativen erstellen, sodass er eine der anderen bevorzugt oder beide Alternativen gleichstellt (diese sind somit indifferent).
3. Er erstellt eine transitive Präferenzordnung (das bedeutet, wenn eine Alternative A der Alternative B vorgezogen und B gegenüber C präferiert wird, dann wird A zwangsläufig vor Alternative C bevorzugt).
4. Er wählt diejenige Handlungsalternative, die in seiner Rangfolge die höchste Position und demnach auch den größten persönlichen Nutzen hat.
5. Er trifft immer dieselbe Entscheidung, wenn er die gleichen Alternativen zur Auswahl hat (Downs 1968: 6).

Das Individuum trifft seine Entscheidung demnach in Kenntnis der Konsequenzen seines Handelns. Es vergleicht die zur Verfügung stehenden Handlungsalternativen und entscheidet sich nach Beurteilung der Entscheidungssituation für die Alternative, die ihm den größten Nutzen bringt (Arzheimer/ Schmitt 2014: 337). Anthony Downs geht in seinem Anfangsmodell von einem vollständig informierten Wähler aus, der eine Gewissheit über die Ziele, die Auswahl der Mittel und die Folgen hat (Braun 1999: 63).

Als Grundannahme gilt, dass sich der Wähler stets für die Partei entscheidet, von der sich den größten Nutzen verspricht (Dehling/ Schubert 2011: 53). Um diese Partei zu finden, bildet er laut Downs zunächst das sogenannte Parteiendifferential. Innerhalb eines Zweiparteiensystems wägt der Wähler zwischen der Regierungspartei A (UA) und der Oppositionspartei B (UB) ab. Zwischen dem Nutzen der beiden Parteien bildet er die Differenz [Parteiendifferential = UA – UB] (Arzheimer/ Schmitt 2014: 342). Ist diese Differenz positiv entscheidet sich der Wähler für Partei A, bei einem negativen Wert für Partei B. Nähert sich der Differenzbetrag dem Wert Null, wird sich der rationale Wähler seiner Stimme enthalten (Downs 1968: 38-39). Das Individuum muss nun also die hypothetischen Leistungen der oppositionellen Partei mit den Leistungen der amtierenden Regierungspartei und den daraus resultierenden Nutzen vergleichen. Hierbei entsteht das Problem, dass der Wahlberechtigte ein tatsächlich gegenwärtiges Nutzeneinkommen mit einer hypothetischen Schätzung vergleichen muss (Downs 1968: 39). Die Wahlentscheidung bezieht sich also auch auf die zukünftige Regierungstätigkeit. Die Nutzwerte müssen unter den Bedingungen von Vermutung und Unsicherheit einander abgewogen werden (Arzheimer/ Schmitt: 2014: 343). Aus diesem Grund führt Downs den Trendfaktor und die Leistungsbewertung ein. Er ergänzt das oben beschriebene Parteiendifferential um einen Erwartungswert E der Partei B [Parteiendifferential = UA – E x UB].

Mit dem Trendfaktor wird dem gegenwärtigen Parteiendifferential, welches sich auf die vergangene Legislaturperiode bezieht, ein zukunftsorientierter Aspekt hinzugefügt. Der Trendfaktor soll den Trend der Regierungs- und Oppositionspartei für die Zukunft fortführen (Downs 1968: 39). Falls der Wähler immer noch keinen Unterschied zwischen beiden Parteien erkennt, das Parteiendifferential also Null ist, kann er außerdem die Leistungen der Regierungspartei in der Vergangenheit bewerten. Bei der sogenannten Leistungsbewertung vergleicht er das bisherige Nutzeneinkommen aus der Regierungstätigkeit mit einer seiner Meinung nach idealen Leistung. Auf Grundlage dieser persönlichen Einschätzung entscheidet sich der Wähler für Partei A, wenn er mit den bisherigen Leistungen zufrieden ist oder für Partei B, sollte er in einer politischen Veränderung einen größeren Nutzen sehen. Sofern die Leistungsbilanz indifferent ausfällt und das Parteiendifferential Null ergibt, enthält sich der Wähler als rationaler Akteur seiner Stimme (Dehling/ Schubert 2011: 55).

In einem Mehrparteiensystem stellen sich weitere Probleme für den Wähler. Er wird sich zusätzlich über die Wahlentscheidung anderer Wähler Gedanken machen. Das kann dazu führen, dass er nicht für seine präferierte Partei stimmt, weil er davon ausgehen muss, dass aufgrund der Mehrheitsverhältnisse eine Regierungsbeteiligung nicht realisierbar ist. Da Downs die Möglichkeit der Koalitionsbildung nicht in Betracht zieht, wäre die Stimme des Wählers verloren. Außer er nutzt sie dazu, die von ihm am wenigsten präferierte Partei daran zu hindern, die Regierung zu stellen. Dies kann er tun, indem er sich anstelle seiner idealen Partei für eine Partei entscheidet, die zwar ein geringeres Nutzeneinkommen verspricht, dafür aber gute Aussichten auf den Wahlsieg und damit verbunden auf die Bildung der Regierung hat. Unter diesen Parteien wählt er dann wiederrum die, von der er sich das höchste Nutzeneinkommen verspricht (Downs 1968:48).

2.3 Restriktionen

Der Prozess des Wählens bringt zwangsläufig Restriktionen mit sich, die sich auf die Entscheidung des Wählers auswirken. Zum einen entstehen dem rationalen Wähler Informationskosten. Anders als in den Wirtschaftswissenschaften angenommen, kann man in der Realität nicht von einem vollständig informierten und von Unsicherheiten befreiten Wähler ausgehen (Braun 1999: 67). Deshalb modifiziert Downs sein

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Details

Titel
Das Akteursmodell des Homo Politicus
Untertitel
Ist Downs Modifikationsversuch hinreichend, um Wahlbeteiligungen zu erklären und das Wahlparadoxon zu überwinden?
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
2,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
17
Katalognummer
V457181
ISBN (eBook)
9783668871618
ISBN (Buch)
9783668871625
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rational Choice, Homo Politicus, Wahlbeteiligung, Wahlparadoxon, Akteursmodell, Anthony Downs
Arbeit zitieren
Jonas Julino (Autor), 2018, Das Akteursmodell des Homo Politicus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/457181

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