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Die Diskussion um die "Modernisierung der Seele" in der aktuellen Jugendforschung. Narzissmus und Subjektivität. Eine Analyse aktueller psychologisch fundierter Gesellschaftsdiagnosen

Titre: Die Diskussion um die "Modernisierung der Seele" in der aktuellen Jugendforschung. Narzissmus und Subjektivität. Eine Analyse aktueller psychologisch fundierter Gesellschaftsdiagnosen

Thèse de Master , 2014 , 79 Pages

Autor:in: Pia Rüttgers (Auteur)

Études Culturelles - Généralités et définitions
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Aktuelle Diagnosen über den Zustand der modernen Gesellschaft bereiten zuweilen großes Unbehagen. Insbesondere aus soziologischer Perspektive sehen wir uns häufig gesamtgesellschaftlichen Entwicklungsungetümen ausgesetzt, die nicht nur unsere äußere Lebenswelt, sondern auch unser Innenleben zunehmend „kolonisieren“. So konstatieren zum Beispiel Lessenich et al. in ihrer Kapitalismus-Kritik eine „fundamentale[...] Mobilisierungstendenz der Moderne, welche den lähmenden Fremdzwang repressiver Sozialformation mittels […] politischer Steuerung unablässig […] in ruhelosen Selbstzwang verwandelt und dabei die unauflösbaren Widersprüche der durch jene Kapitalbewegung bestimmten Gesellschaftsformation in die Subjekte hineinverlagert.“

Solche und andere soziologische Gesellschaftsdiagnosen bilden auch den Hintergrund für eine Vielzahl von Beiträgen, die sich in oft kritischer Weise dezidiert mit den Folgen sozialen Wandels für die individuelle Entwicklung und Selbstbildung befassen. Ein Blick auf die Titel der Publikationen zu diesem Thema weckt allerdings den Verdacht einer Dramatisierungstendenz, insbesondere bei Beiträgen, in denen aus entsprechenden Diagnosen offenbar pädagogische Appelle generiert werden. Die gesellschaftlichen Bedingungen von Entwicklung (und Erziehung) werden darin häufig als „gestört“ oder „pathogen“ deklariert und vor dem Hintergrund der Topoi wie 'Entfremdung', 'Identitätslosigkeit' oder 'individueller Pathologie' Ideale menschlicher Entwicklung konstruiert.

In dieser Arbeit sollen zunächst exemplarisch zwei gesellschaftliche „Verfallsdiagnosen“ eingehend analysiert und beurteilt werden. Im zweiten Teil dieser Arbeit wird sich kontrastierend mit einem Beitrag beschäftigt werden, der entgegen der vorangegangenen Verfallsdiagnosen von Gesellschaft und modernen Charakteren die psychischen Folgen gesellschaftlicher Veränderungen auffallend positiv bewertet.

Extrait


Inhaltsverzeichnis

0. Einleitung

1. Zwei Beispiele aktueller Verfallsdiagnosen und der Sinn des Sprachspiels narzisstischer Pathologie

1.1 H.-J. Maaz: „Der Lilith-Komplex“ und „Die Narzisstische Gesellschaft“

1.2 P. V. Zima: „Narzissmus und Ichideal“

1.3 Erste Beurteilung und zentrale Begriffe der Beiträge von Maaz und Zima

1.4 Psychoanalytische Narzissmus-Theorien

1.4.1 'Narzissmus' – Begriffsdefinitionen

1.4.2 'Primärer' und 'sekundärer' Narzissmus

1.4.3 Zur narzisstischen Pathologie

1.4.4 Narzissmus in der Adoleszenz und im mittleren Lebensalter

1.4.5 Narzissmus aus der Perspektive von Struktur und Wandel der psychischen Struktur

1.5 Eine psychoanalytisch fundierte Kritik der Beiträge von Maaz und Zima

1.5.1 Falsche Mütterlichkeit und pathologischer Narzsissmus (Maaz)

1.5.2 Narzissmus und „echte“ Subjektivität (Zima)

1.5.2.1 Narzissmus als Bewusstseinstyp

1.5.2.2 Ich-Ideal und Ideal-Ich

1.5.2.3 Subjektivität und Narzissmus: ein dialogisches Modell

1.5.2.4 Narzissmus als Kompensation für den Verlust individueller Autonomie

1.5.2.5 Abschließende Beurteilung von „Narzissmus und Ichideal“ unter dem Fokus von Subjektivität und Beziehungserfahrung

1.6 Fazit: Narzissmus und Gesellschaftskritik

1.6.1 Verschiedene psychoanalytische Grundannahmen von 'Narzissmus'

1.6.2 Narzisstische Individualpathologien und narzisstische Gesellschaftspathologie (Maaz)

1.6.3 Argumentativer Brückenschlag vom Niedergang der Werte zum Niedergang von individueller Subjektivität (Zima)

1.7 Diskursanalytische Ergänzungen nach A. Ehrenberg

1.7.1 'Narzissmus' als Sprachspiel zeitgenössischer demokratischer Gesellschaft

1.7.2 'Narzissmus' und die Sorge um den Niedergang republikanischer Werte (Frankreich)

1.7.3 'Narzissmus' und die Rückbesinnung auf den Wert individueller Verantwortung (USA)

1.7.4 'Narzissmus' als Sprachspiel – Fazit und Kritik

1.7.5 Abschließende Beurteilungen der Beiträge von Maaz und Zima unter besonderer Berücksichtigung von '(individueller) Autonomie' und '(gesellschaftlicher) Heteronomie' (nach Ehrenberg)

1.7.5.1 Abschließende Beurteilung von „Lilith-Komplex“ und „Die narzisstische Gesellschaft“ (Maaz)

1.7.5.2 Abschließende Beurteilung von „Narzissmus und Ich-ideal“ (Zima)

1.8 Abschließender Kommentar zur Eignung des psychoanalytischen Narzissmus-Begriffs für zeitgenössische Gesellschaftskritik

2. Dornes' „Modernisierung der Seele“

2.1 Theoretische Grundannahmen und empirische Befunde zu verbessertern Etern-Kind Beziehungen der Gegenwart – Darstellung und Kritik

2.2 Zu Dornes' These einer Erleichterung adoleszenter Konflikte

2.3 Dornes' These einer „Verflüssigung“ der psychischen Struktur – Psychische Widerstandsfähigkeit versus Regression

2.4 Dornes' Kritik an gesellschaftlichen Verfallsdiagnosen

2.4.1 Allgemeine Kritik im Sinne gestiegener Problemsensibilität

2.4.2 Spezifische Kritik an generalisierenden Diagnosen narzisstischer Pathologie

2.5 Methodenkritik – zur Reichweite der von Dornes rezipierten Befunde und zu dem Problem begrifflicher Unschärfen

2.6 Dornes' Strukturwandlungsthese - Darstellung und Kritik

3. Narzissmus, „echte“ Subjektivität und die Errettung des (postmodernen) Subjekts?

4. Schluss

Zielsetzung & Themen

Die Arbeit analysiert kritisch aktuelle gesellschaftliche „Verfallsdiagnosen“ in der modernen Jugendforschung, insbesondere mit Blick auf den Narzissmus-Begriff. Ziel ist es, die Verknüpfung von psychoanalytischen Theorien mit gesellschaftskritischen Thesen zu untersuchen, deren methodische Fundierung zu hinterfragen und die Auswirkungen dieser Diagnosen auf das Verständnis von Subjektivität und Autonomie zu beurteilen.

  • Psychoanalytische Narzissmus-Theorien (Kohut, Kernberg, Battegay)
  • Kritische Analyse der Gesellschaftsdiagnosen von Maaz und Zima
  • Diskursanalytische Perspektiven nach Alain Ehrenberg
  • Kontrastierende Betrachtung von M. Dornes' „Modernisierung der Seele“
  • Untersuchung des Verhältnisses von Subjektivität, Autonomie und psychischer Entwicklung

Auszug aus dem Buch

1.4.1 'Narzissmus' – Begriffsdefinitionen

Zur Einführung in die psychoanalytische Perspektive führt kein Weg an deren bekannten Begründer vorbei, der Vorstellungen über den psychischen Apparat und über psychische Grunddynamiken entscheidend geprägt hat. Vergeblich suchte man in Freuds Werk aber nach einer eindeutigen Bestimmung des 'Narzissmus'. Freud versteht ihn entweder als zwischen Autoerotismus und Objektliebe liegender sexuelle Entwicklungsstufe oder strukturell als „Libidobesetzung des Ichs“.

Kohuts Narzissmus-Theorie hat den Diskurs weiterhin grundlegend und nachhaltig geprägt. Dieser versteht unter Narzissmus die „libidinöse Besetzung des Selbst“, die in der menschlichen Psyche angelegt und ihm nach maßgeblich an der Entwicklung einer gesunden Persönlichkeit beteiligt ist. Dies entspricht in etwa Freuds struktureller Perspektive, allerdings unter dem Zusatz einer Kohärenz stiftenden Funktion, weil anstelle des Ichs das ganze Selbst zum Besetzungsobjekt wird.

R. Battegay hat verschiedene Narzissmus-Ansätze diskutiert. In Anlehnung an Kohut ist Narzissmus auch bei ihm deutlich positiv konnotiert. Er versteht darunter das „Selbst“ des Menschen, welches er an anderer Stelle ausweist als „narzißtische Besetzung von Ich, Es, Über-Ich und Körper, die dem Menschen im Normalfall das Gefühl vermittelt, eine lustvoll erlebte Einheit zu bilden und ihm kompaßartig eine – dauerhafte – Richtung gibt.“ Die Formulierung vom Selbst als „Sitz des Narzißmus“ ist irreführend, weil Battegay auch an anderer Stelle feststellt, dass erst über die narzisstische Besetzung der psychischen Instanzen und des Körpers der Mensch zu einem Gefühl von „Selbstidentität“ oder einem „gesunden Selbstwerterleben“ gelange. Das Selbst (als einheitliches Selbsterleben) setzt die narzisstische Besetzung also voraus und als lustvoll erlebte Einheit fällt dieses Selbst gleichzeitig mit 'Narzissmus' in eins. Das Attribut „narzisstisch“ erlangt seine Bedeutung demnach erst über seine Funktion. Die libidinöse Besetzung der sich herausbildenden Strukturen ist also nur dann narzisstisch zu nennen, wenn daraus die lustvolle Einheitserfahrung zustande kommt, so meine These.

Zusammenfassung der Kapitel

0. Einleitung: Die Einleitung führt in die gesellschaftskritische Debatte ein und skizziert das Ziel der Arbeit, die Konzepte von Maaz, Zima und Dornes psychoanalytisch zu beleuchten.

1. Zwei Beispiele aktueller Verfallsdiagnosen und der Sinn des Sprachspiels narzisstischer Pathologie: Dieses Kapitel analysiert die Diagnosen von Maaz und Zima, klärt psychoanalytische Grundlagen und bewertet deren Anwendung als Gesellschaftskritik.

2. Dornes' „Modernisierung der Seele“: Das Kapitel stellt Dornes' positivere Sichtweise auf moderne Familienbeziehungen dar und kritisiert seine methodische Herangehensweise sowie seine Interpretation empirischer Daten.

3. Narzissmus, „echte“ Subjektivität und die Errettung des (postmodernen) Subjekts?: Hier werden die untersuchten Positionen im Hinblick auf ihre Konzeptionen von Subjektivität und der Möglichkeit eines „gelungenen Lebens“ in der Moderne zusammengeführt.

4. Schluss: Das Fazit fasst die zentralen Erkenntnisse über die Reichweite psychoanalytischer Diagnosen für gesellschaftliche Prozesse zusammen und würdigt die Bedeutung einer differenzierten Subjektivitätsbetrachtung.

Schlüsselwörter

Narzissmus, Psychoanalyse, Subjektivität, Autonomie, Gesellschaftsdiagnose, Mütterlichkeit, Ich-Ideal, Sozialisation, Pathologie, Bindung, Resonanz, Moderne, Identität, Selbstwertgefühl, Gesellschaftskritik.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit untersucht, wie aktuelle gesellschaftskritische Diagnosen – insbesondere solche, die den Begriff „Narzissmus“ verwenden – das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft deuten und welche Rolle dabei psychoanalytische Konzepte spielen.

Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?

Zentrale Themen sind der angenommene Niedergang von Werten und Autonomie, die Bedeutung familiärer Sozialisation, der Einfluss gesellschaftlicher Strukturen auf die psychische Entwicklung sowie die Frage nach authentischer Subjektivität.

Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?

Ziel ist es, zu klären, inwiefern die psychoanalytische Fundierung von Gesellschaftsdiagnosen (wie bei Maaz und Zima) wissenschaftlich belastbar ist und welche Alternativen (wie bei Dornes) existieren.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Die Arbeit verwendet eine theoretisch-analytische Methode, welche die ausgewählten Texte (Maaz, Zima, Dornes, Ehrenberg) psychoanalytisch-kritisch kontrastiert, deren Argumentationsstrukturen prüft und diskursanalytisch ergänzt.

Was wird im Hauptteil behandelt?

Der Hauptteil analysiert detailliert die Thesen von Maaz und Zima zur „narzisstischen Gesellschaft“, kontrastiert diese mit den positiven Thesen von Dornes zur „Modernisierung der Seele“ und zieht Alain Ehrenbergs diskursanalytische Perspektive zur Einordnung hinzu.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Narzissmus, Subjektivität, Autonomie, Gesellschaftsdiagnose, Sozialisation und Identität charakterisiert.

Wie unterscheidet sich Dornes' Sichtweise von der von Maaz und Zima?

Während Maaz und Zima eine Zunahme pathologischer Störungen und einen Werteverfall beklagen, bewertet Dornes die „Modernisierung der Seele“ optimistischer und sieht in heutigen Familienbeziehungen eine erhöhte Flexibilität und demokratische Chancen für das Subjekt.

Welche Rolle spielt der Begriff der „Autonomie“ in den untersuchten Theorien?

Autonomie wird in den Diagnosen oft als schützenswertes, aber gefährdetes Gut verstanden. Die Autoren diskutieren, ob moderne Bedingungen die Autonomie stärken oder – durch den Verlust traditioneller Bindungen – zu einer „Scheinautonomie“ oder narzisstischen Kompensation führen.

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Résumé des informations

Titre
Die Diskussion um die "Modernisierung der Seele" in der aktuellen Jugendforschung. Narzissmus und Subjektivität. Eine Analyse aktueller psychologisch fundierter Gesellschaftsdiagnosen
Auteur
Pia Rüttgers (Auteur)
Année de publication
2014
Pages
79
N° de catalogue
V457189
ISBN (ebook)
9783668889040
ISBN (Livre)
9783668889057
Langue
allemand
mots-clé
diskussion modernisierung seele jugendforschung narzissmus subjektivität analyse gesellschaftsdiagnosen
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GRIN Publishing GmbH
Citation du texte
Pia Rüttgers (Auteur), 2014, Die Diskussion um die "Modernisierung der Seele" in der aktuellen Jugendforschung. Narzissmus und Subjektivität. Eine Analyse aktueller psychologisch fundierter Gesellschaftsdiagnosen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/457189
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