„Gewalt erzeugt Gegengewalt“ sang die Popgruppe Die Ärzte im Jahre 1996 und bezog sich dabei auf gewaltsame Konflikte zwischen Jugendlichen. Dass dieser Aussage während der vergangenen Jahre immer größere Bedeutung zugekommen ist, wird vornehmlich den Medien und ihren Angeboten angelastet. Genährt wird diese Schuldzuweisung immer dann, wenn dramatische Ereignisse einen Rückschluss vom Medienkonsum der Akteure auf deren Verhaltensweisen zulassen. Im Kreuzfeuer der Kritik steht neben Computerspielen, die es dem Nutzer ermö glichen, in einer virtuellen Welt Gewaltphantasien und Aggressionen auszuleben, vornehmlich das Massenmedium Fernsehen.
„Das Fernsehen hat durch die Ablichtung von realer und fiktiver Darstellung von Gewalt im Programm die Bereitschaft zu gewalttätigen Konfliktlösungen in der Gesellschaft erheblich gesteigert! Das ist eine populäre These über die Wirkungsweise des Fernsehens. […] sei es als Bericht oder Meldung über Regionen der Dritten Welt, als Schreckensbericht über das Blutbad in Ex-Jugoslawien […]. Was immer mehr zu zählen scheint, ist die vordergründige Bildsensation, arrangiert für die Atemlosigkeit der Fernsehsekunde.“ ([1])
Dem Medium Fernsehen wird hier vorgeworfen, die gesellschaftlichen Werte und Normen dahingehend zu verschieben, dass eine Desensibilisierung der Zuschauer erfolgt und sie Gewalt als eine Form der Problemlösung akzeptieren.
Kritiker, die in dieser Art und Weise argumentieren, gehen demnach von einer starken Wirkungskraft der Medien aus. Gegner dieses Ansatzes weisen indes immer wieder darauf hin, dass es vielmehr die gesellschaftliche Entwicklung selber ist, die diesen Wertewandel zur Folge hat. Ein Einfluss der Medien wird in diesem Zusammenhang zwar nicht gänzlich ausgeschlossen, ihm kommt aber nur geringe Bedeutung zu. Ob und gegebenenfalls wie sich die verschiedenen
Argumentationen begründen lassen, soll in den nachfolgenden Ausführungen zu der Entwicklung und den Erkenntnissen der Medienwirkungsforschung untersucht werden. Dazu erfolgt in Kapitel 1 zunächst ein Überblick über deren Anfänge, in dem die Gegenstände und Probleme dieses Forschungsfeldes vorgestellt werden. Da das Stimulus-Response-Modell als das erste und somit als klassisches Wirkungsmodell gilt, stellt es eine Art Grundlage für alle nachfolgenden Modelle dar und findet deshalb zu Beginn dieser Ausführungen besondere Beachtung.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Das Stimulus-Response-Modell als Basistheorie
2. Der Einfluss der Systemtheorie auf die Medienwirkungsforschung
2.1 Die Entwicklung der Systemtheorie
2.2 Niklas Luhmann – Die Theorie sozialer Systeme
2.2.1 Doppelte Kontingenz
2.2.2 Komplexität
2.2.3 Sinn und Selektivität
2.2.4 Erleben und Handeln
2.2.5 Handlung und Kommunikation
2.3 Die Kernaussagen der Theorie sozialer Systeme
3. Der Einfluss des Radikalen Konstruktivismus auf die Medienwirkungsforschung
3.1 Vorwort
3.2 Die Konstruktion von Wirklichkeit
3.3 Der Einfluss von Massenmedien auf die Konstruktion von Wirklichkeit
3.3.1 Massenmedien und das Problem der Unwahrscheinlichkeit von Kommunikation
3.3.2 Das Fernsehen als Konstrukteur von Wirklichkeiten
4. Zwischenfazit
5. Erweiterte Wirkungsmodelle
5.1 Rezipienten-orientierte Ansätze
5.1.1 Die Theorie des Zweistufenflusses der Kommunikation
5.1.2 Der Uses-and-Gratification-Approach
5.2 Medien-orientierte Ansätze
5.2.1 Die Kultivierungshypothese
5.2.2 Die Knowledge-Gap-Hypothese
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Entwicklung und die Erkenntnisse der Medienwirkungsforschung vor dem Hintergrund systemtheoretischer und konstruktivistischer Ansätze, um zu klären, wie Medien wirken und was die Forschung hierüber tatsächlich aussagen kann.
- Kritische Analyse des klassischen Stimulus-Response-Modells
- Einfluss der Systemtheorie nach Niklas Luhmann auf das Verständnis von Medienwirkungen
- Bedeutung des Radikalen Konstruktivismus für die Wirklichkeitskonstruktion
- Vergleich von rezipienten- und medienorientierten Wirkungsmodellen
- Problematisierung der Wissenskluft und der Rolle des Fernsehens
Auszug aus dem Buch
2.2.1 Doppelte Kontingenz
Nach Luhmanns Ansicht, sind alle Erfahrungen und Wahrnehmungen, die ein System erlebt kontingent. Das heißt, es gibt immer mehrere Möglichkeiten, die Außenwelt wahrzunehmen. Verdeutlicht werden kann diese These durch die Analyse der einfachsten Form von Kommunikation, dem Gespräch.
Beide Gesprächspartner verfügen über eine Fülle von Verhaltensmöglichkeiten. Sie können auf eine Ansprache reagieren oder sich abwenden. Durch den Umstand, dass beide Kommunikatoren sich darüber bewusst sind, dass der jeweils andere genauso viele Aktions- und Reaktionsoptionen hat, entsteht eine doppelte Kontingenz. Da die (Welt-) Gesellschaft nun aus Milliarden von Menschen besteht und sich immer weiter ausdifferenziert, existiert durch die Möglichkeit der Verhaltens- und Handlungsvariationen ein Maß an Komplexität, die es dem einzelnen Menschen nicht ermöglicht, sich zu orientieren. Reduziert wird diese Komplexität durch die Schaffung von Orientierungshilfen, also durch die Bildung von Systemen (vgl. Kiss 1990: 10)
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die öffentliche Debatte über den Einfluss von Medien auf gewaltsames Verhalten und führt in die Thematik der wissenschaftlichen Medienwirkungsforschung ein.
1. Das Stimulus-Response-Modell als Basistheorie: Dieses Kapitel stellt das klassische Modell dar, welches Medienwirkungen als direkten Reiz-Reaktions-Prozess interpretiert und die theoretische Grundlage für spätere Modelle bildet.
2. Der Einfluss der Systemtheorie auf die Medienwirkungsforschung: Hier wird erläutert, wie systemtheoretische Ansätze, insbesondere die Theorie sozialer Systeme von Luhmann, das Verständnis von Kommunikation und Systemautonomie verändern.
3. Der Einfluss des Radikalen Konstruktivismus auf die Medienwirkungsforschung: Das Kapitel analysiert, wie die Annahme, dass Individuen ihre Wirklichkeit aktiv konstruieren, den Blick auf Medienwirkungen als individuelle Verarbeitungsprozesse lenkt.
4. Zwischenfazit: Dieses Kapitel fasst zusammen, wie die Systemtheorie und der Radikale Konstruktivismus das traditionelle Stimulus-Response-Modell theoretisch entkräftet haben.
5. Erweiterte Wirkungsmodelle: Hier werden spezifische Ansätze wie der Zweistufenfluss der Kommunikation, der Uses-and-Gratification-Approach sowie die Kultivierungs- und Knowledge-Gap-Hypothese vorgestellt.
6. Fazit: Das Fazit resümiert die Erkenntnisse der Arbeit und betont die Komplexität des Forschungsfeldes, die endgültige Aussagen über Medienwirkungen erschwert.
Schlüsselwörter
Medienwirkungsforschung, Stimulus-Response-Modell, Systemtheorie, Radikaler Konstruktivismus, Niklas Luhmann, Wirklichkeitskonstruktion, Kommunikation, Zweistufenfluss der Kommunikation, Uses-and-Gratification-Approach, Kultivierungshypothese, Knowledge-Gap-Hypothese, soziale Komplexität, Autopoiesis, Medienkompetenz, Rezipientenverhalten
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit bietet einen Überblick über die historische Entwicklung und die zentralen Modelle der Medienwirkungsforschung, wobei der Schwerpunkt auf den theoretischen Paradigmenwechseln durch Systemtheorie und Konstruktivismus liegt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Mittelpunkt stehen die Wandlung des Wirkungsbegriffs, die Rolle des Rezipienten als aktives System sowie die Frage, wie Medien die soziale Realität beeinflussen oder konstruieren.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, die Frage zu beantworten, was die Medienwirkungsforschung leisten kann und inwiefern sie belastbare Aussagen über die Auswirkungen von Medienangeboten auf den Menschen treffen kann.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden angewendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine theoretische Auseinandersetzung mit soziologischen und kommunikationswissenschaftlichen Fachliteraturen, um bestehende Modelle kritisch zu hinterfragen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der Widerlegung des Stimulus-Response-Modells durch systemtheoretische und konstruktivistische Ansätze sowie der Vorstellung erweiterter Wirkungsmodelle, sowohl mit Blick auf die Rezipienten als auch auf medienorientierte Wirkungen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Publikation?
Die zentralen Begriffe sind Medienwirkungsforschung, Systemtheorie nach Luhmann, Radikaler Konstruktivismus, Autopoiesis sowie verschiedene Wirkungsmodelle wie die Kultivierungshypothese.
Warum ist das klassische Stimulus-Response-Modell laut der Autorin überholt?
Die Autorin argumentiert, dass das Modell den Menschen fälschlicherweise als passive, schutzlose Masse betrachtet, während neuere Theorien den Menschen als ein geschlossenes, autopoietisches System ansehen, das Informationen individuell verarbeitet.
Welche Rolle spielt das Fernsehen in der Argumentation der Arbeit?
Das Fernsehen dient als prominentes Beispiel für ein Massenmedium, bei dem die vermeintliche Objektivität („Fenster zur Welt“) durch die mediale Inszenierung infrage gestellt wird, da Zuschauer ihre Wirklichkeit aus medialen Ausschnitten selbst konstruieren.
Was versteht man in diesem Kontext unter dem Problem der sozialen Redundanz?
Es bezieht sich auf den Prozess, bei dem durch Massenmedien verbreitete Informationen als gesellschaftlich bekannt unterstellt werden, was wiederum die Konstruktion von Wirklichkeiten maßgeblich beeinflusst.
Warum ist eine saubere Trennung von Medienwirkungen laut der Autorin kaum möglich?
Da Menschen ihre Wirklichkeit durch ein komplexes Zusammenspiel aus biologischen, kognitiven und sozialen Faktoren konstruieren, lassen sich Einflüsse durch Medien schwer von anderen sozialen Einflüssen isolieren.
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- M.A. Manuela Feldkamp (Author), 2004, Was will und kann die Medienwirkungsforschung leisten?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/45728