Die im Fokus der vorliegenden Studie stehende Analyse von zwei antithetischen Figuren aus der deutschen Literatur. Genauer gesagt, aus zwei unterschiedlichen Romantypen, und zwar Goethes 1795/96 erschienenem "Wilhelm Meister Lehrjahren" und Eichendorffs erstmals im Jahr 1826 erschienenem "Aus dem Leben eines Taugenichts". Sie schildert deren beide gegensätzlichen Naturen und Geisteszustände, die unterschiedlichen Lebensauffassungen von zwei Welten: Einerseits wird der Zustand der Unbeweglichkeit und kindlicher Unmündigkeit, die die Taugenichts-Figur kennzeichnen, untersucht, andererseits wird Wilhelm Meisters geistiger Fortschritt, vom kindlichen Seelenleben zur Selbstvervollkommnung, umständlich beschrieben.
Wenn man die Eichendorffsche Geschichte und deren Ansatz genauer hinschaut, kann man ohnehin nicht so pauschal von einem Roman sprechen, sondern von einer Novelle, die sowohl Züge eines Märchens trägt, indem Eichendorff wiederentdeckte Volksliedmotive aufgriff, als auch durch die einfache und naive Sprache des Taugenichts gekennzeichnet ist.
Inhaltsverzeichnis
1. Vorwort
2. Die Begriffe Bildungsroman und Schelmenroman
3. Kontingenz und Kausalität
4. Die Auseinandersetzung zwischen Individuum und Wirklichkeit
5. Psychologische Zugänge
6. Die Allegorie der kontextgebundenen Wahrnehmung der Wirklichkeit
7. Unmündigkeit und Passivität beim Taugenichts
8. Vollendete Humanität
9. Die Einstellung zur Liebe
10. Vom Schein zum Sein
11. Erziehendes Werk vs. Marchen
12. Die schöne alte Zeit: Natur und Kindheit
13. Unmittelbarkeit und Leichtigkeit des Erlebens
14. Schönheit vs. Zweckmäßigkeit
15. Die bürgerliche Lebensweise
16. Handlungen und Ausdruck
17. Dialektisches Streben
18. Die Fremde
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die grundlegenden Unterschiede zwischen dem Bildungsroman am Beispiel von Goethes "Wilhelm Meisters Lehrjahre" und dem Schelmenroman am Beispiel von Eichendorffs "Aus dem Leben eines Taugenichts", wobei insbesondere die Entwicklung der Protagonisten, ihre Wahrnehmung der Realität und ihre Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Normen analysiert werden.
- Vergleichende Analyse literarischer Gattungstypen
- Konstruktive vs. passive Entwicklung der Romanfiguren
- Konflikt zwischen Individuum und bürgerlicher Wirklichkeit
- Die Rolle von Zufall, Natur und Traum in der Literatur
- Kausalität vs. Kontingenz im Erzählfluss
Auszug aus dem Buch
3. Kontingenz und Kausalität
Eichendorffs Picaro gerät in eine bunte Folge von Abenteuern und Ereignissen, die meistens in keinem kausalen Zusammenhang zueinander stehen: Kontingenz und Zufall spielen hier die wichtigste Rolle. Relativ selbständige Geschichten werden um den Helden gruppiert, und die verschiedenen Episoden sind nur durch den Helden verbunden, entsprechend dem Erzählprinzip der additiven Reihung. Die Episoden dienen nicht der Darstellung der Entwicklung der Zentralfigur, sondern der Unterhaltung und manchmal auch der Belehrung des Lesers durch das Populärwissen der Entstehungszeit. Die abenteuerlichen Erlebnisse der Zentralfigur sind sozusagen Selbstzweck, keine Stationen einer durchgehenden Komposition: In der Bewältigung der immer neuen Proben, denen der Held ausgesetzt wird, wird seine innere Entwicklung gar nicht deutlich.
Im Bildungsroman sind dagegen die Ereignisse kausal miteinander verknüpft, alle Teile sind logisch miteinander verbunden und keiner ist selbständig: die Entwicklung des Helden ist bedingt, durch Kausalität begründet. Alle in die Handlung integrierten Abenteuermotive dienen der Darstellung des kontinuierlichen Entwicklungsgangs Wilhelm Meisters in der Auseinandersetzung mit allen Etappen des gesamten Bildungsprozess bzw. der Lehrjahre.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Vorwort: Einführende Darstellung der antithetischen Figuren Wilhelm Meister und Taugenichts sowie deren Zuordnung zu den Romantypen Bildungsroman und Novelle bzw. Schelmenroman.
2. Die Begriffe Bildungsroman und Schelmenroman: Definition und Abgrenzung der beiden Gattungen unter Berücksichtigung ihrer Entstehungsgeschichte und strukturellen Merkmale.
3. Kontingenz und Kausalität: Untersuchung der unterschiedlichen Verknüpfung von Ereignissen, wobei der Schelmenroman durch Zufall und der Bildungsroman durch Kausalität geprägt ist.
4. Die Auseinandersetzung zwischen Individuum und Wirklichkeit: Analyse des zentralen Konflikts zwischen dem inneren Streben der Helden und den Anforderungen der äußeren Welt.
5. Psychologische Zugänge: Erörterung der psychologischen Tiefe der Protagonisten und der Frage, ob eine tatsächliche Charakterentwicklung stattfindet.
6. Die Allegorie der kontextgebundenen Wahrnehmung der Wirklichkeit: Diskussion über die unterschiedlichen Erkenntnismodelle bei Goethe und Eichendorff.
7. Unmündigkeit und Passivität beim Taugenichts: Analyse der Abhängigkeit des Taugenichts von äußeren Zufällen und väterlichen Anweisungen.
8. Vollendete Humanität: Untersuchung der Endpunkte der individuellen Entwicklung Wilhelms und der Erreichung seines Ideals.
9. Die Einstellung zur Liebe: Vergleich der unterschiedlichen Wege, auf denen beide Protagonisten durch die Liebe zu Erlösung oder Selbsterkenntnis gelangen.
10. Vom Schein zum Sein: Betrachtung der Wandlungsprozesse bei Wilhelm Meister im Vergleich zum statischen Wesen des Taugenichts.
11. Erziehendes Werk vs. Marchen: Gegenüberstellung der märchenhaften Erzählweise bei Eichendorff und der pädagogischen Struktur bei Goethe.
12. Die schöne alte Zeit: Natur und Kindheit: Untersuchung der Rolle der Natur als Raum der Geborgenheit oder als Ort der Sehnsucht.
13. Unmittelbarkeit und Leichtigkeit des Erlebens: Analyse der unterschiedlichen Lebensgefühle und der Fähigkeit zur Reflexion der Helden.
14. Schönheit vs. Zweckmäßigkeit: Kontrastierung des zweckfreien poetischen Lebens mit dem nützlichkeitsorientierten Philisterdasein.
15. Die bürgerliche Lebensweise: Analyse der kritischen Distanz beider Helden zum Besitzbürgertum und zur modernen Gesellschaft.
16. Handlungen und Ausdruck: Untersuchung der hermeneutischen Aspekte von literarischem Verstehen bezüglich Handlung und Gefühlsausdruck.
17. Dialektisches Streben: Erörterung der dialektischen Struktur des Werks und der Bedeutung von Gegenbildern für die Charakterisierung des Taugenichts.
18. Die Fremde: Analyse des Motivs der Reise und der Suche nach Heimat als zentrales Element in beiden Werken.
Schlüsselwörter
Bildungsroman, Schelmenroman, Eichendorff, Goethe, Wilhelm Meister, Taugenichts, Kausalität, Kontingenz, Identitätsbildung, Philistertum, Poetisierung, Naturverbundenheit, Persönlichkeitsentwicklung, Individuum, Romantik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht vergleichend die strukturellen und inhaltlichen Unterschiede zwischen dem klassischen Bildungsroman und dem Schelmenroman anhand der Werke von Goethe und Eichendorff.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die Kategorien der Kausalität, das Verhältnis zwischen Individuum und Wirklichkeit sowie die unterschiedlichen Konzepte von Reife und Selbstwerdung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es, die Gegensätze zwischen der zielgerichteten Entwicklung Wilhelms und der ziellosen, durch Zufall geprägten Wanderung des Taugenichts aufzuzeigen und literaturwissenschaftlich einzuordnen.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Analyse verwendet?
Die Autorin wendet eine vergleichende literaturwissenschaftliche Analyse an, die auf Gattungstheorien und hermeneutischen Interpretationsansätzen basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit schwerpunktmäßig behandelt?
Der Hauptteil analysiert Kapitel für Kapitel spezifische Aspekte wie Naturerfahrung, die Rolle der Liebe, das Verhältnis zum Philistertum und die Dialektik des Lebensstils beider Protagonisten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Bildungsroman, Schelmenroman, Kausalität, Identität, Philistertum und Poetisierung beschreiben.
Warum wird der Taugenichts als "arme Null" bezeichnet?
Der Begriff thematisiert die Bewusstheit des Helden über seine gesellschaftliche Nutzlosigkeit und seine Unfähigkeit, sich in die bürgerliche Ordnung einzugliedern.
Worin besteht der wesentliche Unterschied zwischen dem Ende bei Goethe und Eichendorff?
Während Goethes Ende eine Versöhnung des Individuums mit der gesellschaftlichen Realität darstellt, bleibt Eichendorffs Ende märchenhaft offen und bewahrt den Charakter der ständigen Wanderung.
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- M.A. Monica Pintucci (Author), 2000, Schelmenroman und Bildungsroman. Auf der Suche nach einem Haltepunkt, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/458240