Mit der hier vorliegenden Arbeit sollte der Versuch unternommen sein, sich dem sozial-kulturellen Charakter der Begegnungsorte „Gastwirtschaft“, „Arbeiterkneipe“ und jenen anderen Formen von Lokalen welche man in Luxemburg vorfinden konnte, historisch anzunähern. Hierzu werden verschiedene Aspekte selektiert und genauer analysiert. Neben der Geschichte und Entwicklung der „Loi de Cabaret“ wird unter anderem versucht die politische Rolle der Gastwirtschaft im Zusammenhang mit dem Aufkommen der ersten Gewerkschaftsbewegungen in Luxemburg und des Klassenkampfes des Proletariats Ende des 19. Jahrhunderts zu untersuchen, sowie eine im möglichen Rahmen getätigte Einschätzung der sozialen Rolle einer Gastwirtschaft in der Bevölkerung des Großherzogtums Luxemburg aufzustellen.
Der Titel einer Forschungsarbeit ist ein Versprechen und ein Vorbehalt zugleich. Sicherlich verspricht er ein bestimmtes Thema zu behandeln, aber auch eben nur dieses Thema. Der Titel „Aspekte der historischen Entwicklung und sozial-geschichtlichen Rolle der Gaststätten im Großherzogtum Luxemburg (1854-1933)“ wurde hier durchaus mit Bedacht gewählt. Der Leser wird darauf verwiesen, dass es sich vorwiegend um soziale und historische Forschungsgebiete zum Thema Gaststätten handeln wird, welche überwiegend auf das Großherzogtum bezogen bleiben werden. In der Beschränkung, dass man lediglich versucht „Aspekte“ des Gaststättenwesens näher zu beleuchten, liegt der oben erwähnte Vorbehalt. Hier muss erwähnt bleiben, dass die gesamte Wirtschafts-, Sozial-, und Kulturgeschichte des Gaststättenwesens in Luxemburg den hier angestrebten Rahmen beträchtlich gesprengt hätte. Darum wurde sich zudem ein zeitlicher Rahmen gesetzt, in diesem versucht wurde eine Aufeinanderfolge einzelner Entwicklungsstadien dieses Gewerbezweigs zu berücksichtigen.
In Folge der verschiedenen Aspekte, welche hier versucht wurden zu beleuchten, führte dies in Konsequenz auch zu einer mehrteiligen Fragestellung, welche wie folgt formuliert ist: Welcher Zusammenhang lässt sich zwischen der sich ständig adaptierenden luxemburgischen „Loi de cabaret“ und den wirtschaftlichen Entwicklungen des Gastwirtschaftswesens in Luxemburg erkennen? Welche Stellung nimmt die luxemburgische Gaststätte im Gesamtbild des öffentlichen Lebens im gesetzten Zeitraum ein und wie wirkt sich der geistige und kulturelle Habitus einer bestimmten Epoche auf das entsprechende Niveau ihrer öffentlich und gewerbsmäßig ausgeübten Gastlichkeit aus?
Inhaltsverzeichnis
II. EINLEITUNG
1) „UND ÜBERALL WAREN SIE, GLAUBT MAN DEN SCHILDERUNGEN VON PLATON UND DICKENS, ABGRÜNDE DER VERDERBNIS.“
III. FORSCHUNGSSTAND UND QUELLENLAGE
II) 1. NATIONALER FORSCHUNGSSTAND
II) 2. INTERREGIONALER UND INTERNATIONALER FORSCHUNGSSTAND
II) 3. QUELLENLAGE
IV. FRAGESTELLUNG
V. GESCHICHTE UND ENTWICKLUNG DER „LOI DE CABARET“
1) ERSTE JURISTISCHE MASSNAHMEN UND GROSSHERZOGLICHE GESETZE.
2) HOHE ANZAHL AN WIRTSCHAFTEN UND ALKOHOLPROBLEM IN DER ÖFFENTLICHKEIT – STRENGERE GESETZE DURCH ÖFFENTLICHEN DRUCK?
3) ZWISCHENPERIODE DER ANPASSUNGEN UND ERGÄNZUNGEN – NEUE „LOI DE CABARET“, OHNE DAS ERHOFFTE ZIEL.
4) ENTWICKLUNG DER INDUSTRIE UND ERNEUTE ZUNAHME DER SCHANKWIRTSCHAFTEN – WEITERE VERSCHÄRFUNGEN DER „LOI DE CABARET“.
5) ZWISCHENKRIEGSZEIT – LETZTE VERSCHÄRFUNGEN UND EINSETZENDE ABNAHME DER LOKALE.
6) EXKURS: VERBAND DER WIRTE DES GROSSHERZOGTUMS LUXEMBURG
VI. INDUSTRIALISIERUNG, ARBEITSGESETZ UND DIE ARBEITERKNEIPE – DIE ROLLE DES WIRTSHAUSES BEI ARBEITER UND ARBEITGEBER.
VI. 1) INDUSTRIALISIERUNG UND WIRTSHAUS – EINLEITUNG – „WOHNEN IM WIRTSHAUS“.
VI. 2) DAS WIRTSHAUS ALS ZUFLUCHTORT?
VI. 3) DAS WIRTSHAUS UND DER ARBEITGEBER – VERDIENTE FREIZEIT ODER SCHWINDENDE ARBEITSMORAL? – DER „BLAUE MONTAG“.
VI. 4) ARBEITER UND ALKOHOL
VI. 5) EXKURS: DAS SCHNAPSKASINO
VII. FEIERABENDBIER MIT DEM GEWISSEN ETWAS – DAS PHÄNOMEN „ANIMIERKNEIPE“ IN LUXEMBURG.
VII. 1) VERSUCH EINER DEFINITION UND SOZIALER HINTERGRUND
VII. 2) BORDELL ODER KNEIPE MIT ANREIZ?
VII. 3) ANIMIERKNEIPEN IN LUXEMBURG
VII. 4) ENDE DER ANIMIERKNEIPEN DURCH NEUE GESETZE.
VII. 5) EXKURS: DAS CAFÉ-CHANTANT
VIII. FEIERABENDBIER UND KLASSENKAMPF – DIE KNEIPE ALS URSPRUNG POLITISCHER UND GEWERKSCHAFTLICHER ORGANISATION.
VIII. 1) KNEIPE UND POLITIK – URSPRUNG UND ENTWICKLUNG.
VIII. 2) SITUATION IN LUXEMBURG – WIRTSHAUS FÜR DIE ERSEHNTE ENTSPANNUNG ODER ORT DER POLITISIERUNG?
VIII. 3) EINFLUSS DER WIRTE – DER WIRT ALS HOBBYPOLITIKER?
IX. GASTWIRTSCHAFT - „LIEU DE MÉMOIRE“?
IX. 1) WAS DEFINIERT EINEN LIEU DE MÉMOIRE / ERINNERUNGSORT?
IX. 2) ZUM „ERINNERUNGSORT“ DURCH POLITISCH-HISTORISCHE EREIGNISSE
IX. 3) ASPEKTE EINER EVENTUELLEN ENTWICKLUNG EINES SCHANKLOKALS ZU EINEM „ERINNERUNGSORT“
IX. 4) KNEIPE ALS ERINNERUNGSORT?
X. SCHLUSSFOLGERUNG
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Masterarbeit untersucht die historische Entwicklung und die sozio-kulturelle Rolle der Gaststätten im Großherzogtum Luxemburg zwischen 1854 und 1933. Dabei steht insbesondere die Analyse der verschiedenen Schanklokal-Typen, wie der Arbeiterkneipe und der Animierkneipe, sowie deren politischer Bedeutung und der Interaktion zwischen Wirten, Arbeitern und Behörden im Mittelpunkt.
- Historisch-juristische Entwicklung des Wirtshauswesens und der „Loi de cabaret“.
- Die Gastwirtschaft als soziales und politisches Zentrum des Proletariats.
- Wirtschaftliche Bedeutung und staatliche Reglementierung der Gastronomie.
- Das Phänomen der Animierkneipen und ihre gesellschaftliche Wahrnehmung.
- Wechselwirkung zwischen Industrialisierung und Kneipenkultur.
Auszug aus dem Buch
1) „Und überall waren sie, glaubt man den Schilderungen von Platon und Dickens, Abgründe der Verderbnis.“
Glaubt man dem Volksmund, so stellt die Schenke bis zum 19. Jahrhundert einen Ort dar, wo man sich vorwiegend dem „Saufen“, der „Völlerei“ und der „Betrügerei“ hingab. Auch wenn solche Aussagen heute nicht mehr zu belegen sind oder von der Geschichtsforschung als nicht tragbar bewiesen werden können, so wissen wir heute jedoch von den verschiedenen Formen der Gastwirtschaft. Schanklokal war und ist nicht gleich Schanklokal. Auch das „Café“, in dem ausgangs in der Tat nur das schwarze heiße Getränk serviert wurde, entstand im 17. Jahrhundert. Verschiedene Quellen geben Venedig als Ausgangspunkt der Entwicklung der Cafés an, und dies mit dem Jahre 1647. Dies wird in neueren Forschungen jedoch bereits wieder bezweifelt. Paris lernte diese Einrichtungen ab 1669 kennen. 1716 zählt die französische Hauptstadt etwa dreihundert „Kaffeehäuser“.
Alle europäischen Großstädte erlebten während zwei Jahrhunderten das Café als eine Institution im literarischen und künstlerischen Leben. Wandel vollzog sich nur in der Ausstattung. Wo auch immer gelegen, das Café war der öffentliche Ort, der sich am besten für Zusammenkünfte eignete. Das Café entsprach nicht allein dem Bedürfnis nach geselligem Beisammensein, sondern mehr noch dem Bestreben, einer Gemeinschaft anzugehören. In London entwickelten sich die Cafés im Laufe des 18. Jahrhundert recht erfolgreich zu einem Ort für den Umlauf und den Vertrieb des Buches. Wichtige Buchhändler, sowie Herausgeber der damaligen Zeit gaben sich ein Stelldichein in bekannten Londoner Schanklokalen. Stets waren die Kaffeehäuser und Schankwirtschaften auch Informationsquelle für nationale und internationale Neuigkeiten durch die Zeitungen, welche hier bei Bedarf und nach Konsumation bereitlagen. So warb ein luxemburgisches Etablissement wie folgt: „Außer sämtlichen inländischen Zeitungen liegen über 30 der hervorragendsten Tageblätter und illustrierten Zeitschriften des Auslandes aus“.
Zusammenfassung der Kapitel
II. Einleitung: Beschreibt die antiken Ursprünge der Gastfreundschaft und die Entwicklung gastgewerblicher Aktivitäten bis ins Mittelalter.
III. Forschungsstand und Quellenlage: Analysiert den Forschungsstand zur luxemburgischen Kneipenkultur und identifiziert die wichtigsten Archivbestände als Grundlage der Arbeit.
IV. Fragestellung: Definiert das Untersuchungsziel, den sozial-kulturellen Charakter der Begegnungsorte im Großherzogtum zu erforschen.
V. Geschichte und Entwicklung der „Loi de cabaret“: Untersucht die gesetzlichen Regulierungen des Wirtshauswesens von 1854 bis in die Zwischenkriegszeit.
VI. Industrialisierung, Arbeitsgesetz und die Arbeiterkneipe – Die Rolle des Wirtshauses bei Arbeiter und Arbeitgeber: Beleuchtet die Funktion der Kneipe als soziales Zentrum und Zufluchtsort im Kontext der industriellen Revolution.
VII. Feierabendbier mit dem gewissen Etwas – Das Phänomen „Animierkneipe“ in Luxemburg: Analysiert die Entwicklung und gesellschaftliche Problematisierung der Animierkneipen.
VIII. Feierabendbier und Klassenkampf – Die Kneipe als Ursprung politischer und gewerkschaftlicher Organisation: Diskutiert die Rolle der Gastwirtschaft als Keimzelle für politische Bewegungen und Gewerkschaften.
IX. Gastwirtschaft - „lieu de mémoire“?: Reflektiert über die Möglichkeit der Gastwirtschaft als historischer Erinnerungsort.
X. Schlussfolgerung: Fasst die Ergebnisse zusammen und relativiert die unterschätzte soziale und politische Bedeutung der luxemburgischen Gaststätten.
Schlüsselwörter
Gastwirtschaft, Arbeiterkneipe, Animierkneipe, Loi de cabaret, Industriegeschichte, Luxemburg, Soziale Rolle, Klassenkampf, Gewerkschaften, Prostitution, Alkoholkonsum, Wirtshauspolizei, Erinnerungsort, Sozialgeschichte, 1854-1933.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der historischen Entwicklung und der sozial-geschichtlichen Rolle von Gaststätten, Kneipen und ähnlichen Lokalen im Großherzogtum Luxemburg zwischen 1854 und 1933.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Untersuchung umfasst die gesetzlichen Regulierungen (Loi de cabaret), die industrielle Entwicklung, die soziale Bedeutung für die Arbeiterschaft sowie die politische Instrumentalisierung und Überwachung dieser Orte.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, den soziokulturellen Charakter von Begegnungsorten wie Arbeiterkneipen zu erforschen und zu klären, welche politische Rolle diese im Kontext der frühen Arbeiterbewegungen einnahmen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine historische Arbeit, die primär auf der Auswertung von Archivdokumenten (Justizministerium, Polizeiberichte, Abgeordnetenkammer) sowie einschlägiger Sekundärliteratur basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Entstehung der Wirtshauspolizei, die Lebenswelt der Arbeiter in den industriellen Ballungszentren, das Phänomen der Animierkneipen und die Kneipe als Versammlungsraum für politische Gruppierungen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Gastwirtschaft, Arbeiterkneipe, Loi de cabaret, Industrialisierung, soziale Rolle, Klassenkampf, Prostitution und politische Organisation.
Welche Bedeutung hatte das Gesetz „Loi de cabaret“?
Es war ein Sammelbegriff für die gesetzlichen Maßnahmen des Staates zur strengen Reglementierung und Kontrolle der Gastronomie und des öffentlichen Nachtlebens im Großherzogtum.
Warum waren die Behörden gegenüber Wirten oft misstrauisch?
Die Behörden sahen in den Kneipen „Brutstätten“ für Unruhen, Streiks, unkontrollierten Alkoholkonsum und illegale Prostitution, weshalb eine ständige polizeiliche Überwachung gefordert wurde.
- Quote paper
- Joé Haas (Author), 2018, Aspekte der historischen Entwicklung und sozial-geschichtlichen Rolle der Gaststätten im Großherzogtum Luxemburg (1854 bis 1933), Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/459958