Das braune Mädchen - ein Wildfang. Versöhnlichkeit von Natur und Gesellschaft in Kazensilber


Akademische Arbeit, 2018

34 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Entwicklung „des braunen Mädchens“ vom Wildfang zum Fräulein
2.1. Äußeres Erscheinungsbild
2.2. Soziale Interaktion

3. Verbindung „des braunen Mädchens“ zu Sigismund als „Braunköpfchen“

4. Meteorologie in Kazensilber mit Fokus auf Wolkenlehre

5. Schlussbetrachtung

1.Einleitung

Adalbert Stifter (1805-1868), österreichischer Schriftsteller, Maler und Pädagoge gilt als einer der bedeutendsten Autoren der Restaurationsepoche Biedermeier (1815-1848). In der Dichtung des Biedermeier ist die Natur nicht mehr Projektionsfläche sehnsüchtigen Welt- und Ichschmerzes, sondern Gut und Schöpfung. Die Natur wird in ihren einzelnen Elementen in christlicher und pantheistischer Sichtweise intensiv betrachtet. Es wird auf den christlichen Gott als Schöpfer hingewiesen, jedoch ohne dass die Religiosität sich verschließt, vielmehr werden die zaghaften empirischen Interessen gefördert. Die Kritik an der wahrgenommenen Entfremdung schafft aber auch einen Elitarismus, der sich gegen Leichtigkeit und Zügellosigkeit abgrenzt. Stifter formuliert diesen als „Sanftes Gesetz“ in seiner Vorrede zu Bunte Steine:

[...] So wie es in der äußeren Natur ist, so ist es auch in der inneren, in der des menschlichen Geschlechtes. Ein ganzes Leben voll Gerechtigkeit, Einfachheit, Bezwingung seiner selbst, Verstandesgemäßheit, Wirksamkeit in seinem Kreise, Bewunderung des Schönen verbunden mit einem heiteren gelassenen Sterben halte ich für groß: mächtige Bewegungen des Gemütes, furchtbar einherrollenden Zorn, die Begier nach Rache, den entzündeten Geist, der nach Tätigkeit strebt, umreißt, ändert, zerstört und in der Erregung oft das eigene Leben hinwirft, halte ich nicht für größer, sondern für kleiner, da diese Dinge so gut nur Hervorbringungen einzelner und einseitiger Kräfte sind, wie Stürme Feuer speiende Berge Erdbeben. Wir wollen das sanfte Gesetz zu erblicken suchen, wodurch das menschliche Geschlecht geleitet wird. [...] Es ist [...] das Gesetz der Gerechtigkeit, das Gesetz der Sitte, das Gesetz, das will, daß jeder geachtet, geehrt ungefährdet neben dem Andern bestehe, daß er seine höhere menschliche Laufbahn gehen könne, sich Liebe und Bewunderung seiner Mitmenschen erwerbe, daß er als Kleinod gehütet werde, wie jeder Mensch ein Kleinod für alle andern Menschen ist. Dieses Gesetz liegt überall, wo Menschen neben Menschen wohnen […].i

Diese Ausführung wird vorliegend in Bezug zu Kazensilber gesetzt.

Die Erzählung Kazensilber, 1853, an zweiter Stelle in den zweiten Band von Bunte Steine eingerückt, unterscheidet sich bezüglich der Entstehungsgeschichte von allen anderen in Buchform gesammelt gedruckten Texten Stifters dadurch, dass dieser Text zuvor nicht in einer Zeitschrift publiziert wurde. Da kaum Aussagen Stifters zu der Entstehung vorhanden sind, ist eine zeitliche Einordnung schwierig. In der Forschung wird nach Michael Gamper davon ausgegangen, dass ursächliche Anregungen für den Schreibprozess zu Kazensilber das schwere Hagelunwetter in der Untersteiermark vom 01.07.1846 und der Brand des Gstöttnerhofes in Urfahr im Frühsommer 1847 gegeben haben. In Kazensilber selbst sind die beiden Naturkatastrophen

Hagelschauer und Hofbrand die spektakulären Handlungshöhepunkte und stellen das „braune Mädchen“ als zentrale Figur in Aktion dar. Der Beginn des Schreibprozesses wird somit in der zeitgenössischen Forschung auf das letzte Drittel der 1840er Jahre angesetzt. Stifter selbst notiert als Abschlussdatum den 13.09.1852. Inspirationsquellen für die Figur des „braunen Mädchens“ sind Mignon aus Goethes Wilhelm Meister Lehrjahre und E.T.A. Hoffmanns Erzählung Das fremde Kind. ii

In der Seiten- und Bogenrechnung für die Bunten Steinhart Stifter den 13. September 1852 als Abschlußdatum für Kazensilber notiert. Am gleichen Tag drückt Stifter Heckenast sein Bedauern aus, daß er ein tags zuvor gehörtes Märchen voll Herrlichkeit nicht mehr in die Erzählung aufnehmen konnte: Wäre es nur 14 Tage früher geschehen, so hätte ich es aufgenommen (PRA 18, S. 124). Kazensilber ist also in der zweiten Augusthälfte 1852 im Manuskript abgeschlossen worden. Stifter hat jedoch in dieser Erzählung noch eine Fülle von Änderungen in den Korrekturbögen vorgenommen; vgl. im einzelnen den Apparat und den dort zu 245, 19-29 zitierten Brief Stifters an den Korrektor der Wigandschen Druckerei (S. 85).iii

Kazensilber, das titelgebende Gestein (lat. argentum cartinum), ist eine Art silberfarger Glimmer (lat. silber argentum).iv Der Name ist somit eine volkstümliche Bezeichnung für Glimmerminerale, insbesondere für den silbrig glänzenden Muskovit. Muskovit ist ein vorwiegend weißes bis graues Mineral, das intensiv metallisch silbrig schimmert (lat. argentum). Der trügerische Name Kazensilber verweist damit auf die scheinbare Ähnlichkeit von einigen Glimmermineralen mit Silber. In Österreich konnte Muskovit bisher vor allem auch in der Steiermark gefunden werden.

Eine große Rolle in Kazensilber spielen Märchen und Sagen. Die Großmutter besitzt ein volkstümliches Wissen und bedient sich abergläubisch biblischer Elemente. Im Text selber prüfen die Kinder die Worte der Großmutter auf Wahrheitsgehalt bei einer Waschaktion am Bach:

[…] In unseren Wässern, [...] glänzet der Sand [...] und wenn man ihn mit Wasser vorsichtig abschwemmt, so bleiben kleine Blättchen und Körner zurück, die eitel und wirkliches Gold sind. […] Wenn sie aber mit einem Schäufelchen Sand heraus holten, und gut wuschen, und schwemmten, so waren die Blättchen Kazensilber […].v

Die Funde sind ernüchternd und der Beweis empirisch. Aus naturwissenschaftlicher Perspektive sind die Dinge nicht das, was sie scheinen.

In Stifters Text Kazensilber ist somit ein wesentliches Merkmal die Bezugnahme zu den Naturgesetzen, der Natur im Ganzen. Die Natur wird situativ dem Fortschritt des Menschen gegenübergestellt. Der Text Kazensilber ist narrativ gänzlich von diesem Thema bestimmt. Natur und Fortschritt tragen einen Kampf aus, in dem nur ein Sieger hervorgehen kann: Das „braune Mädchen“ in Kazensilber, beziehungstechnisch stark naturverbunden, soll in die Zivilisation eingegliedert werden. Somit entsteht der Konflikt Natur versus Gesellschaft.

In der vorliegenden wissenschaftlichen Arbeit wird dieser Konflikt zu dem Forschungsthema: Das braune Mädchen – ein Wildfang. Versöhnlichkeit von Natur und Gesellschaft in Kazensilber, untersucht. Die Forschungsfrage, die sich hierbei stellt, ist, ob die Gewalt der Natur in menschlicher Erscheinungsform in eine Zivilisation eingebunden werden kann.

Kazensilber handelt von einer Familie mit drei Kindern, welche die Sommermonate in der Natur mit der Großmutter und die Wintermonate in der Stadt mit den Eltern verbringen. Bei sommerlichen Ausflügen erzählt die Großmutter die Kinder sagenartige Geschichten und sie treffen auf das „braune Mädchen“. Das Mädchen beschützt bei zwei Naturkatastrophen die zivilisierte Familie und soll in diese integriert werden.

2.Entwicklung „des braunes Mädchens“ vom Wildfang zum Fräulein

In einem Brief an Luise von Eichendorff, vom 31.03.1853, schrieb Stifter, dass er Kazensilber » für das beste und zarteste Stück der Sammlung« halte und das Mädchen mit dem »liebevollsten Schleier« behandelt habe. Nach Gamper spricht Stifter damit als Autor selbst

[…] den Rätselcharakter des Textes an, der im Bereich der Figurenzeichnung und Motivik vieles im Unklaren belässt, ostentativ auf diese Momente des Nicht-Wissens hinweist und auf der Handlungsebene Versuche zur Beseitigung dieser Unsicherheiten schildert, ohne diese aber aufzulösen.vi

Schauplatz der Erzählung ist ein »stattlicher Hof« in »einem abgelegenen aber sehr schönen Teile unseres Vaterlandes«. Um den Hof herum, das Zentrum der Zivilisation, sind Gärten und Obstplantagen angelegt: Kultur, die von der Zivilisation erschaffen wurde. Das Kulturland geht in die gebirgige Wildnis über, »bis die grösseren düsteren weitgedehnten Wälder kommen, die den Beginn der Böhmischen Länder bezeichnen.«vii

Die Figur in Aktion, das „braune Mädchen“, tritt erstmalig auf, nachdem Kazensilber ebenfalls erstmalig namentlich erwähnt wird: »[...] so waren die Blättchen Kazensilber, […]«. Im Zusammenhang mit »Blättchen« wird der titelgebende Gestein »Kazensilber« genannt. Im Zusammenhang mit »Gebüsch« wird die zentrale Figur »braunes Mädchen« genannt:

[…] kam aus dem Gebüsche ein fremdes braunes Kind heraus. Es war ein Mädchen, es war fast so groß und noch schlanker als Blondköpfchen, hatte nackte Arme, die es an der Seite herab hängen ließ, hatte einen nackten Hals, und hatte ein grünes Wams und grüne Höschen an, an welchem viele rote Bänder waren. In dem Angesichte hatte es schwarze Augen.viii

Ein »Wams« ist eine Jacke und das Frühstadium der heutigen Weste. Besonders bei bestimmten Trachten ist es ein den Oberkörper bedeckendes, meist hochgeschlossenes, eng anliegendes, bis zur Taille reichendes Kleidungsstück für Männer. Ursprünglich die Unterjacke der fränkischen Panzerreiter, die zur Polsterung unter der Rüstung getragen wurde, fand das Wams im 13. und 14.Jahrhundert Aufnahme in die zivile Kleidung. Bis 1500 wurde aber immer ein Überrock darüber getragen. Um 1500 verselbständigte sich das Wams als Kleidungsstück im Zuge der Spanischen Mode. Zum Wams trug der aristokratische Mann die Melonenhose, die nur oberschenkellang die Beine kugelförmig umschloss. Bis zur Erfindung der anfangs langärmeligen Weste im 17.Jahrhundert wurde das Wams als Oberbekleidungsstück der Männer benutzt. Im Barock wurde es dann von der Weste abgelöst.ix

2.1. Äußeres Erscheinungsbild

Eingangs beschreibt der Erzähler das Aussehen des Mädchens, welches charakterisiert durch die nackten Arme, das Wams und die Höschen dem Bild eines Knaben damaliger Zeit gleicht. Das Mädchen hat auch »wunderbare weiße Zähne.«x

Die roten Bänder des Mädchens werden in Bezug zur Natur gesetzt: »[…] und die roten Bänder des braunen Mädchens schimmerten, wenn die Sonne an einer Stelle traf, und sie hingen herab wie glühende Streifen.«xi

Stifter bedient sich metaphorischer Sprachelemente, indem er das Mädchen mit einem Tier vergleicht: »Indessen war das Mädchen schon wie ein Hirsch auf die höchste Höhe gekommen, war noch einen Augenblick in den Klippen sichtbar, und war dann verschwunden.«xii Wie ein Hirsch sein Geweih nutzt, um Futter zu erlangen, so ähnelt auch das Nahrungsverhalten des Mädchen an eben dieses: »Das braune Mädchen hatte einen langen Stab, an dem ein gut gerichteter Haken war. [Es] schwang sich empor, und zog mit seinem Stabe die höchsten Äste herab […].«xiii

Der Erzähler weist explizit auf die zeitliche Veränderung nach einem Winter des Mädchens hin:

[…] sondern auch das braune Mädchen hatte sich verändert. […] so waren dem braunen Mädchen seine grüne Höschen zu kurz geworden; es war größer und schlanker geworden, und ließ seine nackten Arme dicht an seinem Körper hinab hängen. Die vielen schwarzen Haare, die ihm immer abgeschoren waren, trug es jetzt nicht mehr so, sondern es hatte auch Locken bis auf den Nacken hinab, wie sie die Kinder bisher gehabt hatten.xiv

Nach einem langen Winter, verdeutlicht der Erzähler abermals die äußerliche Veränderung des Mädchens: »Das braune Mädchen war wieder größer geworden, und die schönen schwarzen Haare gingen in noch größerer Fülle, und noch dichter auf den Nacken hinab.«xv

Mit der äußerlichen Veränderung geht nun auch - nach der Aufnahme in das Haus - die innerliche einher: »Endlich brachte man es auch dahin, daß es weibliche Kleider trug. […] Da es weibliche Kleider trug, war es scheuer, und machte kürzere Schritte.«xvi

Das Mädchen gleicht dem Ebenbild der Mutter und der übrigen Mädchen:

Nach und nach wuchsen die Kinder heran, daß sie so groß wie die Eltern waren. Es waren nun drei Schwarzköpfchen. Da die Mutter ihre dunklen Haare noch immer schön und glänzend bewahrt hatte, war sie das eine, Clementia war das zweite und das braune Mädchen das dritte.xvii

Die Kinder werden beschrieben als Kombination, als Aggregate aus den Merkmalen ihrer Eltern. Diese Kombination wird auch beim Vergleich von Mutter und Vater versus Sigismund, dem einzigen „Braunköpfchen“ in der Familie, im nächsten Kapitel ersichtlich.

Die Herkunft der zentralen Figur des Textes ist ungewiss und lässt sich intradiegetisch auch durch mehrmalige Untersuchungen des Vaters nicht klären. Die Frage der Großmutter »Wer bist du denn?« wird auch im Folgenden nicht aufgelöst und nie beantwortet.xviii In der Erzählung bleibt das „braune Mädchen“ namenlos und wird nur zusätzlich mit das „fremde Mädchen“, das „fremde Kind“ tituliert. Das Ding wird somit nicht dechiffriert. Die Gegenwart im Hier und Jetzt zeichnen die Protagonistin aus. Lebensraum und Herkunftssphäre des Mädchens scheinen die Wälder zu sein, aber auch dort ist es – wie sich bei späteren Nachforschungen herausstellt – niemandem persönlich bekannt.

Der Pfarrer wußte nichts. Es war kein Ding dieser Art in die Pfarr- oder Schulbücher eingetragen, und war auch nie unter den Pfarrkindern zu sehen gewesen. Der Vater ging nun zu dem Jäger, der oft durch Felder Wälder und Fluren strich, und alle Dinge derselben kennen mußte. Allein auch dieser wußte nichts. […] Sein Nachbar aus den jenseitigen Gegenden wisse auch nichts.xix […] Der Vater […] fragte Nachbarn und Bekannte, sie wußten gar nichts von ihm. Er beschloß nun die Landleute die armen Häusler die Holzhauer die Pechbrenner die Waldhüttler zu fragen. […] Sie wußten nichts. Er ging an dem Steingehege aufwärts, und fragte bei den Hütten der Steinbrecher. Das Kind wird wohl von weiter oben sein, war die Antwort. Er ging weiter hinauf und fragte. Das Mädchen könne zu den Haideleuten gehören, sagten sie. Er fragte an der Haide, sie antworteten, das Mädchen komme etwa von den Moorhütten herab. Er fragte an den Mooren. Sie wußten dort nichts. Er kam nun zu den hohen Wäldern. Die Holzhauer und Pechbrenner sagten, es gäbe allerlei Leute. Und wenn er das Mädchen beschrieb, so sagten sie insgesamt, sie hätten es schon gesehen, und wenn sie das Mädchen beschrieben, so beschrieb es der eine so, der andere anders, ein jener auf seine Weise.xx

Natur versus Zivilisation - ein Kontrast in Kazensilber. Das „braune Mädchen“ bildet konträr eine namenlose, ursprungslose Gegenfigur zu einer von Besitz und Kultivierung geprägten Welt.

2.2. Soziale Interaktion

Stifter lenkt die erzählerische Aufmerksamkeit auf die Rituale der Annäherung zwischen den Kindern des Hofes und dem „braunen Mädchen“. Die konträren Elemente Natur und Mädchen versus Gesellschaft und Kinder verbinden sich Schritt für Schritt.

Das Mädchen antwortet nicht, sondern ergreift wildtierartig die Flucht: » […] es sprang in die Gebüsche und lief davon […].«xxi Das Verhalten des „braunen Mädchens“ erinnert an das eines Wildtieres, scheu und neugierig. Als das Mädchen bei der zweiten Begegnung mit den Kindern und der Großmutter erneut angesprochen wird, »lief es nicht davon […], zog sich aber gegen das Gebüsch zurück, daß die Blätter seine nackten Arme deckten […]«. Bei der dritten Begegnung mit eben diesen »wich es nur ein wenig zurück, lächelte, […] antwortete aber nicht.«xxii Das Kind, »blieb an dem Rande der Gebüsche stehen, und sah zu. Es lächelte recht freundlich, wenn man zu ihm sprach, antwortete aber nicht. Wenn man fortging, ging es hinterher bis an das Ende der Gebüsche.«xxiii Der erste körperliche Kontakt kommt zustande, als »[…] die Kinder etwas langsamer gingen, näherte es sich ihnen immer mehr, und berührte endlich Blondköpfchen mit der Rute.«xxiv Auch wenn das Mädchen nicht spricht, so »verstand [es] die Worte, weil es in dem Angesichte die Empfindungen ausdrückte«.xxv Zu Anfang kann es sich nur mit Zeichensprache verständlich für die Kinder und die Großmutter ausdrücken um vor dem aufkommenden Hagelgewitter zu warnen:

[So] ging es zu ihnen hin, und sagte etwas, das sie nicht verstanden. Darauf machte es ein Zeichen, weil es die Sache nicht mit Worten sagen konnte: es hielt die linke Hand flach auf, hob die rechte hoch, machte eine Faust, und ließ dieselbe auf die geöffnete Hand niederfallen. […] dann zeigte es auf die Wolken.xxvi

Nach dem Gewitter erweitert das Mädchen sein Gebiet: »Sie kamen an den Rand des hohen Nußberges, und das braune Mädchen ging dieses Mal mit ihnen auf den grauen Rasen hinaus.«xxvii Nach Überquerung des Baches und als der Vater die geretteten Kinder in die Arme schließt, »stand [es] in der Ferne, wie es sonst an dem Rande der Haselbüsche zu stehen gewohnt war, aufrecht und steif«.xxviii Später »sah man das braune Mädchen in einiger Entfernung im Garten stehen.« Nachdem es von dem Vater aufgefordert wird, näher zukommen »zog [es] sich bei diesen Worten langsam von den Kindern zurück, und da es ein Stückchen entfernt war, fing es zu laufen an […].«xxix Hier wird verdeutlicht, wie scheu das Mädchen gegenüber Fremden ist, gleich dem Verhalten eines Wildtieres. »Als es das nächste Mal auf die Kinder traf, redete [es] Worte und die Kinder verstanden sie.«xxx Die sprachliche Verständigung ist nun geglückt, obgleich der Leser nicht erfährt, um welche Sprache es sich handelt. Im weiteren Verlauf wird die Vertiefung der Freundschaft durch den gegenseitigen Austausch von Geschenken verdeutlicht:

[Das] fremde Mädchen kam immer, und sie spielten und kos'ten. Sie brachten dem braunen Mädchen schöne Sachen. Das braune Mädchen brachte ihnen auch bunte Steine, es brachte ihnen verspätete Brombeeren, es trug in seinem Wamse Haselnüsse herbei, die es im Sommer gesammelt hatte, oder brachte ihnen die gefleckte Feder eines Geiers oder die schwarze eines Raben.

Auch wird die körperliche Vertrautheit deutlich: »[M]an hielt sich bei den Händen, und scherzte. Bei den Glashäusern liebkos'ten sie sich […].«xxxi Das Mädchen läuft nicht mehr weg, sondern »[a]ls sie [die Kinder] über die graue Haide gingen, lief ihnen das braune Mädchen von weitem entgegen«.xxxii Im Folgenden wird die Annäherung an die Zivilisation verdeutlicht:

Das braune Mädchen sah die Kinder an, und tat einen Schritt vorwärts. […] Es ging von den Glashäusern gegen die Bäume vorwärts, es ging auf dem Kieswege durch das Grün des Gartens, es ging über den Sandplatz vor dem Hause, es ging über die Treppe empor, und stand auf dem Teppich des Besucherzimmers.xxxiii

Die lokalen Präpositionen »von«, »gegen«, »auf«, »durch«, »über« stehen im Bezug zu den Orten »Glashäusern«, »Bäume«, »Kieswege«, »Sandplatz«. Die hier beschriebene räumliche Annäherung von der Natur weg heran an die Zivilisation gleicht einer grenzüberschreitenden Wanderung über Stock und Stein. Der Stock dieser Redensart ist der Wurzelstock des gerodeten Baumes, der als Hindernis für Pferd und Wagen den Weg versperrt. Gemeindegrenzen wurden mit Stöcken und Landesgrenzen mit Steinen gekennzeichnet.

Im Haus, dem Ort der Zivilisation angekommen, wird es vom Erzähler als »das fremde Mädchen« im »Besucherzimmer« bezeichnet. Beim Anblick des Inventars »öffnete [es] seine großen Augen«, als ob es derartige Gebrauchsgegenstände wie Spiegel, Uhr, Schrein, Tisch und Stuhl noch nie zuvor gesehen habe. Die Kinder bringen auch Silberlöffel herbei, doch »das fremde Kind trank die Milch aus der Schale, nahm ein Stückchen Brot in die Hand, biß davon ab, und verzehrte es so.«xxxiv Das Speisen ohne Besteck gleicht den Manieren eines Kleinkindes und so bezeichnet der Erzähler das „braune Mädchen“ erstmalig als »das braune Kind«, als es auch mit dem Kinderspielzeug nichts anzufangen weiß. Als die Mutter das Mädchen anspricht, weicht es wie gewohnt zurück »und ließ die Arme an dem Körper herab hängen.«xxxv Den Kindern hingegen gibt es Liebkosungen zurück und antwortet ihnen auch.

Das „braune Mädchen“ betrachtet die Arbeiten für das Schutzhäuschen am Nußberge.xxxvi Die Kinder brachten das Mädchen in dieses Schutzhäuschen und bereiten es so spielerisch auf die Zivilisation vor. »[W]enn das braune Mädchen kam, mußte es mit in das Häuschen gehen, auf einem Stühlchen sitzen, und mit ihnen tafeln.« Durch dieses Lernverhalten führen die Kinder es integrativ an ihr Zuhause heran.

Wenn das braune Mädchen kam, ging man früher als gewöhnlich nach Hause, weil das Mädchen mit ging, weil es mit den Kindern in ihre Stube ging, und dort bei ihnen war, und aß und sprach, und gegen Abend wieder fort zog.xxxvii

Allmählich gewöhnte sich das Mädchen auch an die Mutter, die sich zu den Kindern gesellte. Es redete mit ihr, gewöhnte sich an das Haus, spielte mit den Kindern in der Stube und im Garten und wurde von der Mutter mit einem Kleid eingekleidet, welches diesmal die nackten Arme verdeckte. Das Kleid, »welches wie das frühere war, nur das es viel schöner war, und das es Ärmel hatte, die bis zu dem Ellbogen herab gingen.«xxxviii

Die Annäherung geht soweit, dass das Mädchen jetzt auch zuweilen alleine zu dem Hause kam. Morgens »[…] stand es naß in dem betauten Grase des Gartens, und wartete.« Es fängt durch die Kinder zu lernen und zu lesen an: »Wenn die Kinder lernen mußten, stand es dabei, und sah zu. Plötzlich konnte es einmal die Buchstaben sagen, und konnte dann lesen.«xxxix Es bleibt zwar nicht über Nacht, aber die Beziehung zur Großmutter vertieft sich: »Wenn die Großmutter mit den Kindern fort ging, hing es sich so gut an die Schürze derselben wie die anderen Kinder, und ging mit.«[xl] Natur und Zivilisation werden hier in Verbindung mit der Vertiefung zu weiteren zwischenmenschlichen Beziehungen gesetzt:

[...]


i Zit. n. Vorrede in Adalbert Stifter: Bunte Steine. Erzählungen, Helmut Bachmeier (Hg.), Stuttgart, Reclam 1994, S. 8-14, hier S. 10 f. Vgl. Adalbert Stifter: Kazensilber. In: HKG 2.2, Vorrede S. 9-16, hier S. 12 f.

ii Vgl. Gamper, Michael: Kazensilber, Werke. In: Christian Begemann/ Davide Giuriato (Hg.): Stifter Handbuch. Leben − Werk − Wirkung. Deutschland 2017, S. 91-94, hier S. 91.

iii Zit. n. Adalbert Stifter: Kazensilber (Kommentar). In: HKG 2.4, S. 171-188, hier S. 171.

iv Vgl. Schroeter, Johann Samuel: Lithologisches Real- und Verballexikon, 1. Band, 1772, Nr.91.

v Zit. n. Kazensilber in: Adalbert Stifter: Bunte Steine. Erzählungen, Helmut Bachmeier (Hg.), Stuttgart, Reclam 1994, S. 230-300, hier S. 243 f. Vgl. Adalbert Stifter: Kazensilber. In: HKG 2.2, S. 241-316; hier S. 256 f.

vi Vgl. u. zit. n. Gamper, Michael: Wetterrrätsel. Zu Adalbert Stifters Kazensilber. In: Michael Bies/ Michael Gamper (Hg.): Literatur und Nicht-Wissen. Historische Konstellationen 1730-1930. Zürich 2012, S. 325-338, hier S. 325.

vii Zit. n. Kazensilber in: Adalbert Stifter: Bunte Steine. Erzählungen, Helmut Bachmeier (Hg.), Stuttgart, Reclam 1994, S. 230-300, hier S. 230 f. Vgl. Adalbert Stifter: Kazensilber. In: HKG 2.2, S. 241-316; hier S. 243 f.

viii Zit. n. ebd., S. 244. Vgl. ebd., S. 258.

ix Vgl. Köhler, Karl: A history of costume. Edited and augmented by Emma von Sichart. Courier Dover Publications, New York NY 1963, S. 179.Seidenspinner, Wolfgang: Mythos Gegengesellschaft. Erkundungen in der Subkultur der Jauner (Internationale Hochschulschriften. Bd. 279). Waxmann Verlag, Münster u. a. 1998, (Zugleich: Bayreuth, Univ., Habil.-Schr., 1996).

x Zit. n. Kazensilber in: Adalbert Stifter: Bunte Steine. Erzählungen, Helmut Bachmeier (Hg.), Stuttgart, Reclam 1994, S. 230-300, hier S. 245. Vgl. Adalbert Stifter: Kazensilber. In: HKG 2.2, S. 241-316; hier S. 259.

xi Zit. n. ebd., S. 246 f. Vgl. ebd., S. 260.

xii Zit. n. ebd., S. 260. Vgl. ebd., S. 274.

xiii Zit. n. ebd., S 279. Vgl. ebd., S. 293.

xiv Zit. n. ebd., S. 271. Vgl. ebd., S. 285.

xv Zit. n. ebd., S. 280. Vgl. ebd., S. 295.

xvi Zit. n. ebd., S. 297. Vgl. ebd., S. 312.

xvii Zit. n. ebd., S. 297 f. Vgl. ebd., S. 312.

xviii Zit. n. ebd., S. 245. Vgl. ebd., S. 258.

xix Zit. n. ebd., S. 265 f. Vgl. ebd., S. 279 f.

xx Zit. n. ebd., S. 277 f. Vgl. ebd., S. 292.

xxi Zit. n. ebd., S. 245. Vgl. ebd., S. 258.

xxii Zit. n. ebd., S. 245. Vgl. ebd., S. 258 f.

xxiii Zit. n. ebd., S. 246. Vgl. ebd., S. 259.

xxiv Zit. n. ebd., S. 246. Vgl. ebd., S. 259.

xxv Zit. n. ebd., S. 246. Vgl. ebd., S. 259.

xxvi Zit. n. ebd., S. 250. Vgl. ebd., S. 263.

xxvii Zit. n. ebd., S. 253. Vgl. ebd., S. 267.

xxviii Zit. n. ebd., S. 255. Vgl. ebd., S. 269.

xxix Zit. n. ebd., S. 259. Vgl. ebd., S. 273.

xxx Zit. n. ebd., S. 268. Vgl. ebd., S. 282.

xxxi Zit. n. ebd., S. 269. Vgl. ebd., S. 283.

xxxii Zit. n. ebd., S. 271. Vgl. ebd., S. 285.

xxxiii Zit. n. ebd., S. 273. Vgl. ebd., S. 287.

xxxiv Zit. n. ebd., S. 273. Vgl. ebd., S. 287.

xxxv Zit. n. ebd., S. 273 f. Vgl. ebd., S. 287 f.

xxxvi Vgl. ebd., S. 275. Vgl. ebd., S. 289.

xxxvii Zit. n. ebd., S. 276 f. Vgl. ebd., S. 290 f.

xxxviii Zit. n. ebd., S. 277. Vgl. ebd., S. 291.

xxxix Zit. n. ebd., S. 278. Vgl. ebd., S. 292.

xl Zit. n. ebd., S. 278. Vgl. ebd., S. 292.

Ende der Leseprobe aus 34 Seiten

Details

Titel
Das braune Mädchen - ein Wildfang. Versöhnlichkeit von Natur und Gesellschaft in Kazensilber
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Autor
Jahr
2018
Seiten
34
Katalognummer
V460638
ISBN (eBook)
9783668909182
ISBN (Buch)
9783668909199
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Adalbert Stifter, Natur, Zivilisation, Gesellschaft, Meteorologie, Bunte Steine, Kazensilber, Mädchen, Jugend, Erziehung, Naturgewalt, Heldentat, Muskovit, Wolken, Raum, Zeit, System
Arbeit zitieren
Nadine Mallmann (Autor), 2018, Das braune Mädchen - ein Wildfang. Versöhnlichkeit von Natur und Gesellschaft in Kazensilber, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/460638

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