Im Rahmen dieser Arbeit soll anhand eines Interviews mit einem Rapper durch soziologische sowie medienanalytische Zugänge untersucht werden, in welchem Verhältnis die scheinbar authentische Privatperson hinter einem Rapper als auch seine Rap-Persona im Kontext der Inszenierungen von Authentizität zueinanderstehen.
Jeder Mensch hat in alltäglichen Lebenssituationen bestimmte Rollen(-bilder), welche er vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Normen, Werte und damit verbundenen Erwartungen erfüllen soll. Hierzu zählt etwa die mit Autorität oder Verantwortung verknüpfte Rolle des Abteilungsleiters innerhalb einer Firma, der Lehrerin an einer Schule oder der Mutter oder des Vaters.
Die Grenzen zwischen Wahrheit und Lüge, realer und fiktiver Person, sowie zwischen bewusst oder unbewusst gespielter oder zu erfüllender Rolle und damit auch verbundene Authentizität oder Inauthentizität sind für den Konsumenten vor allem im Kontext der Massenmedien im Moment der Medienwahrnehmung nicht leicht zu ziehen und lassen sich erst in einer retrospektiven, differenzierenden Auseinandersetzung erkennen.
So kommt gerade im Bereich Musik der Authentizität eine immer wieder nicht zu verachtende Rolle zu und regt in unterschiedlichsten Musik-Genres kritische Diskurse an: Die fehlende Authentizität in der Performance oder Produktion eines Songs ist ein bekanntes Beispiel. So werden Künstler in der DJ-Szene gerade in Zeiten der Digitalisierung anhand von Videoaufnahmen des Fake-DJings überführt und ernten besonders in sozialen Medien auf Seiten der Konsumenten viel Kritik. Ähnlich kritisch wird die Benutzung von Auto-Tune und die damit in Verbindung stehende künstliche Verfremdung der Stimme betrachtet, da die Tonhöhe im Gesang aufgrund dieser digitalen Technik ihr expressives Potential verliert und die Stimme keine natürlich gegebene Authentizität mehr ausstrahlen kann.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Anstoß zum eigenen Forschungsansatz - Die Realness-Debatte innerhalb der deutschen Rap-Szene 2016
3. Was bedeutet Realness im Rap?
3.1 Meinung von Deutsch-Rappern
3.2. Meinung der Wissenschaft
3.3. Die Verbundenheit von Inszenierung und Authentizität im Rap
3.4. Die Exklusion des Wissenschaftlers (Zwischenfazit)
4. Die Performance-Instanzen nach Auslander
4.1. Die Rap-Persona
4.2 Kritik am System der Rap-Persona
5. Das Celebrity-Interview
5.1 Die Problemstellen des Celebrity-Interviews
5.2 Kritische Reflektion und Konsequenzen für die Untersuchung eines Interviews mit einem Rapper
6. Finale Zielsetzung dieser Staatsarbeit
7. Soziologische Analyse des Interviews
7.1 Begründung für die Auswahl des Interviews
7.2 Das Gütekriterium Intersubjektivität
7.3 Methodisches Design
7.3.1. Das Experteninterview als methodische Rahmung
7.3.2. Problemstelle: Der Experte als Privatperson
7.4 Transkription
7.5 Die Globalauswertung als Auswertungsmethode
7.5.1. Vorbereitung der Globalauswertung
7.5.2. Arbeitsschritte
7.5.3. Ergebnisdarstellung der Interviewauswertung
8. Medienanalyse des Interviews als YouTube-Video
8.1 Webformat-Analyse nach Schuegraf und Janssen
8.2 Methodische Vorgehensweise
8.2.1. Deskriptive Ebene: Beschreibung des Hiphop.de Magazins
8.2.2. Interpretative Ebene: Videoanalyse
8.2.3. Auswertung der videographischen Analyse
9. Abschließendes Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Ziel dieser Arbeit ist die Untersuchung des Verhältnisses zwischen der scheinbar authentischen Privatperson eines Rappers und seiner Rap-Persona im Kontext der Inszenierung von Authentizität. Dabei wird analysiert, wie diese beiden Instanzen in einem Interview zueinanderstehen, ob sie konsistent sind oder Brüche aufweisen und inwiefern mediale Inszenierungsprozesse das Bild der Privatperson beeinflussen.
- Die Realness-Debatte innerhalb der deutschen Rap-Szene als theoretischer Ausgangspunkt.
- Die Bedeutung von Authentizität, "Realness" und Inszenierungsstrategien im Hip-Hop.
- Das Modell der Performance-Instanzen nach Philip Auslander zur Trennung von realer Person, Performance Persona und Charakter.
- Soziologische Analyse eines Experteninterviews mittels Globalauswertung.
- Medienanalytische Untersuchung des Video-Interviews als Webformat.
Auszug aus dem Buch
3.3. Die Verbundenheit von Inszenierung und Authentizität im Rap
Friedrich und Klein (2015, S. 98) sprechen sich gegen die Behauptung aus, dass Authentizität im Hip-Hop substantiell gegeben ist und ausschließlich im Zentrum, in den US-amerikanisch geprägten Ursprüngen des Hip-Hop liegt. Zunächst behaupten beide, dass Authentizität aus ihrer Sicht vielmehr ein soziales Konstruktionsprinzip darstellt, dass in den vielen unterschiedlichen kulturellen Kontexten ausgehandelt wird. Zum anderen liegen zwar die Ursprünge des Hip Hop in den von Afroamerikanern bewohnten Stadtteilen New Yorks, haben doch primär mediale Bilderwelten einen wesentlichen Anteil daran gehabt, dass Hip Hop in Amerika als urbane, schwarze Kulturpraxis tradiert und global verbreitet wurde.
Die Grundaussage der beiden Autoren lässt sich wie folgt zusammenfassen: „Das was als echter und authentischer Hip-Hop gilt, ist folglich schon Produkt von Bildinszenierungen“ (Friedrich und Klein 2015, 98). Hiermit plädieren Klein und Friedrich also für eine Verbundenheit zwischen Authentizität und Inszenierung. In ihrem Buch mit der Frage Is this real? Die Kultur des HipHop erläutern sie diese Verbundenheit in ausführlicher Form. Daraus folgt, dass nicht mehr die soziale Erfahrung einer ethnischen Minderheit Authentizität garantiert, „[…] sondern das scheinbar qua Natur gegebene Lebensgefühl“ (Friedrich und Klein 2003, S. 82 f), welches in inszenierter Weise dargestellt wird. In der Inszenierung wird auf Ursprünge, wie zum Beispiel das von Afroamerikanern geprägte Ghetto New Yorks verwiesen. Dieses wandelt sich letztlich zu einem theatralen Mittel, „[…], dass in den Texten und Bildern als inszenatorischer Verweis auf Tradition dient“ (Ebd., S. 82).
Für die Inszenierungen von Authentizität können sich die Rap-Partizipierenden stetig erweiternden Sets, bestehend aus typischen Symbolen, wie Sprache und Normen oder Artefakte wie Kleidung bedienen (vgl. Seeliger 2013, S. 27). Mit diesen Symbolen ist eine Inszenierung von Authentizität möglich, indem zum Beispiel entweder auf die Ursprünge des Hip-Hop oder auf Symboliken des jeweiligen Rap-Genres verwiesen wird.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in das Phänomen der Inszenierung von Authentizität im Kontext von Massenmedien ein und stellt die Forschungsfrage nach dem Verhältnis von realer Person und Rap-Persona.
2. Der Anstoß zum eigenen Forschungsansatz - Die Realness-Debatte innerhalb der deutschen Rap-Szene 2016: In diesem Kapitel wird die "Realness"-Debatte des Jahres 2016 als Anlass für die vorliegende Arbeit und die Untersuchung des Begriffs der "Realness" im deutschen Rap geschildert.
3. Was bedeutet Realness im Rap?: Hier wird die Definition von "Realness" durch Rapper und die Wissenschaft sowie die Verknüpfung von Inszenierung und Authentizität erörtert.
4. Die Performance-Instanzen nach Auslander: Dieses Kapitel stellt das Performance-Instanzenmodell von Philip Auslander vor, um die Unterteilung eines Musikers in reale Person, Performance-Persona und Charakter theoretisch zu begründen.
5. Das Celebrity-Interview: Hier erfolgt eine quellenkritische Auseinandersetzung mit der Methode des Celebrity-Interviews und den damit verbundenen Problemstellungen für die Untersuchung von Authentizität.
6. Finale Zielsetzung dieser Staatsarbeit: Dieses Kapitel präzisiert die Forschungsfrage zur Untersuchung des Verhältnisses von scheinbar authentischer Privatperson und Rap-Persona.
7. Soziologische Analyse des Interviews: Dieses Kapitel beschreibt das methodische Design des Experteninterviews, die Transkriptionskriterien und die Globalauswertung als Auswertungsmethode.
8. Medienanalyse des Interviews als YouTube-Video: Hier wird die mediale Inszenierung des Video-Interviews unter Zuhilfenahme der Webformat-Analyse auf narrationstheoretischer und gestalterischer Ebene untersucht.
9. Abschließendes Fazit und Ausblick: Das Fazit fasst die Ergebnisse der Arbeit zusammen und diskutiert die Grenzen der Einzelfalluntersuchung sowie mögliche Ansätze für zukünftige Forschung.
Schlüsselwörter
Authentizität, Realness, Rap-Persona, Celebrity-Interview, Inszenierung, Performance-Instanzen, Soziologische Analyse, Globalauswertung, Medienanalyse, Kollegah, Deutschrap, Identität, Selbstinszenierung, YouTube-Interview.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit primär?
Die Arbeit untersucht das Verhältnis zwischen der als authentisch wahrgenommenen Privatperson eines Rappers und seiner Rap-Persona im Kontext der Inszenierung von Authentizität.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Themen sind Authentizität (Realness) im Rap, Theorien zur Performance-Persona nach Auslander, die Besonderheiten des Celebrity-Interviews sowie die methodische Analyse von Interviews und Video-Content.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, durch soziologische und medienanalytische Zugänge zu untersuchen, in welchem Spannungsverhältnis die scheinbar authentische Privatperson und die Rap-Persona in einer Interviewsituation stehen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt das Experteninterview als methodische Rahmung und wendet die Globalauswertung nach Legewie an. Zudem erfolgt eine medienwissenschaftliche Webformat-Analyse des untersuchten YouTube-Videos.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in theoretische Grundlagen zu Performance-Instanzen und Interviews sowie in die praktische soziologische und medienanalytische Auswertung eines Video-Interviews mit dem Rapper Kollegah.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe sind Authentizität, Realness, Rap-Persona, Inszenierung, Performance, Experteninterview, Globalauswertung und mediale Konstruktion.
Wie geht die Arbeit mit dem Begriff der Privatperson um?
Die Arbeit verwendet den Begriff "scheinbar authentische Privatperson", da sie kritisch hinterfragt, ob eine vollkommene Trennung von der medienwirksamen Rap-Persona in einer Interviewsituation überhaupt möglich ist.
Welche Rolle spielt die Videoanalyse für das Forschungsergebnis?
Die Videoanalyse ist entscheidend, um die inszenatorische Manipulationsmacht von Medien zu beleuchten, etwa durch Schnitte, Kameraeinstellungen und die gezielte Steuerung der Zuschauerwahrnehmung im Intro des Videos.
- Citar trabajo
- Daniel Behner (Autor), 2018, Inszenierungen von Authentizität im deutschen Rap. Medienanalytische und soziologische Zugänge zur musikbezogenen Untersuchung einer Interviewveröffentlichung, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/461265