Die aktuelle Forschung stellt verschiedene Thesen auf, wie und warum Akustisches und Optisches in Hartmanns von Aue "Erec" eingesetzt wird. Im Folgenden sollen diese im Umfang der schriftlichen Hausarbeit anhand von ausgewählten Szenen – die nicht chronologisch, sondern gemäß ihrem Inhalt kategorisch eingeteilt wurden – exemplarisch dargestellt und gegebenenfalls kontrastiv zu Chrétiens de Troyes "Erec et Enide" aufgezeigt werden. Dabei nimmt neben dem Verhältnis von schande und êre vor allem die Entwicklung der Ehegemeinschaft des Minnepaares eine prominente Stellung in dieser Arbeit ein. In Bezug auf Letzteres lassen sich außerdem interessante Aspekte zur Wandlung Enites ableiten, die eine neue Perspektive auf die in der Forschung bisher vor allem als passiv und demütig aufgefasste Figur bei Hartmann ermöglichen. In einem knappen Fazit sollen die Ergebnisse kurz zusammengefasst und reflektiert werden.
Gegen Ende des 12. Jahrhunderts führt Hartmann von Aue die Gattung des höfischen Romans im deutschen Sprachraum ein und eröffnet mit der matière de Bretagne einen neuen, vorher unbekannten Sagenstoff. Die Texte finden im Rahmen der Artuslegende statt und stellen die Formen von sozialer Interaktion innerhalb der aristokratischen Oberschicht dar. Teilweise abweichend von den altfranzösischen Vorlagen Chrétiens de Troyes, setzt Hartmann von Aue dabei das Medium des schriftlichen Erzählens gezielt dazu ein, um Defizite sowie (Fehl)entwicklungen innerhalb der höfischen Gesellschaft zu reflektieren.
Speziell in seinem ersten Roman "Erec" schafft er bewusst eine Erzählerrolle, die zwischen der Aktion des Vortragenden und der Rezeption durch die Hörergemeinschaft vermittelt. Bewusst setzt er hierbei Motive der sinnlichen Wahrnehmung ein – einerseits um die Imagination für die Zuhörer zu erleichtern und andrerseits um auf Handlungsebene die Bedeutung zu lenken.
Inhaltsverzeichnis
1 Audiovisuelle Konzeption in Hartmanns von Aue Erec
2 Sehen und Hören analysiert anhand von ausgewählten Szenen
2.1 Schande und êre im Kontext der Öffentlichkeit
2.2 Die Entwicklung der Minne- und Ehegemeinschaft von Erec und Enite im Spannungsfeld zwischen Hören und Sehen
2.2.1 Überblick
2.2.2 Ausgangssituation
2.2.3 Wendepunkt
2.2.4 Bewährungsproben
2.2.5 Überwinden der Krise
2.3 Kommunikative Entwicklung von Enite
3 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die audiovisuelle Gestaltung in Hartmanns von Aue Artusroman Erec. Dabei wird analysiert, wie die Verschiebung von optischen hin zu akustischen Wahrnehmungsmustern maßgeblich zur Entwicklung einer idealen Minne- und Ehegemeinschaft zwischen den Protagonisten beiträgt und inwiefern dies ein neues Licht auf Enites Identitätsprozess wirft.
- Audiovisuelle Konzeption und Erzähltechnik
- Verhältnis von schande und êre
- Entwicklung der Minne- und Ehegemeinschaft
- Kommunikative Wandlung der Figur Enite
- Kontrastive Analyse zur französischen Vorlage von Chrétien de Troyes
Auszug aus dem Buch
2.1 Schande und êre im Kontext der Öffentlichkeit
Im Kontext des höfischen Romans können schande und êre als ein bestimmtes Verhältnis zwischen Sehen und Gesehenwerden aufgefasst werden. Dies kann exemplarisch an der Anfangsszene aufgezeigt werde:
er gelebete im nie leidern tac
dan umbe den geiselslac
und enschamte sich nie sô sêre
wan daz diese unêre
diu künegîn mit ir vrouwen sach.
alsô klagete er sîn leit,
schamvar wart er under ougen:
> vrouwe, ich enmac des niht verlougen,
wan ir ez selbe habet gesehen,
mir ensî vor iu geschehen
eine schande alsô grôz
daz ir nie dehein mîn genôz
eines hâres mê gewan.
daz mich ein sus wênic man
sô lasterlîchen hât geslagen
und ich im daz muoste vertragen,
des schame ich mich sô sêre
daz ich iuch nimmer mêre
vürbaz getar schouwen
und diese juncfrouwen. < (V.104-125)
Auffallend ist in dieser Szene, dass nicht der physische Schmerz, sondern die Tatsache, dass Erec von der Königin beobachtet wurde, im Vordergrund steht. Er erfährt schande in der Öffentlichkeit und wird zusätzlich durch die Striemen des Peitschenhiebes mit einem sichtbaren Stigma gekennzeichnet.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Audiovisuelle Konzeption in Hartmanns von Aue Erec: Einleitung in die Thematik der audiovisuellen Gestaltung im Artusroman und Darstellung der zentralen Forschungsfrage zur Rolle der sinnlichen Wahrnehmung.
2 Sehen und Hören analysiert anhand von ausgewählten Szenen: Detaillierte Untersuchung spezifischer Szenen, die den Übergang von rein optischer zu akustischer Interaktion innerhalb der Paarbeziehung aufzeigen.
2.1 Schande und êre im Kontext der Öffentlichkeit: Analyse der Anfangsszene, in der soziales Ansehen untrennbar mit dem Gesehenwerden durch die Hofgemeinschaft verknüpft ist.
2.2 Die Entwicklung der Minne- und Ehegemeinschaft von Erec und Enite im Spannungsfeld zwischen Hören und Sehen: Übersicht über die narrative Struktur und die Entwicklung der Beziehung in drei Phasen.
2.2.1 Überblick: Vorstellung des methodischen Ansatzes zur Szeneneinteilung in die Phasen Ausgangssituation, Bewährungsproben und Überwinden der Krise.
2.2.2 Ausgangssituation: Erläuterung der anfänglichen Abhängigkeit von Erecs Erfolg durch Enites optische Präsenz.
2.2.3 Wendepunkt: Darstellung der Krise in Karnant, bedingt durch Erecs Vernachlässigung der Herrschaftspflichten infolge eines rein optisch geprägten Beziehungsfokus.
2.2.4 Bewährungsproben: Analyse des räumlichen und kommunikativen Abstands des Paares, der Enite zur aktiven Kommunikation zwingt.
2.2.5 Überwinden der Krise: Beschreibung der finalen Stabilisierung der Ehe durch die Wiederherstellung von Kommunikation und vreude in der Joie-de-la-curt-Episode.
2.3 Kommunikative Entwicklung von Enite: Untersuchung der Wandlung Enites von einer passiven, optisch präsenten Figur hin zu einer Akteurin, deren Stimme zentral für die Rettung Erecs wird.
3 Fazit: Zusammenfassende Reflexion der Ergebnisse, die Hartmanns subtile Änderung der Vorlage zugunsten einer audiovisuellen Choreographie hervorhebt.
Schlüsselwörter
Hartmann von Aue, Erec, Artusroman, audiovisuelle Konzeption, Minne, Ehegemeinschaft, Wahrnehmung, schande, êre, Enite, Kommunikation, Literaturwissenschaft, Mittelalter, Erzähltechnik, Figurenentwicklung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die audiovisuelle Gestaltung des Erec-Romans von Hartmann von Aue und deren Bedeutung für die Entwicklung der Paarbeziehung der Protagonisten.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Im Zentrum stehen die Konzepte der sozialen Wahrnehmung (Sehen und Hören), die Entwicklung der Ehe von einer optisch dominierten zu einer kommunikativen Gemeinschaft sowie die Wandlung Enites.
Welches primäre Ziel verfolgt die Untersuchung?
Das Ziel ist aufzuzeigen, wie Hartmann durch eine subtile auditive Aufwertung der Handlung die Konzeption des höfischen Romans modifiziert und eine ideale Ehe darstellt.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es wird eine exemplarische, textnahe Analyse ausgewählter Schlüsselszenen durchgeführt, die teilweise kontrastiv zur französischen Vorlage von Chrétien de Troyes steht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die drei Phasen der Beziehung: die Ausgangssituation, die Bewährungsproben im Exil und die Überwindung der Krise im zweiten Handlungszyklus.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Zu den Kernbegriffen zählen audiovisuelle Choreographie, Minne- und Ehegemeinschaft, Identitätsentwicklung sowie die soziokulturellen Kategorien schande und êre.
Warum spielt das "Schweigegebot" eine wichtige Rolle für Enite?
Es dient als Prüfungssituation, die Enite dazu zwingt, ihre Rolle als bloßes "optisches Objekt" zu verlassen und ihre Stimme aktiv zur Rettung ihres Mannes einzusetzen.
Welche Bedeutung hat der "akustische Ausbruch" von Enite im Kontext der Rettung?
Der Schrei Enites fungiert als entscheidendes akustisches Signal, das Erec aus seiner Ohnmacht erweckt und ihm Orientierung in einer Situation verschafft, in der sein Sehvermögen versagt.
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- Christine Meinzinger (Autor), 2017, Hören und Sehen in Hartmanns von Aue "Erec", Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/461737