Mystische Elemente des Neuplatonismus im Annolied


Hausarbeit, 2017

15 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Das Annolied
1) Entstehungsgeschichte und Überlieferung
2) Form und Aufbau
3) Elemente der Mystik im Annolied

III. Neuplatonismus
1) Grundzüge des Neuplatonismus
2) Pseudo-Dionysius Areopagita & Johannes Scottus Eriugena

IV. Einflüsse des Neuplatonismus auf das Annolied
1) Engeldarstellungen von Anno
2) Der Mensch als dritte Welt
3) Der neue Adam - homo novus

V. Zusammenfassung

I. Einleitung

Diese Ausarbeitung wird sich mit den Einflüssen des Neuplatonismus auf das Annolied (im Folgenden AL) befassen und prüfen, ob und inwiefern es durch (theologisch-) phi- losophische Werke geprägt wurde.

Zu Beginn werden die Entstehungs- und Überlieferungsgeschichte des Annoliedes in einem kurzen Abriss aufgezeigt werden. Daran schließen sich Erläuterungen zur Form und Aufbau an. Im Anschluss stellt der Nachweis von mystischen Elementen im AL die Abhandlung in den Kontext des Seminares „Mystik“ bei PD Dr. Irene Erfen-Schmitt.

Die wichtigsten Gedankengänge des Neuplatonismus werden den Grundstein für die Analyse hinsichtlich der neuplatonischen Einflüsse auf das AL legen. Hierzu befasst sich Kapitel 3 zusätzlich mit den Personen des Pseudo-Dionysius Areopagita und Jo- hannes Scottus Eriugena, die wesentliche Konzepte aus dieser philosophischen Strö- mung für das Christentum übernahmen und weiterentwickelten.

Den Kern der Untersuchung verkörpert schließlich die Analyse einiger Aspekte des Annoliedes, die im Hinblick auf ihre Einflüsse durch neuplatonisches Denken, betrach- tet werden. Es wird dabei vor allem auf die Darstellungen Bischof Annos als Engel, das Menschenkonzept als „dritter Welt“ und darüber hinaus auf die Erlösungstat Christi und den damit verbundenen homo novus eingegangen. Für die Analyse wird dabei das Werk von Irene Erfen-Schmitt Peregrination und kostbare Graecitas - Zur Vermittlung theologischer und religiöser Traditionen im „Annolied“ einen Rahmen geben.

II. Das Annolied

1. Entstehungsgeschichte und Überlieferung

Das Annolied wurde erstmalig 1639 durch Martin Opitz zum Druck herausgegeben1, welche als vollständigste überlieferte Version gilt. Eine Ur-Handschrift blieb allerdings bis heute verschollen2. Gegenstand der Forschung war also fortan die „mindestens fünfhundert Jahre nach dem Lied entstandene Abschrift“3 von Martin Opitz.

Trotz der für die Forschung schwierigen Ausgangslage konnte der Entstehungszeit- raum des AL relativ genau eingegrenzt werden und gilt heute mit der Frühdatierung zwischen 1077 und 1081 als kaum umstritten.4

Den Entstehungsraum des Annoliedes kann man aufgrund seiner inhaltlichen Bezüge relativ leicht in das Rhein-Maas-Gebiet verlegen. Da das AL eingebettet in einen „Annokult“ war, der nach dessen Tod überwiegend im Umkreis seiner Grabstätte, des zu Lebzeiten gegründeten Klosters Siegburg, praktiziert wurde, galt es als wahrschein- lich, dass zum Zweck der Heiligsprechung Annos ein Siegburger Mönch die Dichtung verfasst hatte.

Aus diesem Grund kam Willmans zu der Erkenntnis, dass man Entstehungs- und Re- zeptionsraum zu trennen habe.5 So kann man die Stadt Köln als adressiertes Wir- kungsfeld, die Kölner als Primärpublikum betrachten. Dieses sollte durch das AL zur Beschwichtigung und Aufwertung des Andenken Annos ermutigt werden. Dieser führte zu Lebzeiten ein hartes Regiment, weshalb er sich keiner großen Beliebtheit erfreute.6

Das Rhein-Maas-Gebiet spielt aber auch aus anderen Gründen für die Entstehung der Dichtung eine entscheidende Rolle. Irene Erfen-Schmitt zeigt in ihrer Abhandlung „Spi- rituelle Peregrinatio und kostbare Graecitas“, dass durch die Zuwanderung iro- schottischer Gelehrter im Zuge der lotharingischen Klosterreformen eine neue spirituel- le Reife, sowie Ansätze griechischen Philosophentums - vor allem neuplatonischer Bildung und Literatur7 - in die monastischen Gemeinschaften im rheinmaasländischen Raum Einzug gehalten haben.8 Auch das Siegburger Kloster hat durch Bischof Anno II. solche Einflüsse iro-schottischer Peregrination erfahren.9

Die „griechische Dignität“, die im Annolied durch den Hinweis, dass dessen theolo- gisch-kosmologisches Programm von den Griechen stamme („sô wir daz die Crîchen hôrin redin“), aufgezeigt wird, beruht laut Erfen vor allem auf der „schulgelehrten Ex- klusivität“ der iro-schottischen Peregrini, die griechisches Gedankengut in verschiede- nen Erscheinungsformen im Rhein-Maas-Gebiet verbreitet und zu einer schulgelehrten Tradition erhoben haben.10

2. Form und Aufbau

In Abhandlung zur Gattungsfrage nannte Doris Knab das AL einen „litterarische[n] Zwitter“11. Sie arbeitete heraus, dass zur Entstehungszeit des Werkes die Verbindungen verschiedener Gattungen im Maasgebiet12 verbreitet waren und dass der Dichter damit „ein Verschmelzen althergebrachter historischer Gattungen [...] beobachten und in diesen Werken Vorbilder genug für seine Technik der welt- und heilsgeschichtlichen Verknüpfung finden“13 konnte. Damit ist keine exakte Zuordnung des Annoliedes zu einer speziellen Gattung möglich, zumindest im programmatischen Sinne sei es jedoch am ehesten „als eine Exempeldichtung zu verstehen.“14

Der gut durchdachte Aufbau des AL wurde lange Zeit verkannt. Während Willmanns noch davon sprach, dass „der Zweck klein und elend die Ausführung [sei]“15, bezeich- nete Ittenbach das selbige nach einer eingehenden Strukturanalyse unter anderem als »durchkomponiert«, »gegliedert vom ganzen bis ins Einzelne«, und gestaltet in »Ord- nung, Maß und Gefüge«16. Spätestens nach diesen Erkenntnissen 1938 wurden die Zweifel an der „künstlerisch-kompositorischen Einheit“17 des Annoliedes verworfen. Die gesamte Fassung beinhaltet 49 Strophen, die im Hinblick auf deren zahlensymbo- lischen Wert eher als 7 x 7 Strophen gedacht werden sollten (7 als Zahl der Vollendung [Schöpfungstage/Weltalter]). In diesen 49 Abschnitten ereignen sich die drei Hand- lungsstränge (Trinitätszahl 3) Heilsgeschichte, Weltgeschichte und Annovita.18

Während die Heils- und Weltgeschichte den Weg für das Lob auf die Stadt und ihren Heiligen ebnen, markieren Abschnitt 7 und 33 (Christi Erdenjahre) nicht nur das Ende des jeweiligen Komplexes, sondern werden auch dadurch wieder aufgegriffen, dass in der 33. Strophe Anno als 33. Bischof und als 7. Heiliger Kölns ausgewiesen wird. Her- weg sieht in diesen beiden Passagen eine „Klammer- oder Scharnierfunktion für alle Stränge und Teile des Gedichts.“19 Er schreibt ihnen zu, dass sich „in ihrem Doppel- fluchtpunkt Anno und Köln [...] die bunte Vielfalt aller Stoffe und Handlungszüge“20 der vorangegangenen Welt- und Heilsgeschichte überschneiden und damit vereinen.

Im Vitenteil Annos vollzieht sich anschließend in steigender Klimax der asketische Weg des Bischofs, bevor er kurz nach seiner Vision stirbt. Dieser Lebensweg ist nicht nur zahlensymbolisch durch die 4 x 4 Bestrophung [Zahl weltlich-kosmischer Ordnung: Elemente, Winde, Reiche] als Zentrum ausgewiesen, sondern ist das nachahmungs- würdige Exempel für ein tugendhaftes Leben. Zum Beweis dieser gotteswürdigen Lebensführung wird Annos Heiligkeit durch die Erzählung vom Grabwunder bestätigt.21

3. Elemente der Mystik im Annolied

Bei der Mystik handelt es sich um eine Methode zur Abkehr des Bewusstseins zum Übersinnlichen. Vorrangig geht es darum, „die in das Endliche gebannte Seele [...] aus den Schranken der Endlichkeit zu befreien, um sich mit dem Unendlichen zu vereini- gen.“22 Da die Seele in jedem Menschen individuell ist, geht es immer „um das persön- liche Verhältnis des Einzelnen zu Gott oder zum Göttlichen.“23 Hier setzt das Annolied ein. Denn der AL-Dichter wendet sich direkt zu Beginn mit dem Anliegen an seine Le- ser, die eigene Sterblichkeit zu erinnern24 und sich damit mit dem Gedanken der (Wie- der-) Vereinigung mit dem Göttlichen auseinander zu setzen. Es wird daran appelliert, dass jeder Einzelne seine Verbindung zu Gott suchen soll: Die individuelle Einung mit Gott ist Ziel jedes mystischen Vorhabens.

Eine mystische Gemeinschaft ist nur insofern Teil des mystischen Erlebnisses, als dass sie dem Mysten bei seiner Vorbereitung darauf behilflich ist, z.B. durch die Auf- nahme in den Mysterienkult - im Falle des Christentums mit dem Initiationsritus der Taufe - oder bei der Anlernung und Ausführung notwendiger Rituale (z.B. Eucharistie, Ölweihe, etc.) durch einen Mystagogen (im AL: Anno als Erzbischof).

Alle rituellen Vorgänge, sowie sakramentales und liturgisches Handeln sind einzig und allein eine Imitation des Heilsplans. Sie gelten als symbolisch und werden damit zu Trägern göttlicher Wahrheit, derer der Mensch ausschließlich durch diese Symbolhaf- tigkeit habhaft werden kann. Pseudo-Dionysius beschreibt das Symbol in seinem Werk „De caelestia Hierarchia“ daher als vermittelndes Moment zwischen geistigen und kör- perlichen Ordnungen. Da er in den Kirchenhierarchien, die Abbild der Himmelshierar- chien sind, jegliches Symbolhandeln für die christliche Gemeinschaft genauestens um- schreibt, wurden seine Werke ein bedeutender Ausgangspunkt für die mystische Theo- logie und Träger des christlichen Mysterions. Dionysius selbst wurde damit zum Vater und Über-Mystagogen des christlichen Mysterienkultes.25

Seine mystische Theologie umfasst außerdem die Stufen des mystischen Aufstiegs, die er aus dem Neuplatonismus entlehnte und an das Christentum anpasste.26 Der Viten-Teil im Annolied ist Abbild dieses mystischen Weges zur göttlichen Vereini- gung: Dionysius formulierte den Weg der Reinigung (via purgativa) als erste Stufe, der die Askese zuzuordnen ist, welche „durch langes Bemühen, durch einen wirklichen Kampf [...] [zur] Loslösung von den Sinnen durch die Kraft des Geistes“27 führen müs- se. Bezüglich Annos Leben erkennen wir im AL ein deutliches Bemühen in jedweder Hinsicht, denn Anno beschäftigte sich nicht nur mit kirchlichen Angelegenheiten, son- dern kümmerte sich auch um seine Mitmenschen28 und mischte sich in Regierungsan- gelegenheiten ein (z. B. bei der Erziehung des jungen König Heinrichs).29

[...]


1 vgl. KNAB, Doris (1962): Das Annolied: Probleme seiner literarischen Einordnung. Tübingen: Niemeyer Verlag (Hermaea: germanistische Forschungen. N.F. 11), S. 1

2 vgl. DICKHUT-BIELSKY, Johannes (2015): Auf der Suche nach der Wahrheit in ‘Annolied‘ und ‘Kaiser- chronik‘. Poetisch-historiographische Wahrheitssuche in frühmittelhochdeutschen Geschichtsdichtungen. Stuttgart: Hirzel Verlag (ZfdA - Beiheft 23), S. 17

3 vgl. HERWEG, Mathias (2002): Ludwigslied, De Heinrico, Annolied. Die deutschen Zeitdichtungen des frühen Mittelalters im Spiegel ihrer wissenschaftlichen Rezeption und Erforschung. Wiesbaden: Reichert Verlag (Imagines medii aevi. Band 13) S. 298

4 ERFEN 1997, S. 243 & HERWEG 2002, S. 356

5 Willmanns, W. (Hrsg.) (1886): Über das Annolied. Quellen. - Kaiserchronik. - Vita Annonis. - De origine Francorum. Bonn: Eduard Webers Verlag (Beiträge zur Geschichte der älteren deutschen Literatur. Heft 2), S. 91

6 vgl. HERGWEG 2002, S. 359

7 vgl. ERFEN 1997, S. 248

8 vgl. ERFEN 1997, S. 246f

9 vgl. ERFEN 1997, S. 249

10 vgl. ERFEN 1997, S. 243 u. 253

11 KNAB 1962, S. XXVIII

12 vgl. KNAB 1962, S. 100

13 KNAB 1962, S. 101

14 HERWEG 2002, S. 409

15 WILLMANNS 1886, S. 95

16 vgl. HERWEG 2002, S. 379

17 HERWEG 2002, S. 378

18 HERWEG 2002, S. 379f

19 HERWEG 2002, S. 380

20 ebd.

21 vgl. ebd.

22 ebd.

23 SCHUMACHER, Joseph (2003/2004): Die Mystik im Christentum und in den Religionen. Freiburg. URL: http://www.theologie-heute.de/MystikvorlesungI.pdf (Stand: 12.08.2017), S. 33

24 vgl. NELLMANN, Eberhard (2010): Das Annolied: Mittelhochdeutsch/Neuhochdeutsch. 7. Auflage. Stuttgart: Reclam Verlag, S. 5 (Strophe 1): „nû ist cît, daz wir dencken, wî wir selve sulin enden.“

25 vgl. ERFEN 1997, S. 256

26 vgl. SCHUMACHER 2003/2004, S. 118f

27 SCHUMACHER 2003/2004, S. 119

28 vgl. NELLMANN 2002, S. 49 (Strophe 36)

29 vgl. NELLMANN 2002, S. 49f (Strophe 37)

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Mystische Elemente des Neuplatonismus im Annolied
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Institut für Deutsche Philologie)
Veranstaltung
Seminare "Mystik" & "Pseudo-Dionysius Pseudo-Areopagita"
Note
2,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
15
Katalognummer
V461901
ISBN (eBook)
9783668917736
ISBN (Buch)
9783668917743
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mystik, Pseudo-Dionysius Pseudo Areopagita, Eriugena, Annolied, Neuplatonismus, Irene Erfen, Johannes Scottus Eriugena, neuplatonische Einflüsse im Annolied, Menschenkonzept als Dritter Welt, Bischof Anno, Irene Erfen-Schmitt, Peregrination und kostbare Graecitas, Zur Vermittlung theologischer und religiöser Traditionen im „Annolied“
Arbeit zitieren
Jana Wischmann (Autor), 2017, Mystische Elemente des Neuplatonismus im Annolied, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/461901

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