Literaturunterricht- ein Teilgebiet des Deutschunterrichts, der allein Bestandteil der Oberschule zu sein scheint: Schülerinnen und Schüler lesen anspruchsvolle Dramen von weltbekannten Schriftstellern wie Goethe oder Schiller, sie lernen das Interpretieren und Analysieren von literarischen Werken nach bestimmten Mustern und müssen die Kompetenz für einen bewussten Umgang mit Literatur unter Beweis stellen. Vergleicht man so einen Literaturunterricht, mit dem ausgeführten Zitat von Kaspar H. Spinner, kommt man zum Entschluss, dass Theorie und Praxis wieder ihre Schwierigkeiten in der Übereinstimmung aufweisen. Wenn der Literaturunterricht zur Identitätsentwicklung, zur Perspektivübernahme, Empathie, zur Kreativität und kritischen Hinterfragung führen soll, darf dieser nicht erst mit dem Beginn der Sekundarstufe einsetzen. Bereits durch die vorschulische Lesesozialisation ist literarisches Lernen als ein wichtiger Bestandteil auch für die Grundschule - nämlich von Anfang an vorgesehen. Für den Literaturunterricht der Unterstufe gibt es aus Seiten der Deutsch- bzw. Literaturdidaktik bereits verschiedenste Ansätze und Methoden. Unteranderem auch von Kathrin Waldt, welche die Ansicht vertritt, dass Kinder gerade mit anspruchsvoller Literatur auf diesem Wege gefördert werden können. Im Bezug dazu tauchte nicht zuletzt mit Kaspar H. Spinner der Begriff des literarischen Lernens in den Vordergrund, der damit „Lernprozesse [verbindet], die zur Erschließung und zum Verstehen ästhetisch- fiktionaler Texte beitragen“. Zu denen gehören auch klassische Sagen bzw. Mythen, welche die Kinder oft durch amerikanische Verfilmungen kennen und diese aus diesem Grund Zugang in die Klassenräume finden sollten. Ansonsten besteht die Gefahr, dass mythologische Stoffe in den Köpfen der Heranwachsenden nicht in ihrem eigentlichen kulturellen Kontext haften bleiben . Im Rahmen dieser Arbeit wird deshalb untersucht, inwiefern die Auseinandersetzung mit Mythen das literarische Lernen bereits in der Unterstufe fördern kann?
„Literaturunterricht vermittelt ein Lernen, das über die Literatur hinausreicht. Er ist ein Beitrag zur Identitätsentwicklung der Heranwachsenden [...], zum Verstehen anderer Sichtweisen, zur Auseinandersetzung mit moralischen Fragen und zur Entfaltung von Ideenreichtum.“
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Theoretische Grundlage
2.1 Der Begriff des literarischen Lernens in der Literaturdidaktik
2.2 Definition des Begriffs „literarisches Lernen“ nach Kaspar H. Spinner
2.2.1 Elf Aspekte des literarischen Lernens
3 Literarisches Lernen in der Unterstufe
3.1 Potenzial von griechischen Mythen für den Literaturunterricht
3.2 „Die Irrfahrten des Odysseus“: Kritische Hinterfragung des Materials unter dem Aspekt- „Perspektiven literarischer Figuren nachvollziehen“
4 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, inwiefern die Auseinandersetzung mit griechischen Mythen das literarische Lernen bereits in der Unterstufe der Grundschule fördern kann, und analysiert dabei konkret das Potenzial der Perspektivübernahme anhand von Unterrichtsmaterialien.
- Definition und Grundlagen des literarischen Lernens nach Kaspar H. Spinner
- Bedeutung der 11 Aspekte des literarischen Lernens für die Primarstufe
- Didaktisches Potenzial griechischer Mythen im Deutschunterricht
- Analyse von Unterrichtsbeispielen zur Figur der Penelope
- Förderung der Perspektivübernahme als Kernkompetenz
Auszug aus dem Buch
3.2 „Dir Irrfahrten des Odysseus“: Kritische Hinterfragung des Materials unter dem Aspekt- „Perspektiven literarischer Figuren nachvollziehen“
Odysseus- der wohl bekannteste und beliebteste Held in der Welt der griechischen Mythologie. Sein Einsatz im Trojanischen Krieg, welcher 10 Jahre andauerte, und seine abenteuerreiche Heimkehr gehört zu den zentralen Ereignissen der Weltmythologie, welcher heute noch zahlreich rezipiert wird. Odysseus, der König von Ithaka wurde, war zwar als Grieche auf Seiten der Gewinner, doch seine Heimkehr zeigt, dass Kriege keine Gewinner hervorbringen. Die Rückkehr gestaltet sich sehr umständlich und komplex, welches hier allerdings nicht näher erläutert wird. Zwar sind die Irrfahrten des Odysseus sehr interessant, aber für den Literaturunterricht in der Grundschule bietet es sich auch an die Perspektive seiner Frau Penelope unter Betracht zu ziehen. Hierzu wurde von den Erfurter Wissenschaftlerinnen Karin Richter und Leonore Jahn verschiedene Unterrichtserprobungen für die dritte bis sechste Klasse in einem Band zusammengeführt. Im Folgenden soll die Aufgabenstellung zu dieser Unterrichtssequenz skizziert werden, nachdem dann eine kritische Analyse dieses Vorgehens erfolgt. Hinzuzufügen ist, dass die Schülerinnen und Schüler bereits über ein weites Wissen über den Trojanischen Krieg und den Irrfahrten des Odysseus verfügen.
Innerhalb dieses Unterrichtsgeschehens sollen die Schülerinnen und Schüler Empathie für die zurückgebliebene und verzweifelte Penelope aufbringen. Hierzu werden die Kinder beauftragt ein Tagebucheintrag unter Betrachtung der Illustration zu verfassen. Allerdings werden die Kinder vorher auf den Schreibauftrag vorbereitet: Die Heranwachsenden sollen die Situation nachspielen, indem sie auf einem Stuhl Platz nehmen und nach Hinführung durch die Lehrkraft, welche die Kinder als ‚Penelope’ anspricht, ihren Gedanken freien Lauf lassen.
Penelope, du sitzt am Webstuhl in deinem Zimmer. Du schaust auf das Leinentuch. Viele Gedanken gehen dir während der Webarbeit durch den Kopf. Mögliche Fragen, die zu beantworten wären: Was mag Penelope wohl denken?; Welche Erinnerungen kommen in ihr auf?; Mit welchen Mitteln hat der Künstler versucht, die Einsamkeit Penelopes darzustellen?
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung etabliert die Relevanz des literarischen Lernens bereits für die Grundschule und stellt die Forschungsfrage zur Eignung mythologischer Stoffe.
2 Theoretische Grundlage: Dieses Kapitel erläutert den Begriff des literarischen Lernens und stellt die 11 Aspekte von Kaspar H. Spinner als theoretisches Fundament vor.
3 Literarisches Lernen in der Unterstufe: Hier wird der Transfer der Theorie auf die Grundschule vollzogen und das Potenzial von Mythen anhand einer kritischen Materialanalyse diskutiert.
4 Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass Mythen bei qualifizierter Auswahl ein hohes Potenzial für das literarische Lernen besitzen und einer Trivialisierung entgegenwirken sollten.
Schlüsselwörter
Literarisches Lernen, Kaspar H. Spinner, Grundschule, griechische Mythen, Perspektivübernahme, Unterstufe, Literaturdidaktik, Odysseus, Penelope, Lesesozialisation, ästhetische Bildung, Unterrichtsmaterial, Identitätsentwicklung, Literaturunterricht, Narrative Handlungslogik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit befasst sich mit der Frage, wie literarisches Lernen in der Grundschule durch die Arbeit mit griechischen Mythen gefördert werden kann.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Zentrale Themen sind das literarische Lernen nach Kaspar H. Spinner, die Didaktik in der Unterstufe und die fachliche Analyse griechischer Mythen als Lerngegenstand.
Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, dass der Literaturunterricht nicht erst in der Sekundarstufe beginnen sollte und dass mythologische Stoffe wertvolle Lernimpulse bieten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt eine theoretische Fundierung durch Literaturdidaktiker sowie eine qualitative Analyse spezifischer Unterrichtsmaterialien zu „Die Irrfahrten des Odysseus“.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst die 11 Aspekte nach Spinner erläutert und anschließend das Potenzial griechischer Mythen in einem konkreten Unterrichtsbeispiel zur Figur der Penelope kritisch reflektiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Besonders prägend sind die Begriffe literarisches Lernen, Perspektivübernahme, Grundschule und Griechische Mythen.
Warum spielt die Figur der Penelope eine zentrale Rolle in der Analyse?
Penelope dient als Beispielobjekt, um durch Tagebucheinträge und Rollenspiele die Perspektivübernahme der Schülerinnen und Schüler gezielt zu fördern.
Wie bewertet die Arbeit die Gefahr der Trivialisierung von Mythen?
Die Arbeit warnt davor, Mythen in der Schule auf banale Handlungen zu reduzieren, und plädiert stattdessen für eine Auseinandersetzung mit der Komplexität und der historischen Bedeutung der Stoffe.
- Quote paper
- Anonym (Author), 2016, Perspektiven literarischer Figuren in griechischen Mythen nachvollziehen. Die ersten Schritte des literarischen Lernens im Deutschunterricht der Unterstufe, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/463120