Interkulturalität neu denken. Authentizität und Empathie als ethische Orientierung?


Masterarbeit, 2018
91 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Forschungsmethode
1.2 Aktueller Forschungsstand

2 Theoretische Konzeption einer Interkulturellen Ethik
2.1 Interkulturelle Ethik
2.2 Interkulturalität neu denken
2.3 Interkulturelle Kompetenz
2.4 Das Denken in Abständen und die Entdeckung kultureller Ressourcen
2.4.1 Abstände / Abweichungen
2.4.2 Kulturelle Ressourcen
2.4.3 Interkultureller Dialog

3 Empathie als Erfahrung der Verbundenheit im Zwischen
3.1 Empathie als Perspektivwechsel
3.1.1 Empathie und Leistungsgesellschaft
3.1.2 Empathie und Hilfe in sozialen Bereichen
3.2 Empathie als Erfahrung im Zwischen
3.2.1 Das Empathie-Ereignis
3.2.2 Der Interkulturelle Dialog als ästhetische Erfahrung
3.3 Wie entsteht Empathie im Interkulturellen Dialog?
3.4 Empathie gedacht als ethische Ressource
3.5 Kapitelzusammenfassung

4 Authentizität
4.1 Authentizität und Selbstbildung
4.2 Der dialogische Authentizitätsbegriff
4.3 Die Ressource Authentizität

5 Fazit und Ausblick

Kurzfassung

Philosophische Untersuchungen zur Bedeutung von Begriffen bleiben oft unklar in Bezug auf ihre praktische Anwendbarkeit in der Erwachsenenbildung. Der ethi- sche Diskurs der Wissenschaft von Erwachsenenbildung stellt wenig Bezüge zur philosophischen Ethik her. Diese Bezüge herzustellen macht es jedoch möglich, die Semantik der Ideale in der Erwachsenenbildung weiter zu präzisieren. Die hier vorliegende Arbeit entwickelt eine an der Philosophie orientierte Ethik, die Verbindungen zur praktischen Umsetzbarkeit in der interkulturellen Bildungspraxis sucht. Hierfür wird der Interkulturelle Dialog als zentrales Medium zur Beförderung des kreativen Potentials von Vielfalt betrachtet. Das Denken in Differenzen wird dabei in Frage gestellt, um den Fokus der Untersuchungen auf die Produktivität der Interaktion zu richten. Die hier als Ressourcen bezeichneten Fähigkeiten zur Empathie und Authentizität werden auf ihre Möglichkeiten untersucht, zur Entste- hung neuer kultureller Zusammenhänge beizutragen. Neben den philosophischen und erziehungswissenschaftlichen Bezügen zeichnet sich die hier vorliegende Arbeit durch die vielfältige Verknüpfung interdisziplinärer Literatur aus, die nicht nur Erkenntnisse aus der Interkulturalitätsforschung berücksichtigt, sondern u. a. auch aus dem Bereich der Neuropsychologie.

Abstract

Philosophical research about the meaning of terminology is often unclear with respect to its practical applicability in adult education. The ethical discourse in adult educational science creates only limited references to philosophical ethics. Creating those references makes it possible, however, to define the semantics of ideals in adult education more precisely. The presented paper develops an ethic based on philosophy, which is looking for connections to the practical applicability in the intercultural educational practice. The intercultural dialog is considered as the central medium to promote the creative potential of diversity. Thinking in differences is thereby questioned in order to focus the study on the productivity of interaction instead. The abilities of empathy and authenticity, here referred to as resources, are investigated relating to their possibilities to contribute to the development of new cultural relationships. Besides the references to philosophical and educational science the presented paper is characterised by connecting manifold interdisciplinary literature, which does not only take into account the findings from intercultural research but among others also from the field of neuropsychology.

1 Einleitung

Aktuell ist die Politik in Deutschland mit vielen Fragen rund um das Thema Integration beschäftigt. Die Diskussionen drehen sich dabei oft um verwaltungstech- nische Aspekte, wie Integrationsmaßnahmen, Sicherheitsfragen oder ökonomische Posten. Diese Kriterien im Umgang mit den Herausforderungen einer Migrationsge- sellschaft dürfen nicht unbeachtet bleiben, jedoch sollten sie nicht alleine stehen. Im Hinblick auf das zukünftige Zusammenleben sollte neben Fragen wie „Was muss getan werden, um die zugezogenen Menschen in den Arbeitsmarkt zu integrieren?“ auch der Aufgabe „Wie kann es ermöglicht werden, dass eine Gesellschaft aus Individuen verschiedener Herkunft zusammen-wachsen kann?“ Platz eingeräumt werden. Meine persönlichen Erfahrungen als Kind einer Zuwandererfamilie sowie meine beruflichen Erfahrungen in den Bereichen „Flucht und Migration“ und „Men- schen mit Behinderung“ haben mir gezeigt, dass viele Lebenswelten innerhalb der Bundesrepublik Deutschland existieren, die kaum miteinander verbunden sind. Dass die verschiedenen Lebenswelten als solche existieren, dass sich Zuwanderer beispiels- weise in Strukturen der eigenen Ethnie einbinden, stellt einen Aspekt kultureller Diversität dar und soll hier nicht kritisiert werden. Um das der Vielfalt immanente Potential nutzbar machen zu können, muss jedoch ein Austausch zwischen den verschiedenen Welten gefördert werden.

Die hier vorliegende Arbeit untersucht diesen Austausch im Hinblick darauf, wie eine interkulturelle Interaktion gestaltet werden kann, um dazu zu führen, dass die Interagierenden miteinander und aneinander wachsen und dadurch auch zusammen- wachsen können. Dabei werden die hier als Ressourcen bezeichneten Fähigkeiten zur Empathie und zur Authentizität in ihrer theoretischen Bedeutung dahingehend untersucht, inwiefern sie zur Beförderung eines Gemeinsamen beitragen können. Interkulturalität neu denken: Authentizität und Empathie als ethische Orientierung? nimmt sich hierbei der nicht einfach zu beantwortenden Frage nach einer ethischen Orientierung in Interkulturellen Dialogen an und entwirft als Antwort die Skizze einer Ethik, die Interkulturelle Ressourcenethik benannt wird. Die im Titel dieser Arbeit als „neu“ bezeichnete Art und Weise, Interkulturalität zu denken, bezieht sich zum einen auf die hier vorliegende Orientierung an philosophischen Prinzipien, was innerhalb der europäischen „hauptsächlich an Prinzipien der Sozialforschung“ (Busch & Möller-Kiero, 2016, S. 44) orientierten Interkulturalitätsforschung unge- wöhnlich ist, wie Busch und Möller-Kiero in ihrem Artikel Interkulturalität neu denken erfordert moralische Bekenntnisse: die Analyse einer Debatte zwischen Vertreter*innen von Konvivialismus, Interkulturalismus, Kosmopolitismus sowie Au- tor*innen zur interkulturel len Kommunikation ausführen. Zum anderen bezieht sich „neu“ auf den zukunftsweisenden Blick auf den Begriff Kultur, der sich gegenüber der traditionell essentialistischen Perspektive durch ein dynamisches Verständnis und durch plurale Zugehörigkeiten auszeichnet (Schmidt-Lauber, 2013).

Die neue Perspektive auf Interkulturalität wird zu Beginn dieser Arbeit im Kapitel Theoretische Konzeption einer Interkulturel len Ethik im Hinblick auf den Interkulturellen Dialog als schöpferischen Prozess erläutert und orientiert sich dabei u. a. am Denken Julliens (2018), der vorschlägt, sich der Debatte um Verschieden- heiten nicht mittels der Definitionen von Differenzen, sondern mithilfe der Konzepte „Abstand“ und „Ressource“ anzunähern. Die darauffolgenden Kapitel Empathie als Erfahrung der Verbundenheit im Zwischen und Authentizität können als Beitrag zur Grundlagenforschung der Bedeutung von Empathie und Authentizität in Bezug auf den Interkulturellen Dialog begriffen werden, die auf die Fragestellung ausge- richtet ist, wie interkulturelle Fremdheit überwunden werden kann. Hierfür werden zunächst diejenigen Interpretationen der Begriffe Empathie und Authentizität, die in Bezug auf die ethische Betrachtungsweise des Interkulturellen Dialogs als unge- eignet aufgefasst werden können, dargestellt, um anschließend die Bedeutung von Empathie und Authentizität und den Zusammenhang zwischen den beiden Begriffen herausarbeiten zu können. Abschließend wird die theoretisch skizzierte Konzeption der Interkulturellen Ressourcenethik im Fazit ergebnisorientiert ausformuliert.

1.1 Forschungsmethode

Die Konzeption dieser Interkulturellen Ethik wird theoretisch überwiegend auf Grundlage philosophischer und erziehungswissenschaftlicher Literatur erarbeitet, berücksichtigt dabei aber auch interdisziplinäre Literatur aus den Bereichen Inter- kulturalitätsforschung, Soziologie, Ethnologie, Psychologie, Soziale Arbeit, Neuro- biologie, Kulturwissenschaften und dem Buddhismus. Die theoretische Erarbeitung wird außerdem anhand von Zeitungsartikeln, Beiträgen in Internetmagazinen oder in Form von Alltagsbeispielen praktisch verdeutlicht. Die vorliegende Arbeit stellt den ersten Entwurf einer Interkulturellen Ethik dar, welche auch durchaus kontrovers diskutiert werden kann. Auf Grund des begrenzten Rahmens dieser Ausarbeitung und damit der primäre Forschungsfokus nicht aus dem Blick gerät, werden Stel- len, an denen Kritik ansetzen könnte, nicht immer umfassend bearbeitet, sondern lediglich angedeutet. Hinweise auf Widersprüche, Grenzen oder Kritikpunkte der hier skizzierten Ethik werden jedoch im Fazit zusammengefasst. Die theoretischen Überlegungen werden stellenweise mit persönlichen Erfahrungen verknüpft, die durch die Verwendung der Ich-Form gekennzeichnet sind. Aus Gründen der leich- teren Lesbarkeit werden vornehmlich neutrale Geschlechtsformen verwendet. Bei personenbezogenen Substantiven und Pronomen wird entweder die männliche oder die weibliche Form verwendet, welche im Sinne der sprachlichen Vereinfachung jedoch als geschlechtsneutral zu verstehen sind.

1.2 Aktueller Forschungsstand

Insgesamt zeichnet sich die Interkulturalitätsforschung durch eine geradezu unüber- schaubare Fülle an Literatur aus, so der deutsche Erziehungswissenschaftler und Professor für Interkulturelle Pädagogik Georg Auernheimer (2008). Wie bereits erwähnt orientiert sich die europäische Interkulturalitätsforschung überwiegend an Prinzipien der Sozialforschung. Kanadische oder US-Amerikanische Interkulturali- tätsdiskurse rücken hingegen ethische Fragen eher ins Zentrum der Debatte, eine kontroverse Betrachtung der ethischen Überlegungen kann dabei jedoch kaum erfol- gen, da die Ideen oder Werte, an denen diese sich orientieren, oft nicht genauer prä- zisiert werden und sich damit einer Kritik entziehen Busch und Möller-Kiero (2016). Im deutschsprachigen Raum liefert der Professor für Interkulturelle Wirtschaftskom- munikation Jürgen Bolten die übersichtlichste Darstellung von Interkulturalität. Diese zeichnet sich durch ihre sowohl strukturierte als auch prozessorientierte Perspektive aus und vermag sich daher auch am deutlichsten von dem Begriff der Transkulturalität, der die kulturelle Veränderbarkeit in den Mittelpunkt stellt, ab- zugrenzen (Bolten, 2017). Boltens Artikel Diversity-Management als interkulturel le Prozessmoderation, der 2011 im Intercultural Journal erschien, wird in der hier vor- liegenden Arbeit zur Klärung des Begriffs der Interkulturalität verwendet. Ähnlich wie zum Interkulturalitätsdiskurs im Allgemeinen gibt es auch zur Interkulturellen Kompetenz eine umfangreiche Literatur, ohne dass bisher eine eindeutige Definition des Begriffs vorliegt. Die Professorin für Interkulturelle Wirtschaftskommunikation Stefanie Rathje hat jedoch u. a. in ihrem Artikel Interkulturel le Kompetenz – Zu- stand und Zukunft eines umstrittenen Konzepts (Rathje, 2006) ein übersichtliches und für pluralistische Gesellschaften plausibel erscheinendes Konzept entworfen, auf das in der hier vorliegenden Arbeit zurückgegriffen wird. Insgesamt kann der Interkulturelle Dialog als zentrales Medium der interkulturellen Kommunikation angesehen werden, welcher als Begriff innerhalb der Interkulturalitätsforschung jedoch bisher noch nicht eingehender in seiner Bedeutung herausgearbeitet wurde. Zur Verdeutlichung des Begriffs Dialog wird deshalb im Folgenden das Werk Es gibt keine kulturel le Identität des französischen Philosophen und Sinologen François Jullien herangezogen. Dem Begriff der Empathie wird ebenso wie dem des Dialogs im Allgemeinen ein hoher Stellenwert in der Interkulturalitätsforschung eingeräumt. So wird auf diesen in allen Listen und Strukturmodellen zur Interkulturelle Kom- petenz verwiesen. Verstanden wird die Empathie hierbei in den meisten Fällen gemäß der Definition des Dudens als „Bereitschaft und Fähigkeit, sich in die Ein- stellungen anderer Menschen einzufühlen“ (Duden online, 2018). Hierbei kommt jedoch in ähnlicher Weise wie beim Begriff Dialog eine eingehende Betrachtung der Bedeutung im Zusammenhang mit der Interkulturalitätsforschung zu kurz. Eine umfassende Bearbeitung des Empathiebegriffs auf erziehungswissenschaftlicher Basis bietet jedoch Martina Emme (1996) in ihrem Buch Der Versuch, den Feind zu verstehen: ein pädagogischer Beitrag zur moralisch-politischen Dimension von Empathie und Dialog, deren Verständnis des Begriffs die hier vorliegende Arbeit maßgeblich beeinflusst hat. Ebenso erwähnenswert im Hinblick auf die Erforschung von Empathie ist das Buch Die dunklen Seiten der Empathie des Literatur-, Kultur- und Kognitionswissenschaftlers Fritz Breithaupt, der das Ideal der Empathie z. B. bezüglich der Flüchtlingspolitik kritisch hinterfragt. Im Bezug auf Authentizität im Zusammenhang mit Interkulturalität ergaben meine Recherchen innerhalb der For- schungsdatenbanken der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, der Pädagogischen Hochschule Freiburg, der Universität Basel und der Freien Universität Berlin sowie die Recherche im Internet mithilfe der Suchmaschine Google keine nennenswerten Ergebnisse. Der Untersuchung des Begriffs Authentizität in dieser Arbeit liegen daher v. a. philosophische Schriften zugrunde. Das Werk Das Unbehagen an der Mo- derne von dem kanadischen Politikwissenschaftler und Philosophen Charles Taylor (1991/2017), der das Ideal der Authentizität auch im Zusammenhang mit sich durch Diversität auszeichnenden Gesellschaften beleuchtet, liefert dabei die forschungs- theoretische Ausgangsbasis. Im Gegensatz zur oben vorgestellten Literatur zeichnet sich die hier vorliegende Arbeit durch die interdisziplinäre Verbindung der Themen Authentizität und Empathie im Kontext einer philosophischen Untersuchung von Interkulturalität aus.

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2 Theoretische Konzeption einer Interkulturellen Ethik

Die in diesem Kapitel beschriebenen theoretischen Überlegungen beginnen aus- gehend von den Grundgedanken Boltens (2011), welcher versucht Interkulturalität gegen die Tradition neu zu denken. Diese neue Perspektive auf Interkulturalität orientiert sich an einem dynamischen Kulturbegriff. Im Gegensatz zu Bolten beab- sichtigt die hier vorliegende Konzeption jedoch explizit, eine Interkulturelle Ethik zu skizzieren. Die Gründe für die Verortung der Thematik im Bereich der prakti- schen Ethik werden im Kapitel 2.1 Interkulturel le Ethik den weiteren Überlegungen vorangestellt. Das Ziel der hier zu entwickelnden Interkulturellen Ethik (auf das im Kapitel 2.2 Interkulturalität neu denken näher eingegangen wird) ist, das Nebenein- ander von Parallelgesellschaften in ein aktives Miteinander zu transformieren. Als zentrales Medium hierfür dient der Interkulturelle Dialog. Innerhalb der Konzeption einer Interkulturellen Ethik soll dieser näher präzisiert werden. In Annäherung an die Frage, was einen gelingenden Interkulturellen Dialog auszeichnet, wird Rathjes Modell zur Interkulturalität im Kapitel 2.3 Interkulturel le Kompetenz vorgestellt. Rathje (2006) definiert Interkulturelle Kompetenz als Fähigkeit, interkulturelle Fremdheit zu überwinden und in kulturelle Normalität umzuwandeln. Normalität entsteht, so Rathje, durch die Bekanntmachung von Differenzen. Um diesen Um- wandlungsprozess hin zu neuen kulturellen Zusammenhängen besser verstehen zu können, wird anschließend an das Kapitel auf das Denken von Jullien (2018) einge- gangen. Denn mithilfe der von Jullien beschriebenen Begriffe Abstände, Ressourcen und Dialog, die in den Kapiteln 2.4 Das Denken in Abständen und die Entdeckung kulturel ler Ressourcen und 2.4.3 Interkulturel ler Dialog vorgestellt werden, kann die hier skizzierte Ethik ein elementares Verständnis von Interkulturalität vermitteln und so grundlegend neue Gedanken in den Interkulturalitätsdiskurs einbringen. Als ethische Ressourcen, die Orientierungen im Interkulturellen Dialog bieten können, werden daraufhin, in Kapitel 3 Empathie als Erfahrung der Verbundenheit im Zwischen und Kapitel 4 Authentizität, die Bedeutung der Begriffe Empathie und Authentizität erläutert.

2.1 Interkulturelle Ethik

In Anbetracht des Forschungsvorhabens, eine Interkulturelle Ethik zu formulieren, kann die Frage entstehen, inwiefern es überhaupt sinnvoll ist, sich mit ethischen Konzeptionen, welche Orientierung in Interkulturellen Dialogen bieten sollen, zu beschäftigen. Gerade in der Interkulturalitätsforschung, die sich u. a. mit der Di- versität der Wertevorstellungen verschiedener Kulturen befasst, liegt es nahe, sich von ethischen Überzeugungen innerhalb des Forschungsvorhabens zu distanzieren, damit nicht nur eine bestimmte ethische Sichtweise dominiert. Damit wird ver- sucht, der kulturellen Verschiedenheit von Wertevorstellungen gerecht zu werden. Außerdem wird mit der Distanzierung von ethischen Forschungsmotivationen beab- sichtigt die ethischen Sichtweisen der Forschenden in den Hintergrund zu rücken, um möglichst objektiv forschen zu können. Seit Jahrzehnten orientiert sich die interdisziplinäre Untersuchung von Interkulturalität in Europa „an Prinzipien der Sozialforschung“ (Busch & Möller-Kiero, 2016, S. 44) und versucht dabei, wie Busch und Möller-Kiero es beschreiben, ethische Orientierungen und Forschungsmotivatio- nen möglichst zu leugnen. So postuliert beispielsweise Bolten, auf dessen Beiträge zur Interkulturalitätsforschung im nächsten Kapitel noch näher eingegangen wird, im Zusammenhang mit dem Diversity-Management: Es gebe „keine ‚richtigen‘ oder ‚falschen‘ Lösungen mit Vielfalt umzugehen, sondern – zielbezogen – nur mehr oder minder angemessene, zu großen Teilen aber ergebnisoffene Formen einer best practice“ (Bolten, 2011, S. 33). Bolten distanziert sich zwar von moralischen Vorstellungen, die bei interkulturellen Fragestellungen weiterhelfen könnten, spricht sich jedoch explizit für die Initiation eines dialogischen Umgangs mit Vielfalt nach der Prämisse: „Be yourself, but let’s collaborate“ (Bolten, 2011, S. 26) aus. Insofern orientiert sich Bolten, so wie die meisten Forschenden in der europäischen Inter- kulturalitätsforschung, jedoch zumindest an demokratischen Werten, indem z. B. der auf Wechselseitigkeit und Gleichberechtigung beruhende Interkulturelle Dialog ins Zentrum des Diskurses gestellt wird. So lassen sich selbst bei Vertretern, die sich von moralischen Vorstellungen in der Interkulturalitätsforschung distanzieren, ethische Forschungsmotivationen nachweisen; ethische Forschungsmotivationen, die sich an westlichen Wertevorstellungen wie der demokratischen Interaktion oder dem Ideal der Authentizität im Sinne von: „Be yourself“ (Bolten, 2011) orientieren. Wertevorstellungen w erden als Teil bestimmter Sozialisationsprozesse vermittelt und reproduziert, auch wenn dies nicht immer bewusst wahrgenommen wird. Auch Forscherinnen und die von ihnen umgesetzten Forschungsvorhaben sind davon nicht ausgeschlossen. Deshalb sollen in der hier vorliegenden Arbeit die ethischen Überzeugungen bewusst darlegt werden, um eine möglichst konkrete, kontroverse und reflektierte Auseinandersetzung mit der Frage danach, wie interkulturelle Beziehungen gestaltet werden sollen, geführt werden kann.

In den hier dargelegten Überlegungen zu einer Interkulturellen Ethik wird nach Orientierungsmöglichkeiten gefragt, welche Interkulturellen Dialogen einen frucht- baren Boden eröffnen und den einzelnen Teilnehmenden Erfahrungen des Lernens ermöglichen. Insofern wird nach dem Sollen gefragt, nach dem Sollen einer In- terkulturellen Ethik der persönlichen Beziehungsgestaltung in konkreten Hand- lungssituationen. Die Untersuchungen verorten sich dahingehend im Bereich der praktischen Ethik im Sinne der traditionellen „Suche nach einem Sollen im Handeln“ (vom Griechischen »ethos«, Denkweise, Sinnesart, Charakter, Gewohnheit). Das Forschungsvorhaben distanziert sich jedoch von dem Bereich der Moral, im Sinne des Normensystems „welches das Verhalten von Menschen reguliert und dabei mit dem Anspruch auf unbedingte Gültigkeit auftritt“ (Fuchs et al., 2016, S. 2), da die hier zu skizzierende Interkulturelle Ethik nicht versucht universelle Normen zu begründen, sondern eine Einsicht darin geben möchte, warum Vielfalt unsere Welt bereichert und wie dieses Potential nutzbar gemacht werden kann.

Völlig abgrenzen von moralischen Wertevorstellungen lassen sich die hier dargeleg- ten ethischen Überlegungen jedoch nicht. Denn auch die hier entwickelte Ethik muss in dem Rahmen ihres Entstehungskontextes gesehen werden. So beeinflussen meine persönliche Sozialisation, mein Studium der Philosophie und der Erziehungswissen- schaften und die damit verbundene Vermittlung moralischer Wertevorstellungen der europäischen Tradition diese Arbeit in nicht zu unterschätzender Art und Weise. In Anlehnung an das Denken des Philosophen Jullien (2018), welches im Kapitel 2.4 Das Denken in Abständen und die Entdeckung kulturel ler Ressourcen noch ausführlicher beschrieben wird, werden die dieser Ethik zugrunde liegenden Wertevorstellungen jedoch nicht als unveränderbare Normen gedacht, sondern als Ressourcen, die von allen Menschen genutzt werden können und die keinen uni- versellen Geltungsanspruch haben. Insofern sollen in der hier vorliegenden Arbeit ethische Ressourcen, die in der interkulturellen Beziehungsgestaltung Orientierung bieten können, erkennbar werden.

Inspiriert v on der Ethic of Care spricht sich die hier skizzierte Interkulturelle Ressourcenethik eher für eine ethische Konzeption der Verantwortung und Bezie- hungsgestaltung aus und weniger für moralische Regeln und Rechte (Monchinski, 2010). „An ethic of care is a flexible ethic, responsive to context and communities and demands autonomy and agency from individuals“ (Monchinski, 2010, S. 82). Die hier an den Ressourcen Authentizität und Empathie orientierte Interkulturelle Ethik betont das Verantwortungsbewusstsein für die Beziehungsgestaltung der einzelnen Menschen, (die nie außerhalb des Kontextes ihrer individuellen Sozialisa- tionsgeschichte stehen). Die kontextabhängige Betrachtungsweise einer flexiblen Ethik lässt sich in besonderem Maße für den interkulturellen Bereich nutzen, da Interkulturelle Dialoge eine Multiperspektivität voraussetzen. Eine bewusste Aus- einandersetzung mit ethischen Orientierungen im interkulturellen Bereich führen u. a. auch zahlreiche Vertreter des Kosmopolitismus, wie z. B. Martin, der die zentrale kosmopolitische Frage folgendermaßen formuliert: „How do we engage in ethical dialogue with others?“ (Martin, 2013, zitiert nach Busch und Möller-Kiero, 2016, S. 52). Auch in der europäischen Interkulturalitätsforschung rücken manche Forscher die ethische Frage nach dem „Wie wir gemeinsam in Vielfalt miteinander leben wollen“ in das Zentrum der Forschung:

Interculturalism is about changing mindsets by creating new opportu- nities across cultures to support intercultural activity and it’s about thinking, planning and acting interculturally. Perhaps, more impor- tantly still, it is about envisioning the world as we want it to be, rather than be determined by our and separate past histories. (Cantle, 2012, zitiert nach Busch und Möller-Kiero, 2016, S. 46)

Sich die Welt so vorzustellen, wie man sie gerne hätte, bedeutet neue Wege des Denkens einzuschlagen: Wege, die die Möglichkeit eröffnen, neue Welten zu entdecken; Welten, die von den bereits bestehenden Kulturen beeinflusst werden, sich jedoch nicht auf diese reduzieren lassen. Sich ethische Gedanken darüber zu machen, wie wir in Vielfalt miteinander leben wollen, bedeutet, immer wieder aufs Neue noch unentdeckte Wege zu gehen. Interkulturelle Ethik kann somit als kontinuierliche Suche nach gemeinsamen Wegen des Zusammenlebens verstanden werden. Wie Authentizität und Empathie als ethische Orientierung bei der Ent- deckung neuer Wege helfen können, soll bei der Beschäftigung mit dem Thema Interkulturalität neu denken - Authentizität und Empathie als ethische Orientierung? aufgezeigt werden. Vorab sollen jedoch die als Ausgangsbasis dienende Konzepten von Interkulturalität, welche diese Interkulturelle Ethik miteinander verknüpft, näher präzisiert werden.

2.2 Interkulturalität neu denken

Interkulturalität neu zu denken, bedeutetet die Perspektive auf Interkulturalität zu verändern. Im Fokus neuerer Denkrichtungen der Interkulturalitätsforschung liegt nicht mehr die definitorische Differenzierung verschiedener Kulturen, sondern der Interkulturelle Dialog. In dem Artikel Diversity-Management als interkultu- rel le Prozessmoderation, der 2011 im Intercultural Journal erschien, beschreibt der Professor für Interkulturelle Wirtschaftskommunikation Jürgen Bolten den Perspektivwechsel der Auseinandersetzung mit dem Thema Vielfalt in Deutschland folgendermaßen: Zwischen den 70er und 90er Jahren des 20. Jahrhundert habe ein Modell des Multikulturellen vorgeherrscht, das die mitunter durch die Gastarbeiter erweiterte kulturelle Vielfalt in Deutschland zwar tolerierte, die verschiedenen Kulturen jedoch homogenisierend voneinander abgrenzte. Seit Mitte der 90er Jahre habe sich im Zuge der gesellschaftlichen Globalisierungs- und Pluralisierungstendenz der Diskurs innerhalb der Interkulturalitätsforschung, so Bolten, vom Konzept der multikulturellen Toleranz hin zur Betonung von Akzeptanz und Wertschätzung von Heterogenität gewandelt. Die damit einhergehende positive Sichtweise auf Vielfalt vertritt z. B. der Diversity -Ansatz, der einen Gegenbegriff zur Diskriminierung darstellt und dessen Anliegen u. a. darin bestehet, den Reproduktionsmechanismen von Ungleichheit entgegenzuwirken und Vorurteile abzubauen (Lütje-Klose & Löser, 2013). Mit dem Ziel, die Gleichberechtigung einzelner Gruppen voranzutreiben, wird auch im Rahmen der Interkulturalitätsforschung vermehrt nach Instrumenten gegen Diskriminierung gesucht. Die in diesem Zusammenhang auftretende Forderung nach Political Correctness sowie „das Plädoyer von Gleichbehandlung“ (Bolten, 2011, S. 29) und die damit zusammenhängende intendierte Vorurteilsfreiheit, so kritisiert Bolten, unterdrückten jedoch die Kommunikation von und über Vielfalt (Bolten, 2011). Diese unterdrückte Kommunikation fördere die ohnehin schon bestehende Bildung und Zementierung von Parallelgesellschaften jedoch weiterhin. Die Folge der politisch diktierten Political Correctness sei „ein Rückzug in die Nischen, in denen die Gleichgesinnten warten, denen gegenüber das offene Wort kein Wagnis ist“ (Könau, 2018, Absatz 15), heißt es auch in einem Artikel der Mitteldeutschen Zeitung, der sich v. a. auf die Thesen der Psychologin Diefenbach und des Medi- eninformatikers Ulrich bezieht. Diefenbach und Ulrich veranschaulichen in ihren Forschungsarbeiten anhand von zahlreichen Beispielen „das destruktive Potential der PC-Ideologie“ (Könau, 2018, Absatz 8).

Das Instrument der Sprache als Medium, um Diskriminierung entgegenzuwirken, soll hier nicht in Frage gestellt werden, denn anhand der gesellschaftlich kultivierten Sprache werden auch die Konzepte und Ideen vermittelt, mithilfe deren die Mitglie- der einer Gesellschaft denken. Dass sich Personen wie Trump oder Parteien wie die AfD einer immer größeren Beliebtheit erfreuen, obwohl oder vielleicht gerade auch weil sie das Gebot der politischen Korrektheit missachten, sollte uns jedoch in der Tat darüber zu denken geben, ob die rhetorische Forderung nach der Anerkennung von Andersheit ausreicht echte Wertschätzung für Vielfalt zu kultivieren.

Der Philosoph Charles Taylor, dessen Auseinandersetzung mit dem Begriff der Authentizität an späterer Stelle wieder aufgegriffen wird, vertritt in seinem Buch Das Unbehagen an der Moderne die These, dass die Rhetorik der Anerkennung und die formale Gleichberechtigung so lange der Schwindel eines bloßen Lippenbe- kenntnisses blieben, bis die Mitglieder einer Gesellschaft sich einen gemeinsamen Wertehorizont erschließen. Werte stellen für Taylor gewünschte Möglichkeiten des eigenen Zustands oder des Zustands der Welt dar und sind insofern nicht unabhän- gig von Interpretationen existent. Dennoch verweist Taylor (1991/2017) in seiner Kritik am „milden Relativismus“ und am Anthropozentrismus darauf, dass in der Moderne jegliche Bedeutungshorizonte jenseits der menschlichen Interpretation außer Acht gelassen werden. Werte stellen für Taylor dahingehend als „ emotions- vermittelte, implizite Verstehensphänomene “ (Schaupp, 2003, S. 347) auch einen Zugang zum Verständnis eines Bedeutungshorizonts dar, der jenseits menschlicher Interpretationen liegt. Ob der Gesellschaft, so wie Taylor dies anmerkt, nur durch die Erschließung gemeinsamer Werte eine loyale Form des Zusammenlebens gelingen kann, sei hier in Frage gestellt. Anschließen möchte die hier vorliegende Arbeit jedoch an den Gedanken Taylors, dass die Erschließung von Gemeinsamkeiten nur durch gesellschaftliche und politische Teilhabe initiiert werden kann (Taylor, 1991/ 2017, S. 63). Auch soll hier ausdrücklich darauf verwiesen werden, dass das Thema, die Frage nach dem Umgang mit Vielfalt, mehr umfasst als die formale Forderung nach Gleichstellung. Denn um Gleichberechtigung in Wirklichkeit umsetzen zu können, muss nach Möglichkeiten der gesellschaftlichen Teilhabe gesucht werden. Es muss danach gefragt werden, wie die Kultivierung gesellschaftlicher Teilhabe gefördert und wie eine Förderung von Parallelgesellschaften vermieden werden kann. Anhand der Debatten zur aktuellen Integrationspolitik in Deutschland ist zu beobachten, dass die Wertschätzung des Andersseins und die Bemühungen um Integration im Vordergrund des öffentlichen Diskurses stehen; doch dass Integration nicht im Sinne von gesellschaftlicher Teilhabe umgesetzt wird, erfahren beispiels- weise tagtäglich die zahlreichen Jugendlichen mit Fluchthintergrund, die in den Heimen unter ihresgleichen leben und in den Schulen innerhalb von separierten „Integrationsklassen“ lernen. Von den jungen Menschen wird gefordert, sich zu integrieren, doch ermöglicht wird ihnen oft nur ein Leben in Parallelgesellschaften. Nach Bolten (2011) wandelt sich der Forschungsfokus in Bezug auf das Diversity- Management erst seit Ende des letzten Jahrzehntes hin zur Prozessorientierung, die anstrebt, das Nebeneinander der Vielen in ein gemeinsames Miteinander zu transformieren. Bolten plädiert dahingehend für „einen interkulturell-dialogischen Umgang mit Diversität, der Impulse gibt, um Vielfalt im Sinne der Prämisse ‚Be yourself, but let’s collaborate‘ als eine aktive Form des Miteinander [...] zu initiie- ren“ (Bolten, 2011, S. 26), damit eine durch Wechselseitigkeit und Kooperation gekennzeichnete Vernetzung ermöglicht wird. Dieses Anliegen teil auch die hier vorliegende Arbeit. Doch was bedeutet Be yourself im Interkulturellen Dialog? Und kann die Kultivierung einer Ethik des authentisch-empathischen Umgangs in interkulturellen Situationen dazu verhelfen, die Forderung nach let’s col laborate in Wirklichkeit umzusetzen? Um der Frage nach der Bedeutung von Authentizität und Empathie in Interkulturellen Dialogen näher zu kommen, müssen nun zunächst die Begriffe, deren sich die hier skizzierte Interkulturelle Ethik bedient, näher erläutert werden.

2.3 Interkulturelle Kompetenz

Ebenso wie Bolten (2011) tritt auch die Professorin für Interkulturelle Wirtschafts- kommunikation Stefanie Rathje (2006) für einen interkulturell-dialogischen Umgang mit Vielfalt ein. Bezüglich der Frage, wie sich Interkulturelle Kompetenz innerhalb eines Dialogs auszeichnet, orientiert sich die hier vorliegende Arbeit an der von Rathje redefinierten Konzeption von Interkultureller Kompetenz. Rathje bestimmt die interkulturelle Diversity -Kompetenz als Fähigkeit, kulturelle Fremdheit zu überwinden und in Normalität (im Sinne von Bekanntheit) umzuwandeln (Rathje, 2006). Der von ihr verwendete Kulturbegriff umspannt dabei alle Arten von kol- lektiver Zugehörigkeit und beschränkt sich nicht etwa auf nationale, religiöse oder ethische Kulturen. Jedes Individuum wird stattdessen als Teil vieler verschiedener Kulturen gedacht, die im Alltag je nach Kontext (z. B. Familie, Beruf) meist klar unterschieden werden können. Die Ethnologen Michael Dellwing und Robert Prus (2012) sprechen in diesem Zusammenhang von den Menschen, die niemals nur Teil einer einzigen Gemeinschaft sind, auf die sie Bezug nehmen und mit deren Erwartungen sie konfrontiert werden. Die Gesellschaft verstehen Dellwing und Prus als „Subkulturelles Mosaik“ (Dellwing & Prus, 2012, S. 32), das sich ständig im Wandel der Veränderungen befindet (Dellwing & Prus, 2012). Aufgrund der Vielschichtigkeit kultureller Zusammenhänge kann der Kulturbegriff nach Rathje (2006), auch nicht durch Homogenität charakterisiert werden. Was ihr gemäß eine Kultur auszeichnet, ist, dass die Unterschiede der jeweiligen einzelnen Mitglieder eines Kollektivs weitgehend bekannt und zur Normalität geworden sind. Ob diese Betrachtung des Kulturbegriffs hinreichend ist, muss hier offen bleiben und soll nicht weiter diskutiert werden. Was jedoch von Interesse ist, ist Rathjes im Fol- genden beschriebenes Konzept zur Interkulturellen Kompetenz, welches in der hier vorliegenden Ethikkonzeption weiterentwickelt werden soll.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

A bbildung 1: Kohärenz versus kohäsionsorientiertes Verständins von Interkulturali- tät (Rathje, 2006, S. 18).

Nach Rathje kann es während der Interaktion von Individuen aus unterschiedli- chen Kulturen aufgrund der mangelnden Kenntnis voneinander zu Fremdheitserfah- rungen kommen. Die Fähigkeit, diese Fremdheit zu überwinden und in Normalität umzuwandeln, zeichnet für Rathje Interkulturelle Kompetenz im Wesentlichen aus. „Interkulturelle Kompetenz kann dementsprechend als die Fähigkeit betrachtet werden, die in interkultureller Interaktion zunächst fehlende Normalität zu stiften“ (Rathje, 2006, S. 17). Gelinge dieser Transformationsprozess hin zur Normalitätser- zeugung, entstehe ein neuer kollektiver Zusammenhang zwischen den Individuen. In dieser neu entstandenen Kultur seien die individuellen Differenzen der Teilhabenden untereinander bekannt, weshalb sich ein Gefühl von Normalität entwickeln könne. Dieses neu entstandene Kollektiv biete dann eine Basis für zukünftige Kommunika- tion und weitere Zusammenarbeit oder weitere Zusammenleben und erkläre den Zusammenhalt einer Gruppe (Rathje, 2006). Wie in Abbildung 1 veranschaulicht, führt die von Rathje beschriebene Auffassung von Interkulturalität letztlich dazu, dass die Multikollektivität der Einzelnen um ein weiteres Element erweitert wird.

Der von Rathje entwickelte Kulturbegriff entspricht dem Anspruch nach Dif- ferenzorientierung gemäß den Prinzipien neuerer Interkulturalitätsforschung. So bietet Rathje eine plausible Erklärung des Zusammenhalts von Kulturen trotz Dif- ferenzen. Ob aus Interkulturalität der Zusammenhalt einer neuen Kultur entsteht, hängt jedoch neben der Interkulturellen Kompetenz der einzelnen Akteure von vielen weiteren Faktoren ab, wie z. B. den Machtverhältnissen oder strukturellen Bedingungen. Das Konzept der Interkulturellen Kompetenz nach Rathje ist bislang noch wenig erforscht, es liegen allerdings bereits Befunde aus dem Bereich der Wirtschaft vor, die darauf hinweisen, „dass der Zusammenhalt von Unternehmens- kulturen nicht notwendigerweise an Homogenität geknüpft ist, sondern eher an Normalitätserzeugung durch Bekanntmachung von Differenzen“ (Rathje, 2006, S. 17). Wie genau der Umwandlungsprozess von interkultureller Fremdheit in kultu- relle Normalität vonstatten geht oder welche Faktoren diesen Prozess begünstigen, bleibt in dem Modell von Rathje offen. Die Frage: „Wie entstehen neue Bezie- hungskulturen?“, soll deshalb in dieser Arbeit genauer untersucht werden. Dazu werden die theoretisch-konzeptionelle Grundlage der hier entwickelten ethischen Überlegungen im Folgenden genauer aufgezeigt.

Wie im Kapitel Interkulturalität neu denken ausgeführt, ist das Ziel dieser Konzeption einer Interkulturelle Ethik, Antworten darauf zu finden, wie das Ne- beneinander verschiedener Kulturen in ein kooperatives Miteinander transformiert werden kann. Die Initiation des Miteinanders wird in dieser ethischen Konzeption mit Bolten (2011) als Prozess verstanden, in dessen Zentrum ein durch Wechsel- seitigkeit gekennzeichneter Interkultureller Dialog steht. Verfügen die miteinander Interagierenden über Interkulturelle Kompetenz, die hier in Anlehnung an Rathje (2006) als Fähigkeit aufgefasst wird, interkulturelle Fremdheit zu überwinden, in- dem Verschiedenheiten bekannt gemacht werden, können neue Beziehungskulturen entstehen. Diese dialogisch initiierte Überwindung dient als Ausgangspunkt der ethischen Überlegungen.

Neue Kulturen entstünden, so Rathje (2006), durch die Bekanntmachung von Differenzen. Im Gegensatz zu diesem Konzept soll die im Interkulturellen Dialog stattfindende Normalitätserzeugung hier jedoch nicht über die Bekanntmachung von Differenzen definiert werden. Denn die Rede von Differenzen erinnert an traditionelle Interkulturalitätsperspektiven, bei denen verschiedene Kulturen homo- genisierend voneinander abgegrenzt werden, indem Unterschiede definiert werden. Somit befördert die Verwendung des Begriffs der Differenzen im Diskurs der In- terkulturalität eher die Vorstellung unveränderbar festgelegter Grenzlinien, als dass sie dem dynamischen Blick auf Kulturen gerecht wird. Die Erfahrungen, die Subjekte in der Gesellschaft machen, verändern die Lebenswelt und die sich darin bewegenden Individuen ständig aufs Neue (Dellwing & Prus, 2012). Was heute als Differenz bezeichnet wird, kann sich morgen durch neu gesammelte Erfahrungen bereits verschieben oder aufheben. Um diese Prozesshaftigkeit zu betonen, wähle ich innerhalb der Konzeption der hier angestellten ethischen Überlegungen anstelle des Begriffs der Differenz den Begriff des Abstands/Abweichungen (übersetzt aus dem Französischen écarts), so wie er von dem Philosophen und Sinologen François Jullien (2018) gedacht wird. Denn im Begriff der Abweichungen wird die differenzierende Grenzziehung durch einen dynamischen Raum des Abstands ersetzt. Die dieser Arbeit zugrunde liegende Annahme zur Interkulturellen Kompetenz, die in den folgenden Kapiteln näher erläutert wird, liegt dementsprechend darin, in Interkul- turellen Dialogen, durch das Erkennen von Abständen Fremdheit zu überwinden und neue Formen des Miteinanders, neue Beziehungskulturen, entstehen zu lassen.

2.4 Das Denken in Abständen und die Entdeckung kultureller Ressourcen

Jullien kritisiert in seinem Buch Es gibt keine kulturel le Identität als Antwort auf die 2015/2016 neu entbrannte Debatte um die Forderung nach kultureller Identität und die damit zusammenhängende Wiederkehr des Nationalismus, die Vorstel- lung, dass es in sich geschlossene kulturelle Identitäten gäbe, die in Kategorien der Differenz erfasst werden könnten. Das Konzept der kulturellen Identität und die Differenzierung verschiedener Kulturen hält Jullien grundsätzlich für einen Denkfehler.

Nun glaube ich, dass man sich in dieser Debatte nicht der richtigen Konzepte bedient: dass hier nicht von »Unterschieden« die Rede sein sollte, welche die Kulturen voneinander isolieren, sondern von Abstän- den (écarts). Diese Abstände, welche die Kulturen in Gegenüberstellung und daher in Spannung zueinander aufrechterhalten, bringen das Ge- meinsame zwischen ihnen zum Vorschein. Außerdem sollten wir nicht von »Identität« sprechen, da Kultur sich dadurch auszeichnet, dass sie mutiert, dass sie sich permanent verändert. Angebrachter scheint es mir daher, von Fruchtbarkeit zu sprechen und das ins Auge zu fassen, was ich Ressourcen nennen werde. (Jullien, 2018, S. 7 f.)

Jullien (2018) schlägt vor, sich der Debatte um die Verschiedenheiten von Kultu- ren nicht in Form des Benennens von Differenzen anzunähern, sondern mithilfe des Konzeptes des Abstands. Denn im Begriff der Differenz wird eine Unterscheidung vorgenommen, die Individuen aus den verschiedenen Kulturen klassifikatorisch voneinander isoliert und eine Reproduktion von Vorurteilen und Klischees befördert.

2.4.1 Abstände / Abweichungen

Die Denkfigur des Abstands positioniert im Gegensatz zum Begriff der Differenz das Verschiedene nicht auf unterschiedlichen Seiten, sie eröffnet vielmehr einen Erkundungsraum von Möglichkeiten neuer Beziehungskulturen. Die Abweichungen werden, so Jullien, im Abstand im Blick behalten, sie werden weiterhin in Beziehung zueinander gesetzt und regen deshalb mehr zur Reflexion an als die zur Klassifikation führende Definition von Unterschieden:

[...] situiert uns der Abstand von Anfang an in eine Transformation, mitten in eine Genesis und Entstehungsgeschichte. Es handelt sich nicht um ein metaphysisches (ein Wesen fixierendes), sondern um ein historisches (ein Auftauchen nachzeichnendes) Konzept. Die Differenz ist resultativ und daher statisch. Der Abstand hingegen ist durch seinen Aufschwung dynamisch. (Jullien, 2018, S. 73)

Der Abstand eröffnet ein Zwischen, welches die kulturell verschiedenartig ge- prägten Individuen dazu aktivieren, aus ihren jeweiligen Grenzen des Denkens hinauszutreten, da die Wahrnehmung vom Erwarteten abweicht und so etwas Neues zutage treten kann. Mit dem Denken in Abständen hänge, so Jullien, auch eine ethische und politische Aufgabe zusammen, denn die in Beziehung zueinander ge- setzten Kulturen bleiben im Abstand miteinander verbunden, werden definitorisch nicht voneinander getrennt und müssen so trotz oder gerade wegen der Gräben, welche sich zwischen ihnen auftun, stetig aktiv miteinander interagieren (Jullien, 2018). Das Gestalten der Interaktion kann als ethische Aufgabe, im Sinne von: „Wie soll ich mich persönlich in der interkulturellen Situation verhalten?“, oder als politische Aufgabe, im Sinnen von: „Wie sollen verschieden geprägte Kulturen zueinander in Beziehung stehen?“, verstanden werden. Um die von Jullien gestellte Frage: „Könnten die Beziehungen zwischen Kulturen., die dazu tendieren, sich auf »Unterschiede« zurückzuziehen, davon profitieren?“ (Jullien, 2018, S. 43), zu verdeutlichen möchte ich im Folgenden auf ein Beispiel aus der interkulturellen Wirtschaftskommunikation eingehen. Dazu zitiere ich zunächst einen Auszug aus dem Business-Knigge Indien der im Online Manager-Magazin erschienen ist und die Ereignisse innerhalb eines in Indien agierenden deutschen Pharmakonzerns beschreibt:

Obwohl der Manager bei seinem Mutterunternehmen in Deutschland sehr erfolgreich war, hatte er in Indien keinen Erfolg. Wenn seine Assis- tentin in Indien bei Anschreiben und Mails kleinere Fehler begangen hatte, wies er sie auf die Fehler hin wie er es aus Deutschland gewohnt gewesen war. Und genau dies war sein Fehler. Änstatt die Inderin zu loben und sie zu bitten, die Anschreiben noch etwas zu optimieren, regte sich der Choleriker über die Fehler auf. Während deutsche An- gestellte bei diesem Verhalten einfach weghören, sind Inder von der direkten Kritik entsetzt”, erzählt Rehan. Die Inderin war in diesem Fall sogar derart schockiert, dass sie sich mit anderen Angestellten absprach worauf sich das gesamte Team gegen den Chef stellte. Das Unternehmen musste darauf die Führungskraft auswechseln. (Oppel, 2008, 3. Teil, 2. Absatz)

Die hier beschriebenen Verschiedenheiten werden in Form von kulturellen Dif- ferenzen betrachtet und der Misserfolg des Managers durch die Unterschiede der Kulturen erklärt. Eine weitere Reflexion der Ereignisse (zumindest innerhalb dieses Business-Knigges) scheint aufgrund der hier zugrunde liegenden Klassifikation von Kulturen nicht vonnöten zu sein. Denn die kulturelle Differenz liefert eine einfache Erklärung für den Misserfolg. Wird der hier zitierte Vorfall jedoch im Denken von Abständen betrachtet, verlangen die beschriebenen Ereignisse, eine umfassendere Erklärung. Könnte sich der Manager bei der Betrachtung seines Misserfolges nicht auf kulturelle Differenzen zurückziehen, bestünde die Möglichkeit einer durch ethische Reflexion initiierten Veränderung seiner persönlichen Ethik (zumal der Grundsatz des positiven Feedbacks ja auch in Deutschland kein seltenes Attribut professioneller Führungskräftetrainings darstellt). Auch die allgemeine Firmenphilosophie des Pharmakonzerns könnte sich in positiver Art und Weise weiterentwickeln, wenn die interkulturelle Beziehung als Prozesses betrachtet wird und nicht in Form der Festschreibung von Differenzen. Der Vorfall wäre dann nicht lediglich durch den Austausch einer Führungskraft erledigt, weitere grundsätzliche Fragen in Bezug auf die Gestaltung zukünftiger interkulturelle Beziehungen könnten daraus resultieren.

Das Denken in Abständen ermöglicht es den interkulturelle Beziehungsraum als fruchtbaren Boden zu betrachten aus denen neue vielfältige Kulturen erwachsen können. Der Begriff des Abstands ermöglicht es somit auch das Anliegen der Diversity -Studies: Vielfalt als positive Bereicherung zu betrachten (Lütje-Klose & Löser, 2013), viel sichtbarer darzustellen als der Begriff der Differenz.

In Bezug auf die Forschungsfrage, wie das Nebeneinander von Kulturen im Interkulturelle Dialog in eine aktive Form des Miteinanders transformiert werden (vgl. Bolten, 2011, S. 26) und so eine neue Kultur entstehen kann (vgl. Rathje, 2006), hilft das Konzept des Abstands, insofern, dass der Fokus auf die reflexive und produktive Beziehung zwischen den Akteuren gelegt werden kann und dieses damit nicht auf zwei unterschiedliche Seiten verbannt werden. Ziel der Kultivierung einer dementsprechenden Interkulturellen Ressourcenethik liegt nun auch nicht darin, alle Menschen durch universalistische Werte zu vereinen oder zu vereinheitlichen, sondern darin, einen fruchtbaren Boden in Interkulturellen Dialogen zu kultivieren, der die Vielfalt erweitert.

2.4.2 Kulturelle Ressourcen

In der Ausformulierung der hier skizzierten Interkulturellen Ethik, sollen die Kon- zepte Authentizität und Empathie nicht als Werte definiert, sondern im Sinne von Jullien (2018) als Ressourcen gedacht werden. Im Folgenden, werden zunächst die Gründe genannt, die gegen die Formulierung einer werteorientierten Interkulturellen Ethik sprechen, um dann anschließend das Konzept der Ressourcenorientierung näher zu erläutern.

[...]

Ende der Leseprobe aus 91 Seiten

Details

Titel
Interkulturalität neu denken. Authentizität und Empathie als ethische Orientierung?
Hochschule
Pädagogische Hochschule Freiburg im Breisgau  (Institut für Erziehungswissenschaften)
Note
1,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
91
Katalognummer
V463429
ISBN (eBook)
9783668922785
ISBN (Buch)
9783668922792
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Interkulturalität, Diversity, Empathie, Authetizität, Differenzen, Ethik, Philiophie, Soziale Arbeit, Neurobiologie, Dialog, Flucht und Migration, Vielfalt, Praxis, Bildung, Reflexion, Macht, Teilhabe, Erwachsenenbildung, Vorurteile, Interaktion, Emotion, Denken, Bewerten, Achtsamkeit
Arbeit zitieren
Jasmin Dazer (Autor), 2018, Interkulturalität neu denken. Authentizität und Empathie als ethische Orientierung?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/463429

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