Wer einmal Komödien des Aristophanes gelesen hat, wird schnell merken, dass sie für sich genommen, als reine Kunstwerke, nur schwer verständlich sind. Zu zahlreich sind die zeitgebundenen Anspielungen und zu fremd erscheint die in den Stücken geschilderte Lebenswelt. Was aus aufführungstechnischer Sicht bedauernswert sein mag, macht die Komödie aber gerade für Historiker besonders interessant. So kam schon in den 40er Jahren Victor Ehrenberg auf die Idee, auf der Grundlage der Komödien des Aristophanes eine sozialgeschichtliche Arbeit über die athenische Gesellschaft des 5. Jahrhunderts zu schreiben. Gerade weil die Komödie nicht wie die Tragödie auf dem Mythos, sondern auf dem Alltagsleben der Bürger in Athen aufbaut, schien sie ihm für eine solche Arbeit besonders geeignet.
Wenn man sich jedoch auf diesen Gedanken einlässt und die Komödie nicht mehr als zeitloses Kunstwerk sieht, sondern als ein in vielfacher Hinsicht historisch bedingtes Phänomen, stellt sich die Frage, was die Komödie im Athen des 5. Jahrhunderts eigentlich gewesen ist. Offensichtlich ist es irreführend, sie in Kategorien des heutigen Theaters, etwa als Freizeitvergnügen, zu beschreiben.
Um die Frage zu beantworten, ist es naheliegend, die Komödie in ihren historischen Kontext, nämlich ihre Aufführung bei kultischen Festspielen, zurückzuversetzen und sie als ein mit Ritualen, Kulten und Festen verbundenes Phänomen zu sehen. Diese Interpretationsrichtung ist für das Drama insgesamt vor allem seit den Studien von Gilbert Murray und Francis Cornford in den unterschiedlichsten Variationen verfolgt und dabei immer wieder heftig diskutiert worden. Während dabei am Anfang die Kritik überwog, gibt es seit den 80er Jahren unter dem Einfluss von Ideen aus der vergleichenden Religionswissenschaft und der Ethnologie wieder Arbeiten, die den rituellen Charakter der Komödie stärker hervorheben. In dieser Hausarbeit soll gerade anhand dieser neueren Arbeiten geklärt werden, in welchem Maße die alte Komödie in einem ethnologischen Sinn als ein Ritual verstanden werden kann.
Inhaltsverzeichnis
I. EINLEITUNG
II. AUFFÜHRUNGSKONTEXT UND URSPRUNG DER ALTEN KOMÖDIE
A. LÄNDLICHE DIONYSIEN, LENÄEN, GROßE DIONYSIEN
B. DER GOTT DIONYSOS
C. ARISTOTELES ÜBERLEGUNGEN ZU DEN URSPRÜNGEN DER ALTEN KOMÖDIE
III. RITUELLE ASPEKTE DER KOMÖDIE
A. RITUAL UND PERFORMATIVITÄT
1. Die Begriffe
2. Die performative Rolle des Chores in der Komödie
B. KOMÖDIE UND ”RITES DE PASSAGE”
1. Was sind ”rites de passage”?
2. Die Ephebie und das Drama
3. Andere Übergangsriten in der Komödie
C. DIE SOZIALE TYPENKOMÖDIE UND DAS LACHEN IN DER KOMÖDIE
IV. ZUSAMMENFASSUNG
V. LITERATUR
A. QUELLEN
B. SEKUNDÄRLITERATUR
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, inwieweit die antike Komödie, insbesondere die Werke des Aristophanes, als rituelles Phänomen verstanden werden kann, und analysiert dabei das Spannungsfeld zwischen fiktionalem Drama und kultisch-religiösem Aufführungskontext unter Einbeziehung ethnologischer und religionswissenschaftlicher Theorien.
- Historischer Aufführungskontext und Dionysos-Bezug
- Performativität und die rituelle Rolle des Chores
- Anwendung des Konzepts der Passagerituale
- Die Ephebie als Modell für Übergangsriten im Drama
- Sozialgeschichtliche Deutung der Typenkomödie
Auszug aus dem Buch
Die performative Rolle des Chores in der Komödie
Wenn man über die Chorauftritte im Drama spricht, muss man sich zunächst klar machen, dass Chöre in Griechenland nicht nur ein Phänomen des Theaters sind, sondern in unterschiedlichsten Lebenszusammenhängen vorkommen. Innerhalb des Götterkultes tanzten Chöre vor allem an den Festen von Apollon, Artemis und Dionysos, daneben hatte das Tanzen im Chor aber auch eine wichtige soziale und politische Funktion und war Bestandteil des Bildungsideals, wie unter anderem bei Platon deutlich wird, für den ein achóreutos gleichzeitig apaídeutos ist.
Gerade angesichts dieser außertheatralischen Elemente des Chores hat sich die Theorie vom kultischen Ursprung der Komödie immer mit Vorliebe auf die Chorpartien in den Stücken berufen. Die Auftritte des Chores galten oft als alte, rituelle Überreste innerhalb der geschlossenen dramatischen Handlung. In zeitgenössischen Aufführungen bereiten die Chorauftritte oft Probleme, denn sie unterbrechen in vielen Fällen die Handlung und stören daher nach modernen ästhetischen Maßstäben eher. In besonderem Maße gilt dies für die Parabase, in der sich der Chor unmittelbar an das Publikum wandte.
Zusammenfassung der Kapitel
I. EINLEITUNG: Die Einleitung skizziert die wissenschaftliche Fragestellung, die Komödie nicht als zeitloses Kunstwerk, sondern als historisch bedingtes, rituelles Phänomen zu begreifen.
II. AUFFÜHRUNGSKONTEXT UND URSPRUNG DER ALTEN KOMÖDIE: Dieses Kapitel untersucht die Festspiele, bei denen Komödien aufgeführt wurden, die Rolle des Gottes Dionysos sowie antike Theorien zur Entstehung der Gattung.
III. RITUELLE ASPEKTE DER KOMÖDIE: Dieser Hauptteil analysiert Begriffe wie Performativität, untersucht die Bedeutung von Passageritualen und der Ephebie für das Drama und kontrastiert dies mit dem sozialgeschichtlichen Ansatz der Typenkomödie.
IV. ZUSAMMENFASSUNG: Das Kapitel fasst die Ergebnisse zusammen, die darauf hindeuten, dass die Komödie des 5. Jahrhunderts untrennbar mit dem rituellen Leben der Polis verknüpft war.
V. LITERATUR: Listet die verwendeten Primärquellen und die wissenschaftliche Sekundärliteratur auf.
Schlüsselwörter
Alte Komödie, Aristophanes, Dionysos, Ritual, Performativität, Passagerituale, Ephebie, Chor, Athen, Typenkomödie, Sozialgeschichte, Drama, Kult, Griechische Antike, Festspiele.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht, ob und wie die griechische Komödie des 5. Jahrhunderts v. Chr. als rituelles, mit religiösen Festen verbundenes Phänomen historisch korrekt eingeordnet werden kann.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Mittelpunkt?
Die Analyse fokussiert auf den Aufführungskontext, die Bedeutung des Gottes Dionysos, den rituellen Charakter des Chores, die Anwendung ethnologischer Passagerituale sowie die soziale Typenkomödie.
Was ist das primäre Forschungsziel?
Das Ziel ist es, durch die Analyse ritueller und performativer Elemente ein tieferes Verständnis dafür zu entwickeln, was die Komödie für den athenischen Bürger damals wirklich bedeutete, jenseits moderner Theaterkategorien.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden angewandt?
Die Arbeit nutzt Ansätze der Ethnologie und vergleichenden Religionswissenschaft, insbesondere die Ritual- und Performativitätstheorie sowie Konzepte der Übergangsriten, um die Dramen zu interpretieren.
Was wird im Hauptteil der Untersuchung behandelt?
Im Hauptteil werden der Kontext der Dionysien, die performative Funktion des Chores, die Übertragbarkeit von Passageritualen (wie der Ephebie) auf das Drama sowie die Kritik an diesen Ansätzen durch den sozialgeschichtlichen Ansatz der Typenkomödie diskutiert.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe sind Ritual, Performativität, Ephebie, Dionysos, alte Komödie, soziale Typenkomödie und Passagerituale.
Warum ist die Unterscheidung zwischen "fiktionaler Literatur" und "realem Ritual" in der Komödie problematisch?
Weil der tanzende Chor in den Komödien als Teil der kultischen Dionysos-Verehrung gleichzeitig ein Ereignis innerhalb des Festes war, wodurch die Grenze zwischen Theaterstück und ritueller Handlung verschwimmt.
Welche Kritik übt die Arbeit am Konzept der "Passagerituale"?
Der Autor weist darauf hin, dass das Konzept so allgemein ist, dass nahezu alles damit erklärt werden kann. Er fordert daher eine Konzentration auf historisch konkret erfassbare Riten wie die Ephebie.
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- Moritz Deutschmann (Author), 2005, Rituelle und kultische Elemente in der Aristophanischen Komödie, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/46354