Zur Kontroverse der Grausamkeit in den Märchen der Brüder Grimm


Hausarbeit, 2019
19 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definition des Märchens und des Bösen
2.1 Das Märchen
2.2 Das Böse

3. Die Sammlung der Brüder Grimm
3.1 Kritik und Lob für die Kinder- und Hausmärchen
3.2 Die Rechtfertigungen der Brüder
3.3 Editierung und Zensur

4. Die Märchen
4.1 Hänsel und Gretel
4.2 Rotkäppchen
4.3 Rapunzel
4.4 Blaubart
4.5 Wie Kinder Schlachtens miteinander gespielt haben

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

7. Internetverzeichnis

1. Einleitung

„ für die Zukunft“1

Diese Aussage tätigten die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm, um die, aus ihrer Sicht, große Bedeutung ihrer Märchen zu verdeutlichen. Es zeigt deutlich, dass sie der Überzeugung waren, dass ihre Märchensammlung nicht nur zu ihrer Zeit, sondern auch für die nachfolgenden Generationen von Wert sein würden.

Die damalige Zukunft ist unser hier und jetzt. Deshalb lässt sich festhalten, dass die Überzeugung der Grimms angemessen und richtig war. Es lässt sich die These anführen, dass beinahe jedes Kind im europäischen Raum und auch darüber hinaus bereits mindestens eins der grimmschen Märchen gehört hat und kennt.

So haben durch die Märchen jedoch nicht nur das Geschwisterpaar Hänsel und Gretel, sondern auch die Brüder Grimm große Bekanntheit erlangt. Denn sie können auch, ohne ein mutiges Heldengespann in einem Märchen darzustellen, fraglos als Helden des deutschen Märchenkults bezeichnet werden.

Doch welchen Aspekten ist es zu verdanken, dass sich die gesammelten Texte der Brüder noch heute solch großer Beliebtheit erfreuen dürfen?

Eine Komponente dürfte dabei auch eine der größten Konstanten der meisten Märchen darstellen: das Grausame.

Denn so wie jede gute Geschichte ihre Helden und Sympathieträger braucht, so bedarf es auch der Gegenspieler oder schlicht gesagt, den Bösen.

So denkt jeder der über Märchen spricht auch gleichzeitig an gemeine Stiefmütter, hinterlistige Wölfe und alte gerissene Hexen. Deren Taten und Intrigen schaffen erst die Spannung, die viele Märchen ausmacht. Mit den Aspekten des Bösen soll sich diese Hausarbeit ebenso auseinandersetzen, wie mit der allgemeinen Kontroverse und Kritik an der detaillierten Gewalt.

Dieser Aspekt wird nicht erst in den letzten Jahrzehnten kritisch betrachtet und teilweise auch verurteilt. Bereits die erste Auflage der Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm erhielt neben Lob auch viel Schelte und Missgunst für die sehr eingängige Darstellung von Gewalt und Grausamkeit.

Diese kritischen Stimmen sorgten von Rechtfertigungen seitens der Grimms bis hin zur Zensur und Streichung ganzer Märchen. Diese zensierten und entfernten Märchen sollen in dieser Arbeit jedoch ebenso analysiert und erwähnt werden, wie die heutigen Klassiker der Sammlung.

2. Definition des Märchens und des Bösen

Zum besseren Verständnis der folgenden Themen soll beginnend eine kurze Definition des Märchens und des typischen Bösen erfolgen und wie diese im Märchen Einfluss nehmen können.

2.1 Das Märchen

Allein das Märchen ist ein schwer zu fassender und oftmals fehlinterpretierter Gegenstand. Abgeleitet aus dem Mittelhochdeutschen Maerlein/Märlein und der späteren Form des Oberdeutschen entstand das Wort Märchen wie wir es heute kennen. Es stand stellvertretend für eine Erzählung oder auch, was wohl am treffendsten ist, eine Überlieferung. 2

Streng genommen sind Märchen keine Texte, welche nach einem festen Schema niedergeschriebenen wurden und eine unabänderliche Einheitlichkeit besitzen. So können die Märchen, welche in Sammlungen und Büchern enthalten sind, eher als eine Nachahmung angesehen werden. Ein Märchen ist etwas, das über mehrere Generationen erzählt und bei jeder neuen Interpretation, gewollt oder ungewollt, abgewandelt wurde.3

Bei den Märchen, welche von Mund zu Ohr erzählt und verbreitet wurden, handelt es sich um sogenannte Volksmärchen. Also eine Geschichte des Volkes für das Volk. Manche gingen sogar so weit und merkten an, dass ein Märchen nur dann echt wäre, wenn es eben nicht in aufgeschriebener Form existieren würde. Sie waren der Überzeugung, dass es von der Art und Weise des Vortrags leben würde. Die Geschichte wird durch das Minenspiel des Erzählers lebendig und durch dessen Sprech-, Atem-, oder Kunstpausen erst greifbar und real.

Dem gegenüber steht das Kunstmärchen bzw. Buchmärchen. Dies sind beispielsweise die Texte in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm.4

Dass die Märchen, obgleich sie nicht mehr zwingend dem Volksmärchen entsprechen, auch heute noch in verschiedenster Form erfolgreich und beliebt sind, zeigt sich durch den enormen Bekanntheitsgrad und die immer wieder neu verarbeiteten Fassungen.

Doch ob es das typische erzählte Märchen, ein Theaterstück oder eine Filmadaption von Disney ist, eines haben sie alle gemeinsam. Das Böse und das Grausame.

2.2 Das Böse

Diese lassen sich als Ausgangspunkt und Motivator für die meisten Märchenhandlungen feststellen.5 So wären Hänsel und Gretel ohne ihre Mutter und ohne die Hexe nur zwei Kinder in ärmlichen Verhältnissen und die sieben Geißlein ohne den Wolf nur unbeaufsichtigte Kinder in einer sicheren Umgebung.

Zur Begründung von bösen Taten in Märchen zählen häufig der Zorn auf das Hab und Gut einer anderen Person, die Missgunst hinsichtlich Schönheit oder auch einfache Gelüste wie Hunger. Ausgeführt werden diese Delikte in einer Vielzahl von angeheirateten Verwandten, Tieren oder auch Figuren mit magischen Kräften.6

Ein interessanter Aspekt ist hierbei die unterschiedliche Deutung und Interpretation von Gewalt hinsichtlich der ausführenden Instanz. So werden die Gräueltaten der bösen Figuren auch als das angesehen was sie sind. Anders hingegen verhält es sich, wenn der Held oder die Heldin der Geschichte ein, von außen betrachtet, schreckliches und schmerzhaftes Urteil fällt.7 So würde niemand der Gretel Grausamkeit oder gar eine sadistische Art zuschreiben, wenn sie ihre Widersacherin in einen brennenden Ofen stößt und sie somit absichtlich tötet. Viel mehr wird dieser Akt der Gewalt als Gerechtigkeit angesehen und unterstützt.

Es ist somit nicht nur entscheidend welche Straftaten erfolgen, sondern auch durch wessen Hand sie geschehen. Darüber hinaus bedingen sich die beiden behandelten Begriffe gegenseitig. Es kann kein Märchen geben ohne einen gewissen Grad an Bosheit, Grausamkeit oder zumindest bösen Taten, die die Geschichte ins Rollen bringen und die Protagonisten antreiben.

3. Die Sammlung der Brüder Grimm

Wie bereits eingehend erwähnt wurde sind es die Brüder Jacob und Wilhelm, welche von enormer Bedeutung für den Erhalt des deutschen Märchens sind. Ohne ihre Tätigkeit und Sammlung wäre es denkbar, dass uns viele der Überlieferungen heute nicht mehr oder nur noch stark verändert oder vermindert zur Verfügung ständen.

Dies wäre vor allem deshalb zu bedauern, da es einen Einblick in die damalige Gesellschaft zulässt.

So war das Motto der Brüder: „Zu retten suchend, was zu retten ist“ 8

Dieses Zitat ist einem Brief Jacob Grimms zu entnehmen, den er seinem Freund Clemens Brentano schrieb. In einer Zeit voller neuer Einflüsse auf die Gesellschaft und geprägt von Umgestaltung kultureller Aspekte, war diese Aussage als stellvertretender Hilferuf des deutschen Kulturguts verstanden worden.9 Unter dieser Prämisse begannen also die Brüder ihre Sammlung von Volksmärchen.

Aus diesem Antrieb resultierte eine lange Episode der Suche und Sammlung von Märchen, wie sie sich im damaligen Deutschland erzählt und verbreitet wurden. Herangetragen wurden die Geschichten von Freunden und Bekannten der Brüder. Dazu zählte auch ein gewisses Dörtchen Wild, welches später Wilhelm heiratete.

Die Früchte dieser Arbeit waren erstmals 1812 zu sehen, als die allererste Auflage der Kinder- und Hausmärchen veröffentlicht wurde. In den folgenden Jahren unterzogen die Brüder den Märchen mehrere Überprüfungen und auch Abwandlungen. Die letzte eigens editierte Version wurde dabei im Jahre 1857 herausgegeben.10

Der Erfolg des Märchenbuchs verlief dabei jedoch nicht von Beginn an so erfolgreich, wie man es sich bei der heutigen Beliebtheit vielleicht vorstellen könnte.11 Dennoch gab es bereits 1923 die übersetzte Version der Kinder- und Hausmärchen in England, welche ebenfalls Beliebtheit erlangte und die Märchen somit über die deutschen Grenzen hinaus.

3.1 Kritik und Lob für die Kinder- und Hausmärchen

Die Sammlung der grimmschen Märchen enthält in den letzten eigens editierten Versionen von 1857 genau 202 Geschichten. Diese zieren insgesamt 132 Tote, welche keines natürlichen Ursprungs starben.12 Dieser Aspekt kann wohl als Indiz gesehen werden, weshalb bereits in den ersten Jahren gesteigerte Kritik an den Märchen und somit auch ihren Verantwortlichen, den Grimms, aufkam.

Dieser enormen Anzahl an Tötungsdelikten, in denen diverse Verletzungen etc. noch nicht mit inbegriffen sind, brachten bereits in den frühesten Jahren der Kinder- und Hausmärchen Kritiker auf den Plan. Diese Diskussion besteht, ebenso wie die Märchen, noch heute.

Es stellt sich für manche die Frage: Ist man als Elternteil unverantwortlich, wenn man den Kindern von Tanzabenden inklusive glühenden Pantoffeln mit Todesfolge oder von einem Serienkiller in Form eines Wolfs vorliest?

Diese Frage beschäftigte schon zu den Lebzeiten der Grimms die Menschen, so wie sie die Pädagogen, Erzieher und Eltern der Gegenwart tangiert.

Clemens Brentano, ein enger Freund der Brüder, war einer der ersten Kritiker, da ihm die Art und Weise der Dichtung unangenehm auffiel. Ihm ging es indes also weniger um die Gewaltdarstellungen als um die sehr schlichte Art der Textgestaltung anhand von sprachlichen Mitteln. Es sei nicht unterhaltsam, sondern in einem sehr trockenen Stil verfasst.13

Ebenfalls kritisch und dennoch auch lobend fiel das Urteil eines weiteren Freunds der Brüder aus. Achim von Arnim hatte einen großen Beitrag zu den Kinder- und Hausmärchen beigetragen und war somit auch in fast jeder Hinsicht ein Befürworter der Sammlung.14

Doch wie mehrere Briefe, welche sich von Arnim und Wilhelm schickten, aufzeigen, hatte er Bedenken bezüglich der detailreichen Ausschmückung und Nutzung von Gewalt.15

Sein Lösungsvorschlag war dabei eine Anmerkung in den Büchern, dass die Erziehungsberechtigten eine eigene Auswahl treffen sollten. Vor dem Erzählen hätte der Hinweis also als Warnung vor ungeeigneten Geschichten fungieren können.16

Der Sinn und die Auswirkung auf die Kinder waren also bereits früh kontrovers diskutiert und in der Kritik. Es kann das Kind dazu animieren ähnliche gewalttätige Handlungen auszuführen oder sie als akzeptable Möglichkeiten der Erreichung von Zielen anzusehen.

Diese Hypothese vertraten auch die Besatzungsmächte, nach Ende des zweiten Weltkriegs. Sie betrachteten die Märchen der Brüder Grimm mit sehr viel Argwohn, da sie die Vermutung hatten, dass solch grausame Geschichten keinen guten Einfluss auf Kinder hätten. Der Verdacht stand im Raum, dass durch solche Geschichten eine Abhärtung bzw. Akzeptanz gegenüber Gewalt und Grausamkeiten entstehen könnte. Die Skrupel vor boshaften Taten also herabsetzen würden.17

[...]


1 Bockemühl (2008): S.12

2 Vgl. Bialachowski (2013): S. 17

3 Vgl. Bockemühl (2008): S. 8

4 Vgl. Bialachowski (2013): S. 20

5 Vgl. Wilhelm (1977): S. 623

6 Ebd.

7 Vgl. Wilhelm (1977): S. 625

8 Bialachowski (2013): S. 45

9 Vgl. Bialachowski (2013): S. 45

10 Vgl. Kraft (2010): S. 16

11 Vgl. Bialachowski (2013): S. 52

12 Vgl. Nosseir (2003): S. 23

13 Vgl. Bialachowski (2013): S. 55

14 Vgl. Bialachowski (2013): S. 54

15 Vgl. Geister (2014): S. 8

16 Vgl. Nosseir (2003): S. 7

17 Vgl. Nosseir (2003): S. 59

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Zur Kontroverse der Grausamkeit in den Märchen der Brüder Grimm
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen
Autor
Jahr
2019
Seiten
19
Katalognummer
V465980
ISBN (eBook)
9783668938588
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kontroverse, grausamkeit, märchen, brüder, grimm
Arbeit zitieren
Michael Müller (Autor), 2019, Zur Kontroverse der Grausamkeit in den Märchen der Brüder Grimm, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/465980

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Zur Kontroverse der Grausamkeit in den Märchen der Brüder Grimm


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden