Bourdieus Theorie des sozialen Raums. Analytische Auseinandersetzung mit Bourdieus Theorie unter Einbezug des physischen Raum Berlins


Hausarbeit, 2019
19 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I Einleitung und Gesellschaftliche Relevanz

II Bourdieus sozialer Raum

III Wie wird sozialer Raum sichtbar?
3.1. Vorstellung der relevanten Stadtbezirke Berlins
3.2. Sozialer und physischer Raum am Beispiel von Berlin

IV Beantwortung der Fragestellung und Fazit

Literaturverzeichnis

I Einleitung und Gesellschaftliche Relevanz

1 Der Soziologe Pierre Bourdieu erarbeitete im Laufe seines Lebens eine umfassende Gesellschaftstheorie, dessen Ausgangspunkt zur analytischen Konstruktion des sozialen Raums die Teilungsprinzipien gegenwärtiger Gesellschaften darstellt (vgl. Müller 2014: 47). Der Raumbegriff fungiert bei Bourdieu eher als Metapher (vgl. Lippuner 2012: 130). Vielmehr lässt sich die moderne Sozialwelt als eine Art mehrdimensionaler Raum begreifen, „dessen einzelne Dimensionen spezifische Unterscheidungs- oder Verteilungsprinzipien und deren Eigenschaften bilden“ (Müller 2014: 47). Sie wird von Akteuren besetzt, welche innerhalb dessen durch ihre relative Stellung charakterisiert sind (vgl. Bourdieu 1991a [1985]: 10). Jeder Akteur positioniert sich auf nur einer Stelle im sozialen Raum, die sich aus dem Umfang und der Zusammensetzung des Kapitalvolumens ergibt, sodass sie in drei verschiedene Gesellschaftsklassen eingeordnet werden: die herrschende Klasse, die Mittelklasse und die Volksklasse. Aber nicht nur die Stellungen der Akteure werden in Bourdieus mehrdimensionalen Raum dargestellt, sondern auch ihre Lebensstile; ihre Habitus. (Vgl. Bourdieu 2012 [1987]: 212f./286) Vor diesem Hintergrund schließt der soziale Raum die Möglichkeit einer Begegnung zwischen zwei „mit Kapital ungleich ausgestatteten Akteuren“ (Schroer 2018 [2006]: 84) aus. Gruppenbildungen mit ähnlicher Kapitalausstattung würden sich als dauerhafter und stabiler erweisen, während andere Gruppenzusammenschlüsse durch die Spaltungen der räumlichen Distanz bedroht seien (vgl. Bourdieu 1991a [1985]: 14).

Um Bourdieus Theorie des sozialen Raums sichtbar machen zu können, stelle ich die Berliner Stadtbezirke Charlottenburg-Wilmersdorf und Neukölln vor, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Die Namen der Bezirke sind meist schon ausreichend, um ihnen und ihren Einwohnern eine entsprechende Bedeutung und Kultur zuzuweisen (vgl. Noller 2011: 71). Diese „Eigenlogik“ (Terizakis (Hg.) 2011: 11) der Städte – in diesem Fall der Stadtbezirke – setzt bei Aussprache der Namen entsprechende Bilder beim Zuhörer frei, die ihm wie auch dem Sprecher Einigkeit über die dortige Kultur verschaffen (vgl. ebd.). Charlottenburg-Wilmersdorf wird dabei als wohlhabende Gegend angesehen, während Neukölln als sozialer Brennpunkt gilt (vgl. Infrarot Berlin 2012; rbb24 08.06.2018). Daher entsteht in Zusammenhang mit Bourdieus theoretischem Modell die Vorannahme, dass Wohnbezirke die gesellschaftliche Position ihrer Bewohner aufzeigen und in wohlhabend beziehungsweise arm klassifizieren. Mit der Klarwerdung über die ökonomischen Gegebenheiten, können Bewohner ebenfalls nach ihrem Lebensstil eingestuft werden. Die Vorstellung, dass in Charlottenburg ein einfacher Landarbeiter mit Familie lebt, erscheint für Bourdieu zunächst absurd, da seinem Beruf ein nur niedriges Kapitalvolumen zugeschrieben wird (vgl. Bourdieu 2012 [1987]: 213). Ebenfalls absurd erscheint für ihn, dass ein Bewohner aus Neukölln gerne in die Oper gehen könnte, da die Oper tendenziell als eine Freizeitveranstaltung für Wohlhabende gehandelt wird (vgl. ebd.: 212). Daraus entsteht eine weitere Vorannahme, die in der vorliegenden Arbeit unbedingt diskutiert werden muss: Wohngebiete deuten auf den Lebensstil einer gesellschaftlichen Position und ihrer Bewohner hin. Doch inwieweit kann die moderne Sozialwelt in einem solchen ‚schwarz-weiß‘-Denken begriffen werden? Anhand der aufgestellten Vorannahmen soll folgende Forschungsfrage beantwortet werden können:

Wie wird Bourdieus Theorie des sozialen Raums sichtbar und wie wird hierdurch gesellschaftliche Ordnung erschaffen?

Zunächst wird ein einführender Überblick zu Bourdieus Theorie des sozialen Raums und den Eigenschaften der Berliner Bezirke Neukölln und Charlottenburg-Wilmersdorf geboten. Im daran anschließenden Analyseteil wird das theoretische Konstrukt in Bezug auf den vorgestellten ‚physischen Raum‘ Berlin diskutiert werden. Wie bereits erwähnt, sollen Städte eine Eigenlogik besitzen, die in der Analyse zur Diskussion beitragen soll. Außerdem eröffnet dieser Teil Raum zur kritischen Auseinandersetzung mit der Theorie. Auf diese Weise sollen die Vorannahmen bewiesen oder widerlegt und die Forschungsfrage beantwortet werden.

II Bourdieus sozialer Raum

Das Modell des mehrdimensionalen, sozialen Raums stellt der Soziologe in Form eines Koordinatensystems dar. Auf der Ordinatenachse verteilt sich die Menge des gesamten Kapitalvolumens und auf der Abszissenachse die Menge der entsprechenden Anteile der einzelnen Kapitalsorten. Als dritte, nicht unerhebliche, aber dennoch oft unberücksichtigte Dimension fungiert die Zeit, welche die diachrone Entwicklung der sozialen Positionen abbildet. (Vgl. Bourdieu 2012 [1987]: 212f.; Schroer 2018 [2006]: 84) Die Positionen koppelt Bourdieu an Berufsbezeichnungen und Lebensstile, da so die Menge der Kapitalressourcen deutlich wird (vgl. Bourdieu 2012 [1987]: 212f.). Um die Komplexität hinter Bourdieus theoretischem Modell zu verstehen, muss unbedingt sein Verständnis von Kapital erläutert werden, welches essentiell für das Konstrukt des sozialen Raums ist.

In seinem Werk „Sozialer Raum und Klassen“ ((1991a) [1985]) wirft er Marx vor, dass dieser den mehrdimensionalen Raum auf das ökonomische Kapital reduziere, was bedeutet, dass die soziale Stellung allein durch den Besitz von Produktionsgütern definiert werden würde. Zwar erkennt Bourdieu die Relevanz des ökonomischen Kapitals (Geld), trotzdem vertritt er die Ansicht, dass dieses nicht allein über die Position in einem bestimmten Raum entscheidet, sondern die Gesamtheit aller Erscheinungsformen des Kapitals (vgl. Müller 2014: 47). So erarbeitet der französische Soziologe eine ausgedehnte Differenzierung des Begriffs, indem er diesen um das symbolische, soziale und kulturelle Kapital erweitert: Das symbolische Kapital bildet die Wahrnehmung der übrigen Kapitalsorten. Es bezeichnet den Wert einer Person. In der Soziologie wird von Prestige, Ansehen oder Renommee gesprochen. (Vgl. ebd.: 54/56) Das soziale Kapital meint die Qualität und Quantität der sozialen Beziehungen; die „Zugehörigkeit zu einer Gruppe“ (Bourdieu 1983: 190f.; i. O. kursiv). Dem kulturellen Kapital kommt eine besonders große Bedeutung zu. Es meint konkret das Wissen eines Akteurs. Daher gehören neben Bildung und Fähigkeiten, auch Gegenstände wie Gemälde, Instrumente und ökonomisches Kapital dazu (objektiviertes Kulturkapital). Ebenso äußert sich das kulturelle Kapital durch gewisse Bildungstitel und Schulabschlüsse, welche er als institutionalisiertes Bildungskapital bezeichnet. An dieser Stelle ist zu betonen, dass nicht nur das kulturelle sondern auch das ökonomische Kapital Formen des inkorporierten Kulturkapitals sind, also ein verinnerlichter, körpergebundener und fester Bestandteil der Person (Bildung, Geschmack, Distinktion2 ) – es ist zum Habitus geworden. (Vgl. Bourdieu 1983: 187-190; Müller 2014: 53f./56) Demnach werden kulturelle Güter entweder symbolisch, unter Voraussetzung des inkorporierten Kulturkapitals (Habitus), oder materiell, unter Voraussetzung des ökonomischen Kapitals, angeeignet.

Im Fokus des Modells steht ebenso die Frage inwieweit Geschmack und Lebensstil, also individuelle Vorlieben und Entscheidungen, und die gesellschaftliche Position zusammenhängen. Die Begriffe Geschmack und Lebensstil sind hierbei Indikatoren für subjektive Wahrnehmungs-, Bewertungs- und Handlungsschemata (vgl. Fröhlich/Rehbein (Hg.) 2014: 220), die bisher und auch im weiteren Verlauf der Arbeit unter dem Begriff des Habitus gefasst werden. Die aufgeworfene Habituskonzeption beruht auf der Annahme, dass der Habitus durch einen langwierigen Prozess der Sozialisation übernommen wird und so die verinnerlichte Gesellschaft repräsentiert (Kulturkapital). Er konstituiert sich innerhalb der Sozialstruktur aufgrund der sozialen Lage und Stellung eines Menschen. Durch generierte Dispositionen und Systeme sollen die Praxisstrategien/Handlungen des Subjektes angeleitet und unbewusst in ihren eigenen Interessen verfolgt werden. Diese erworbenen Dispositionen bleiben zukünftig stabil, so werden individuelle Praxisstrategien auch dann umgesetzt, wenn sie eigentlich nicht länger in die veränderten Strukturen der Umwelt passen. Abhängig von neuen Erfahrungen zeigt sich der Habitus flexibel und wandelbar. Daher behauptet Bourdieu, dass durch den Habitus die menschliche Handlung vorhergesagt werden kann. (Vgl. Bourdieu 2001: 181; Müller 2014: 42f.)

Der Habitus-Begriff ist außerdem eng mit dem Feld-Begriff verbunden. Die objektiven Strukturen, die das Individuum umgeben, sind in einzelnen Feldern wirksam, die in ihrer Gesamtheit den sozialen Raum prägen. Seine soziale Positionierung gibt dem Akteur die Möglichkeit sich in entsprechenden Regionen des Raums, den sogenannten Feldern, zu gruppieren. (Vgl. Bourdieu 1991a [1985]: 10) Diese Felder, wie beispielsweise politische Parteien, universitäre Unternehmen, Wissenschaft oder Wirtschaft, existieren durch die Investition der Ressourcen und Interessen der Akteure, die nicht zuletzt durch ihren reziproken Widerstreit zur Erhaltung oder gar Veränderung der Strukturen beitragen. (Vgl. Bourdieu 2001: 74; Schroer 2018 [2006]: 84) Daher werden Felder auch als Kraftfelder bezeichnet, weil innerhalb derer um bestimmte Kapitalsorten gestritten wird. Jedes Feld ist ein strukturierter Raum, in dem die durch den Habitus hervorgerufene Praxis stattfindet und eigene feldspezifische Regeln gelten. (Vgl. Bourdieu 1991a [1985]: 10)

Ausgehend von der Positionierung im sozialen Raum, lassen sich Akteure mit ähnlichen Positionen, Konditionen, Interessen sowie politisch ideologischen Positionen und Praktiken zu Klassen zusammenfassen (vgl. ebd.: 12). Die verschiedenen Klassen, welche durch die jeweilige Kapitalausstattung unterschieden werden, bilden nun je einen eigenen Habitus aus. In der Praxis äußern sich diese durch die Präsentation unterschiedlicher Geschmacksvarianten und Lebensstile. (Vgl. Müller 2014: 148) Aber handelt es sich hierbei laut Bourdieu nicht wie bei Marx um eine reale, kampfbereite Gruppe, sondern vielmehr um eine „ wahrscheinliche Klasse, das heißt eine Gesamtheit von Akteuren, deren Mobilisierung im Verhältnis zu jeder anderen [Gesamtheit] nur weniger objektive Schwierigkeiten bereitet“ (Bourdieu 1991a [1985]: 12; Herv.i.O.). An dieser Differenzierung zwischen den aus dem sozialen Raum herauskristallisierten Klassen3 und den realen Gruppen ist für den Soziologen festzuhalten, denn mittels der Klassen würde sich die Wahrscheinlichkeit eines Zusammenschlusses zu praktischen Gruppen, wie etwa Familie, Vereine und politische Begegnungen, erklären lassen. Was also existiert, ist ein Raum aus Beziehungen. (Vgl. ebd.: 12f.) Auf diese Weise entstehen soziale Gruppen und Klassen, die eigene Lebensstile und Vorlieben besitzen.

Da Bourdieu für sein Raummodell ‚nur‘ drei Koordinaten nutzt, kritisiert Eva Barlösius (2006: 130-133), dass sich die Komplexität der verschiedenen Kapitalsorten nicht ausreichend darstellen lassen. Dies würde zu einer „kaum vertretbare[n] Vereinfachung“ (ebd.: 131) führen. Zur Verdeutlichung zeigt sie dies an einer eigenen abstrakteren Darstellung des Modells. Im direkten Gegensatz erweckt Bourdieus graphische Darstellung vielmehr den Eindruck von ‚Unüberschaubarkeit‘ (vgl. Bourdieu 2012 [1987]: 212f.). Dennoch erscheinen mir seine Auswertungen einiges aufschlussreicher. Um aber ein grundsätzliches Verständnis des sozialen Raums zu gewinnen, ist Barlösius‘ abstraktes Modell sicherlich hilfreich.

Festzuhalten ist also, dass die Begriffe ‚Kapital‘, ‚Habitus‘ und ‚Feld‘ eine unauflöslich miteinander verbundene Triade bilden. Das Zusammenspiel zwischen der Menge des ökonomischen und kulturellen Kapitals bestimmt die soziale Position eines Akteurs oder einer Gruppe im Raum, welcher sie wiederum klassifiziert. Bourdieu erklärt mit dem Habitus die Problematik der sozialen Ungleichheit, da dieser die sozialen Strukturen, die ihn hervorbringen, reproduziert, denn „[d]ie charakteristischen Strukturen einer bestimmten Klasse von Daseinsbedingungen sind es nämlich, die […] die Strukturen des Habitus erzeugen, welche wiederum zur Grundlage der Wahrnehmung und Beurteilung aller späteren Erfahrung werden“ (Bourdieu 1987: 101). Zusammengefasst bedeutet diese Ausführung, dass Bourdieus Habitus auch als Klassenhabitus zu verstehen ist. Seine Wirkung und Funktion trägt dazu bei, dass die soziale Struktur einer Gesellschaft aufrechterhalten bleibt. Der Habitus eines Akteurs weist daher auf seine Zugehörigkeit und gesellschaftliche Position in einer sozialen Gruppe hin.

III Wie wird sozialer Raum sichtbar?

Wird Bourdieus mehrdimensionaler Raum ausführlich auf seine Grundbegriffe und Struktur analysiert, stellt sich die Frage wie dieses theoretische Konstrukt sichtbar wird. Bourdieu gelang im Jahr 1991(b), in seiner Konzeption des sozialen Raums und seiner Felder eine Verbindung zwischen dem physischen und sozialen Raum herzustellen. Wie in Markus Schroers Werk „Räume, Orte, Grenzen“ (2006: 86ff.) deutlich wird, setzten sich bereits vor Bourdieu namenhafte Soziologen wie beispielsweise Georg Simmel und Leopold von Wiese mit der Unterscheidung beziehungsweise Zusammenführung des sozialen und physischen Raums auseinander. Bourdieu verfolgt hierbei genau wie von Wiese (1933) eine Soziologie der Distanzen und Abstände, dennoch betont er deutlich stärker als von Wiese das Zusammenspiel zwischen beiden Räumen. Beides seien angeeignete Räume, die unter den gleichen Bedingungen sozial konstruiert sind. In ihnen wirken die gleichen Kräfte und herrschen die gleichen Gesetze. Die Verbindungen zwischen beiden Räumen seien so eng, dass sich das Soziale unmittelbar im Physischen niederschlagen würde. (Vgl. Schroer 2018 [2006]: 86ff.) Wie dies funktioniert soll im Folgenden analysiert und diskutiert werden. Hierfür eignet sich, wie bereits eingangs angeklungen, ein Vergleich zwei konträrer Berliner Stadtbezirke: Neukölln und Charlottenburg-Wilmersdorf. Diese sollen nun in einem ersten Schritt kurz vorgestellt und anschließend in einer kritischen Auseinandersetzung mit der Theorie zur Verbildlichung eingebracht werden.

3.1. Vorstellung der relevanten Stadtbezirke Berlins

Neukölln ist nicht nur der größte Stadtbezirk der deutschen Hauptstadt, sondern auch jener mit den meisten sozialen Problemen. Das Bild wird durch einen hohen Anteil an Migranten, einer ausgeprägten Drogenszene, Armut und einem nicht mehr zeitgemäßen Wohnungsstandard geprägt. Unter letzteres fallen beispielsweise Toiletten, die noch im Treppenhaus installiert sein sollen. (Vgl. Infrarot Berlin 2012) Ein Sozialbericht aus dem Jahr 2016 belegt, dass Neukölln der Bezirk mit der größten Abhängigkeit von Sozialleistungen ist und damit die höchste Erwerbslosenquote vorweist. Daraus resultierend herrscht in diesem Bezirk die höchste Armutsgefährdung. Besonders betroffen sind Familien mit und ohne Migrationshintergrund. Weiterhin weist Neukölln eine überdurchschnittlich hohe Kinder- und Altersarmut auf. In keinem anderen Bezirk Berlins ist der Bildungsstand so niedrig wie in Neukölln. Auch hier ist hervorzuheben, dass sich der niedrige Bildungsstand unabhängig von der kulturellen Herkunft zeigt, jedoch in verstärktem Ausmaß bei jenen mit Migrationshintergrund. Trotz aller Negativbelastung des Bezirks, ist in den letzten Jahren eine abzeichnende Tendenz erkennbar, dass sich die Erwerbslosigkeit, Armut und Abhängigkeit von Sozialleistungen mit dem berlinweiten Trend verringern. (Vgl. Bezirksamt Neukölln von Berlin (Hg.) 2016a: 36)

Dagegen gilt Charlottenburg-Wilmersdorf als wohlhabender Stadtbezirk, der nach dem Mauerfall aus dem Zentrum West-Berlins an den Rand rückte. Sehenswürdigkeiten wie das Schloss, das Messegelände und der Zoo sind nach wie vor Touristenattraktionen. Sowohl der Kurfürstendamm mit Gedächtniskirche, als moderne Konsum- und Vergnügungswelt für kulturelles Avantgarde und internationalen Flair, als auch das KaDeWe, welches nicht nur das größte Kaufhaus Europas ist, sondern ebenso die weltweit zweitgrößte Feinkostabteilung besitzt, sind anerkannte Sehenswürdigkeiten des Bezirks. (Vgl. Infrarot Berlin 2012; Metzger o. J.) Insgesamt leben in Charlottenburg-Wilmersdorf besonders viele einkommensreiche Personen (vgl. Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf von Berlin (Hg.) 2018: 14), was nicht zuletzt an der im Westen liegenden Villen- und ‚Millionärskolonie‘ Grunewald liegt. Hier entstand bereits zu Bismarckzeit eine Siedlung mit zahlreichen, prachtvollen Landhausbauten, die der Berliner Baukunst neue Impulse gaben und auch heute noch einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf den künstlerischen Geschmack der Stadt ausüben. Schon damals zogen reiche Bankiers, Rechtsanwälte, Ärzte und Architekten hierher. Aber auch in auffällig hoher Zahl das Bildungsbürgertum, darunter erfolgreiche Wissenschaftler, Künstler, Verleger und Schriftsteller. Für Familien mit mittlerem Einkommen kommt die Siedlung in Grunewald kaum in Betracht, denn nicht nur die horrenden Grundstückspreise sind abschreckend, auch die Grundstücksgrößen mit mindestens 1200qm sind oftmals zu groß. Die Lage der Siedlung ist zwar ‚abgeschieden‘ im Grünen, aber gleichzeitig unmittelbar am Rand der westlichen Stadt und dem Kurfürstendamm. (Vgl. Metzger o. J.)

[...]


1 Gendern: In der vorliegenden Arbeit wird nicht explizit gegendert werden. Die grammatikalisch männliche Form beinhaltet stets alle Geschlechterformen.

2 Distinktion ist die angelegte Differenz in der Struktur des sozialen Raums. Sie wird entsprechend der auf die Struktur abgestimmten Kategorien wahrgenommen. (Vgl. Bourdieu 1991a [1985]: 21f.) Eine Äußerung dieser kann demnach auch durch abgrenzendes Verhalten hervortreten.

3 Für Bourdieu existieren die herrschende Klasse, die Mittelklasse und die Volksklasse. Die herrschende Klasse zeichnet sich durch hohes Kapitalvolumen und distinguierten Konsum von Nahrung und Kulturangeboten aus. Der Volksklasse oder auch unteren Klasse werden die ‚Mittellosesten‘ zugeordnet, welche einen oberflächlichen und gewöhnlichen Charakter sowie vulgären Nahrungskonsum haben sollen. Dazwischen liegen sämtliche als prätentiös bezeichneten Praktiken, die sich beim ‚auseinanderklaffen‘ beider Extrema entwickelt haben. (Vgl. Bourdieu 2012 [1987]: 286)

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Bourdieus Theorie des sozialen Raums. Analytische Auseinandersetzung mit Bourdieus Theorie unter Einbezug des physischen Raum Berlins
Hochschule
Philipps-Universität Marburg  (Soziologie)
Veranstaltung
Soziologie der räumlichen Ordnung
Note
1,3
Autor
Jahr
2019
Seiten
19
Katalognummer
V468476
ISBN (eBook)
9783668938816
Sprache
Deutsch
Schlagworte
bourdieus, theorie, raums, analytische, auseinandersetzung, einbezug, raum, berlins
Arbeit zitieren
Alicia Mathes (Autor), 2019, Bourdieus Theorie des sozialen Raums. Analytische Auseinandersetzung mit Bourdieus Theorie unter Einbezug des physischen Raum Berlins, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/468476

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